blue ruin (jeremy saulnier, usa/frankreich 2013)

Veröffentlicht: Mai 15, 2015 in Film
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Das Thema „Rache“ verfügt über eine lange Tradition filmischer Bearbeitungen, von denen zahlreiche längst zu Klassikern avanciert sind. Mit John Fords THE SEARCHERS nimmt sich einer der wahrscheinlich größten, prägendsten US-amerikanischen Klassiker überhaupt dieses Themas an, zeichnet mit John Waynes Ethan Edwards einen Mann, der von seinem tiefen Bedürfnis nach alttestamentarischer Gerechtigkeit förmlich aufgefressen wird. Der Western und speziell der Italowestern mit Beiträgen wie Corbuccis DJANGO und IL GRANDE SILENZIO griffen das Thema begeistert auf, bevor es vor allem in den Siebzigerjahren, einer Zeit, die von Misstrauen gegenüber der amerikanischen Regierung und damit verbundener tiefer Resignation geprägt war, eine echte Renaissance erfuhr. Vorbild war Charles Bronsons Darbietung als die Straßen des nächtlichen Manhattan säubernder Vigilant Paul Kersey in Michael Winners Skandalfilm DEATH WISH. Der Exploitationfilm nahm die Steilvorlage begeistert auf und flutete die Kinos daraufhin mit wütenden Mittelstandsbürgern, frustrierten Vietnamveteranen oder geschändeten Frauen, die mit dem Rape-and-Revenge-Film gleich ihr eigenes Rachefilm-Subgenre erhielten. Einige der bekanntesten Vertreter des Genregrenzen sprengenden Rachefilms sind John Flynns ROLLING THUNDER, Sam Peckinpahs STRAW DOGS, Mike Hodges‘ GET CARTER (mit Michael Caine, der vor einigen Jahren als HARRY BROWN in einer Rentnervariante mitspielte), James Glickenhaus‘ THE EXTERMINATOR, Wes Cravens THE LAST HOUSE ON THE LEFT oder Meir Zarchis I SPIT ON YOUR GRAVE. Bis heute hat sich der „Rachefilm“ als eigenes Subgenre des Actionfilms und Thrillers behauptet, fand in den vergangenen Jahren/Jahrzehnten mit Titeln wie etwa Tony Scotts REVENGE oder MAN ON FIRE, der Rachetrilogie von Park Chan-wook bestehend aus SYMPATHY FOR MR. VENGEANCE, OLDBOY und SYMPATHY FOR LADY VENGEANCE, Pierre Morels TAKEN, James Wans DEATH SENTENCE, Kim Jee-woons I SAW THE DEVIL oder den Filmen Quentin Tarantinos, etwa KILL BILL VOL. 1 und VOL. 2, INGLOURIOUS BASTERDS oder DJANGO UNCHAINED, mehr oder weniger bedeutende Aktualisierungen. Im Zentrum all dieser Filme steht sowohl die Frage nach der ethischen Rechtfertigung der Rache als auch nach den seelischen Folgeerscheinungen: Die meisten zeigen emotionales Verständnis für das Rachebedürfnis, zeichnen den Rächer als auf der Klinge tanzenden Charakter, der jeglichen Halt verloren hat, lassen dabei jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass Rache niemals eine echte „Lösung“ darstellen kann. Meist ist Rache nur der Anfang eines unaufhaltsamen Sturzes in eine nicht enden wollende Gewaltspirale.

Man sollte angesichts dieser langen Tradition meinen, dass dem Thema längst nichts Neues mehr hinzuzufügen ist. BLUE RUIN fungiert als schlagkräftiges Gegenargument: Auch wenn er erwartungsgemäß keine Revolution darstellt – wie wäre das auch möglich? –, so ringt er dem Thema durch geschickte Variationen und eine vor allem in Hinblick auf die Darbietung seines sensationellen Hauptdarstellers enorm einfühlsame Inszenierung doch neue Perspektiven ab. Regisseur Saulnier befreit das Rachethema zunächst von (fast) jeder exploitativen Übersteuerung und versucht es auf ein realistisches Fundament zu stellen. Sein Protagonist, der Mitt- bis Enddreißiger Dwight (Macon Blair) wurde durch den mehrere Jahre zurückliegenden Mord an seinen Eltern komplett aus der Bahn geworfen, als Vagabund lebt er unter armseligen Verhältnis ziellos ins Morgen, die Beziehung zu seiner Schwester hat er abgebrochen. Als er von der Freilassung des Mörders erfährt, geht ein Ruck durch ihn: Sofort trifft er alle Vorbereitungen, die Tat auf seine Art zu sühnen, rafft seine wenigen Habseligkeiten in seinem vor sich hin rostenden Wrack eines Autos zusammen und begibt sich auf die Reise. Die Rache glückt, wenn auch nicht so sauber wie geplant, doch damit ist der Fall längst nicht abgeschlossen. Der Killer gehörte zu einer kaum weniger gewalttätigen Familie, die nicht lange braucht, um herauszufinden, wer für die Bluttat verantwortlich zu machen ist.

Online-Rezensionen wie diese betonen die „Unfähigkeit“ des Protagonisten als Besonderheit von Saulniers Rachefilm. Es stimmt: Dwight ist ein ruhiger, schüchterner, eher unkörperlicher Typ, der für sein Vorhaben auf keinerlei eigene Erfahrungen zurückgreifen kann. Mal zeigt sein Plan erhebliche Lücken, dann wieder versagt er bei dessen Ausführung. Aber mehr, als den eiskalten Rächern anderer Filme lediglich einen anderen, realistischeren Typen gegenüberzustellen, weisen die Pannen, die Dwights Weg säumen, auf ein generelles Problem der Rache: Sie ist niemals sauber, sie geht nie auf, die Bilanz am Ende ergibt niemals null. Die Fehler Dwights sind nur zwangsläufige Begleiterscheinungen eines „Geschäfts“, für das es keinen Masterplan gibt. BLUE RUIN entspricht dieser Erkenntnis erzählerisch, indem sich der Großteil des Films eben nicht der Rache, sondern der Auseinandersetzung mit ihren Nach- und Nebenwirkungen beschäftigt. Was eigentlich ein Ende sein sollte, ist tatsächlich nur der Anstoß für eine rasante, unaufhaltsame Eskalation mit blutigen Folgen. Besser als andere, reißerischere, actionlastigere Filme zeigt Saulnier damit, was eigentlich gemeint ist, wenn lapidar davon gesprochen wird, dass Gewalt „keine Lösung“ sei oder „Gegengewalt erzeuge“. Was ihm aber ebenfalls besser gelingt als anderen, ist es das Bedürfnis nach Rache als tiefen, alles verzehrenden Trieb zu zeichnen. Dwight befindet sich vom Moment der Ermordung seiner Eltern bis zum Erhalt der Nachricht über die Freilassung des Killers in einer Art Limbo, in dem er zu keinerlei „produktiven“ Leben in der Lage ist. Das Gespräch mit seiner Schwester – vielleicht die emotional stärkste Szene des Films – zeigt zwei Menschen, die durch die für sie unbegreifliche Tat in ihrem tiefsten Inneren beschädigt wurden und nun jeder auf seine Art und Weise darum kämpfen, in die Normalität zurückkehren zu können. Dwight unterscheidet sich vom heißlaufenden Rächer Paul Kersey, der mehr oder weniger im Affekt handelt, durch seine Ruhe: Er hat sich insgeheim seit Jahren auf seine Tat vorbereitet und auch, wenn er nicht den Erfolg seines „Kollegen“ verzeichnet, am Ende einen hohen Preis bezahlt, so hat man doch das Gefühl, dass er mit sich und seiner Tat im Reinen ist. Dwights Untergang wurde nicht erst durch die Rache, sondern schon viele Jahre zuvor eingeleitet.

Ein interessantes Interview mit Jeremy Saulnier zu BLUE RUIN gibt es hier zu lesen.

 

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