diary of the dead (george a. romero, usa 2007)

Veröffentlicht: Mai 10, 2015 in Film
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Mit LAND OF THE DEAD erwies sich George A. Romero im Alter von 65 Jahren als scharfer Kapitalismuskritiker, der sich seinen Biss trotz dritter Zähne bewahrt hatte, und schaffte das Wunder, auch nach 20 Jahren an die hohe Qualität seiner legendären Zombietrilogie anknüpfen zu können. Mit DIARY OF THE DEAD versetzte er jenen seiner Zuschauer, die nun verständlicherweise glaubten, Romero könne mit „seinen“ Zombies einfach nichts falsch machen, einen herben Dämpfer. Teil 5 des Zyklus, im Stile der seit dem Erfolg von THE BLAIR WITCH PROJECT reüssierenden Found-Footage-Filme inszeniert, zeigt einen Filmemacher, der mit seinem Thema – irgendwas mit Medien – hoffnungslos überfordert ist und leider auch als Erzähler auf ganzer Linie versagt. DIARY OF THE DEAD beginnt schwach und von da an geht es 90 Minuten lang abwärts.

Anstatt seinen Zyklus chronologisch fortzusetzen, wie er das bisher mit jedem neuen Teil getan hatte, springt Romero mit DIARY OF THE DEAD zum Ausbruch der Zombieseuche zurück, die er jedoch in die Gegenwart verlegt. Die erste Attacke sehen wir durch das Objektiv einer Fernsehkamera, danach wendet er sich einer Gruppe Filmstudenten zu, die bei den Dreharbeiten zu einem Mumienhorrorfilm (eine von vielen unerklärlichen Entscheidungen) von Nachrichten über die Apokalypse überrascht werden. Sie besteigen ihr Wohnmobil und begeben sich auf die Fahrt nach Hause, quer durch entvölkerte Landstriche, die Kamera, die alles für die Nachwelt festhalten soll, immer im Anschlag. Via Voice-over-Narration wird viel über die Unglaubwürdigkeit der Medien und über Manipulation schwadroniert, immer wieder erklärt, dass das neue Filmmaterial irgendwo im Netz hochgeladen werde, um dieser Manipulation etwas Wahrhaftigkeit entgegenzuhalten, aber all das wirkt wie nachträglich übergestülpt und ergibt im Kontext des Filmes keinerlei Sinn: Diese Manipulation, von der da geredet wird, findet im Film einfach nicht statt, es gibt keinerlei Beleg für die immer wieder konstatierte Unzuverlässigkeit der Bilder. Man ahnt zwar, was Romero meint, weil die Protagonisten Wirklichkeit durch das ständige „Draufhalten“ selbst konstruieren, anstatt sie nur abzubilden, aber richtig entwickelt wird das nicht. DIARY OF THE DEAD verdient sich die Bedeutungsschwere, mit der er aufgeladen ist, zu keiner Sekunde. Die Roadmovie-typische Episodenhaftigkeit, das miserable Spiel der Darsteller, ihre durch die Bank unsympathischen und schablonenhaften Protagonisten, die grauenhaft steifen Dialoge, die fehlgeleiteten Ausflüge Richtung Splatterkomödie: Das alles ergibt niemals ein homogenes Bild, außer dem eines konfusen Fehlschlags, bei dem der Regisseur schon früh die Zügel aus der Hand verloren hatte – wenn er denn überhaupt jemals wusste, was er eigentlich sagen wollte. Der Film macht den Eindruck, als wollte Romero sich an einem von ihm für irgendwie „modern“ und „innovativ“ gehaltenen Stil versuchen, ohne diesen jedoch jemals wirklich verstanden zu haben. Die Möglichkeiten der Affektsteuerung, des Spannungsaufbaus und der Überraschung, die der Found-Footage-Stil bietet und die ihn auszeichnen, werden zu keiner Sekunde auch nur annähernd ausgeschöpft, die inflationäre Erwähnung von Internet und Youtube wirkt wie das verzweifelte Buhlen um die Aufmerksamkeit der „Kids“. Als wollte Thomas Gottschalk erklären, was Hip-Hop ist. Furchtbar.

Ich habe DIARY OF THE DEAD gestern zum ersten Mal seit seinem Einsatz bei den Fantasy Filmfest Nights 2008 gesehen, wo er mir seinerzeit sogar ganz gut gefallen hatte. Ich kann mir das heute nur noch mit der damals vorherrschenden Freude darüber erklären, einen weiteren Zombiefilm aus der Romero-Schmiede auf großer Leinwand sehen zu können, mit einem Fehlen kritischer Distanz. Die Sichtung gestern hielt nicht nur eine herbe Ernüchterung bereit, sie war eine von Minute zu Minute größer werdende Qual. Es ist Romeros schlechtester Film und bisher der schlimmste, den ich in diesem Jahr gesehen habe. Ein Desaster.

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