land of the dead (george a. romero, kanada/frankreich/usa 2005)

Veröffentlicht: Mai 9, 2015 in Film
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land_of_the_deadWas dem einen sein STAR WARS: EPISODE VII: THE FORCE AWAKENS, ist dem anderen sein LAND OF THE DEAD. Lange Zeit war es mehr als unwahrscheinlich, dass Romero seine im Jahr 1985 mit dem Flop von DAY OF THE DEAD (unfreiwillig?) beendete Zombietrilogie noch einmal erweitern können würde. Savinis Versuch, NIGHT OF THE LIVING DEAD mit seinem gleichnamigen Remake für die Neunzigerjahre zu aktualisieren, scheiterte kläglich. Wenn Zombies in den Neunzigern auf der Leinwand auftauchten, dann meist in Splatterkomödien, die mit Romeros sozialkritischem Impetus nichts mehr gemein hatten. Erst das im neuen Millennium wiedererstarkte Interesse am verstörenden, allegorischen Potenzial der Zombiefigur, das sich in den Erfolgen von Boyles 28 DAYS LATER, Andersons RESIDENT EVIL, Snyders DAWN OF THE DEAD-Remake oder auch Wrights SHAUN OF THE DEAD niederschlug, öffnete eine Tür, die zuvor fest verrammelt schien. Trotzdem war es wie ein bizarrer, wunderbarer Traum, als ich mich im Jahr 2005 mit meiner damals Noch-Nicht-Gattin Leena in einem Düsseldorfer Kino niederließ, um der Vorführung von LAND OF THE DEAD beizuwohnen, wie gesagt 20 Jahre nach DAY OF THE DEAD, der es allerdings nie auf deutsche Leinwände geschafft hatte, 12 nach Romeros letztem großen Kinofilm THE DARK HALF und fünf nach dem zwiespältigen, hierzulande gleich auf DVD verwursteten BRUISER. Ich genoss das überaus seltene Gefühl, dass einem verdienten Filmemacher Gerechtigkeit widerfuhr, dass das ansonsten mit rigoroser Perfektion arbeitende und solche Filme wie LAND OF THE DEAD bedingungslos ausschließende System für einen Augenblick unaufmerksam und durchlässig geworden war, in vollen Zügen. Und das beste: Man musste Romeros Film noch nicht einmal mit Nostalgie verklären. Er zeigte einen Filmemacher, der sich den kritischen Biss, der seine besten Filme ausgezeichnet hatte, auch im Alter von 65 Jahren noch bewahrt hatte und sich auch in einer seit seiner Hochphase völlig veränderten Filmlandschaft noch behaupten konnte.

Kein kleines Wunder, denn Romero musste sich nicht nur mit stark veränderten Produktionsbedingungen (CGI statt praktischer Effekte etc.) arrangieren, sondern vor allem seine Zombie-Allegorie den neuen politischen Gegebenheiten anpassen, und dabei gleichzeitig im Auge behalten, dass das Publikum mitzog. LAND OF THE DEAD ist etwas „glatter“ als die Ursprungstrilogie, verfügt mit Simon Baker über einen attraktiven Heldendarsteller und mit Hopper, Leguizamo und Argento über bekannte Akteure in den Nebenrollen, die die Identifikation erleichtern. Der Film ist wesentlich actionlastiger als sein Vorgänger DAY OF THE DEAD, erinnert in seiner kompakten Story, die die Geschehnisse im Wesentlichen auf einige wenige nächtliche Stunden eindampft, und in seinem Plotverlauf etwas an Carpenters ESCAPE FROM NEW YORK. Die Zombieapokalypse bietet zunächst lediglich den visuell „malerischen“ Hintergrund für die Abenteuer der menschlichen Protagonisten Riley Denbo (Simon Baker) und Cholo DeMora (John Leguizamo), die die verwüsteten Ortschaften im Umkreis der von den Menschen besetzten und befestigten Stadt Pittsburgh im Auftrag des Millionärs Kaufman (Dennis Hopper) nach Lebensmitteln und Luxusgütern absuchen. Bei einem ihrer Streifzüge bemerkt Denbo, dass die Zombies eine neue Entwicklungsstufe zu erklimmen scheinen: Sie beginnen miteinander zu kommunizieren, Werkzeuge zu benutzen und sich zu organisieren. Der Zombie „Big Daddy“ (Eugene Clark) fungiert dabei als Anführer und nimmt im weiteren Verlauf der Handlung den am Horizont leuchtenden Wolkenkratzer „Fiddler’s Green“ ins Visier. Die Plätze in dem Luxushochhaus verkauft Kaufman an die Reichen und Schönen, während die Unterprivilegierten in den Slums zu seinen Füßen mit Zombieschaukämpfen und Glücksspiel bei Laune gehalten werden. Wie weiland Prinz Prospero in Roger Cormans Poe-Adaption THE MASQUE OF THE RED DEATH feiert Kaufman hoch über der Stadt ein dekadentes Freudenfest, während die Welt um ihn herum im Chaos versinkt. Cholo glaubt, er hätte sich mit seiner Loyalität einen der begehrten Plätze verdient, könne dem Dreck und dem Tod, von dem er umgeben ist entkommen, aber er, ein Prolet von der Straße, passt natürlich nicht ins Konzept Kaufmans. Seine Rache, ein Erpressungsversuch, tritt die Handlung in Gang, in dessen Folge die Reste menschlicher Zivilisation von der untoten Invasion wieder einmal dem Erdboden gleichgemacht werden.

Romero hat seine Zombies von Beginn an als Repräsentanten einer rechtlosen Unterschicht oder eines klein gehaltenen Mittelstandes verstanden, die vom Status quo übergangen, unterdrückt, gedemütigt, misshandelt, gefoltert und schließlich getötet wurden. Dieser Status quo erhält in LAND OF THE DEAD in Form des Kapitalisten Kaufman zum ersten Mal ein konkretes Gesicht. Wie ein Kaiser sitzt Kaufman in seinem Turm, lässt sich den Platz in der Sicherheit teuer bezahlen, sorgt dafür, dass die, die ausgeschlossen sind, nicht aufbegehren. Als Cholo droht, ihn mit dem entwendeten Kampfpanzer „Dead Reckoning“ unter Beschuss zu nehmen, ist Kaufmans Reaktion so bekannt wie vielsagend: „We don’t negotiate with terrorists!“ 2005 musste dieser Satz mit dem amtierenden US-Präsidenten George W. Bush assoziiert werden, unter dem die internationalen Beziehungen der USA einer neuen Belastungsprobe unterzogen wurden, tatsächlich ist er ein Standard aus dem Politiker-Wörterbuch, der vor Bush schon von Reagan, nach ihm von Obama bemüht wurde, und damit kennzeichnend für Herrschaft generell ist. Die Kritik aus Romeros „Ur-Trilogie“ wird mit LAND OF THE DEAD sogar noch erheblich verschärft, eine Zweiklassengesellschaft gezeichnet, in der es nur noch die Superreichen und die Besitzlosen gibt, die sich zum Vergnügen der Oberen gegenseitig zerfleischen dürfen. Es sind die Zombies, die sich schließlich gegen ihre Peiniger erheben. Wenn sie da von der anderen Seite des Flusses auf den grell in den Nachthimmel stoßenden Wolkenkratzer starren und den Marsch durch das Wasser antreten, muss die bildliche Parallele zu den Flüchtlingsmassen, die unter prekären Umständen das Mittelmeer überqueren, erschrecken. Noch suchen sie bei uns nur Asyl, wollen etwas von unserem Wohlstand, den wir auch auf ihre Kosten genießen, abhaben, ein menschenwürdiges Leben ohne Hunger und Leid. Wie lange wird es dauern, bis ihre Geduld am Ende ist und sie sich mit Gewalt nehmen, was ihnen verwehrt bleibt? Cholo, der von Kaufman als nicht würdig erachtet wurde, ins „Fiddler’s Green“ einzuziehen, steht am Ende selbst als Zombie vor ihm, um sich für die erlittene Demütigung zu rächen. Er hat das Spielchen lange Zeit mitgespielt, in dem Glauben, dass es eine realistische Chance gibt, es zu gewinnen, hat nach unten getreten und nach oben gebuckelt. LAND OF THE DEAD ist gleichzeitig Warnung und Agitation. Es gibt keine Frage, wo Romeros Sympathien liegen.

Romeros zornige Gesellschaftskritik kommt diesmal im Gewand eines massentauglichen Action-Horrorfilms daher. Das nimmt dem Film etwas die eigene visuelle Note, die NIGHT, DAWN und DAY ohne Zweifel hatten, lässt ihn mehr als das Produkt einer Zeit erscheinen, in der auch der blutigste Splatter nur noch schwerlich zu schocken vermag, weil er bereits entsprechend zielgruppengerecht vermarktet wird. Die Besetzung mit bekannten Gesichtern entbindet den Zuschauer von der Aufgabe, sich erst den Zugang zu ihnen zu erarbeiten: Es ist von Anfang an klar, was von Denbo, Cholo, Slack (Asia Argento) und Kaufman zu halten ist, ihre Charaktere halten keine echten Überraschungen mehr bereit. LAND OF THE DEAD läuft gewissermaßen besser rein, ist leichter verdaulich als der abwechselnd schwungvolle, dann wieder runterziehende DAWN oder der frustrierende DAY. Dass er oberflächlich unterhaltsamer und mehr wie ein typischer „Scareflick“ strukturiert ist, den man sich mir der verängstigten Freundin im Arm anschaut, macht seine schon radikal zu nennende Kapitalismuskritik aber eigentlich noch subversiver als sie es zuvor schon gewesen ist, und wirft die Frage auf, wie dieser Film in dieser Form entstehen konnte. Ein später Höhepunkt des Zombiefilms und eine nicht mehr für möglich gehaltene Rückkehr Romeros zu neuer alter Form. Mehr noch: ein Triumph. Hat der alte Romero Hollywood ein schönes Kuckucksei ins Nest gelegt. Davor kann man nur den Hut ziehen.

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Kommentare
  1. Funxton sagt:

    Natürlich hatte „Day Of The Dead“ als „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ (auch) einen bundesdeutschen Kinoeinsatz.

  2. Funxton sagt:

    Nich schlimm, Jim.

    • Ghijath Naddaf sagt:

      Genau genommen hiess er Zombie 3 – Das letzte Kapitel.
      Weil Zombie 2 in Deutschland schon der Fulci hiess.

      • Ghijath Naddaf sagt:

        Nee, mein Fehler. Es gab in Deutschland wohl zwei Filme die Zombie 2 hiessen.
        Hatte das anders im Kopf.

  3. Marcos sagt:

    GLI ULTIMI ZOMBI, bei uns WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, von Fulci hieß in Italien ZOMBI II und wurde da als direkte Fortsetzung des Romero-Films vermarktet. Romeros dritter Untoten-Film, DAY OF THE DEAD, wurde hierzulande dann verwirrenderweise als zweiter Teil des hier als ZOMBIE gelaufenen DAWN OF THE DEAD veröffentlicht. In Italien wurde dann ein Film mit dem Titel ZOMBI III produziert, der hier dann tatsächlich als ZOMBIE III vermarktet wurde. Das machte die Verwirrung dann perfekt.

    JÄGER DER APOKALYPSE von Margheriti wurde in Italien sogar als Fortsetzung von Ciminos DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN vermarktet.

  4. Oliver sagt:

    Fulcis ZOMBI III ist die Fortsetzung des Zombiefilms mit anderen Mitteln.

  5. Chrisch sagt:

    So sehr ich deinem kleinen Essay über DAWN OF THE DEAD zustimmen konnte, so wenig kann ich manche deiner Aussagen über LAND OF THE DEAD nachvollziehen.

    Den „kritischen Biss“, den du Romero attestierst, kann ich mit Blick auf LAND OF THE DEAD nur schwerlich nachvollziehen.

    Die Bilder, die Romero liefert, könnten doch plumper nicht sein: Der Klassenkampf. Freilich mit den typischen und bereits hundertfach durchexerzierten und immer gleichen Bildern präsentiert:

    Der böse Reiche hat ein Hochhaus, in welchem er dem Luxus fröhnt. Freilich ein Sinnbild des bösen, bösen Kapitalismus. Um ihn herum: Die Armen, die ob ihrer Armut leiden und leiden. Sie werden vom bösen, bösen Kapitalisten unterjocht, klein gehalten und leiden an mangelnder Chancengleichheit.

    Das ist für mich keine lobenswerte Gesellschaftskritik. Das ist simplifzierender Populismus, welcher sich bekannter Allgemeinplätze bedient, um den Zuschauer emotional zu triggern. Eine solche Kritik ist meines Erachtens nichts weiter als eine Potemkinsche Ruine. Die Bilder sind undifferenziert und intellektuell alles andere als bereichernd. Schwarz-Weiß-Malerei und Klischees soweit das Auge reicht, die hier und da mit den nötigen Polemiken gewürzt werden.

    Eine ähnlich ärgerliche und aufgesetzt daherkommende Gesellschaftskritik – respektive Dystopie – kam mir letztens mit dem erschütternd gehaltlosen SNOWPIERCER unter.

    Interessant – das will ich hier nicht verschweigen – sind allerdings deine Gedanken, die herannahenden Untoten als Allegorie der Flüchtlingsmassen zu denken.

    Weiterhin:
    Ich sehe auch nicht, was an der politischen Auffassung „We don’t negotiate with terrorists!“ kritikwürdig sein soll (zumindest meine ich das aus deinen Sätzen herauszulesen).

    Die dahinterstehenden Überlegungen sind rational und realpolitisch überzeugend.
    Zumindest, wenn man der (empirischen) Annahme zustimmt, dass ein Verhandeln mit Terroristen (bspw. indem die Regierung inhaftierte Straftäter auf Drängen der Terroristen freilässt) mit großer Wahrscheinlichkeit zukünftig Terroristen dazu animieren könnte, weitere – ähnlich gelagerte – kriminelle Handlungen auszuführen, die mit der Intention daherkommen, bestimmte Ziele mit Hilfe der Regierung eines Staates zu realisieren. Dies würde das generelle Übel mittelbar befördern.

    Und warum dieser Satz „kennzeichnend für Herrschaft generell ist“ musst du mir auch erklären.

    Darüber hinaus sei abseits des Subtextes (ob das bei LAND OF THE DEAD allerdings die richtige Bezeichnung ist, sei dahingestellt, da recht vieles ob der populistischen Plumpheit der Präsentation doch recht offensichtlich daherkommmt) noch auf ein paar genrelle Unzulänglichkeiten des Filmes hingewiesen:

    Den sich später sogar an der gesprochenen Sprache versuchenden Anführer der Untoten fand ich unfreiwillig komisch, Simon Baker in der Hauptrolle blass und die dramaturgischen Schwächen von Romeros Regie stellenweise unverzeihlich, da er es nicht schaffte, die Hauptprotagonisten an den Zuschauer zu binden, sodass sämtliche dramatischen Szenen weder spannend noch mitreißend waren.

    • Oliver sagt:

      Der Aussage, dass LOTD „plump“ – ich würde vielleicht eher sagen „polemisch“ – und „populistisch“ ist, würde ich gar nicht unbedingt widersprechen. Könnte man das über DAWN und den Zombiezyklus generell nicht genauso sagen? Dort wird eine ethnisch und wirtschaftlich höchst heterogene Masse als hirnlos und „tot“ umherstapfende Masse gezeichnet, die Herrschenden als jene, die mit dem Gewehr rumrennen und sie mitleidlos wegballern. Der Zombiezyklus ist von Anfang an polemisch gewesen und wahrscheinlich auch „populistisch“.

      Es ist richtig, LOTD hat nicht mehr den Biss der Vorgänger, ist glatter, „konsumierbarer“, aber das habe ich auch geschrieben. Mein Text ist eine „Glas halbvoll“-Kritik: Ich sehe über seine Schwächen gern hinweg, weil Romero Wahrheiten anspricht, die so im Hollywood-Kino keinen Platz mehr finden.

      An dem Satz „We don’t negotiate with terrorists“ habe ich grundsätzlich nichts auszusetzen. Das Problem ist halt, dass der Begriff „Terrorist“ definitionsbedürftig ist. Man kann jeden Gegner als „Terrorist“ bezeichnen, sein Anliegen damit kriminalisieren und einen rücksichtslosen Gegenschlag legitimisieren. „Charakteristisch für Herrschaft generell“ ist er eben, weil er nicht nur von GWB geäußert wurde – was in den Rezensionen zum Film damals hervorgehoben wurde – sondern von mehreren US-Präsidenten in vergleichbaren SItuationen. Da wird sich eines bestehenden, vorgeprägten semantischen Bausteins bedient, der bestimmte Assoziationen im Adressaten auslöst und Handlungen vorbereitet. „Terroristen“ sind immer die, die den eigenen Wohlstand bedrohen. Bald sind die Menschen, die vor Armut, Verfolgung und Hunger aus Afrika fliehen wollen die „Terroristen“. Schon jetzt werden Gesetzentwürfe vorgelegt, die den Tod dieser Menschen billigend in Kauf nehmen.

      Darum geht es in LOTD. Dass er sich in seiner Parabel einer eher einfachen Symbolik bedient, würde ich ehrlich gesagt als Stärke betrachten, weil es ihn schärfer und „agitatorischer“ macht. Romero kommt m. E. damit davon, weil der Film sowieso eine Farce ist. Es ist schwierig, einen Zombiefilm als subtile Gesellschaftskritik anzulegen, wenn du mich fragst.

  6. Chrisch sagt:

    „Ich sehe über seine Schwächen gern hinweg, weil Romero Wahrheiten anspricht, die so im Hollywood-Kino keinen Platz mehr finden.“

    Diese Wahrheit hat sich mir allerdings noch nicht ganz erschlossen. Meinst du mit dieser Wahrheit die dem Film inhärente Kapitalismuskritik?
    Falls ja, so würde mich das von dir geäußerte Pauschalurteil, dass es so etwas im heutigen Hollywood-Kino nicht mehr gäbe, nur schwerlich überzeugen. Ich habe letztens THE DARK KNIGHT RISES gesehen und war erstaunt, ob des ganzen Subtextes. Die dort präsentierte Kapitalismuskritik empfand ich um einiges ausgewogener (wenngleich sie freilich auch einfach daherkommt) und vor allem unaufdringlicher als bei LAND OF THE DEAD.

    “ “Charakteristisch für Herrschaft generell” ist er eben, weil er nicht nur von GWB geäußert wurde – was in den Rezensionen zum Film damals hervorgehoben wurde – sondern von mehreren US-Präsidenten in vergleichbaren SItuationen. Da wird sich eines bestehenden, vorgeprägten semantischen Bausteins bedient, der bestimmte Assoziationen im Adressaten auslöst und Handlungen vorbereitet. “

    Zum Thema „Herrschaft generell“: Dieses Urteil ist meines Erachtens nach viel zu weit aufgestellt. Darunter würde ja – so formuliert – jede denkbare Herrschaftsform fallen. Von der Aristokratie bishin zur repräsentativen Demokratie. Es scheint mir doch so, als wenn die verschiedenen Herrschaftstypen zuvordererst durch andere Wesensmerkmale ihre Charakteristik entfalten. Sei es der Wahlmodus, die Involvierung des Volkes, die Frage des Souveräns et cetera.

    “ “Terroristen” sind immer die, die den eigenen Wohlstand bedrohen. Bald sind die Menschen, die vor Armut, Verfolgung und Hunger aus Afrika fliehen wollen die “Terroristen”. Schon jetzt werden Gesetzentwürfe vorgelegt, die den Tod dieser Menschen billigend in Kauf nehmen.“ “

    Das ist mir wiederum ein wenig zu einfach dargelegt. Sicher, im Kern trifft es die Definition, wenn du sagst, dass Terroristen primär den eigenen Wohlstand bedrohen. Aber ich denke nicht, dass Flüchtlinge unter das generelle Verständnis des – sehr schwammigen – Begriffs des Terroristen fallen würden. Primär dürfte diese Definition auf jene angwendet werden, die vorsätzlich Unschuldige bedrohen oder angriffen.

    Die aktuell besonders präsente Flüchtlingsthematik ist realpolitisch allerdings ein schwieriges Terrain, da man sich mit vielen Gerechtigkeitssproblemen konfrontiert sieht. Soll man ein Zeichen setzen und die von Schleppern auf überfüllte und eigentlich seeuntaugliche rustikale Boote verfrachteten Flüchtlinge stets aufnehmen? Dies erhöht allerdings die Hoffnungen und Bereitschaft weiterer potentieller Flüchtlinge das Wagnis einer solch lebensgefährlichen Reise auf sich zu nehmen und scheint keine befriedigende Lösung zu sein. Was also tun? Wie Australien einen rigorosen Anti-Flüchtlings-Kurs durchziehen und auf diese Weise, zumindest mittelbar, die Bereitschaft potentieller Flüchtlinge das Wagnis einer lebensbedrohlichen Reise auf sich zu nehmen, zu verringern?

    Unstreitig untragbar und freilich auf das schärfste zu verurteilen, ist übrigens eine Praxis, von der ich zuletzt las und die (wenn mich meine Erinnerung nicht trübt) ebenfalls Australien betrifft:
    Sofern die Marine Zeuge wird, wie ein Flüchtlingsboot untergeht, sind sie angehalten – obwohl leicht möglich – nicht zu helfen, wenn sich das Boot außerhalb des eigenen Hoheitsgebietes befindet.

    Ob die Position eines Joseph H. Carens (er plädiert für eine – mit gewissen Einschränkungen versehene – Politik der open borders und hat auch einmal die liberalen Positionen eines John Rawls oder Nozick so interpretiert, dass auch mit jenen Konzeptionen die conclusio von open borders zu erreichen wäre) wirklich überzeugend wäre, sei dahingestellt. Für einen fruchbaren Diskurs ist eine dergestalt gelagerte Theorie aber freilich gut geeignet.

    „Es ist schwierig, einen Zombiefilm als subtile Gesellschaftskritik anzulegen, wenn du mich fragst.“

    Das würde ich nicht sagen. Warum sollte es einem Film, der sich einem realistischen Kontext verpflichtet fühlt, eher möglich sein? Ich könnte mir in jedem Genre – von Fantasy bishin in die Gefilde des Subgenre des Zombiefilms subtile Gesellschaftskritik gut vorstellen.

    • Oliver sagt:

      „Meinst du mit dieser Wahrheit die dem Film inhärente Kapitalismuskritik?“

      Ja.

      „Falls ja, so würde mich das von dir geäußerte Pauschalurteil, dass es so etwas im heutigen Hollywood-Kino nicht mehr gäbe, nur schwerlich überzeugen. Ich habe letztens THE DARK KNIGHT RISES gesehen und war erstaunt, ob des ganzen Subtextes. Die dort präsentierte Kapitalismuskritik empfand ich um einiges ausgewogener (wenngleich sie freilich auch einfach daherkommt) und vor allem unaufdringlicher als bei LAND OF THE DEAD.“

      Mag sein, dass sie ausgewogener ist. Und ich empfinde DARK KNIGHT RISES auch als eine Ausnahme.

      „Dieses Urteil ist meines Erachtens nach viel zu weit aufgestellt. Darunter würde ja – so formuliert – jede denkbare Herrschaftsform fallen.“

      Ja, na und? Warum hat das Volk in der Französischen Revolution denn aufbegehrt? Das waren so gesehen, in den Augen der Herrschenden, „Terroristen“.

      „Aber ich denke nicht, dass Flüchtlinge unter das generelle Verständnis des – sehr schwammigen – Begriffs des Terroristen fallen würden.“

      Was macht denn Cholo in LAND OF THE DEAD zum Terroristen? Er befindet sich in einer Zwangslage, weiß, dass ein Leben außerhalb Fiddler’s Green kaum lebenswert ist und möchte sich Zugang zum Tower erkaufen. Der wird ihm jedoch aus Klassengründen verweigert. Er versucht nun, ihn sich mit Gewalt zu verschaffen. Das macht ihn in Kaufmans Augen zum Terroristen. – Irgendwann werden sich die Menschen, die vor Armut, Hunger, Krankheit und in letzter Konsequenz dem Tod entfliehen eben nicht mehr damit begnügen, höflich bei uns anzuklopfen, um sich dann wieder wegschicken zu lassen. Sie werden sich nehmen, was sie haben wollen. Dann wird die westliche Zivilisation sie aus purem Selbstschutz als Terroristen abstempeln.

      „Das würde ich nicht sagen. Warum sollte es einem Film, der sich einem realistischen Kontext verpflichtet fühlt, eher möglich sein?“

      Weil der Zombie ein BIld ist, ein Gleichnis. Und einem bildlichen Vergleich ist inhärent, dass es einen Sachverhalt vereinfacht darstellt. Sonst bräuchte man erst gar kein Bild.

  7. Chrisch sagt:

    „Der wird ihm jedoch aus Klassengründen verweigert. Er versucht nun, ihn sich mit Gewalt zu verschaffen. Das macht ihn in Kaufmans Augen zum Terroristen.“

    Was ja auch auf gewisse Weise nachvollziehbar ist. Er wendet Gewalt an. Kaufman hat in dieser Situation ja geradezu das Recht sich zu wehren.
    Das meine ich mit dieser Plumpheit der Kritik, die mich an diesem Werk Romeros so stört. Es wird so getan, als ob, wenn X nicht funktioniert, sofort zu G – nämlich der Gewalt – gegriffen werden muss und dies wird dann auf gewisse Weise heroisiert. Da schwingt immer dieses befremdliche „triggern“ im Hintergrund mit, welches den Zuschauer zu folgender Einsich bekehren soll: Ja, welche Alternative hatte er denn? Ab einem gewissen Punkt ist Gewalt das einzige Mittel!

    Ich halte im Übrigen Darstellungen, die sich einer krampfhaft einer Darstellung von „die da oben“ und „die da unten“ abmühen für zumindest fragwürdig, da auf gefährliche Weise vereinfachend.

    „Irgendwann werden sich die Menschen, die vor Armut, Hunger, Krankheit und in letzter Konsequenz dem Tod entfliehen eben nicht mehr damit begnügen, höflich bei uns anzuklopfen, um sich dann wieder wegschicken zu lassen. Sie werden sich nehmen, was sie haben wollen. Dann wird die westliche Zivilisation sie aus purem Selbstschutz als Terroristen abstempeln.“

    Es darf dann aber auch darüber nachgedacht werden, ob diese Bezeichnung bei Eintritt einer derartigen Situation nicht auch gerechtfertigt ist. Wenn sie sich nehmen wollen, was sie haben wollen scheinen sie auf jegliche Legitimtät (sei es rechtliche oder moralische) zu pfeifen. Das die westliche Welt vorher Fehler beging und sich eventuell mit berechtigten moralischen Vorwürfen konfrontiert sähe, heißt ja nicht im Umkehrschluss, dass ein Angriff, von den von dir beschriebenen Menschen, legitim ist.
    Sobald sie angreifen sind sie quasi per definitionem Terroristen und der Angegriffene wird sich schon qua Notwehrrecht verteidigen.

    Dein letzter Satz – korrigiere mich, wenn ich falsch liege – des von mir zitierten Passus klingt so, als klänge da ein – „Westliche Welt, ihr seid selber Schuld, wenn das eintritt. Die Angreifer haben auf Grund eurer vorherigen Verfehlungen in jenem Fall das Recht auf ihren Angriff. Anstatt sich das jedoch einzugestehen, würdet ihr sie aber obendrein als Terroristen bezeichnen.“ – durch.

    „Weil der Zombie ein BIld ist, ein Gleichnis. Und einem bildlichen Vergleich ist inhärent, dass es einen Sachverhalt vereinfacht darstellt. Sonst bräuchte man erst gar kein Bild.“

    Ach so meinst du das. In diesem Fall würde ich dir zustimmen. Sofern die Kritik über den Zombie selbst transportiert wird, sind Vereinfachungen wohl bis zu einem gewissen Grad erforderlich.

    Aber ich dachte eher an einen Film, in welchem Zombies nicht der zentrale Aspekt sind. Ich könnte mir einen Film wie WALL STREET vorstellen, der sich trotzdem der Zombiethematik bedient. Zombies gibt’s halt in dieser mir vorgestellten Welt, aber sie dienen nur dazu hier und da eine spannende Szene zu generieren. Die Zombies wären dann aber absolute Nebendarsteller und nicht der Transporteur der Kritik.

    Einen ähnlichen Weg geht ja auch THE WALKING DEAD. Die Welt ist jederzeit problemlos ohne Zombies – als „normale“ Endzeitvision – vorstellbar, da jene eigentlich nur die Aufgabe haben für ein paar Actionszenen herzuhalten. Im Grunde genommen geht es nur um die Menschen, ihre Konflikte und ihre Perspektiven in dieser Endzeit.

    • Oliver sagt:

      „Ich halte im Übrigen Darstellungen, die sich einer krampfhaft einer Darstellung von “die da oben” und “die da unten” abmühen für zumindest fragwürdig, da auf gefährliche Weise vereinfachend.“

      Sind sie ja auch. Deswegen habe ich LAND auch als „agitatorisch“ bezeichnet.

      „Das die westliche Welt vorher Fehler beging und sich eventuell mit berechtigten moralischen Vorwürfen konfrontiert sähe, heißt ja nicht im Umkehrschluss, dass ein Angriff, von den von dir beschriebenen Menschen, legitim ist. Sobald sie angreifen sind sie quasi per definitionem Terroristen und der Angegriffene wird sich schon qua Notwehrrecht verteidigen.“

      Du verstehst den entscheidenden Punkt nicht. Es geht nicht darum, was „legitim“ ist. Es geht darum, dass die Haltung der Kaufmans die Welt ins Verderben stürzen wird, weil der Menscht tut, was er tun muss, um zu überleben. Wenn ihm die Ressourcen dazu verwehrt werden, wird er aggressiv. Wenn es zu dem Konflikt kommt, den LAND schildert und den ich skizziert habe, ist es egal, wer „Recht“ hat. Weil die Welt dann brennen wird. Es hilft nicht weiter, in Gut-Böse- oder Drin-Draußen-Kategorien zu denken. Unser Wohlstand ist zu nicht geringen Teilen darauf gebaut, dass andere nichts haben. Das ist auch eine Form der Aggression.

  8. Chrisch sagt:

    Okay, aber dann verstehe ich nicht, warum ein Satz wie „Wir verhandeln nicht mit Terroristen“ so prominent erwähnt wird. Es wird ja geradezu so getan, als würde, wann immer eine Gruppierung mit differenten Ansichten und Forderungen auftritt, sofort zu einer Diffamierung gegriffen, die all jene umgehend als „Terroristen“ bezeichnet.

    Aber es ist in diesen Fällen keine Diffamierung, da sie in den konkreten – bereits durchgespielten – Szenarien ja tatsächlich legitimerweise als Terroristen bezeichnet werden. Im Endeffekt ist eine solche Bezeichnung sogar völlig obsolet, da ja nur zur Verteidigung gegriffen wird.

    • Oliver sagt:

      Weil es in LAND OF THE DEAD um die immensen Kollateralschäden geht, die der Kapitalismus anrichtet, und um die möglicherweise drastischen Folgen, die wir zu erwarten haben. Etwas, was sich zum Beispiel während der Regierungszeit, in der die USA in zwei Kriege gegen Terroristen involviert war, zeigt.

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