welcome to new york (abel ferrara, usa/frankreich 2014)

Veröffentlicht: Mai 12, 2015 in Film
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Als Dominique Strauss-Kahn, geschäftsführender Direktor des IWF, am 14. Mai 2011 wegen Vergewaltigungsvorwürfen in New York festgenommen wurde, endete damit eine politische Karriere, die ihren Höhepunkt in der Wahl zum französischen Präsidenten hatte finden sollen. Zwar wurde Strauss-Kahn wegen der angeblichen Unglaubwürdigkeit des Opfers freigesprochen, doch an seinem Ruf eines notorischen Sexprotzes – im Zuge des Prozesses kamen weitere Delikte ans Tageslicht, 2015 wurde er wegen schwerer Zuhälterei angeklagt – konnte der Freispruch nichts ändern.

Mit WELCOME TO NEW YORK nimmt sich der New Yorker Filmemacher Abel Ferrara des Falles an. In drei dem Film vorangestellten Texttafeln gesteht er, dass der Inhalt seines Filmes spekulativ ist, keinen Anspruch erhebt, die Geschehnisse so nachzubilden, wie sie sich ereignet haben. Ein darauf folgendes kurzes – und gestelltes – Interview mit dem Hauptdarsteller Gérard Depardieu („Warum haben Sie diese Rolle angenommen?“ „Weil ich den Mann nicht leiden kann.“) unterstreicht den mit den Tafeln erläuterten Ansatz. Statt Immersion und Authentizität strebt Ferrara Distanz und Reflexion an. Und er gesteht mit den Worten Depardieus, dass der Film seinem Objekt – das er Devereaux nennt (dieser Text stellt eine interessante Parallele zu Jean-Claude Van Dammes gleichnamigem Charakter aus UNIVERSAL SOLDIER her) – nicht unvoreingenommen begegnet, ihm gar nicht unvoreingenommen begegnen kann und das auch nicht unbedingt vorhat. Die Frage, ob Strauss-Kahn/Devereaux unschuldig war, die Details der Gerichtsverhandlung, interessieren Ferrara nicht im geringsten: Er zeigt die Vergewaltigung des Zimmermädchens, zeichnet seinen Protagonisten als einen wahren Sexbesessenen, der von der Lust regelrecht übermannt wird und in diesem Moment jeglichen Anstand, jede Zurückhaltung fahren lässt. Sein fetter Leib, sein gutturales Grunzen, das Keuchen bei der geringsten Anstrengung zeigen einen Mann, der sich nimmt, was er will, gegen jede Vernunft, gegen jede Moral. Trotzdem ist WELCOME TO NEW YORK mehr als eine Abrechnung mit einem gewissenlosen Machtmenschen und Kapitalisten.

Devereaux kennt keine Beschränkungen in seinen Wünschen. Sex ist für ihn so selbstverständlich wie das Atmen, und er ist es gewohnt, dass schöne Frauen jederzeit verfügbar und willig sind. Geschäftspartner werden noch in seinem Büro mit Prostituierten versorgt („You want a blowjob?“), zurück im Hotel feiert er dann mit Freunden und euphorisierten Nutten mehrere wilde Orgien hintereinander. Eine attraktive Frau ist für Devereaux in erster Linie eine potenzielle Gespielin und er hat keine Hemmungen, seine Wünsche ganz offen mitzuteilen. Als seine Tochter (Marie Mouté) ihm in einem New Yorker Restaurant ihren neuen Freund vorstellt, fragt er ihn sofort, wie der gemeinsame Sex sei. Manche Frau ist durchaus empfänglich dafür – die schöne Kunststudentin, die er in einer Ausstellung kennenlernt und mit der er einen intimen, durchaus liebevollen Nachmittag verbringt –, andere, wie eben das Zimmermädchen, reagieren panisch auf seine körperliche Zudringlichkeit, ohne dass sich Devereaux jedoch wirklich davon beeindrucken ließe. Seine Gattin Simone (Jacqueline Bisset), eine wohlhabende Frau, die wutentbrannt nach New York eilt, um ihm zu helfen, obwohl sei weiß, dass die Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen, wirft ihm einmal vor, wie ein kleines Kind zu sein. Es stimmt: Er nimmt sich, worauf er Lust hat, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, die Einwilligung des Gegenübers ist für den Vollzug nicht notwendig, weil es zuerst um seine Befriedigung geht. Er hat ein Anrecht auf Befriedigung. Devereaux ist ein Moloch, ein schwarzes Loch, das alles verschlingt, worauf er Appetit hat. Und das ist eine Menge. Damit einher geht aber auch ein gewisses Mitleid des Zuschauers: Devereaux gewinnt keine zusätzliche Lust an der Unterwerfung anderer, es geht ihm nicht um die Überwältigung und Erniedrigung der Frauen, die er überfällt. Sein Problem ist, dass er ihr „Nein“ einfach nicht akzeptieren mag und nicht in der Lage ist, aus seinen Erfahrungen zu lernen. Vor Simone beteuert er seine Unschuld, behauptet, er habe das Zimmermädchen nicht gezwungen, ihn zu blasen. „I just jerked off on her mouth“, sagt er. Das ist bei ihm eine Entschuldigung.

An Strauss-Kahns Schuld besteht für Ferrara, wie gesagt, kein Zweifel. Was ihn interessiert, ist der Mensch hinter der Tat zum einen, die Reaktion des Systems zum anderen. Hier kommt der Titel mit seiner bitteren Ironie ins Spiel. Denn im Prozess, der Devereaux gemacht wird, dreht das System den Spieß gnadenlos um. Die Szene, in der sich der Häftling vor den Gefängnisbeamten entkleiden muss, wird demütigend in die Länge gezogen, die Strafe setzt schon ein, bevor Devereauxs Schuld überhaupt bewiesen ist. Mit sadistischer Freude wird das hohe Tier zurechtgestutzt, ganz egal, ob es um den Telefonanruf geht, der ihm ohne jede Begründung verwehrt wird, ob er mit grimmigen Gewaltverbrechern in einer Zelle gesteckt wird (zum Abschied bekommt er einen liebevollen Schulterklopfer als Respektsbekundung, weil er unter de bösen Blicken nicht zusammengebrochen ist) oder ob das Gericht ein Exempel an ihm statuieren will, indem es keine Kaution aussetzt. Die Macht ist in Ferraras Film ein heimtückisches, launisches Tier. Sie ermöglicht Devereaux ein Leben in Saus und Braus, droht ihn aber auch zu verschlingen, als er gegen die Spielregeln verstößt. Der Fall Strauss-Kahn war weit mehr als nur ein Vergewaltigungsprozess, das macht WELCOME TO NEW YORK sehr deutlich.

Ein Wort noch zur deutschen Blu-ray-Veröffentlichung: Ferraras Film kommt mit einer überaus befremdlichen FSK-12-Freigabe daher, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Die erste halbe Stunde, die sich mit dem sexuellen Vorlauf der Vergewaltigung befasst, ist so explizit, wie ein Film jenseits der Hardcore-Pornografie sein kann und der Anblick des fettleibigen, grunzenden Depardieu mit seinem Altherrenarsch und dem darunter baumelnden Pimmel allein, birgt schon genug verstörendes Potenzial, um einem Zwölfjährigen schlaflose Nächte zu bescheren. Mal ganz davon abgesehen, dass WELCOME TO NEW YORK inhaltlich viel zu komplex, mit seinen Zwielichtbildern viel zu beunruhigend ist, um ihn im Familienkreise als erbauliche Abendunterhaltung goutieren zu können. Aber gut. Eine Frechheit hingegen ist es, diesen Film, dessen Dialoge zu schätzungsweise 30 – 40 % auf Französisch sind, ohne jede Untertitelspur anzubieten. Wer wie ich des Französischen nicht mächtig ist, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Film gleich ganz in der deutschen Synchronfassung zu schauen oder aber die entsprechenden Szenen später noch einmal nachzuholen. Ganz ehrlich, eine deutsche Untertitelspur sollte bei DVDs/Blu-rays eigentlich Standard sein.

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