dawn of the dead (george a. romero, usa 1978)

Veröffentlicht: Mai 6, 2015 in Film
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Ist DAWN OF THE DEAD der größte Horrorfilm aller Zeiten? Ich bin geneigt, diese Frage mit „Ja“ zu beantworten. Ich glaube, dass der Horrorfilm nie ambitionierter, epischer, umfassender, menschlicher, mutiger, bissiger, komischer, trauriger und blutiger war als in George A. Romeros Meisterwerk. In einem schicksalhaften Zusammentreffen glücklicher Zufälle erkannte das damals sogar das Publikum, das die Low-Budget-Produktion zum Kassenschlager der Saison machte (Produktionskosten: 650.000 $, Gewinn: 55 Millionen Dollar laut Wikipedia) – eine Tatsache, die gern vergessen wird und heute – zumal in Deutschland – kaum mehr vorstellbar ist. Das ist nicht nur für sich betrachtet eine ziemlich beeindruckende Leistung: Bedenkt man, dass Romero die eigentlich undankbare Aufgabe zu bewältigen hatte, an einen nur als revolutionär zu bezeichnenden Film anzuknüpfen (mit NIGHT OF THE LIVING DEAD hatte er mit der untoten Fressmaschine namens Zombie eine Figur erfunden, an der sich heute noch ganze Heerscharen an Filmemachern, Drehbuchautoren, Comiczeichnern und Computerspiel-Programmierern eine goldene Nase verdienen), erscheint der überwältigende künstlerische Triumph von DAWN OF THE DEAD wie ein Wunder.

Ein untrügliches Indiz dafür, dass und wie weit DAWN OF THE DEAD seiner Zeit weit voraus war, ist m. E. die überwiegend negative Kritikerresonanz, die der Film erfuhr. Mit 40 Jahren Abstand und dem Wissen um die kulturelle Bedeutung, die Romeros Films seit seiner Erstaufführung erlangt hat, um den Einfluss, den er auf zahllose Nachahmer ausübte, und natürlich um die Auswüchse unserer westlichen Konsumgesellschaften, wirken die verzweifelten Versuche der Filmkritiker, DAWN OF THE DEAD zu fassen zu bekommen, geradezu wie unter Schock verfasst; als sei ihre Wahrnehmungsbefähigung durch auf Hochtouren laufende interne Schutzmechanismen temporär massiv beeinträchtigt gewesen. Der Film wurde von ihnen in einer fast ironisch zu nennenden Verkehrung der Tatsachen als zu langsam und langweilig bewertet, der mangelnde emotionale Impact beklagt und Effektmann Tom Savini in dieser Eigenschaft als „eigentlicher Hauptdarsteller“ bezeichnet. Natürlich verdankt DAWN OF THE DEAD seinen anhaltenden Ruf nicht erst zuletzt dieser Vielzahl damals bahnbrechender, nie gesehener Make-up-Effekte und auch für mich standen sie bei meiner Erstsichtung mit 18 Jahren im Vordergrund: Dennoch erinnert die Behauptung, Romeros Film sei ein Nonstop-Splatterfest, unweigerlich an die Wahrnehmungsstörung, die auch zur deutschen Beschlagnahmung von THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE geführt hat. DAWN OF THE DEAD ist bisweilen von nervenzerfetzender Spannung und verfügt auch über zahlreiche Actionsequenzen, aber genauso über langsame, brüterische Passagen, in denen die Charaktere im Mittelpunkt stehen und die Tragik und Ausweglosigkeit der Situation, in der sie sich befinden, herausgestrichen wird. Diese Endzeit-Atmosphäre affiziert auch die Slapstick-EInlagen, während derer die Zombies in einer Überspitzung typischer Konsumentenhypnose zu Fahrstuhlmusik durch die Shopping Mall stolpern oder im FInale von den Rockern mit Torten beworfen und anderweitig gedemütigt werden. Diese Szenen heben die Stimmung aber bestenfalls reflexhaft, dann dämmert einem sofort wieder, worüber man da eigentlich lacht.

Es ist bemerkenswert, wie nahtlos Romero der Anschluss an sein immerhin zehn Jahre zuvor erschienenes Debüt gelingt, wie mühelos er den Sprung von der intimen Abgeschlossenheit von NIGHT OF THE LIVING DEAD (dessen Ende ja durchaus die Möglichkeit suggerierte, dass die Menschheit der Zombieseuche Herr werden konnte) zum globalen Endzeitszenario vollbringt. Der Übergang ist so fließend, dass man annehmen könnte, Romero habe von Anfang an einen Zombie-Mehrteiler im Sinn gehabt, aber die Idee für DAWN OF THE DEAD kam ihm angeblich erst, als ein alter Studienfreund ihm seinen Arbeitsplatz zeigte: die Monroeville Shopping Mall, ca. 25 km östlich von Pittsburgh, wo der Film letztlich gedreht wurde. Wie zuvor widmet sich Romero den Bemühungen einiger Individuen, sich während der (nun völlig außer Kontrolle geratenen) Zombie-Apokalypse zu behaupten, schneidet zur Kommentierung der Vorgänge immer wieder auf das laufende Not-Fernsehprogramm, in dem sich Wissenschaftler und Politiker über zu treffende Rettungsmaßnahmen streiten. Der Ton wird dabei zunehmend schärfer, die vertretenen Positionen radikaler, die Kluft zwischen den Streitparteien größer: Dem Zusammenbruch der Ordnung „da draußen“ folgt der Zusammenbruch der zwischenmenschlichen Kommunikation. Irgendwann bleiben Fernseher und Radio ganz stumm. Die im Vorgänger noch vervorstechende Kritik an Rassismus tritt in DAWN OF THE DEAD zugunsten einer satirischen Abrechnung mit Konsumwahn und dem Kapitalismus in den Hintergrund. Lediglich die Sequenz zu Beginn, während der die Sondereinsatz-Beamten Peter (Ken Foree) und Roger (Scott H. Reiniger) ein überwiegend von Afroamerikanern bewohntes Housing Project stürmen, erinnert an die in NIGHT OF THE LIVING DEAD etablierte Parallelisierung von Unterprivilegierten mit Zombies.

Wieder aufgegriffen und konsequent ausgeweitet wird Romeros Kommentar zur Genderpolitik. Die Fernsehmitarbeiterin Francine (Gaylen Ross), Lebensgefährtin von Pilot Stephen (David Emge), wird während des gemeinsamen Aufenthalts in der Mall immer mehr isoliert. Während die vier Männer schwer bewaffnet ihrer Abenteuerlust nachgehen – und dabei über ihrer wachsenden Mordlust die Kontrolle verlieren –, ist sie dazu verdammt, in ihrer tristen Bleibe die Zeit totzuschlagen und sich mit ihrer Rolle als Hausweibchen abzufinden. Dass die einzige Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, eine Schwangerschaft ist, ist unter den gegebenen Umständen besonders bitter. Romero lässt nur wenig Zweifel daran, dass die Apokalypse aus DAWN OF THE DEAD von Männern gemacht wird. Selbst der zuvor so ängstliche, fürsorgliche Stephen verwandelt sich unter dem Einfluss von Peter und Roger in einen Wochenend-Soldaten, nimmt für sich das Privileg in Anspruch, der Entscheider in der gemeinsamen Beziehung mit Francine zu sein. Es ist einer der genialen Twists von Romero, dass sich seine Protagonisten inmitten des heraufziehenden Weltuntergangs in typische Mittelklasse-Bürger verwandeln und es sich in ihrer „Wohnung“ mit den in der Mall verfügbaren Luxusgütern einrichten. So kann die Welt draußen ruhig vor die Hunde gehen. Es ist nicht nur der Selbsterhaltungstrieb, der sie am Schluss gegen die eindringenden Rockerhorden vorgehen lässt: Hier geht es vor allem um Besitzstandswahrung, und wer sich uneingeladen am Eigentum vergreift, wird gnadenlos hingerichtet. „What have we become?“, fragt Francine einmal, die ihren Traum von der Freiheit immer noch nicht aufgegeben hat. Stephen versteht sie überhaupt nicht.

Für mich sind genau das die Momente, die nach nunmehr fünf bis zehn Sichtungen die stärkste Wirkung hinterlassen (na gut, ein paar der saftigen Effekt-Details mag ich natürlich auch, etwa wie sich im Ohr eines Zombies eine Blutpfütze bildet, als Roger mit einem Schraubenzieher hineinsticht). Die menschliche Dimension des Dramas kommt nicht zuletzt dank der überzeugenden Darsteller deutlich stärker zum Tragen als im in dieser Hinsicht noch etwas schwachbrüstigen NIGHT OF THE LIVING DEAD. Es sind die Gesichter der Protagonisten, in denen die ganze Tragweite der Katastrophe zum Ausdruck kommt: Roger, dem die Übelkeit und der Ekel hochkommen, während er Dutzende von tatenlos herumliegenden Zombies in einem Kellerloch hinrichtet. Francine, die mit Entsetzen und Unverständnis den Wandel ihres Geliebten zur Kenntnis nimmt, ihn irgendwann schließlich gar nicht mehr erkennt. Der Allmachtswahn, der in Rogers Züge kriecht und ihn in eine Comicfigur verwandelt. Schließlich die bodenlose Langweile, die der Luxus und der endlose Müßiggang bei allen auslösen. Es ist nicht nur die Tatsache, dass die Zombies ihre Festung überrannt haben, die Francine und Peter am Ende in den Helikopter und in eine ungewisse Zukunft treiben: Alles ist besser als das Leben in einem Zustand des vorweggenommenen Todes.

[Eine Anmerkung noch zur Editionsphilologie: DAWN OF THE DEAD existiert bekanntermaßen in zahlreichen verschiedenen Versionen, die jeweils wiederum entweder auf die ursprünglich angfertigte US- oder die europäische Schnittfassung zurückgehen. Romero drehte DAWN OF THE DEAD mit vielen Kameras und produzierte so unglaublich viel Material, das dann auch für die unterschiedlichen Länderversionen verwendet wurde, die mithin in einzelnen Einstellungen voneinander abweichen können. Ich bin ausschließlich mit der ca. 140-minütigen Langfassung vertraut, die auf meiner holländischen DVD fälschlicherweise als „Director’s Cut“ ausgewiesen ist. Meiner Auffassung nach handelt es sich eher um eine Art Supercut, gewissermaßen eine längstmögliche Fassung. Dass es kein „Director’s Cut“ ist, beweist in erster Linie der Goblin-Soundtrack, der lediglich in der von Dario Argento verantworteten europäischen Schnittfassung zum Einsatz kam.]

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Habe den damals im Kino gesehen. Das Kölner Capitol war rappelvoll. Dazu beigetragen hatten
    reisserische Kritikerzitate, wie mein allerliebstes ….
    „George A.Romero makes Sam Peckinpah looks like Walt Disney“. Was natürlich Quatsch ist,
    aber trotzdem. Ich möchte erwähnen das der Film kurz vorher im Kölner Stadt Anzeiger ganzseitig
    bejubelt wurde. Zumindest die Kölner Kritiker waren absolute Romero Fans.
    Es lief meines Wissens der Argento Cut und ich kann mich nicht erinnern jemals Zeuge solch
    heftiger und unmittelbarer Zuschauerreaktionen geworden zu sein. Weder Vorher, noch nachher.
    Nachdem Auftakt, der Erstürmung des Gebäudes durch Polizei und Militär, glich die Stimmung
    im Saal einem Ausnahmezustand.
    Platz 2 meiner ewigen Horrorbestenliste. Die 1 bleibt aber,für mich, TCM.

    • Oliver sagt:

      Ich mag TCM wahrscheinlich auch lieber, aber der Scope von Romeros Vision in DAWN ist einfach überwältigend. Hoopers Film ist ja etwas ganz anderes.

      Ich habe während der Sichtungen von NIGHT und DAWN oft an TCM gedacht. Gerade im Vergleich mit NIGHT verblassen seine Innovationen etwas. Ohne Romeros Pionierarbeit, wäre wahrscheinlich auch Hoopers Film nicht möglich gewesen.

      Aber von solchen historischen Beurteeilungen abgesehen ist TCM mein liebster Horrorfilm überhaupt.

  2. Chrisch sagt:

    Der für mich größte Horrorfilm aller Zeiten ist DER EXORZIST.
    DAWN OF THE DEAD ist aber nahe dran. Vielleicht sogar gleichauf. Das müsste ich bei Zeiten noch einmal prüfen.

    Merkwürdigerweise bin ich mit TCM bis heute nicht wirklich warm geworden. Der Film hat sich mir mit seinen nervtötenden Charakteren und der verstörenden Atmosphäre stets entzogen. Mit Schrecken erinnere ich mich auch noch an die zähe und langgezogene Szene, als die Hauptdarstellerin mit der „Familie“ an der prachtvoll bestückten Tafel Platz nimmt.

    Aber vielleicht werde ich eines Tages einen Zugang zu Hoopers Werk bekommen.

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