l’etrange couleur des larmes de ton corps (hélène cattet & bruno forzani, belgien/frankreich/luxemburg 2013)

Veröffentlicht: April 30, 2015 in Film
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Mit ihrem zweiten Spielfilm setzen Hélène Cattet und Bruno Forzani ihren mit dem gleichermaßen berauschenden wie verstörenden AMER eingeschlagenen Weg fort und begeben sich auf ihrer filmischen Reise noch tiefer in seelische Abgründe – die bei ihnen aber extrem verlockend aussehen. Dabei scheinen sie zunächst sogar etwas konventioneller vorzugehen als im fragmentarisch-elliptisch strukturierten Vorgänger. Ein Eindruck, der sich bald als Irrtum herausstellt: L’ETRANGE COULEUR DES LARMES DE TON CORPS beginnt zwar mit einer recht klaren erzählerischen Prämisse, die ihn in die Nähe des Mysterythrillers rückt (man denke etwa an Polanskis FRANTIC oder Sluizers SPOORLOS), ist bald aber schon nicht mehr an einer klassischen Auflösung interessiert, verliert sich stattdessen unrettbar in der labyrinthischen Innenwelt seines Protagonisten. Nach der Rückkehr von einer Geschäftsreise findet Dan Kristensen (Klaus Tange) sein Apartement in einem vornehmen Jugendstil-Mietshaus von innen mit einer Kette verschlossen vor. Seine Lebensgefährtin Edwige, die auf alle seine Anrufe nicht geantwortet hat, ist allerdings spurlos verschwunden. Dan macht sich in dem Haus auf die Suche, trifft dabei unter anderem auf eine alte Mieterin, die ihm erzählt, dass ihr Gatte in der Decke ihrer Wohnung verschwunden sei. Auch ein anderer Nachbar erklärt ihm, dass es hinter den Wänden des Hauses verborgene Räume gäbe. Doch wo immer Dan Ausschau nach Edwige hält, er findet immer nur sich selbst und ein mysteriöses Ensemble verführerischer Schönheiten. Bis der Kopf Edwiges neben ihm im Bett liegt … Wie schon bei AMER orientieren sich Cattet und Forzani bei der ästhetischen und motivischen Gestaltung ihres Films am italienischen Giallo der frühen bis mittleren Siebzigerjahre. Die Auftaktsequenz, die Dans Ankunft am Flughafen und den Taxitransfer zu seinem Wohnhaus zeigen, erinnern an Argentos SUSPIRIA, das Haus mit den mysteriösen Mietern, den geheimnisvollen Zwischenetagen und dem unheimlichen Eigenleben ohne Frage an dessen Nachfolger INFERNO. Der Name von Dans Frau, Edwige, ist ohne Frage eine Hommage an die große, schöne Edwige Fenech, die zahlreiche Gialli mit ihrer makellosen Präsenz veredelte, die Musik stammt unter anderem aus solchen Filmen wie Giulio Berrutis SUOR OMICIDI, Lenzis COSÌ DOLCE … COSÌ PERVERSO, Martinos TUTTI I COLORI DEL BUIO, Jerzy Kawalerowicz‘ MADDALENA oder D’Amatos EMANUELLE – PERCHÉ VIOLENZA ALLE DONNE?, die Ausleuchtung ist albtraumhaft-expressiv, jeder Raum ein einziges Ausstattungsmeisterwerk und mit der sadomasochistischen Verquickung von Sex und Gewalt, der Verwischung der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit entspricht L’ETRANGE COULEUR DES LARMES DE TON CORPS dem italienischen Thriller-Subgenre idealtypisch. Doch stärker als bei AMER lösen sie sich im Verlauf des Films von ihrer Inspirationsquelle, versteigen sich zu einer Parabel, die kaum noch nach herkömmlichem Verständnis „auflösbar“ scheint. Was genau in dem Haus passiert ist, ob da überhaupt etwas passiert ist, ob es Dan, Edwige, die anderen Mieter und das Haus tatsächlich gibt oder nicht, ob das nicht alles nur ein psychedelisch-philosophisches Gedanken- und Formenspiel war, bleibt offen. Vieles spricht dafür, dass das Haus nur ein Bild für die derangierte Psyche Dans – eines Frauenmörders? – ist. Wie im Traum begegnen Menschen sich selbst, ändern Personen ihre äußere Erscheinung, verfügen sie über Doppelgänger. Einmal beobachtet sich Dan selbst durch das Fenster seiner Wohnung, in einer anderen, nachhaltig schockierenden Szene wird er zum Opfer einer brutalen Messerattacke, die einen „Bewohner“ unter seiner Haut freilegt. Der ganze Film ist ein verklausuliertes Spiel mit verborgenen und verschütteten Identitäten, die sich irgendwann überlappen, einander überwältigen und um die Herrschaft über den Körper streiten. Aber wer da nun das Individuum ist, wer nur eingebildet, das lässt sich nicht mehr bestimmen. Es interessiert Cattet und Forzani auch nicht besonders, vermute ich. L’ETRANGE COULEUR DES LARMES DE TON CORPS ist – wie etwa die Filme David Lynchs, den das Regisseurspaar ebenfalls als Vorbild nennt – ein Werk, das einerseits danach schreit, interpretiert und decodiert zu werden, sich der klassischen Hermeneutik andererseits aber total versperrt. Wahrscheinlich kommt man weiter, wenn man seinen Instinkten und Emotionen vertraut, sich von den Bildern ver-, ent- und in die Irre führen lässt, als sie auf ihre Bedeutung abzuklopfen. Eine Sichtung reicht dafür aber längst nicht aus. Wie Dan muss man sich auf Erkundungstour durch dieses Haus begeben, alle vorgefassten Urteile zurücklassen und sich auf das Unbegreifliche einstellen. Sich im Stilwillen Cattets und Forlanis verlieren, Farben und Licht aufsaugen, sich ohne Seil in diese Schwärze stürzen, die wie Pech aus dem Bildschirm quillt. Allerdings, und das muss ich als etwas langweilige Manöverkritik anfügen, fällt das hier nicht mehr ganz so leicht wie in AMER. L’ETRANGE COULEUR DES LARMES DE TON CORPS wird im letzten Drittel etwas redundant und da das Ende zumindest bei Erstsichtung reichlich willkürlich gesetzt erscheint, erschließt sich nicht ganz, warum es nicht früher eintritt. So hatte zumindest ich mich irgendwann sattgesehen und sehnte mich danach, von den Filmemachern zum Verdauungsspaziergang entlassen zu werden. Vielleicht nehme ich beim nächsten Mal aber noch Nachschlag, ich kann es bei diesem Film nicht ausschließen.

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