the guest (adam wingard, usa/großbritannien 2014)

Veröffentlicht: Mai 16, 2015 in Film
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„Deine blauen Augen machen mich so sentimental“, sang Annette Humpe im Hit „Blaue Augen“ zu Beginn der Achtzigerjahre in ihren Bands Neonbabies und Ideal. Strahlende blaue Augen gelten nicht nur als Schönheitsideal, sie sind auch Objekt beinahe mystischer Verklärung und als solches gerade für Schauspieler ein Pfand, mit dem sich gut wuchern lässt. Dan Stevens‘ Interpretation des vermeintlichen Irak-Heimkehrers David, der im Haus der Familie Peterson – Vater Spencer (Leland Orser), Mutter Laura (Sheila Kelly), Tochter Anna (Maika Monroe) und Sohn Luke (Brendan Meyer) – einkehrt, um ihnen von ihrem gefallenen Sohn auszurichten, dass dieser sie alle geliebt habe, basiert auf diesem Blick, entwaffnend und duchdringend, beruhigend, vertrauensvoll und einfühlsam, aber in dieser Qualität gleichzeitig drohend und aggressiv. „It starts with the eyes, incandescent blue—dreamy and seductive one moment, cold and alien the next. It all depends on the inflection. […] Director Adam Wingard surely understood the effect blue eyes have on the other characters—and, just as crucially, on the audience. Everyone wants to believe that this stranger has good intentions, because his presence is so confident and reassuring […]“ 

THE GUEST variiert die Ausgangssituation von Bob Clarks DEAD OF NIGHT (aka DEATHDREAM) und entbindet sie ihrer übernatürlichen Elemente (die sie der Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“ von W. W. Jacobs verdankt): In jenem Film kam der totgeglaubte Sohn aus dem Vietnamkrieg zurück, um sich nach anfänglicher Freude als vampirisches Wesen zu entpuppen. Hier ist es zwar nur ein vermeintlicher Freund jenes gefallenen Sohnes, doch er sucht diesen zu ersetzen und erweist sich dabei als kaum weniger tödlich. Das Eindringen dieses Fremden, die selbstbewusste, fast sadistisch zu nennende Art, auf die er die Mutter sehr direkt und ohne jede Zurückhaltung mit dem noch kaum verarbeiteten Tod ihres Sohnes konfrontiert, stellen eigentlich eine unverhohlene Provokation dar, die ihm jedoch aufgrund seines selbstbewussten Auftretens und seiner verbindlichen Art verziehen wird. Im weiteren Verlauf erschleicht er sich gegen jede Vernunft das Vertrauen aller Familienmitglieder, indem er ein offenes Ohr spendet, im täglichen Kampf gegen die Highschool-Bullies tatkräftige Hilfe leistet und natürlich, indem so verdammt attraktiv ist. Er wird zum Sohn und Bruder 2.0 und zur potenziellen Erfüllung aller weiteren Wünsche, die der Verstorbene aufgrund seiner Blutsverwandtschaft nie erfüllen konnte. Wenn sich David dann schließlich als gefährlicher Psychopath entpuppt, wenn sein finsteres Geheimnis ans Tageslicht dringt und die bewaffneten Spezialeinheiten sich vor der Haustür der Petersons versammeln, um dem Entflohenen Einhalt zu gebieten, ist das eine zunächst etwas enttäuschende Trivialisierung einer Figur, die umso greifbarer schien, je mehr ihre Biografie im Dunkeln blieb. Aber das scheint auch Wingard so zu sehen: Im Finale, in dem er die beiden Peterson-Kids vor dem Hintergrund der für den anstehenden Ball aufwändig geschmückten Highschool mit dem Killer konfrontiert, kehrt er zum andeutungsreichen, märchenhaften Symbolismus der ersten Hälfte zurück. THE GUEST bewahrt sich seine Geheimnis. Wer dieser verstorbene Bruder wirklich war, welche Rolle er in der Familie einnahm, was er für jeden der Petersons bedeutete, bleibt völlig im Dunkeln. Und die Erklärung, was es mit diesem David auf sich hat, wirft weder ein erhellendes Licht auf die Funktion, die ihm in der trauernden Familie zukommt, noch warum er sich diese überhaupt ausgesucht hat.

Einmal heißt es über David, er sei dazu programmiert, das Geheimnis seiner Identität zu wahren. THE GUEST bleibt elusiv wie sein Hauptcharakter. Starker Film.

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