nightcrawler (dan gilroy, usa 2014)

Veröffentlicht: April 20, 2015 in Film
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Ich hatte etwas Angst vor NIGHTCRAWLER: Alles, was ich bisher über den Film gelesen hatte, klang für mich nach Medienkritik für Freunde des Holzhammers, nach sensationalistischem Käse ohne jede Nuance und damit auch ohne jede Relevanz. Dass und vor allem wie der Film gefeiert wurde, verstärkte meine Skepsis noch. NIGHTCRAWLER schien für mich ein Paradebeispiel für eine bequeme „Gesellschaftskritik“, die sich auf ein Ziel richtet, über das keinerlei Dissens bestehen kann, und die überflüssig ist, weil mit ihr keinerlei Erkenntnisgewinn verbunden ist. Gilroys Film schien mir in jene Falle zu tappen, in die schon so viele Filme dieser Art vor ihm getappt waren: Zu verkennen, dass das Übel, auf das er aufmerksam machen will, eben nicht das Werk von gefährlichen Irren ist, sondern Teil des Systems, Ergebnis des Handelns vollkommen rational denkender Menschen. Dass NIGHTCRAWLER zu einer Zeit erscheint, in der das rückläufige Vertrauen der Menschen in die Medien ein beherrschendes Thema ist, in der der Begriff „Lügenpresse“ zum allgegenwärtigen Kampfbegriff geworden ist, den viele noch nicht einmal mehr als Polemik, sondern als Tatsachenbeschreibung verstehen, in der Medienkonsumenten sich in die Arme von Verschwörungstheoretikern und anderem lichtscheuen Gesindel flüchten, wenn sie hieb- und stichfeste Informationen suchen, machte seine „Fehler“ in meinen Augen noch größer. Am Ende haben sich meine Befürchtungen aber nur halb bewahrheitet: NIGHTCRAWLER ist nur sehr, sehr oberflächlich an etwas interessiert, das man „Medienkritik“ nennen könnte. Vielmehr handelt es sich bei Gilroys Debüt um einen geschliffenen Thriller, der sich nicht scheut, knietief im Pulp zu waten, und der sich vom Serienkillerfilm nur dadurch unterscheidet, dass er keinen Lustmörder, sondern einen Lustfilmer in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt.

Der kleinkriminelle Sonderling Louis Bloom (Jake Gyllenhaal) wird eines Tages Zeuge eines schweren Unfalls und des Eintreffens eines Kamerateams, das das blutige Spektakel für das Fernsehen ablichtet. Sofort weiß er, wie er zukünftig sein Geld verdienen wird: Er besorgt sich eine Kamera und einen Polizeiscanner und fährt auf der Suche nach blutigen Sensationen durch das nächtliche Los Angeles. Dabei genügt es ihm schnell schon nicht mehr, die Katstrophen, die er vorfindet, einfach nur abzulichten: Erst beginnt er, die Bilder zu manipulieren, dann schließlich inszeniert er seine Attraktionen durch das Zurückhalten und genau getimte Ausspielen von Informationen ganz selbst. Nina Romina (Rene Russo), Nachrichtenredakteurin eines lokalen Fernsehsenders, die wegen der Quote auf saftige Bilder angewiesen ist, treibt ihren Schützling zu Höchstleistungen …

Jake Gyllenhaal interpretiert seinen Louis Bloom von Anfang an als gewissenlosen schemer, als chronischen Lügner und Schwindler, der seine aufreizende Ruhe und Selbstsicherheit auch dann nicht verliert, wenn er auf frischer Tat ertappt wurde. Er hört sich gern reden, weiß stets ganz genau, was er will, verfügt über ein gerüttetes Maß an Größen- und Omnipotenzwahn und einen erschreckenden Mangel an Moral und Gewissen. Es ist vor allem letztere Eigenschaft, die ihn für seine neue Tätigkeit prädestiniert, ihn auch da noch bedingungslos draufhalten lässt, wo andere rücksichtsvoll Distanz halten. NIGHTCRAWLER steht damit vom Start weg vor einem großen Problem: Wie bringt man den Zuschauer dazu, mit einem Protagonisten mitzugehen, der sich von Anfang an als Psychopath ohne jede menschliche Qualität erweist? Um Bloom wenigstens eine Eigenschaft zu verleihen, die es ermöglicht, sich mit ihm zu identifizieren, macht Gilroy ihn zum Künstler, genauer gesagt zum verkappten Filmregisseur. Bloom reicht es nicht aus, einfach nur draufzuhalten, er will Bilder schaffen, die den Zuschauer „ins Geschehen ziehen“, wie er sich ausdrückt. Die Wahl des richtigen Bildauschnitts, die Komposition des shots und der Rückgriff auf Kamerafahrten sollen dabei helfen, den Betrachter an den Bildschirm zu fesseln und auch den nächsten Beitrag zum Thema mit Spannung zu erwarten. Bloom sieht sich als Journalist, doch seine beruflichen Ambitionen, die er in Verkennung der Tatsache, dass er für Romina nur ein Spanner mit Camcorder ist, in einer flammenden Ansprache vor ihr offenbart, laufen zunächst ins Leere. (Der interessante metafilmische Aspekt bleibt leider weitestgehend schmückendes Beiwerk.) Blooms Charakter erinnert an den Satz Oskar Lafontaines, dass man mit den deutschen Tugenden auch gut ein KZ leiten könne: Er verfügt über durchaus beeindruckende Fähigkeiten, die aber durch den Mangel jeglicher Empathie nie zu etwas Gutem eingesetzt werden. Als er noch vor der Polizei am Tatort einer Home Invasion eintrifft und die Täter identifiziert, hat er nicht etwa die Bestrafung der Mörder im Sinn, sondern nur seine Story und wie er sie gewinnbringend ausschlachten kann. Und den Tod seines Assistenten Rick (Riz Ahmed) filmt er nicht nur mit, er initiiert ihn sogar und schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Er wird einen Mitwisser los und hat einen spektakulären Mord auf Band.

NIGHTCRAWLER ist also – auch wenn er sich, gestützt von den tollen Bildern des nächtlichen Los Angeles‘ um eine somnambule Atmosphäre bemüht – in erster Linie ein pulpiger Thriller, der mehr als einmal bewusst die Grenze zur schwarzen Komödie überschreitet. Und als Spannungsfilm funktioniert er tatsächlich ausgezeichnet: Blooms Tour durch das Haus, in dem eben ein dreifacher Mord stattgefunden hat, ist ebenso nervenzerfetzend wie das Material, das er mitbringt, schockierend ist. Man schaut als Zuschauer in einen gähnenden, Schwindelgefühle induzierenden Abgrund, dessen Boden in der Schwärze völlig verschwindet. Jake Gyllenhaal ist toll als Louis Bloom, aber seine Figur, eine Art Hannibal Lecter des Voyeurfilmens, ist auch überaus dankbar, weil sie gar nicht den Anspruch erhebt, irgendwie „realistisch“ zu sein. Das ist dann auch die Crux des Films: Damit, dass Gilroy mit Bloom einen Wahnsinnigen als Protagonisten installiert, scheint er jemanden wie Blooms Konkurrenten Joe Loder (Bill Paxton), der eben „nur“ draufhält, als „akzeptabel“ oder als „kleineres Übel“ zu bewerten. Das Problem ist nicht so sehr, dass es überhaupt Menschen gibt, die angesichts des Leids anderer die Kamera zücken, und Fernsehsender dieses Material kaufen, sondern dass die eh schon schwammigen „Regeln“ dieses Spiels von einem Psychopathen wie Bloom noch großzügiger ausgelegt werden könnten. Es gibt wenig Grauzone in NIGHTCRAWLER: Romina kauft Bloom auch noch die größte Schweinerei ab, um ihren Posten zu retten, nicht einmal hält sie inne oder schreckt angesichts der Bilder zurück, wie das nur zu verständlich wäre. (Der einzige der das tut, hat keinerlei Macht, sie bei ihrer Entscheidung zu überstimmen.) Gilroy konstruiert einen Extremfall, was seinem Film marktträchtigen shock value verleiht, seine „Kritik“ aber ironischerweise ad absurdum führt. Wer an einer differenzierten Darstellung medialer Korrumpierbarkeit interessiert ist, wird hier eher nicht fündig. Wer aber mal wieder einen guten Psychopathenfilm mit schöner Nachtstimmung sehen will, liegt mit NIGHTCRAWLER nicht daneben.

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Kommentare
  1. Kann mit der Kritik nur hier und da übereinstimmen, ihr Ansatz (zuerst skeptische Kritik ob der möglichen Kritik im Film, die dann doch nicht so vorhanden ist, was irgendwie am Ende dann doch wieder kritisiert wird) entspricht nicht dem meinigen bei der Sichtung des Films. Aber das ist eben individuell. Für mich war Nightcrawler – quasi by default – der beste Film des letzten Jahres. Zumindest derjenige, an dem ich am wenigsten auszusetzen hatte.

    • Oliver sagt:

      Also, wenn du meine Kritik schon zusammenfassen willst, solltest du das richtig tun: Ich kritisiere nicht, dass NIGHTCRAWLER nicht kritisch ist. Ich kritisiere vielmehr, dass seine Kritik inkonsequent ist und an der Wirklichkeit vorbeigeht. Und beschreibe, dass ich damit besser leben konnte als erwartet, weil der Film in erster Linie als pulpige Thrillerexploitation funktioniert statt als gesellschaftskritischer Aufklärungsfilm.

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