amer (hélène cattet & bruno forzani, frankreich/belgien 2009)

Veröffentlicht: April 28, 2015 in Film
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Three key moments, all of them sensual, define Ana’s life. Her carnal search sways between reality and coloured fantasies … becoming more and more oppressive. A black laced hand prevents her from screaming. The wind lifts her dress and caresses her thighs. A razor blade brushes her skin: where will this chaotic and carnivorous journey leave her?

In diesen poetisch-enigmatische Worten beschreiben die Filmemacher und Lebensgefährten Hélène Cattet und Bruno Forzani ihren Film und machen unmissverständlich klar, dass AMER („bitter“) hart mit klassischen Erzählkonventionen kollidiert. Zwar folgt der Film einem roten Faden, doch wird dieser über die 90 Minuten weder sauber und lückenlos „ausgerollt“ noch akribisch verfolgt, die Hauptfigur nicht in dem Maße psychologisiert, wie das in einem herkömmlichen Erzählfilm zweifellos der Fall ist. AMER ist elliptisch, hoch subjektiv, introspektiv und expressiv, emotional, verträumt, rätselhaft, musikalisch und erotisch, ein eineinhalbstündiger Taumel, ein Sturz in die Tiefen des Traums und der über die Jahre albtraumhaft verzerrten – oder ganz verschütteten – Erinnerung. Die Kunst besteht darin, während dieses Sturzes gerade nicht nach Halt zu suchen, sondern sich dem affektiven Bilderrausch auszuliefern. Was zugegebenermaßen nicht immer ganz leicht ist, da sich AMER nicht vollständig von erzählerischen Wurzeln lösen mag, man als Betrachter aus Gewohnheit geneigt ist, das Gezeigte zu interpretieren, zu verstehen und mit Bedeutung aufzuladen. AMER ist ein sinnlicher Bilderreigen, wirkt wie eine frei assoziierte Collage sexuell aufgeladener Körpermotive, aber hinter den Bildern verbirgt sich eben doch so etwas wie ein Charakter, den man verstehen möchte. Manchmal wird das möglich, dann erreichen Cattet und Forzani in ihrem Bildreichtum gleichzeitig totale Nacktheit und völlige Klarheit. Im nächsten Moment formen die Bilder hingegen wieder eine Art undurchdringlichen Schutzwall, der sich zwischen den Zuschauer und das Geschehen auf der Leinwand schiebt, Bedeutung eher verschleiert, als sie zu entblößen; zumindest bei der gestrigen Erstsichtung, bei der ich mich zeitweise fühlte, als würde ich meine eigene Muttersprache nicht mehr verstehen. Das Bekannte wird fremd, bedrohlich und beunruhigend in AMER, die Suche nach Identität und Sexualität zu einer gefährlichen Reise in unbekanntes, unerforschtes Territorium mitten in der Heimat.

AMER ist überaus kunstvoll inszeniert, arrangiert und konstruiert, nichts bleibt dem Zufall überlassen und das Zusammenspiel von Bild und Ton/Musik ist schlicht überwältigend. In seinen besten Momenten erschließt sich die Bedeutung seiner Bilder instinktiv, ohne, dass man sie erst in Sprach rückübersetzen müsste. Dann evozieren Cattet und Forzani durch die Verbindung von Bild und Ton konkrete Sinneseindrücke und Emotionen, die sich des Betrachters ganz unmittelbar bemächtigen. Beim Spaziergang der Mutter mit ihrer jugendlichen Tochter meint man, neben ihnen zu gehen, die Sonne und den Wind auf der Haut spüren, den Duft der Bäume und des nahen Meeres riechen, die Gedanken der Tochter, dieses sehnsuchtsvolle Hoffen auf das Besondere, das sie vielleicht am Ende der Straße erwartet, lesen zu können. Und streckenweise reicht es, einfach nur diese Bilder aufzusaugen, die sich im Rythmus der Musik von Morricone, Cipriani und Nicolai (aus den Filmen LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO, LA POLIZIA CHIEDE AIUTO, LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE, LA POLIZIA STA A GUARDARE und LA CODA DELLO SCORPIONE) bewegen und dabei beinahe unmerklich neue Formen annehmen. Problematisch wird es immer, wenn man aus diesem Strudel herausgerissen wird: So ganz wird AMER den Charakter einer akademischen Fingerübung nicht los. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Cattet und Forzani mit der Art, wie sie Giallo-Motive und -Ästhetik von ihrem narrativen Repräsentationscharakter befreien, mit AMER eine Art Meta-Giallo vorgelegt haben, einen mit den Mitteln des Giallo verfassten Essay über die Wirkungsweisen dieses spezifisch italienischen Thriller-Subgenres (ich gehe an dieser Stelle nicht mehr darauf ein, dass der Begriff „Giallo“ in Italien schlicht „Thriller“ oder „Krimi“ bedeutet, mithin auch Miss-Marple-Filme oder DA VINCI CODE bezeichnet). Cattet und Forzani würden dieser Sichtweise wahrscheinlich nur bedingt zustimmen: Beide geben zwar freimütig zu, vom Giallo der Sechziger- und Siebzigerjahre inspiriert worden zu sein, doch sehen sie diesen Einfluss eher als technisch an: „[…] It’s more that we reinterpret and re-use the giallo language to tell our story.“, sagt Forzani und Cattet ergänzt: „We use it as a tool, especially because there are strong iconographic elements whose meaning we can subvert, for instance, the figure of the assassin, which is a very striking, shocking figure. We change its meaning so it takes on a personal significance in our story.“

Wahrscheinlich sind mehrere Sichtungen von AMER nötig, um den Film wirklich zu verstehen und die Methode von Cattet und Forzani entschlüssen zu können: Noch scheint mir ihre Erklärung nur bedingt nachvollziehbar. Auch wenn AMER, wie erwähnt, weitestgehend von narrativem Ballast befreit ist, so bleibt der Film m. E. dennoch ein fast lupenreiner Giallo. Sein Blutvergießen mag sich auf einer lediglich inneren Ebene abspielen – das Verwischen der Grenze zwischen objektiver Wirklichkeit und subjektivem Innenbild ist ein wesentliches Merkmal des Films –, doch genau damit spielen auch zahlreiche der italienischen Vorbilder. Die Gliederung des Films in drei scharf voneinander geschiedene Vignetten entspricht der des Giallos in sogenannte Nummern – meist Sex- oder Gewaltszenen –, das Bemühen, Gegenwart durch Rückgriff auf Traumata aus der Kinderzeit oder Jugend zu erklären, ist ebenfalls Giallo-typisch, ebenso wie die konsequente Verquickung von Sex und Gewalt bzw. die Betonung des Übergriffigen am Akt schlechthin. Die Bilder der Überrumpelung, Vergewaltigung, der form- und namenlosen männlichen Macht (repräsentiert durch den schwarzen Handschuh und das Rasiermesser), die im Giallo meist über die makellosen Körper junger Frauen herfallen, fungieren für Cattet und Forzani als treffende Metaphern, um die oftmals kaum weniger brachiale Erfahrung zu illustrieren, die das Aufkeimen der Sexualität und die Begegnung mit der Sterblichkeit für Heranwachsende bedeuten. Lust und Schmerz sind für die Protagonistin Ana untrennbar miteinander verbunden, Lust ist in gleichem Maße beunruhigend und dunkel, wie Schmerz befreiend und erhebend sein kann. Das ist auch die Paradoxie, auf der der Giallo ganz wesentlich aufbaut. Wenn die Regisseure also sagen, sie benutzten die Stilistika des Giallos, um damit zum Kern ihrer eigenen Geschichte vorzudringen, würde ich dem entgegenhalten, dass diese ihre eigene Geschichte immer noch ein Giallo ist, der aber von jeglichem überflüssigen Ballast befreit wurde und daher noch direkter ins Ziel trifft, klar macht, was an diesem ausgestorbenen, aber immer noch faszinierenden Genre so einnimmt. Letzten Endes scheint das alles Erbsenzählerei. Wen interessiert es schon, was die Regisseure über ihr Werk sagen oder in welche Schublade es am besten passt. Ich war mir bis eben nicht ganz sicher, wie ich AMER nun finden soll. Bekannte hatten den Film mit feurigen Lobeshymnen bedacht, meine Erwartungshaltung war entsprechend hoch, gleichzeitig war ich gestern eigentlich zu müde für ein solch anspruchsvolles Werk. Nachdem ich mir aber diesen Text abgerungen, über den Film gelesen und weiter nachgedacht habe, bin ich mir nun doch ziemlich sicher, dass AMER unvergleichlich ist, den Zuschauer auf eine faszinierende sinnliche Reise schickt, von der er reich an überwältigenden Eindrücken zurückkehrt. AMER ist der seltene Glücksfall eines totalen Films, dessen Geheimnisse eine weitaus größere Anziehungskraft ausüben als das Bedürfnis, sie zu lüften.

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