big trouble in little china (john carpenter, usa 1986)

Veröffentlicht: Mai 2, 2015 in Film
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Manche Träume bleiben vielleicht besser unerfüllt: Als sich Carpenter mit BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA den lang gehegten Wunsch erfüllte, einen waschechten Martial-Arts-Film zu inszenieren, ging er damit an der Kinokasse hoffnungslos baden. Der Schlingerkurs, der mit dem finanziellen Misserfolg von THE THING (immer noch eine der größten Publikums-Fehlleistungen der Filmgeschichte) begonnen hatte, hatte vorerst ein Ende gefunden. Carpenter wendete Hollywood den Rücken zu und sich mit PRINCE OF DARKNESS und THEY LIVE wieder den kleineren, unabhängig produzierten – und erfolgreicheren – Projekten zu, mit denen er sich ein knappes Jahrzehnt zuvor einen Namen gemacht hatte. (Als er sich 1992 mit MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN noch einmal an einem großen Mainstream-Films versuchte, war das Ergebnis erneut ein verheerender Flop.) Die Stringenz, die Carpenters Karriere von seinem Debüt DARK STAR über die Meisterwerke ASSAULT ON PRECINCT 13 und HALLOWEEN sowie die folgenden THE FOG und ESCAPE FROM NEW YORK bis hin zu THE THING charakterisierte, erreichte er nie mehr. Seine Filmografie danach ist qualitativ hochgradig heterogen, von folgenlosen Exkursen, Sackgassen, kreativen und kommerziellen Fehlschlägen geprägt. Es drängt sich die Frage auf, was passiert wäre, wenn THE THING oder später eben BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA ihr Publikum gefunden hätten. Beide sind heute mehr als rehabilitiert: THE THING gilt als wegweisendes Meisterwerk des effektlastigen Genrekinos der Achtzigerjahre, BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA kommt zumindest ein gewisser Kultstatus zu. Damals machte ihm mit THE GOLDEN CHILD ein anderer asiatisch angehauchter, effektlastiger (und deutlich schwächerer) Film Konkurrenz und Zuschauer abspenstig, der nur kurze Zeit später gestartete ALIENS warf seinen Schatten bereits voraus. Ich lehne mich wahrscheinlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA seiner Zeit rund zehn Jahre voraus war: Als die bunten Wire-Fu-Acrobatics von Yuen Woo-Ping nur wenige Jahre später das internationale Publikum verzückten und eine große, auch Hollywood erfassende Hongkong-Renaissance einleiteten, war Carpenters Film schon wieder in Vergessenheit geraten.

Wer akzeptiert, dass BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA wenig mehr ist als ein 100-minütiges Effekt- und Gagspektakel ohne jeden tieferen Sinn, der wird mit dem Film seine helle Freude haben, ihn für seine No-Holds-Barred-Strategie, das immense Erzähltempo und den Drive, mit dem sich die Protagonisten ihre hoch pointierten Dialogzeilen an den Kopf knallen, geradezu lieben. Carpenter hält sich nicht lang mit Exposition auf, schmeißt sein Publikum gemeinsam mit seinem Helden wider Willen, dem lakonischen Truckfahrer Jack Burton (Kurt Russell), in ein fantastisches Abenteuer voller magisch begabter Kung-Fu-Meister, unterirdischer Tempelanlagen, entführter Schönheiten, bizarrer Monster  und jahrtausendealter Flüche. Was BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA dabei von heutigen Entertainment-Maschinen positiv abhebt, ist zum einen die Erzähltradition, der sich Carpenter unübersehbar verpflichtet sieht, zum anderen das Figureninventar, dem von all den Effekten nie der Rang abgelaufen wird. Kurt Russell wird ja vor allem für seine desillusionierte Eastwood-Approximation namens Snake Plissken verehrt, als etwas tumber, jammernder, aber engagierter Truckfahrer ist er aber kaum weniger toll. Ob er da zu Beginn launige One-Liner über CB-Funk in den Äther jagt, sich als bebrillter Nerd verkleidet Zugang zum Edelpuff des chinesischen Oberschurken Lo Pan (James Hong) verschafft, mit seinem Kumpel Wang Chi (Dennis Dun) und den Worten „Phone company!“ in dessen Hauptstützpunkt stürmt oder die geradezu absurde (aber richtige) „Unterstellung“, er habe noch nie jemanden erschossen, brüsk von sich weist: Er bleibt das Zentrum des Films, auch wenn er eigentlich nur indirekt in das Geschehen involviert ist. Man erzählt sich heute, dass Russell seinen Burton als John-Wayne-Parodie anlegte, was man aber vor allem an der Art und Weise merkt, wie er seine Dialogzeilen intoniert, eine Parallele, die mithin in Synchronfassungen verloren geht.

Bezüglich seines Handlungskonstrukts ist BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA deutlich weniger einfältig als es vielleicht den Anschein hat: Der Film macht eine Figur zum Protagonisten und gar zum mythischen Helden, die nur wenig zur Idealisierung taugt, eigentlich maximal die Befähigung zum lustigen Sidekick mitbringt. Carpenter unterläuft damit den Fantasy-Irrsinn seines Plots höchst geschickt: Burton ist einfach nicht intelligent genug, um sich allzu lang über das zu wundern, was er da erlebt. Solange er am Ende seinen Truck wiederbekommt, ist ihm alles andere egal. Man ist als Betrachter bereit, alles zu glauben, was der Film auffährt, weil einem dieser knochentrockene Burton zur Seite gestellt wird. Wenn BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA auf den ersten Blick aus Carpenters Werk herauszufallen scheint, so erkennt man an solchen Feinheiten seinen Urheber: Wie der Film mit einem Art Vorankündigung des Kommenden beginnt, wie sich in einer unscheinbaren Seitenstraße plötzlich eine fremde Welt eröffnet, wie er diese Welt nur grob skizziert, anstatt ihr Potenzial völlig auszureizen und damit gerade den Eindruck von Größe erweckt, wie er am Ende jede Gefühlsduselei vermeidet und die Autonomität seines Helden wahrt.

Ich finde es aber vor allem bemerkenswert, wie gut dieser Film gealtert ist: Man sieht deutlich, aus welcher Zeit er stammt, aber man muss sich ihm nicht unbedingt nostalgisch verbunden fühlen, um ihn auch heute noch goutieren zu können. Ich würde sogar behaupten, dass BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA die Mission des „totalen Entertainments“, weitaus besser erfüllt als die unzähligen Superheldenfilme, die heute die Multiplexe bevölkern und bei denen ich mich immer mehr frage, wann denn das ganze World Building, das da seit x Titeln betrieben wird, endlich mal zu irgendwas führt. BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA greift einem ohne langes Federlesen zwischen die Beine. Und das ist gut so.

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Kommentare
  1. bullion sagt:

    Da war Carpenter noch ganz groß. Ein Brett von einem Film. Und so gut gealtert? Dann sollte ich ihn auch mal wieder schauen… 🙂

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