mad max: beyond thunderdome (george miller/george ogilvie, australien 1985)

Veröffentlicht: Mai 20, 2015 in Film
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Im Ton markiert MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME einen harten Bruch gegenüber den ruppigen, elliptischen, reduzierten ersten beiden Teilen. Er ist leichter, positiver, auch lustiger, ließe sich durchaus mit dem Begriff „Familienunterhaltung“ charakterisieren und scheint sich nicht nur mit dem Stamm allein gelassener Kinder, auf die Max bei seiner Odyssee trifft, an jüngere Zuschauer zu wenden. Ob diese Entwicklung dem Zeitgeist geschuldet war – mich erinnert BEYOND THUNDERDOME in seiner Verbindung von leichtfüßiger Action, fantastischen Elementen und comichaftem Humor sehr an die ersten beiden Indiana-Jones-Filme (sogar das in Brauntönen gehaltene Poster sieht so ähnlich aus) und aufgrund seiner deutlichen Parallelen zu „Peter Pan“ an Spielberg generell –, oder ob Miller, dem ungefähr dreimal so viel Geld zur Verfügung stand wie für MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR, den Druck der Geldgeber spürte, darüber lässt sich wohl nur spekulieren. Auch darüber, ob die Rechnung aufging, kann man durchaus geteilter Meinung sein: MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME war ein finanzieller Erfolg, erntete auch durchaus wohlwollende Kritiken, gilt vielen Verehrern der beiden Vorgänger heute aber beinahe schon als Sakrileg, als unentschuldbarer Exkurs Richtung Hollywood-Bullshit. Ich denke, die Wahrheit liegt wie so oft zwischen den Extremen.

Inhaltlich stellt MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME ein Spiegelbild des unmittelbaren Vorgängers dar: Wie dort fungiert Max (Mel Gibson) als Führer, der einer Gruppe von Menschen, die noch nicht resigniert haben, sondern an eine Zukunft glauben, hilft, ihr Ziel zu erreichen. Bei dieser Gruppe handelt es sich diesmal um halbwild in einer Art Oase lebende Kinder, die dort nach einem Flugzeugabsturz gelandet sind und ihre Eltern mittlerweile überlebt haben. Als seine Gegner fungieren die Schergen von Aunt Entity (Tina Turner), die eine Siedlung namens Bartertown befehligt, einen Ort voller Halsabschneider und zwielichtiger Gestalten. Entity liegt dort zu Beginn des Films im Clinch mit dem MasterBlaster, einem Lilliputaner (Angelo Rossitto), der in einer symbiotischen Verbindung mit einem riesenhaften Schwachkopf (Paul Larsson) lebt und Entity mit der Kontrolle über die auf Schweinedung beruhende Energieversorgung der Stadt erpresst. Sie gewinnt Max dafür, in der titelgebenden „Donnerkuppel“ gegen den Blaster zu kämpfen und ihre Herrschaft zu sichern. Als Max den Todesstoß verweigert, weil er sieht, dass der Blaster ein geistig Behinderter ist, wird er von Entity in die Wüste verbannt, wo ihn die Kinder finden und in ihm den mythischen Retter „Captain Walker“ erkennen, der sie ins gelobte Land führen soll. Weil Max an dieses gelobte Land nicht glaubt und weiß, welche Gefahren auf die Kinder lauern, verweigert er zunächst die Hilfe. Doch natürlich ändert er seine Meinung, natürlich kommt es am Ende zur erneuten Konfrontation mit Entity und ihrer Armee, natürlich obsiegt der Held und hilft den Kindern (zumindest einigen von ihnen) auf den Weg, natürlich bleibt er zurück. Das Finale zeigt, wie die Kinder sich im vollkommen zerstörten Sidney niederlassen, um dort eine neue Zivilisation zu begründen. Max wird für sie zu einer Art Messias, an den sie sich in Erzählungen erinnern.

MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME ist nach den pessimistischen ersten Installationen der Reihe deutlich hoffnungsvoller und verspielter. In Bartertown mögen sich üble Gesellen und Verbrecher herumtreiben, wirklich furchteinflößend wie der Psychopath Toecutter aus MAD MAX, der hysterisch kreischende Wez oder der gesichtslose Lord Humungus aus MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR sind sie aber nicht. Das liegt auch daran, dass sich die Menschheit in diesem dritten Teil bereits in der Neugründungsphase befindet. Der Grundstein für eine neue Zivilisation wurde gelegt und selbst wenn Entity und ihre Untergebenen auch tendenziell schurkische Pläne verfolgen, so handeln sie im Wesentlichen zweckorientiert und rational. Dem Kampf in der Donnerkuppel (den man als Hommage an das Hongkong-chinesische Wire-Fu verstehen kann, mehr als ein Jahrzehnt, bevor es von Hollywood-Blockbustern begeistert aufgegriffen wurde), aber auch der obligatorischen Verfolgungsjagd am Ende fehlen demzufolge der Wahnsinn, das Gefühl des totalen Chaos, das ihren Pendants in den ersten beiden Filmen den Drive gab. Die Dringlichkeit ist weg, stattdessen bemüht Miller einen cartonnesken Humor, der bisweilen an alte Slapstick-Nummern oder Road-Runner-Cartoons erinnert. Ironbar (Rose-Tattoo-Frontmann Angry Anderson), Entitys henchman, darf gleich mehrfach anscheinend das Zeitliche segnen, bevor er sich dann nach etlichen Auferstehungen mit dem alten, heute eher Fremdscham evozierenden Toter-zeigt-Stinkefinger-Gag aus dem Film verabschiedet. Und Max verwandelt sich vom geisterhaften Phantom, vom ziellos die Ödnis patroullierenden Drifter, zum fast selbstironischen Anachronismus: Die Welt ist längst weitergezogen, nur Max kommt aus der alten Masche nicht raus.

Im Zentrum stehen ganz klar die Kinder, und auch wenn MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME mit ihrer Etablierung endgültig in den Bereich der Spielbergianischen Peter-Pan-Hommage abgleitet, finden sich in diesem Teil des Films die interessantesten Ideen. Die Kinder haben in der Einsamkeit ein eigenes Vokabular und eine eigene Grammatik entwickelt sowie einen Erlösungsmythos, den sie sich immer und immer wieder erzählen, um an ihrer Hoffnung festzuhalten. Im Videozeitalter geprägt, betrachten sie ihre in Höhlenbildern festgehaltene Geschichte durch einen aus Holz gebauten „Fernsehschirm“ und erwecken die Bilder so für sich zum Leben. Miller knüpft nicht nur an den Diskurs zum Thema „Erinnern“ an, den er in der Rahmung von MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR etablierte, er erinnert uns auch an die Ursprünge des Kinos, an die zivilisatorische Bedeutung von Narration – und natürlich an den Ursprung des Actionhelden im Bereich des Mythischen. Hatte er das Heldenepos zuvor bis aufs Skelett entkleidet, sein nacktes Gerippe bloßgelegt, reichert er es hier wieder mit Details an.

Was man von MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME auch halten mag, es lässt sich nicht darüber streiten, dass seine Fotografie bisweilen atemberaubend ist. Die weiße Wüstenei, die sich unter einem endlosen blauen Himmel erstreckt, das wie ein verendetes Tier aus einer Düne herausragende Flugzeug, die sternenklare Nacht, vor der sich die Wandernden als gestochen scharfe Silhouetten abzeichnen, die paradiesische Schlucht, in der die Kinder eine Heimat gefunden haben, die wie Mahnmale in den Himmel zeigenden Wolkenkratzer des zerstörten Sidneys, die wuselige Geschäftigkeit von Bartertown. Es gibt viel zu sehen und  eigentlich keinen Grund, Millers Film nicht sympathisch zu finden. Außer eben diesen einen, der dafür aber einen umso dunkleren Schatten über ihn wirft: Als Fortsetzung der Geschichte von Max Rockatansky fühlt er sich ohne Zweifel wie ein kleiner Verrat an. Als ließe sich der Eindruck der ersten beiden Teile mit der Extradosis Sentimentalität einfach so beiseite wischen. Die 20 Jahre andauernde Pause, die das Franchise danach einlegte, erscheint nach diesem Eintrag keineswegs mehr wie einer Verkettung von Sabotageakten geschuldet: Welche Abenteuer hätte man von diesem besänftigten Max noch erwarten sollen?

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Kommentare
  1. Peter sagt:

    Kinomäßig (und kinokritikmäßig) sind derzeit wirklich Festwochen! Weiter so.

  2. Marcos sagt:

    Erwähnenswert ist auch, dass Miller an der Inszenierung des Films kaum beteiligt war. Das meiste wurde von Ogilvie inszeniert. Miller soll wohl lediglich einige der Actionszenen zu verantworten haben. Das erklärt mir auf jeden Fall das gespaltene Verhältnis, das ich zum Film habe.

  3. Ghijath Naddaf sagt:

    Da mag ich selbst Pig in the City deutlich mehr. Der ist wirklich klasse.
    Bei den Happy Feet Filmen habe ich mich dann kurz aus dem Kreis gemeldet.
    Mein Sohn mochte die aber sehr, bevorzugt aber mittlerweile auch Mad Max.

  4. Chrisch sagt:

    Wie Marcos richtig erläutert: Bei MAD MAX III kann man eigentlich nicht von Millers Film sprechen. Nachdem sein guter Freund – der Produzent Byron Kennedy – im Vorfeld des Drehs tödlich verunglückte verlor Miller das Interesse an dem Film. Tatsächlich gehen alle Szenen ohne Action auf das Konto von Ogilvie.

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