night of the living dead (george a. romero, usa 1968)

Veröffentlicht: Mai 6, 2015 in Film
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Zu gern würde ich wissen, wie Zuschauer Romeros bahnbrechenden Klassiker damals im Jahr 1968 aufgenommen haben. Noch besser wäre es natürlich, selbst bei einer der damaligen Kinoaufführungen anwesend zu sein, ohne genau zu wissen, was einen erwarten würde, gänzlich unvorbereitet mit dem in nüchternen Schwarzweiß-Bildern gehaltenen Grauen konfrontiert zu werden. Man wirft ja schnell mit Begriffen wie „Klassiker“ und „Meisterwerk“ um sich, aber selbst solche Superlative scheinen kaum dazu geeignet, Romeros kreative Leistung und die Bedeutung seines Spielfilmdebüts angemessen zu würdigen. Mit dem Abstand mehrerer Jahrzehnte und dem in dieser Zeit angehäuften Film- und Popkulturwissen wird NIGHT OF THE LIVING DEAD leider eines nicht unwesentlichen Teils seines verstörenden Potenzials beraubt. Heute weiß tatsächlich jedes Kind, was ein Zombie ist. Doch der Zombiefilm, aus dem sich dieses Wissen speist, ist eine originäre Erfindung Romeros und geht genau auf diesen Film zurück. Zwar bediente sich der Filmemacher dafür einer bereits existierenden Figur, aber er unterwarf sie einer radikalen Neuinterpretation. Der klassische Zombie hat mit seinem umherstaksenden Menschenfresser nur noch ganz am Rande zu tun, war im Jahre 1968 außerdem bestenfalls eine Kuriosität, deren Halbwertzeit fast 40 Jahre nach WHITE ZOMBIE mehr als abgelaufen schien. Sein meines Wissens letzter Auftritt vor dem Erdrutsch von NIGHT OF THE LIVING DEAD fand bezeichnenderweise in dem schönen, aber auch hoffnungslos anachronistischen THE PLAGUE OF THE ZOMBIES statt, einer Produktion aus dem Hause Hammer, die ihre Titelfiguren nach karibischer Tradition als willenlose Sklaven eines bösen Unternehmers einsetzte. Romero kommt nicht nur das Verdienst zu, den Zombiemythos für die Populärkultur aktualisiert (und gerettet) zu haben, mit seiner Neuinterpretation der karibischen Schauerfigur hat er eine alte Legende im Prinzip vollständig verdrängt und ersetzt. Wer heute an Zombies denkt, der denkt nicht mehr an die durch schwarze Magie hypnotisierten Sklaven im Dienste eines grausamen Herren, sondern an die gefräßigen, instinkgetriebenen und halb verwesten Fressmaschinen mit hochgradig infektiösem Biss, die ein genialer Einfall Romeros waren.

Und Romero wusste damals genau, dass er mit dem Zombie eine Figur mit dem Potenzial, Horrorfilm-Geschichte zu schreiben, „erfunden“ hatte. Der Film verdankt mehr als vielleicht alle anderen Horrorfilme seinen bis heute anhaltenden Reiz der Tatsache, dass es für ihn gewissermaßen keinen Präzedenzfall gab. Und dieses zwangsläufige Nichtwissen des Publikums macht sich Romero bei seiner Inszenierung zunutze, reizt den nach einer Erklärung für das rätselhafte Phänomen dürstenden Zuschauer geradezu genüsslich mit seiner anhaltenden Verweigerung, diesem Bedürfnis nachzukommen, konfrontiert ihn genauso gnadenlos und unvorbereitet mit dem Unerklärlichen wie seine Protagonisten. Ästhetisch, motivisch und dramaturgisch wirkt NIGHT OF THE LIVING DEAD immer noch absolut singulär und seltsam fremd. Es handelt sich ohne Zweifel um einen Horrorfilm und Romero geizt auch nicht mit grafischen Bildern (ich bin immer wieder verwundert darüber, wie blutig dieser Film ist, der sich mir eigentlich als dezidiert unblutig eingeprägt hat), trotzdem findet man nur wenig Sicherheit in seiner Struktur. Es lassen sich bestimmte Aspekte herausfiltern, die man aus anderen Filmen kennt – das Belagerungsszenario, die gruppeninternen Streitigkeiten, die Pärchenkonstellation –, aber nie stellt sich bei Betrachtung dieses Gefühl der Vertrautheit und Bekanntheit ein, das charakteristisch für Genrefilme ist, die nach bestimmten Regeln funktionieren und in einer gewissen Tradition stehen, der sie sich bereitwillig unterordnen. Romero folgt ausschließlich seinem eigenen Instinkt, weshalb seine Schwarzweißfotografie nicht nur an den deutschen Expressionismus der Zwanziger- und das US-amerikanische Science-Fiction-Kino der Fünfzigerjahre erinnert, sondern auch ein wenig an die frühen Beiträge der Nouvelle Vague. NIGHT OF THE LIVING DEAD verfügt über eine schockierende Unmittelbarkeit und in seiner Stilisierung kommt er dem Ideal von Realismus und Authentizität ungleich näher als viele Filme, die genau das explizit für sich in Anspruch nehmen. Das scheint mir auch der Schlüssel zu seinem Erfolg: NIGHT OF THE LIVING DEAD wirkt echt. Der Verzicht auf eine objektive Erklärung für das Untoten-Phänomen – der Verweis auf eine rätselhafte kosmische Strahlung bleibt Interpretationsangebot –, der Rückgriff auf die panischen Wasserstandsmeldungen in Radio und Fernsehen, die sonstige Fokussierung auf die sechs bzw. sieben Personen, die sich in dem einsamen Landhaus verschanzt haben, halten den Zuschauer konsequent auf dem Level der Protagonisten. Das einzige, was Romeros ansonsten gelungenes Bemühen nach Authentizität unterläuft, sind die Darsteller, die abseits der beiden Hauptrollen nur wenig nuanciert agieren und den Betrachter so immer wieder daran erinnern, dass man hier einen Film sieht. (Im Mittelteil, der sich vor allem mit dem Kompetenzgerangel zwischen Ben (Duane Jones) und Harry Cooper (Karl Hardman) beschäftigt, hängt NIGHT OF THE LIVING DEAD dann auch ein wenig durch.)

Aber diese Authentizität und Unmittelbarkeit sind nicht das einzige, was Romeros Debüt zu etwas Besonderem macht: NIGHT OF THE LIVING DEAD ist wahrscheinlich der erste dezidiert politische Horrorfilm überhaupt, Romero der erste Horrorfilm-Regisseur, der das agitatorische Potenzial seines Genres erkannt und ausgeschöpft hat und damit den Weg für die in den Siebzigerjahren folgenden Anti-Establishment-Schocker – man denke an THE LAST HOUSE ON THE LEFT, man denke an THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE o. ä. – ebnete. Sicher, auch zuvor schon dienten Monster als Manifestation konkreter gesellschaftspolitischer Ängste, besonders natürlich in den Atomparanoia-Filmen der Fünfzigerjahre, aber Romero war der erste, der einen kritischen „Subtext“ ganz ausformulierte und an die Oberfläche treten ließ. Es ist nahezu unmöglich, NIGHT OF THE LIVING DEAD anders zu sehen, als als pointierte Beschreibung realer gesellschaftlicher Zustände, als linke Kritik an Rassismus, Klassenkampf und Kapitalismus, und ebenso unmöglich ist es, ihn losgelöst von dieser Kritik zu bewerten. Schon die Entscheidungen, einen Afroamerikaner zum Protagonisten zu machen, ihn erst mit einer weißen Frau zu verbünden, dann mit einem weißen Mittelstands-Familienvater zu konfrontieren und am Ende von einem Redneck-Lynchmob hinrichten zu lassen, sprechen eine eindeutige Sprache. In wie vielen (Genre-)Filmen hatte zuvor ein Schwarzer die Hauptrolle übernommen? Es ist angesichts dieser Offensichtlichkeit beinahe ein Wunder, dass NIGHT OF THE LIVING DEAD trotzdem niemals plump daherkommt. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Romero gerade auf Dialogebene Zurückhaltung übt: Dass es Harry Cooper massiv wurmt, sich ausgerechnet vor einem Schwarzen rechtfertigen zu müssen, wird auch ohne rassistische Invektiven deutlich. Auch wenn die Amateurdarsteller overacten (für fast alle war NIGHT OF THE LIVING DEAD das Schauspieldebüt, kaum einer blieb in diesem Metier), lässt Romero sie durch das, was sie sagen, gut aussehen. Ein schönes Beispiel, auch um die sich durch den ganzen Film (und im Grunde die gesamte Hexalogie) ziehende Auseinandersetzung mit Machtstrukturen zu verdeutlichen, ist die Szene, in der Ben der bis zu diesem Zeitpunkt stumm gebliebenen Barbra (Judith O’Dea) berichtet, was er erlebt hat. Während er einen Tisch auseinandernimmt, dessen Holz er als Barrikade verwenden will, erzählt er, wie er von einer Gruppe dieser seltsamen Kreaturen angegriffen wurde und mit dem Auto einfach durch sie hindurchfuhr, ohne dass diese eine Regung von Furcht gezeigt hätten. Seine Erzählung markiert seit ihrem Rückzug in das Haus den ersten Moment der Ruhe und Reflexion und er löst auch Barbras Zunge, die nun ihrerseits von ihren Erlebnissen auf dem nahegelegenen Friedhof berichtet, auf dem sie und ihr Bruder von einem der Untoten angegriffen wurden. Im Gegensatz zu Ben, dessen Geschichte vor allem den Sinn hatte, möglicherweise wertvolle Informationen über das Verhalten der seltsamen Kreaturen weiterzugeben und einzufordern, geht es der immer noch aufgelösten Barbra allein um Katharsis, darum, sich die Angst von der Seele zu reden. Ihr Wortbeitrag ist zerfahren, unverständlich, elliptisch und emotional, und er veranlasst den zunehmend genervten Ben dazu, sie sofort zum Schweigen zu bringen. In dieser Szene stoßen zwei ganz unterschiedliche Kommunikations-Paradigmen unversöhnlich aufeinander, nämlich das Männlich-Technische und das Weiblich-Emotionale und es ist klar, welches als das „richtige“ angesehen wird und wem die entsprechende Definitionsgewalt darüber zukommt. Dieser Zusammenprall von Mann und Frau wird auch in der zehn Jahre später entstandenen Fortsetzung DAWN OF THE DEAD eine sehr wichtige Rolle spielen und ist nur eine Facette, die erklärt, warum Romeros Zombiezyklus auch heute noch relevant ist.

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