day of the dead (george a. romero, usa 1985)

Veröffentlicht: Mai 8, 2015 in Film
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In einer gerechten Welt hätte Romero nach dem Jahrhundertfilm DAWN OF THE DEAD für sein Sequel den Persilschein erhalten. Stattdessen waren seine Geldgeber nur wenig begeistert von seiner Forderung, den Film unrated zu veröffentlichen, und sahen sich daher zur Sicherung ihrer Investition gezwungen, eine Budgetkürzung um 50 % vorzunehmen (Wikipedia veranschlagt das finale Budget von DAY OF THE DEAD mit 3,5 Millionen $). Romero musste das Drehbuch für den „GONE WITH THE WIND of zombie films“ daraufhin massiv kürzen und umarbeiten. Es verwundert den Eingeweihten insofern nicht, dass der fertige Film voller sichtbarer Kompromisse, mittelprächtiger Akteure und nur halb gelöster Probleme steckt, nach dem breit und episch anmutenden Vorgänger wie ein Rückschritt zur Intimität von NIGHT OF THE LIVING DEAD anmutet, anstatt nun das volle Ausmaß der in DAWN heraufdämmernden Apokalypse in den Blick zu nehmen. Das Publikum nahm den Film dann auch auffallend gleichgültig auf: Den Großteil seines Gewinns erzielte DAY OF THE DEAD erst bei seiner Heimkino-Auswertung, in deren Zuge er dann auch rehabilitiert und als das verhinderte Masterpiece erkannt wurde, das er ist. Es ist Romeros einzigartiger Vision zu verdanken, dass der Film trotz der ihm in die Beine geworfenen Stöcke niemals zu Fall kommt und am Ende als würdige Fortsetzung – und für 20 Jahre auch vorläufiger Schlusspunkt – des Zombiezyklus erscheint.

DAY OF THE DEAD vollzieht zunächst einen Perspektivwechsel: Nachdem sich Romero in den beiden vorangegangenen Filmen mit den Problemen von Zivilisten befasst hatte (die Polizisten Peter und Roger waren nach dem Massaker zu Beginn von DAWN OF THE DEAD desertiert), wendet er sich nun jenen Kräften zu, deren Streitigkeiten der Zuschauer zuvor in den immer wieder eingeschobenen Fernsehinterviews beiwohnen konnte, die als filminterner Kommentar der fiktiven Vorgänge fungierten. In einem unterirdischen Bunkersystem arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftlern fieberhaft an einer Möglichkeit, die Zombieseuche aufzuhalten oder gar umzukehren, während die ihnen zur Seite gestellten Soldaten langsam aber sicher die Geduld mit ihnen verlieren. Als es zum endgültigen Bruch zwischen den beiden Konfliktparteien kommt, ist das der Anfang vom Ende. Den letzten Überlebenden bleibt wieder einmal nur die Flucht mit dem Helikopter, ihr Ziel ist diesmal eine Insel, auf der es nicht nur keine Zombies, sondern auch keine anderen Menschen mehr gibt. Mit dieser pessimistischen Sicht der Dinge knüpft Romero konsequent an die Vorgänger an: In Extremsituationen ist fest mit dem Versagen der menschlichen Vernunft zu rechnen, was stets eine größere Gefahr darstellt als jeder noch so gefräßige Untote. Romero sagte selbst über seinen Film, er sei eine „tragedy about how a lack of human communication causes chaos and collapse even in this small little pie slice of society“. Einen Vorgeschmack darauf gab er bereits in DAWN OF THE DEAD, mit seinen immer hitziger werdenden Fernsehdebatten zwischen Politikern und Wissenschaftlern, die dann schließlich irgendwann einfach ganz ausblieben. Man ahnte, warum.

Der Disput zwischen den Militärs und den Wissenschaftlern verläuft entlang ethischer, vor allem aber pragmatischer Linien. Dr. Logan (Richard Liberty) weiß, dass für die Suche nach einer Heilung der Zombieseuche nicht genug Zeit ist, und versucht deshalb, die Zombies zu domestizieren. Mit dem Exemplar „Bub“ (Howard Sherman) verzeichnet er dabei zwar einigen Erfolg, doch vergisst er über seiner Arbeit den kurzfristigen Nutzen. Die Soldaten, die ihr Leben dabei riskieren, die Wissenschaftler mit Zombies zu versorgen, empfinden seine Arbeit mit einigem Recht als Schlag ins Gesicht. Lieber würden sie mit den vor sich hin faulenden Monstren ganz aufräumen, verkennend, dass sie hoffnungslos in der Unterzahl sind. Die beiden Parteien finden nie zueinander, weil sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Den Soldaten unter der Führung des psychotischen Captain Rhodes (Joe Pilato), allesamt vulgäre bullies, die ihre Machtposition genussvoll ausspielen und aus ihrer Verachtung für die Intellektuellen keinen Hehl machen, kommt zwar die Rolle der Aggressoren zu, doch Dr. Logan trägt seinen Teil zur finalen Eskalation bei. Er agiert wie in einer Luftblase, ohne Rücksicht auf die verheerenden Umstände und die Moral. So verfüttert er das Fleisch toter Soldaten an die Zombies und nimmt sogar heimlich Experimente an ihren Leichnamen vor, weil diese „frischer“ sind. Skrupel kennt er nicht, weil er sich vom „höheren Zweck“ legitimiert sieht, dem Einzelinteressen untergeordnet werden müssen. Als er über seiner These, zivilisiertes Verhalten müsse belohnt und incentiviert werden, damit es sich „lohne“, in monologisierendes Gebrabbel verfällt, wird nicht nur klar, dass er offensichtlich handfeste psychische Probleme mit sich herumschleppt, es wird auch das Dilemma offenbar, vor dem die Menschheit im Angesicht ihrer Auslöschung steht: Es gibt einfach keinen Grund mehr, einander mit Respekt zu behandeln. Weniger artikuliert spiegelt sich der Konflikt zwischen Militär und Wissenschaft im Streit der Forscherin Sarah (Lori Cardille) und ihrem Liebhaber, dem am Rande eines Nervenzusammenbruchs taumelnden Miguel (Anthony DiLeo jr.). Anlass für ihren den ganzen Film über anhaltenden Streit ist die Diskrepanz zwischen ihrer Kontrolliert- und Gefasstheit und seiner Panik. In ihrer Beziehung setzt sich der Streit zwischen Ben und Barbra aus NIGHT OF THE LIVING DEAD oder Francine und ihren männlichen Begleitern in DAWN OF THE DEAD mit umgekehrten Vorzeichen fort: Sarah übernimmt die Rolle des Mannes, Miguel den weiblichen Part. Es ist das aus diesem von ihm so empfundenen Missverhältnis resultierende Gefühl der „Impotenz“, das Miguel am Ende über die Klippe führt (man muss nicht mit Freud ankommen, um die Armamputation, die sie an ihm vollzieht, zu interpretieren). Es ist wahrscheinlich eher kein Zufall, dass Sarah am Ende bei zwei Außenseitern, dem Piloten John (Terry Alexander) und dem Funker Bill (Jarlath Conroy), Geborgenheit und Frieden findet, die Romero zwar nicht exlizit als homo-, wohl aber als asexuell zeichnet. Das Refugium, das sich die beiden in den trostlosen Tunneln des Bunkers mithilfe eines Wohnmobils, Terrassenmöbeln und einer Fototapete gebaut haben, weist schon den Weg zum Ende des Films: John und Bill handeln nach der Maxime „Leben und leben lassen“, haben sich von falschen Ambitionen und Hoffnungen weitestgehend freigemacht, sind ganz dem Augenblick verpflichtet. Es gibt nichts mehr, woum man kämpfen müsste. Das ist vorbei.

Die Kritik bemängelte damals, DAY OF THE DEAD sei zäh, zu dialoglastig, schlecht gespielt und insgesamt runterziehend und deprimierend. Sie lag nicht ganz daneben, auch wenn diese Eigenschaften angesichts des Sujets geradezu unabdingbar erscheinen. Aber ja, gegenüber DAWN wirkt DAY trotz seines fünfmal höheren Budgets klein und zeitweise auch etwas billig. Das klaustrophobische Setting ist über die gesamte Laufzeit betrachtet nicht gerade schön anzuschauen, es gibt nur wenig Ausbrüche aus der Dunkelheit und Tristesse. Das schlägt sich auch auf die Charaktere nieder: Keiner reift zu einem echten Sympathieträger heran, wichtige Details, wie die Beziehung zwischen Miguel und Sarah, bleiben unterentwickelt und unglaubwürdig, dem Spiel fehlen grundsätzlich die Nuancierungen, die die Figuren wirklich lebendig machen würden. Glaubt man aber den Aussagen von Schauspielerin Cardille, die davon berichtet, dass Romero ihr untersagte, zu emotional zu agieren, zielte Romero genau darauf ab. Die Stimmung unter den „Insassen“ ist höchst entzündlich, geprägt von cholerischen Ausbrüchen und Kurzschlussreaktionen einerseits, Angst, Gehemmtheit und Frustration andererseits. Ein falsches Wort kann hier unverhältnismäßige Folgen nach sich ziehen, und das Wissen darum führt dazu, dass sich alle Personen vollkommen unnatürlich und steif verhalten. Diese Steifheit ist es auch, die den Film in erster Linie kennzeichnet und lähmt, vor allem im Vergleich zum actionlastigen Vorgänger, der seinen Protagonisten zumindest kurzzeitige Entlastung und Hoffnung bot. In DAY OF THE DEAD sind es vor allem die gegenüber DAWN noch einmal erheblich verfeinerten und ausgereiften Effekte von Tom Savini, die so etwas wie „Spielfreude“ bringen. Der Detailreichtum, den er beim Make-up der Zombies oder dem blutigen Zerpflücken der Protagonisten an den Tag legt, sucht in der Welt der „handgemachten“ Effekte sicherlich seinesgleichen. Viel besser als hier sah Splatter auch danach eigentlich nicht mehr aus. Das ist durchaus entscheidend: Mit DAY OF THE DEAD bereitet Romero den Wandel vor, der sich dann leider erst 20 Jahre später in LAND OF THE DEAD vollziehen sollte. Die Zombies beginnen in DAY OF THE DEAD, den Menschen nicht nur zahlenmäßig den Rang abzulaufen. Wenn ich oben sagte, es gebe keine echte Sympathiefigur in Romeros Films, so ist das nur die halbe Wahrheit: Es gibt keine menschliche Sympathiefigur. Es ist der geknechtete Zombie „Bub“, der das Herz des Betrachters erobert, eine tragische Figur, ein Sklave seines eigenen Leibes und Dr. Logans, und trotzdem ein Wesen, das mehr Seele in sich trägt als alle seiner lebenden Zeitgenossen. Wer es bis hierhin noch nicht gemerkt hat: Romeros Zombiezyklus handelt nicht so sehr vom Ende der Menschheit als vom Ende der Menschlichkeit.

 

 

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