the king of comedy (martin scorsese, usa 1982)

Veröffentlicht: April 27, 2015 in Film
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Glaubt man dem Wikipedia-Eintrag zu THE KING OF COMEDY, so einigten sich Scorsese und De Niro nach dem anstrengenden Dreh von RAGING BULL auf einen „einfacheren“ Film. Scorsese wollte eigentlich sein Wunschprojekt THE LAST TEMPTATION OF CHRIST mit De Niro in der Rolle von Jesus Christus drehen, aber De Niro überzeugte ihn davon, es zur Abwechslung mit einer Komödie zu versuchen. Sie einigten sich auf ein Script, das schon einige Jahre in Hollywood herumgegeistert und von Scorsese bereits einmal abgelehnt worden war (Michael Cimino war einmal als Regisseur vorgesehen, entschied sich dann aber für HEAVEN’S GATE). Mit seiner Laufzeit von unter zwei Stunden, dem übersichtlichen Ensemble und der simplen satirischen Prämisse wirkt THE KING OF COMEDY auf den ersten Blick tatsächlich wie eine kleine Zwischenmahlzeit. Doch der Film verfügt über gähnende Abgründe und scharfe Zähne, die sich hinter seinem trügerischen Grinsen verbergen. Das Ausmaß der persönlichen Katastrophe um den gestörten Stalker und Möchtegernkomiker Ruper Pupkin (Robert De Niro) wird dabei nicht hundertprozentig sichtbar: Das Finale fühlt sich versöhnlich, vielleicht gar triumphal an, fast wie eine späte Wiedergutmachung für die schonungslose Bloßstellung seiner Hauptfigur, aber es wird nicht ganz klar, ob dies nicht nur eine der vielen nahezu unsichtbaren Finten ist, mit denen Scorsese den Zuschauer hereinlegt.

Es passt angesichts dieser Doppelgesichtigkeit, dass man THE KING OF COMEDY aus heutiger Perspektive wahlweise als überkommen oder aber visionär bezeichnen kann. Rupert Pupkin – ein weltfremder Mittdreißiger, der noch bei seiner Mutter lebt, in lebhaften bewegten Bildern von der großen Karriere als Fernsehkomiker und Showmaster träumt und schließlich sein Idol Jerry Langford (Jerry Lewis) entführt, nachdem es ihm nicht gelungen ist, sich auf regulärem Weg einen Platz in dessen Show zu ergattern – ist ein fehlgeleiteter Fan, ein Opfer des vom Showbusiness geschürten Celebrity-Kults und ein nur unterdurchschnittlich begabter Mann, der einfach nicht begreifen kann, dass er nicht über das gottgegebene Talent verfügt, welches ihm einen Platz auf den Bühnen der Welt sichern müsste. Und weil er das einfach nicht verstehen will, die eindeutigen Signale von Langford und den Fernsehleuten stets zu seinen Gunsten interpretiert, auch wenn sie eigentlich absolut unmissverständlich sind, greift er am Ende zu überaus drastischen Mitteln. Der arme Rupert hat das Pech, zwei Jahrzehnte zu früh geboren worden zu sein: Heute könnte er von Castingshow zu Castingshow tingeln und hätte so zumindest das Gefühl, eine realistische Chance zu haben. Tatsächlich erinnert sein Charakter an viele dieser besonders hoffnungslosen Kandidaten, die leider als einzige auf der Welt felsenfest davon überzeugt sind, zu Höherem bestimmt zu sein, und sich auch vom gegenteiligen Urteil von Fachleuten nicht von ihrem Glauben abbringen lassen. Rupert Pupkin ist vom amerikanischen Showbusiness vollständig geblendet: Er fühlt sich dazu auserkoren und legitimiert, die Menschen mit seinem Talent zu beglücken. Seiner Vorstellung nach gehört zu einer Karriere als Komiker lediglich eine bei Geburt quasi verabreichte Begabung, die allein schon zum Eintritt ins Glück berechtigt. Dass Langford und später auch dessen Sekretärin ihm stattdessen den Rat geben, sein Fertigkeiten in kleinen Comedy-Clubs zu schulen, an seinen Gags und der Präsentation zu feilen, bevor er sich irgendwo bewirbt, überhört Rupert diesen geflissentlich. Der begnadete Künstler muss nicht arbeiten, weil ihm die Inspiration in den Schoß fällt. Adorno und Horkheimer hätten wahrscheinlich ihren Spaß mit dem Film gehabt, entspricht er streckenweise doch sehr genau dem Bild, das die beiden in ihren Arbeiten von der Kulturindustrie zeichneten: Es ist ein System, das seinen Erfolg nicht zuletzt der Tatsache verdankt, dass es auf den Betrachter absolut durchlässig wirkt („Everyone can make it!“) und Leichtigkeit vorgaukelt, wo tatsächlich schwer gearbeitet wird (der müde und ausgebrannt wirkende Langford sagt zu Beginn, dass er seine Show hasst, weil sie für ihn längst zur lästigen Routine verkommen ist). Langford und seine Mitarbeiter und Kollegen bilden eine eigene Klasse, die sich vom „gemeinen Volk“ hermetisch abgeschottet hat. Der Zynismus ist greifbar: Man will die Begeisterung und Zuneigung der Pupkins, aber sie sollen einem gefälligst nicht zu nah kommen. Man spürt den Ekel des Showstars, wenn er nur neben einem Normalsterblichen wie Pupkin im Auto sitzen muss.

Aber das soll nicht davon ablenken, dass es sich bei Rupert Pupkin um einen Psychopathen handelt: Über weite Strecken ist THE KING OF COMEDY alles andere als komisch, ein Vorgänger jener heute dank der beiden THE OFFICE-Serien (und dem deutschen Ableger STROMBERG) weitestgehend etablierten Fremdscham-Komödien. Es ist schmerzhaft, Rupert dabei zuzusehen, wie er die eigentlich unmissverständlichen Zeichen ignoriert oder fehlinterpretiert, wie er nach einem Gespräch, das er Langford mehr oder weniger aufgezwungen hat, dem Glauben erliegt, mit dem Star befreundet zu sein, wie er wieder und wieder in dessen Büro anruft oder mit seinem adretten Anzug und dem Köfferchen in der Empfangshalle des Senders darauf wartet, empfangen zu werden. Das Schlimmste an ihm ist aber sein unerschütterliches Selbstvertrauen, das sich vollkommen antiproportional zu seinem Talent verhält: Er hat nicht den geringsten Zweifel daran, auf die Bühne bzw. ins Fernsehen zu gehören und seiner Meinung nach ist es nur eine Frage der Zeit, bis es endlich soweit ist. Es gibt eine furchtbare Szene, in der er ein Demotape für den Sender erstellt: Anstatt seine besten Gags aufzunehmen, hält er eine lange Dankesrede, ergeht sich dann in Vorschlägen darüber, wie der Showmaster ihn ankündigen sollte, während seine Mutter ihn aus dem Off immer wieder schreiend zur Ruhe ermahnt. Der Film wird am Ende nicht ganz eindeutig, aber es ist durchaus möglich, dass Rupert keinen einzigen Witz in seinem Programm hat, dass er ausschließlich über den Traum verfügt, ein Publikum mit seinen Gags zum Lachen zu bringen und seine Liebe zu empfangen. Es bleibt unklar, ob sein Stand-up-Auftritt in Langfords Show, den er sich am Schluss im Fernsehen anschaut, tatsächlich so stattgefunden hat oder ob wir wieder einmal nur Teil an Ruperts Vorstellungen haben. Sein Bühnengehabe ist seltsam steif, ohne dabei wirklich unsouverän zu sein, sein Grinsen ist wie eingemeißelt, die durchaus wohlwollenden Publikumsreaktionen könnten aus der Konserve stammen oder auch nicht. Seine Witze sind einfach und altbacken, aber nicht so schlecht, wie man es befürchtet hat. THE KING OF COMEDY endet mit einer Montage, die zeigt, wie Rupert tatsächlich zum Medienstar aufsteigt, wie er nach dem Absitzen seiner Haftstrafe einen Bestseller veröffentlicht und zum gefragten Mann wird. Er wäre nicht der erste Nichtskönner, dem ein gerüttelt Maß an Dreistigkeit zu ungeahntem Ruhm verhilft, allein es fehlt der Glaube daran, dass dieser Rupert die Kompromisse eingehen könnte, die dafür nötig sind. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass es für Rupert immer so weitergeht, dass er sich das nächste unrealistische Ziel ausguckt und verrennt.

THE KING OF COMEDY erntete überwiegend positive Reaktionen (Pauline Kael gehörte zu seinen berühmten Kritkern), verschwindet in Scorseses Filmografie aber mit seinen anderen Werken der Achtzigerjahre zwischen den offensichtlichen Masterpieces der Siebziger- und Neunzigerjahre wie MEAN STREETS, TAXI DRIVER, RAGING BULL, GOOD FELLAS oder CASINO. Wie ich zu Beginn schrieb, mutet der Film leicht und flüchtig an, offenbart seine Tiefe nicht unmittelbar. Man könnte argumentieren, dass es sich bei THE KING OF COMEDY um eine komödiantische Variation von TAXI DRIVER handelt: In beiden Filmen spielt De Niro einen zunächst wohlmeinenden Psychopathen, der nach einigen Rückschlägen schließlich zum Verbrecher wird. An seinem Rupert Pupkin beeindruckt aber, ganz im Gegenteil zu brüterischen Intensität von Travis Bickle, wie Rupert den ganzen Film über frei von jedem Selbstzweifel und jedem Zorn bleibt. Seine unbeirrbar gute Laune und sein Enthusiasmus versiegen nie, nie muss er sich mit Selbstzweifeln herumschlagen, nie nagt es an ihm, dass er überall auf Ablehnung stößt. Rupert Pupkin weiß nicht, dass er ein lächerlicher Clown, ein verblendeter Narziss ohne Talent und ein unerträglich selbstabsorbierter Schwätzer ist, und gerade das macht die Figur so tragisch. Robert De Niros Darstellung scheint eintönig und gleichförmig, weil ihm das selbstzufriedene Grinsen Ruperts nie entgleitet. De Niro hat nicht die eine große, dramatische Szene, in der er alles kulminieren würde (die Tragweite seiner Handlungen wird Rupert ja nie wirklich bewusst), aber er brilliert darin, diesen Fanatiker als sich selbst erhaltendes, völlig autark funktionierendes System zu interpretieren. Rupert Pupkin ist eine leere Hülle, ein Mann, der sich in seinem Traum vom Ruhm längst total verloren hat. Neben De Niro überzeugen auch Jerry Lewis in einer grandiosen, zurückgenommenen Darbietung, aus der in gleichem Maße die Müdigkeit wie auch die Erfahrung aus drei Jahrzehnten im Showgeschäft sprechen, und Sandra Bernhard als Ruperts kaum weniger wahnsinnige Freundin und Komplizin Masha. Ihre gemeinsame Beziehung fasst das menschliche Drama im Zenrtum von THE KING OF COMEDY perfekt zusammen: Anstatt sich als Seelenverwandte zusammenzutun und sich gegenseitig zu schützen und aufzubauen, rennen sie beide Beziehungen und Zielen hinterher, die immer unerreichbar bleiben werden.

 

 

 

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ist schon lange her das ich den Film gesehen habe. Kann mich erinnern das ich manchmal am
    liebsten weggesehen hätte. So schmerzhaft echt fand ich De Niros Spiel.
    Sarah Bernard war auch Klasse. Aber dafür das Pupkin so ein Spinner war, fand ich seinen
    erzwungenen Auftritt recht gut. Noch um längen besser als Kaya Yanar oder Mario Barth.

    • Oliver sagt:

      Ich habe in den letzten Tagen wieder viel amerikanische Stand-up Comedy auf Youtube geschaut. Wie unfassbar schlecht, sowohl in Darbietung als auch Inhalt, deutsche Komiker dagegen sind, kann man gar nicht beginnen, in Worte zu fassen. Insofern ist es nur logisch, dass selbst ein Rupert Pupkin noch mehr natürliche Bühnenausstrahlung hat als irgendwelche Quatsch-Comedy-Club-Nasen.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Allein wie unglaublich Komisch dieses ganze „Fucking Matt Damon“ Ding von Sarah Silverman
    und Jimmy Kimmel, samt Vorgeschichte und Nachspiel (Fucking Ben Affleck) war.
    Und was haben wir ? Eine Kölner Prolette, die am Kreuz leckt.

    • Oliver sagt:

      Ich habe so den ganz vagen Verdacht, dass die Humor-Unfähigkeit der Deutschen auch irgendwas mit der Sprache zu tun hat. Spätestens irgendwo zwischen dem Witzeschreiben und der Bühnendarbietung geht da etws ganz Entscheidendes verloren …

      Allein diese Freude an der gepflegten Vulgarität, am Slang, an informeller Rede, an Wortneuschöpfungen, am gepflegten Smalltalk; dann diese Natürlichkeit, mit der die meisten US-Comedians auf der Bühne stehen. Allein das macht sie schon hundertmal besser als jeden Deutschen Witzemacher.

      Ganz toll: Die „Roasts“, die Comedy Central einmal im Jahr veranstaltet, und bei denen eine erlesene Ansammlung von Komikern, Schauspielern, Popstars und Fernsehgrößen antritt, um sich gegenseitig und einen prominenten Gastgeber eloquent, kunstvoll und schmerzhaft zu beleidigen. Kann man sich auf Youtube anschauen.

  3. Marcos sagt:

    Mein persönlicher Liebling von Scorsese.

  4. Marius sagt:

    Der Film ist großartig und macht mich ganz wehmütig. In dieses Phase seines Schaffens ordnete Scorsese die Inszenierung noch der Geschichte unter, während es dem aktuellen Scorsese aus meiner Sicht fast nur noch darum geht, zu zeigen, was er drauf hat. Vielleicht hat er nichts mehr zu erzählen. Mein Eindruck ist, dass er alles, was ihm auf der Seele brannte in seinen Filmen der 70er und 80er Jahre verarbeitet hat. Er ist gewissermaßen auserzählt.

    • Oliver sagt:

      Hm, weiß nicht, ob ich deiner Einschätzung von Scorseses Entwicklung so ohne Weiteres zustimme:

      Dieses „Inszenierung der Geschichte unterordnen“ bedeutet für mich immer eine etwas steife Trennung zweier Dinge, die eigentlich zusammengehören und sich gegenseitig bedingen. Ohne „Inszenierung“ gibt es im Idealfall gar keine „Geschichte“.

      Ich bin auch mit Scorseses Spätwerk zu wenig vertraut, um bestätigen zu können, dass er heute nur noch zeigen will, was er „draufhat“. (Scorsese ist sicherlich einer, der niemandem mehr etwas beweisen muss.) Er greift gewiss stärker als damals auf Spezialeffekte und die immensen Möglichkeiten digitaler Post Production zurück, einfach, weil es die in den Siebziger- und Achtzigerjahren noch nicht gab. Aber RAGING BULL ist bereits ein immens „aufdringlich“ inszenierter Film.

      Dass Scorsese heute nicht mehr die alles in den Schatten stellenden Meisterwerke dreht, die er vor 30, 40 Jahren vorgelegt hat, liegt wahrscheinlich eher daran, dass der Mann mittlerweile über 70 ist. Das ist nun einmal nicht das Alter, in dem Künstler die ganz großen Innovationen und Meisterwerke hervorbringen. Die Sturm- und Drangzeit hat der Gute schon einige Jahrzehnte hinter sich. Wenn man das berücksichtigt, ist ein Film wie WOLF OF WALL STREET schon ziemlich beachtlich, finde ich.

  5. Mr. Majestyk sagt:

    Gestern dank arte zum ersten Mal überhaupt gesehen. In den ersten Minuten habe ich dann ein wenig gefremdelt, bevor ich regelrecht in die Geschichte gesogen wurde. Rückblickend aus meiner Sicht, ein Film der seiner Zeit wohl zu weit voraus war oder um ein paar Jahre zu spät kam, anders kann ich mir den damaligen Misserfolg nicht erklären. Vielleicht war der Spiegel aber doch auch einfach nur zu deutlich. Jedenfalls ist dies ein Film, der mich sicher noch länger beschäftigen wird und den ich auch nicht zum letzten Mal gesehen habe. Toll.

    Was Scorsese angeht, sicher hat sich der Mann auch verändert, nur natürlich. Aber man darf auch nicht außer Acht lassen, wie sehr sich Filmgeschäft und Zuschauer verändert haben. New Hollywood ist nun einmal tot, BOXCAR BERTHA kann man heute nicht mehr machen. Das breite Publikum erwartet auch zumeist ein anderes Kino. Die letzten beiden Scorsese kenne ich (noch) nicht, einen schlechten Film habe ich von ihm aber noch nie gesehen.

    Noch kurz was zum Humor. Schon mal was von Pispers, Schmickler, Schramm und Uthoff gehört? Das Angebot mag knapp sein, aber statt des Quatsch Comedy Clubs kann man ja mal die Anstalt oder extra 3 schauen. Da gibt es Humor, der aber zugegeben manchmal weh tut.

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