Archiv für Mai, 2015

62397_fZur Abwechslung nach so viel hemmungsloser Euphorie über MAD MAX: FURY ROAD mal was anderes – obwohl wir (dem Vernehmen nach) im Bereich der Meisterwerke bleiben: Morgen erscheint nach mehreren Jahren Pause endlich die lang erwartete No. 4 der „Edition Deutsche Vita“ aus dem Hause Subkultur (zuvor gab es FLUCHTWEG ST. PAULI, ZINKSÄGE FÜR DIE GOLDJUNGEN und WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN): Roger Fritz‘ MÄDCHEN MIT GEWALT mit Klaus Löwitsch und Arthur Brauss. Ich kenne den Film noch nicht, habe die Scheibe aber selbstverständlich schon vorbestellt, und das solltet ihr auch tun, so ihr ein Interesse daran habt, dass die vergessenen Perlen der deutschen Filmgeschichte eine Chance auf Bewahrung haben. MÄDCHEN MIT GEWALT wird vor allem von den Protagonisten hinter Eskalierende Träume – allen voran der unermüdliche Christoph Draxtra – als Sternstunde eines alternativen deutschen Kinos gefeiert, was Freunden des psychotronischen Films Kaufgrund genug sein sollte. Christoph und der nicht minder umtriebige Sano Cestnik hatten auch die Ehre, sich den Film für einen von zwei enthaltenen Audiokommentaren zusammen mit dem Regisseur und Arthur Brauss im Münchener Werkstattkino anzuschauen. Für die auf 1.000 Exemplare limitierte Scheibe hat das Label Subkultur weder Kosten noch Mühen gescheut und ist dafür ein erhebliches finanzielles Risiko eingegangen. Das sollte meiner Meinung nach unbedingt honoriert werden. Wem das deutsche Filmerbe und ungewöhnliches, mutiges, unangepasstes Kino am Herz liegen, der weiß, was zu tun ist. Danke für eure Aufmerksamkeit.

Der letzte Kinobesuch, den meine liebe Gattin und ich in trauter Zweisamkeit absolviert haben, liegt über 18 Monate zurück (wobei „traute Zweisamkeit“ es nicht ganz trifft, denn wir wurden damals von 75 % des Hofbauer-Kommandos plus Anhang flankiert). Unseren einjährigen Sohn Rupert zum ersten Mal seit seiner Geburt allein, d. h. in der Obhut meiner Eltern zurückzulassen, um uns ins Kino zu begeben, hatte schon aufgrund dieser besonderen Konstellation einen gewissen Wiedergeburtscharakter. Dass sich das heiß erwartete, seit 30 Jahren überfällige und medial in überwältigendem und überaus seltenem Einklang abgefeierte Sequel dann auch noch anfühlt wie der Aufstieg des Phoenix aus der Asche eines seit geraumer Zeit am kreativen Boden liegenden Mainstream-Kinos, vervollkommnete das totale Kinoereignis. Wir absolvierten nicht einfach einen Kinobesuch, wir nahmen an einem heidnischen Gottesdienst teil, an einem Ritual der ehrfurchtsvollen Hingebung und totalen Unterwerfung unter die Kraft der Kinetik. Wir wären nach Ende dieses monolithischen, nach zähflüssigem Teer, verbranntem Gummi und öligem Diesel riechenden Films beide am liebsten da geblieben, vielleicht sogar für immer, auf unseren Plätzen, auf denen wir uns während der zwei Stunden zuvor gefühlt hatten wie auf vibrierenden Schleudersitzen, auf Schallgeschwindigkeit beschleunigt, unkontrolliert, machtlos, ausgeliefert, aber gleichzeitig eingehüllt in die wärmende Gebärmutter des Kinosaals. Euphorie ist immer ein bisschen gefährlich, gerade dann, wenn sie einen im Kino befällt, das ja auf diese Überwältigung hin konzipiert ist. Oft ist es dieser trügerischen Kraft des Augenblicks geschuldet, dass man einen Film unmittelbar nach der Sichtung für das beste seit der Erfindung der Tubensalami oder des Dosengulaschs hält. Mit etwas Abstand, zu Hause, von der Digitalkonserve, ohne dröhnende Boxentürme und 30 Meter breite Leinwand sieht das epochale Meisterwerk, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, nicht selten sehr, sehr sterblich aus und man schämt sich für die zu Unrecht ausgeschütteten Superlative.

Aber es ist ja auch Unsinn, den ersten Eindruck künstlich zu relativieren, nur um sich für später abzusichern. Und deshalb sage ich jetzt und hier, mit Stand vom 18. Mai 2015 und dem Abstand von knapp 24 Stunden, dass MAD MAX: FURY ROAD mich gekickt hat wie lange, lange Zeit kein aktueller Film mehr. Dass ich von der auf mich herniedergehenden Flut der Bilder über weite Strecken tief in meinen Sitz gepresst wurde. Dass sich meine Hände ineinander verkrampften, sich die Haut über meinen Knöcheln spannte. Dass mir die Tränen in die Augen stiegen und mir eine Gänsehaut über den Rücken kroch. Dass ich es schier nicht fassen konnte und immer noch nicht kann, wie es Miller gelungen ist, jedes unfassbare Bild mit einem noch unfassbareren zu übertreffen, wie diese 120-minütige Vollgas-Zerstörungsorgie immer wieder neue ungeahnte Höhepunkte erklimmt. Dass da immer wieder Sätze wie „Boah, ist das geil!“ oder „Fuck, das gibt es doch einfach nicht!“ oder „Alter, was geht denn hier ab?“ durch mein Hirn zuckten, bevor das Blut zurück in meine Augen floss, um jedes fiebrige Detail des Films aufzusaugen. Dass die Glückshormone meinen Körper förmlich überfluteten, wenn der PS-Rausch auf der Leinwand den Sitz unter meinem kribbelnden Arsch erdröhnen ließ. Dass all diese großen Worte, die andere bereits über diesen Film verloren haben, mir hier wirklich einmal angebracht scheinen. Dass dies vielleicht dieser Film ist, den so viele enttäuschte Filmfreunde schon so lang herbeigesehnt haben, ein Film ohne Netz und doppelten Boden. Dass ich zukünftigen, dann neidvoll lauschenden Filmfreunden später vielleicht einmal erzählen werde, dass ich dabei war, damals, als das alte Kino eingeebnet und ein neues aus den Trümmern gehoben wurde. Egal, welche „Wahrheit“ über MAD MAX: FURY ROAD einmal in den Geschichtsbüchern stehen oder sich in Tomatometer und IMDb-Wertung verbergen wird: Diese Gefühle und Gedanken kann mir keiner nehmen.

MAD MAX: FURY ROAD mutete auf mich auch deshalb wie eine Erlösung an, weil George Miller das gelungen ist, was so viele Künstler, egal aus welchem Bereich, vor ihm schon so oft vergeblich versucht haben: an ein Jahrzehnte zurückliegendes, kultisch verehrtes Meisterwerk (hier sind es sogar zwei) anzuknüpfen, sich noch einmal von diesem Hunger von einst antreiben zu lassen, sich dabei aber nicht bloß in langweiliger, unproduktiver und fürchterlich ernüchternder Retroträumerei zu ergehen, sondern im Geiste des Alten zu neuen Ufern aufzubrechen. George Miller ist dieses Jahr 70 geworden, aber in MAD MAX: FURY ROAD legt er die Power, die Attitude, die Unbekümmertheit und den Größenwahn eines jungen Bilderstürmers mit Omnipotenzfantasien, unstillbarem Erfindergeist, prall gefüllten Eiern und rasender Lust am Wahnsinn an den Tag. Miller scheißt einen riesengroßen Haufen auf kommerzielle Erwägungen, macht da weiter, wo er 1981 mit dem ultrareduktionistischen MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR aufgehört hatte, nutzt für sein Update lediglich jene technischen Mittel, die er sich damals nicht leisten konnte (oder die es nicht gab, logischerweise), und jene finanziellen, die ihm nicht zur Verfügung standen. Das Ergebnis ist ein von der ersten bis zur letzten Minute andauernder filmischer Amoklauf, eine Gewalt-, Benzin-, Staub- und Feueroper, die über den Zuschauer hinwegbrettert, als säße der in der Flugschneise eines stählernen Riesenkampffliegers und bekäme von dessen Triebwerken den Scheitel gezogen. MAD MAX: FURY ROAD macht ernst mit dem Versprechen, das die ersten beiden Teile aufgrund ihrer Low-Budget-Herkunft nicht ganz einlösen konnten: Millers Endzeitvision wird hier zum totalen Bild überhöht, Max‘ Wahnsinn beatmet tatsächlich jede einzelne Einstellung, jede Bewegung, jede wahnwitzige Dialogzeile, jeden Kettensägenschnitt, jedes Dröhnen des Scores und der Motoren.

Lord Humungus hat mit seinen paradiesvogelbunten Horden gewissermaßen gesiegt und jeden kärglichen Rest von Vernunft und Normalität aus der Welt verbannt. Sein Nachfolger und Bruder im Geiste Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) thront in einer Felsenzitadelle über den abgemagerten, verdreckten Massen, auf die er ab und zu etwas Wasser aus einem steinernen Totenschädel hinabregnen lässt, gebietet über seine weiß geschminkten, glatzköpfigen Warboyz, identitätslose Jünger, die sich das Gesicht mit Chrom einsprühen und vom Einzug nach Valhalla träumen und seine Steampunk-Fabrik in Gang halten. Ihre aus Schrott zusammengeschweißten Vehikel werden in ihren schöpferischen Ambitionen nicht mehr von der Vernunft zurückgehalten: Ein Panzer führt als Kühlerfigur seinen eigenen, auf einer Flammenwerfergitarre solierenden Axtmeister mit, der die Jagd auf die mit Joes Konkubinen geflohene Furiosa (Charlize Theron) mit den passenden Akkord-Shreddings untermalt, wie einst Wagners „Ritt der Walküren“ die Hubschrauber von Lieutenant Colonel Bill Kilgore in APOCALYPSE NOW. Andere Gefährte erinnern an bizarre, im LSD-Rausch konzipierte Zirkuswagen, erweisen sich dann aber immer wieder als erstaunlich zweckmäßig. Körper sind modifiziert, mutiert, verwachsen, zweckentfremdet, maskiert und verkleidet: Der erste Eindruck entscheidet, nichts bleibt mehr im Verborgenen.

Vielleicht muss man kritisieren, dass der Titelheld selbst, Max (Tom Hardy), in dieser Einheit von Zeichen und Bezeichnetem eine Chiffre bleibt: Während Mel Gibson dieser irre Blick ausreichte, um seinem Protagonisten Vergangenheit, Richtung und jene Ahnung von Schmerz zu verleihen, die ihn das Jetzt, in dem er gefangen war, zu transzendieren ließ, hat Hardys Max beide Hände voll zu tun, den Augenblick zu bewältigen. Um sein Leid greifbar zu machen, braucht es sekundenkurze Flashbacks vom Tod der Tochter, die in der Figur keinen echten Widerhall finden. Er ist reiner Körper, ein Plotwerkzeug, ein Fahrzeug ohne Räder, dazu da, die eigentliche Heldin des Films zu retten und an ihr Ziel zu bringen. Aber ehrlich: Wen interessiert dieser Mangel, wenn einem das auf der Leinwand entfachte Feuer die Haare verkokelt? Wenn man sich am liebsten in die sengende Wüstenei hineinbeamen und von den Monstertrucks Immortan Joes zum Sound einer E-Gitarre überrollen ließe? Wenn man mit demselben enthemmten Grinsen vor der Leinwand sitzt, das auch der rasenden Jünger Nux (Nicholas Hoult) zeigt (ohne Chrom natürlich), die Faust nach oben recken und „Valhalla!“ skandieren möchte? Dann bleibt nur zu sagen: „Seid mein Zeuge.“ Ich war da.

 

Road-Warrior-PosterWie ich in meinem Text zu MAD MAX schon angedeutet hatte, ist es eigentlich dieser Film, das Sequel, das den kurzen, aber heftigen Endzeit-Boom auslöste und vor allem unsere Freunde aus Italien zu unzähligen ihrer herrlichen Rip-offs inspirierte: Castellaris I NUOVI BARBARI (den ich, glaube ich, demnächst mal nachlege), Guerrieris L’ULTIMO GUERRIERO, Carnimeos IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA, Martinos 2019: DOPO LA CADUTA DI NEW YORK, Fulcis I GUERRIERI DELL’ANNO 2072, Riccis RUSH oder D’Amatos ENDGAME – BRONX LOTTA FINALE, um nur mal einige zu nennen, die mir spontan einfallen. Kein Wunder: Der Look von George Millers Sequel ist so einzigartig, so einnehmend, so instinktiv „richtig“, dass man seinen Schöpfer kaum genug dafür loben kann. Die mit den aus den geborgenen Überbleibseln einer untergegangenen Zivilisation fantasievoll zusammengebastelten Outfits und Wagen, der in ihnen zum Ausdruck kommende Expressionismus, diese Mischung aus rotziger Fuck-it-all-Attitüde, aus auf den basalen Überlebenswillen reduzierter Lebenslust und selbstaffirmativem Fatalismus traf zu Beginn der Achtzigerjahre, als der Kalte Krieg einem möglicherweise vernichtenden Höhepunkt entgegenbrodelte (zumindest empfand man das damals so), absolut den Nerv. Und sah dazu einfach nur scheißegeil aus, was sicherlich kein Hindernis darstellte. Punk, No Future, New Wave, MAD MAX 2: Das passte einfach.

Inhaltlich stellt das Sequel noch einmal eine Radikalisierung des strukturellen Reduktionismus des Vorgängers dar. MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR spielt im Wesentlichen an einem Schauplatz und läuft während der geduldigen ersten Stunde (ein genialer Wurf, wie sich das Geschehen da zuerst aus der Distanz beobachtet im Blick von Max entfaltet) zielstrebig auf den epochemachenden Showdown zu, der das gesamte letzte Drittel des Films einnimmt, eine selbstmörderische Verfolgungsjagd mit unzähligen irrwitzigen Stunts, geschrotteten Wagen und zermalmten Körpern, eine Oper in Blech, Feuer, Asphalt, Motoröl und Benzin. „Oper“ ist sowieso ein gutes Stichwort, denn George Millers Film ist ganz veräußerlichte Emotion, reines Bild. Es gibt keine Subtilität, keine subkutane Bedeutung, keine Geheimnisse, keine Psychologie, nur Überlebenskampf, Gewalt, Tod und Geschwindigkeit. In seiner mythologischen Qualität greift der Film auf Westernmotive zurück: Auf der einen Seite sind da die braven Siedler, blonde Menschen in weißen Fantasieoutfits, die sich in einer alten Ölraffinerie verschanzt haben, auf der anderen die Wilden um den gesichtslosen Lord Humungus (Kjell Nilsson). Dazwischen tritt mit dem vom Voice-over-Narrator, dem mittlerweile erwachsenen „Feral Kid“ (Emil Minty), als „Road Warrior“ titulierten Max (Mel Gibson) ein ziellos wie ein Geist durch das Niemandsland streunender Endzeit-Shane, ein Unbekannter, ein Mann ohne Vergangenheit und Zukunft, aber einer bis zum Bersten gefüllten Gegenwart. Im Hier und Jetzt ist alles zu gewinnen, alles zu verlieren.

Diese totale Verbildlichung und erzählerische Reduktion macht es – für mich – aber auch deutlich schwieriger, etwas über den Film zu sagen. Wahrscheinlich ist das der Grund, dass mir MAD MAX einen Hauch besser gefällt. Er ist näher an unserer Erfahrungswelt, weniger stilisiert, belebt mit Menschen, die eine Biografie haben, die an unsere erinnert, mit Jobs, Familie, einer Bleibe. Er erlaubt, emotional anzudocken, sich mit seinen Charakteren zu identifizieren, mit ihnen mitzufühlen und zu leiden. Das fällt im Sequel weg, verständlicherweise, denn die Welt, in der es spielt, ist eine andere, fremde, eine Welt mit neuen Gesetzen und Regeln. Sie bietet neue Chancen, sich selbst zu erfinden, neu anzufangen, aber dafür muss zunächst viel Ballast abgeworfen werden. Die Siedler scheinen das zu können, sich einer neuen Zukunft entgegenzuträumen, aber Max wird weiterhin Kilometer fressen, immer auf der Suche nach dem nächsten Tropfen Benzin, immer bereit, sein Leben gegen jene zu verteidigen, die dasselbe wollen und denen er dabei im Weg ist. Er ist, wie ich schon einmal sagte, ein Geist, ein Phantom, er ist das schlechte Gewissen, das uns daran erinnert, wie wir die Welt zerstört haben. (Dieser letzte Shot von ihm mit dem darüberliegenden Voice-over-Kommentar fasst alles, wofür diese Figur für mich steht, kongenial zusammen.) MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR ist so gesehen die beste, konsequenteste Fortsetzung, die Miller machen konnte, die einzig logische Konsequenz aus den vorangegangenen Ereignissen, aus der Entwicklung, die Max vollzog. Und der Film bewahrt diese überwältigende, furchteinflößende körperliche Qualität, die den ersten Teil für mich auszeichnete. Seine Punks sind ein entfesselter, tierischer Haufen schreiender Irrer, die Manifestation der Irrationalität, die Abwesenheit aller Menschlichkeit. Meine Lieblingsaufnahme des Films zeigt sie während der Belagerung der Raffinerie als Silhouette vor der untergehenden Sonne in einer Art heidnischem Ritual. MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR mag den meisten als Vollgas-Actionvehikel (der Begriff macht hier endlich mal Sinn) in Erinnerung bleiben, für mich ist es dieses Bild, das ihn auf den Punkt bringt: Es verkörpert seine Brachialgewalt, diese verstörende, bizarre Fremdartigkeit und die Tilgung aller Grauzonen. MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR fordert totale Unterwerfung.

Wie bei so vielen Filmbegeisterten steht auch bei mir dieser Tage alles im Zeichen von George Millers MAD MAX: FURY ROAD, dem lang erwarteten Sequel/Reboot/Re-Imagining/Whatever seiner mittlerweile vor 30 Jahren „beendeten“ Trilogie. Da die vor wenigen Tagen als Blu-ray veröffentlicht wurde, ein doppelt guter Anlass, sie als Vorbereitung auf den morgigen Kinobesuch aufzufrischen.

Viel ist anlässlich des mit fast schon beängstigend zu nennender Einhelligkeit abgefeierten neuen Films über MAD MAX geschrieben worden. Das mit einem Minibudget von knapp 400.000 australischen Dollar finanzierte Regiedebüt von George Miller wurde vom Start weg zu einem kulturellen Phänomen, machte seinen Hauptdarsteller zu einem der größten Filmstars seiner Zeit, schuf mit seinem Titelhelden eine ikonische Figur, schrieb als Film mit der bis 1999 höchsten Profit-to-Budget-Ratio Filmgeschichte (dann kam THE BLAIR WITCH PROJECT), inspirierte ein ganzes Genre postapokalyptischer Actionfilme und wird noch heute kultisch verehrt und referenziert. Miller und sein Team interpretierten ihre finanziellen Limitierungen zur eigentlichen Stärke ihres Films um. Die an Reduktionismus grenzende Ökonomie der Erzählung, der dreckige Look, die selbstgebastelten Kostüme und Requisiten, die enorme Physis der halsbrecherischen Stunts und der Kameraarbeit: Das alles macht den Film zu dem adrenalinpumpenden Klassiker, der er ist, und trug maßgeblich zu seiner Wirkung bei. So wie George A. Romero mit NIGHT OF THE LIVING DEAD den modernen Zombie aus der Taufe hob, so prägte Millers Film wesentlich unsere Vorstellung davon, wie die Welt der postatomaren Katastrophe aussehen könnte. Sein Einfluss ist in Filmen wie DOOMSDAY oder THE BOOK OF ELI auch heute noch zu spüren. Auch auf allgemeinerer Ebene mag er weiterhin als Inspirations- und Motivationsquelle für junge Filmemacher dienen: Wie Überzeugung und Vision ein Multimillionen-Budget ersetzen, wie die Zurückgeworfenheit auf den Körper, die Kamera und ein paar ramponierte Fahrzeuge einem Actionfilm zu jener Durchschlagskraft verhelfen können, die mit keinem State-of-the-art-Effektteam zu erreichen ist. Die ungebrochene Kraft von MAD MAX sollte Actionfilm-Regisseuren heute noch die Augen für das Wesentliche öffnen.

MAD MAX ist hinsichtlich seiner Rezeption aber auch ein Kuriosum: Denn vieles von dem, was man ihm gemeinhin zuschreibt, trifft eigentlich erst auf seine Fortsetzung zu, den zwei Jahre später entstandenen MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR. Erst dieser Film macht Ernst mit der Zeichnung einer Welt nach dem Atomkrieg, betreibt die Mythologisierung seiner Hauptfigur zum Endzeit-Messias, häuft bizarre Kostüme und zu retrofuturistischen Steampunk-Vehikeln aufgemotzte Karren an. (Das erinnert etwas an die FRIDAY THE 13TH-Reihe, deren größte popkulturelle Schöpfung – der Killer mit der Eishockeymaske – nicht vor dem dritten Teil in Erscheinung tritt.) Das Sequel wird daher von vielen als dem Vorgänger als überlegen angesehen: Sicherlich ist es bildgewaltiger und erfindungsreicher, noch radikaler in seiner No-holds-barred-Actiondramaturgie und Full-throttle-Mentalität, aber ich mag tatsächlich den ersten Teil lieber und versuche hier mal zu erklären, warum.

George Miller hält sich nicht lang mit einer Exposition auf: MAD MAX beginnt mit dem Blick auf seine Protagonisten, die männlichen Mitglieder der motorisierten „Main Force Patrol“, einem bunten Haufen ruppiger, ungeschliffener, aber enthusiastischer Haudegen, die mit ihren grell bemalten Muscle Cars die endlosen australischen Highways einer nicht weit entfernten Zukunft patroullieren. Ohne weitere Erklärung werden sie mit dem „Nightrider“ (Vincent Gil) konfrontiert, der sich mit seiner hysterischen Beifahrerin auf einer tödlichen Amokfahrt befindet und nun von den Helden verfolgt wird. Aller Versuche, ihn zu stoppen, scheitern, bis sich Max Rockatansky (Mel Gibson) einschaltet, der bis dahin ruhig auf seinen Moment gewartet hat. Es dauert nur wenige Sekunden, bis der „Nightrider“ weiß, dass sein letztes Stündlein geschlagen hat. Als er Max im Rückspiegel heranrasen sieht, bricht er in Tränen aus wie ein kleines, verängstigtes Kind. (was für eine irrsinnige Idee!) Wenig später kracht er in einen hinter einer Anhöhe liegengebliebenen Wagen und explodiert in einem leuchtenden Feuerball. Man kann einen Actionfilm nicht besser beginnen: Alles, was der Zuschauer wissen muss, ist in diesen ersten Minuten enthalten, die die Spielregeln darlegen, ohne dabei jedoch in langweilige Erklärungen zu verfallen. Es ist genau dieser Verzicht auf Exposition, dem MAD MAX seine immense Wucht und seine anhaltende Faszinationskraft verdankt. Die Welt von MAD MAX wird nie vollkommen auserzählt, lediglich skizziert. Was ihren desolaten Zustand heraufbeschworen hat, welcher Autorität die Main Patrol Force untersteht, wie der Staat, in dem der Film angesiedelt ist, organisiert ist, warum sich das Verbrechen ganz auf das motorisierte Marodieren verlegt hat, bleibt ungeklärt. Anstatt aber zu verwirren, trägt dieser Verzicht zur stärkeren Immersion des Zuschauers bei. Man ist sofort drin im Film und seine Welt erscheint dem Betrachter umso glaubwürdiger, als sie als vollkommen selbstverständlich behandelt wird. Im Actionfilm geht es im Wesentlichen um Vektoren, um Start und Ziel und die Bewegung zwischen diesen beiden Punkten, und George Miller hat einen Film gemacht, der dieser Idee ganz und gar verpflichtet ist. Es gibt eine Straße, einen Feind, Gaspedal und Bremse und die Distanz, die die beiden Parteien voneinander trennt. Sonst ist da nichts mehr.

Aber dieser Reduktionismus hat noch eine andere Wirkung: MAD MAX gewinnt in seiner Simplizität und dank David Eggbys unglaublicher Kameraarbeit (der Film erhebt das Aufziehen, Zurück- und Heranfahren zu einer eigenen Kunstform) eine verstörend frontale Direktheit und Drastik, die alles, aber auch alles befällt. Der wahnsinnige Toecutter fällt mit seinen grunzenden Kumpanen in ausgestorbene Ortschaften ein und macht sich einen Spaß daraus, die letzten übrig gebliebenen Bewohner zu quälen. Hysterisch kichernd vergewaltigen und morden sie, als bettelten sie förmlich darum, Einlass in die Hölle zu erhalten. Ihre Opfer, wenn sie denn überleben, rennen wie verängstigte Tiere mit nacktem Hintern in die endlose Ödnis des Landes, oder dienen als zu Briketts verkohlte Monstren allerhöchstens noch als Schreckgespenster (eine furchteinflößende Szene, wenn Max seinen alten Freund Goose – oder was von ihm übrig ist – im Krankenhaus besucht). Dazu dröhnt der Score mit seinen sirenenhaften Fanfaren, die wie die hilflosen Klageschreie verendender Dinosaurier klingen. Alles ist längst verloren. Auch der Held stellt in dieser hoffnungslosen Welt keine leuchtende Ausnahme dar: Das blinde, wortlose Verständnis zwischen ihm und seiner Frau Jessie (Joanne Samuel) scheint von Anfang an auf einer tief in seinem Inneren liegenden Verwundung zu gründen. Es ist eben jener Wahnsinn, von dem der Titel spricht, der Max für seine Tätigkeit überhaupt erst befähigt, zuerst noch zurückgehalten, dann schließlich akzeptiert wird. Die Parallelen zwischen Gibsons Darbietung hier und jener in Donners LETHAL WEAPON sind so frappierend, dass es mich wundert, nie zuvor darauf gestoßen zu sein (sogar Riggs‘ Wohnort, der Trailer am Strand, scheint von Max‘ Bleibe inspiriert). Er steht selbst kurz vor dem Absturz, steigt lieber aus, bevor er so wird wie die Amokläufer um den Toecutter, aber natürlich ist es dafür längst schon zu spät. Liebe, ein Familienleben in Frieden, das sind nur Illusionen. Aber wenn Max nach dem Tod seines Kindes und der schweren Verletzung seiner Frau mit leerem Blick in sein Auto steigt, um Rache zu üben, ist das nur bedingt eine Niederlage. Dieser Max ist dazu bestimmt, auf den Straßen zu patrouillieren wie ein Geist, sich mit PS-starken Boliden auf Hochgeschwindigkeit zu beschleunigen und mit dem Gesindel aufzuräumen. Am Ende dreht er sich noch nicht einmal um, als er den feigen Johnny (Tim Burns) zum Teufel jagt. Es geht von hier nur noch nach vorne, auf den Horizont zu, den man nie erreicht, egal, wie weit man das Gaspedal auch nach unten drückt.

„Deine blauen Augen machen mich so sentimental“, sang Annette Humpe im Hit „Blaue Augen“ zu Beginn der Achtzigerjahre in ihren Bands Neonbabies und Ideal. Strahlende blaue Augen gelten nicht nur als Schönheitsideal, sie sind auch Objekt beinahe mystischer Verklärung und als solches gerade für Schauspieler ein Pfand, mit dem sich gut wuchern lässt. Dan Stevens‘ Interpretation des vermeintlichen Irak-Heimkehrers David, der im Haus der Familie Peterson – Vater Spencer (Leland Orser), Mutter Laura (Sheila Kelly), Tochter Anna (Maika Monroe) und Sohn Luke (Brendan Meyer) – einkehrt, um ihnen von ihrem gefallenen Sohn auszurichten, dass dieser sie alle geliebt habe, basiert auf diesem Blick, entwaffnend und duchdringend, beruhigend, vertrauensvoll und einfühlsam, aber in dieser Qualität gleichzeitig drohend und aggressiv. „It starts with the eyes, incandescent blue—dreamy and seductive one moment, cold and alien the next. It all depends on the inflection. […] Director Adam Wingard surely understood the effect blue eyes have on the other characters—and, just as crucially, on the audience. Everyone wants to believe that this stranger has good intentions, because his presence is so confident and reassuring […]“ 

THE GUEST variiert die Ausgangssituation von Bob Clarks DEAD OF NIGHT (aka DEATHDREAM) und entbindet sie ihrer übernatürlichen Elemente (die sie der Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“ von W. W. Jacobs verdankt): In jenem Film kam der totgeglaubte Sohn aus dem Vietnamkrieg zurück, um sich nach anfänglicher Freude als vampirisches Wesen zu entpuppen. Hier ist es zwar nur ein vermeintlicher Freund jenes gefallenen Sohnes, doch er sucht diesen zu ersetzen und erweist sich dabei als kaum weniger tödlich. Das Eindringen dieses Fremden, die selbstbewusste, fast sadistisch zu nennende Art, auf die er die Mutter sehr direkt und ohne jede Zurückhaltung mit dem noch kaum verarbeiteten Tod ihres Sohnes konfrontiert, stellen eigentlich eine unverhohlene Provokation dar, die ihm jedoch aufgrund seines selbstbewussten Auftretens und seiner verbindlichen Art verziehen wird. Im weiteren Verlauf erschleicht er sich gegen jede Vernunft das Vertrauen aller Familienmitglieder, indem er ein offenes Ohr spendet, im täglichen Kampf gegen die Highschool-Bullies tatkräftige Hilfe leistet und natürlich, indem so verdammt attraktiv ist. Er wird zum Sohn und Bruder 2.0 und zur potenziellen Erfüllung aller weiteren Wünsche, die der Verstorbene aufgrund seiner Blutsverwandtschaft nie erfüllen konnte. Wenn sich David dann schließlich als gefährlicher Psychopath entpuppt, wenn sein finsteres Geheimnis ans Tageslicht dringt und die bewaffneten Spezialeinheiten sich vor der Haustür der Petersons versammeln, um dem Entflohenen Einhalt zu gebieten, ist das eine zunächst etwas enttäuschende Trivialisierung einer Figur, die umso greifbarer schien, je mehr ihre Biografie im Dunkeln blieb. Aber das scheint auch Wingard so zu sehen: Im Finale, in dem er die beiden Peterson-Kids vor dem Hintergrund der für den anstehenden Ball aufwändig geschmückten Highschool mit dem Killer konfrontiert, kehrt er zum andeutungsreichen, märchenhaften Symbolismus der ersten Hälfte zurück. THE GUEST bewahrt sich seine Geheimnis. Wer dieser verstorbene Bruder wirklich war, welche Rolle er in der Familie einnahm, was er für jeden der Petersons bedeutete, bleibt völlig im Dunkeln. Und die Erklärung, was es mit diesem David auf sich hat, wirft weder ein erhellendes Licht auf die Funktion, die ihm in der trauernden Familie zukommt, noch warum er sich diese überhaupt ausgesucht hat.

Einmal heißt es über David, er sei dazu programmiert, das Geheimnis seiner Identität zu wahren. THE GUEST bleibt elusiv wie sein Hauptcharakter. Starker Film.

Das Thema „Rache“ verfügt über eine lange Tradition filmischer Bearbeitungen, von denen zahlreiche längst zu Klassikern avanciert sind. Mit John Fords THE SEARCHERS nimmt sich einer der wahrscheinlich größten, prägendsten US-amerikanischen Klassiker überhaupt dieses Themas an, zeichnet mit John Waynes Ethan Edwards einen Mann, der von seinem tiefen Bedürfnis nach alttestamentarischer Gerechtigkeit förmlich aufgefressen wird. Der Western und speziell der Italowestern mit Beiträgen wie Corbuccis DJANGO und IL GRANDE SILENZIO griffen das Thema begeistert auf, bevor es vor allem in den Siebzigerjahren, einer Zeit, die von Misstrauen gegenüber der amerikanischen Regierung und damit verbundener tiefer Resignation geprägt war, eine echte Renaissance erfuhr. Vorbild war Charles Bronsons Darbietung als die Straßen des nächtlichen Manhattan säubernder Vigilant Paul Kersey in Michael Winners Skandalfilm DEATH WISH. Der Exploitationfilm nahm die Steilvorlage begeistert auf und flutete die Kinos daraufhin mit wütenden Mittelstandsbürgern, frustrierten Vietnamveteranen oder geschändeten Frauen, die mit dem Rape-and-Revenge-Film gleich ihr eigenes Rachefilm-Subgenre erhielten. Einige der bekanntesten Vertreter des Genregrenzen sprengenden Rachefilms sind John Flynns ROLLING THUNDER, Sam Peckinpahs STRAW DOGS, Mike Hodges‘ GET CARTER (mit Michael Caine, der vor einigen Jahren als HARRY BROWN in einer Rentnervariante mitspielte), James Glickenhaus‘ THE EXTERMINATOR, Wes Cravens THE LAST HOUSE ON THE LEFT oder Meir Zarchis I SPIT ON YOUR GRAVE. Bis heute hat sich der „Rachefilm“ als eigenes Subgenre des Actionfilms und Thrillers behauptet, fand in den vergangenen Jahren/Jahrzehnten mit Titeln wie etwa Tony Scotts REVENGE oder MAN ON FIRE, der Rachetrilogie von Park Chan-wook bestehend aus SYMPATHY FOR MR. VENGEANCE, OLDBOY und SYMPATHY FOR LADY VENGEANCE, Pierre Morels TAKEN, James Wans DEATH SENTENCE, Kim Jee-woons I SAW THE DEVIL oder den Filmen Quentin Tarantinos, etwa KILL BILL VOL. 1 und VOL. 2, INGLOURIOUS BASTERDS oder DJANGO UNCHAINED, mehr oder weniger bedeutende Aktualisierungen. Im Zentrum all dieser Filme steht sowohl die Frage nach der ethischen Rechtfertigung der Rache als auch nach den seelischen Folgeerscheinungen: Die meisten zeigen emotionales Verständnis für das Rachebedürfnis, zeichnen den Rächer als auf der Klinge tanzenden Charakter, der jeglichen Halt verloren hat, lassen dabei jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass Rache niemals eine echte „Lösung“ darstellen kann. Meist ist Rache nur der Anfang eines unaufhaltsamen Sturzes in eine nicht enden wollende Gewaltspirale.

Man sollte angesichts dieser langen Tradition meinen, dass dem Thema längst nichts Neues mehr hinzuzufügen ist. BLUE RUIN fungiert als schlagkräftiges Gegenargument: Auch wenn er erwartungsgemäß keine Revolution darstellt – wie wäre das auch möglich? –, so ringt er dem Thema durch geschickte Variationen und eine vor allem in Hinblick auf die Darbietung seines sensationellen Hauptdarstellers enorm einfühlsame Inszenierung doch neue Perspektiven ab. Regisseur Saulnier befreit das Rachethema zunächst von (fast) jeder exploitativen Übersteuerung und versucht es auf ein realistisches Fundament zu stellen. Sein Protagonist, der Mitt- bis Enddreißiger Dwight (Macon Blair) wurde durch den mehrere Jahre zurückliegenden Mord an seinen Eltern komplett aus der Bahn geworfen, als Vagabund lebt er unter armseligen Verhältnis ziellos ins Morgen, die Beziehung zu seiner Schwester hat er abgebrochen. Als er von der Freilassung des Mörders erfährt, geht ein Ruck durch ihn: Sofort trifft er alle Vorbereitungen, die Tat auf seine Art zu sühnen, rafft seine wenigen Habseligkeiten in seinem vor sich hin rostenden Wrack eines Autos zusammen und begibt sich auf die Reise. Die Rache glückt, wenn auch nicht so sauber wie geplant, doch damit ist der Fall längst nicht abgeschlossen. Der Killer gehörte zu einer kaum weniger gewalttätigen Familie, die nicht lange braucht, um herauszufinden, wer für die Bluttat verantwortlich zu machen ist.

Online-Rezensionen wie diese betonen die „Unfähigkeit“ des Protagonisten als Besonderheit von Saulniers Rachefilm. Es stimmt: Dwight ist ein ruhiger, schüchterner, eher unkörperlicher Typ, der für sein Vorhaben auf keinerlei eigene Erfahrungen zurückgreifen kann. Mal zeigt sein Plan erhebliche Lücken, dann wieder versagt er bei dessen Ausführung. Aber mehr, als den eiskalten Rächern anderer Filme lediglich einen anderen, realistischeren Typen gegenüberzustellen, weisen die Pannen, die Dwights Weg säumen, auf ein generelles Problem der Rache: Sie ist niemals sauber, sie geht nie auf, die Bilanz am Ende ergibt niemals null. Die Fehler Dwights sind nur zwangsläufige Begleiterscheinungen eines „Geschäfts“, für das es keinen Masterplan gibt. BLUE RUIN entspricht dieser Erkenntnis erzählerisch, indem sich der Großteil des Films eben nicht der Rache, sondern der Auseinandersetzung mit ihren Nach- und Nebenwirkungen beschäftigt. Was eigentlich ein Ende sein sollte, ist tatsächlich nur der Anstoß für eine rasante, unaufhaltsame Eskalation mit blutigen Folgen. Besser als andere, reißerischere, actionlastigere Filme zeigt Saulnier damit, was eigentlich gemeint ist, wenn lapidar davon gesprochen wird, dass Gewalt „keine Lösung“ sei oder „Gegengewalt erzeuge“. Was ihm aber ebenfalls besser gelingt als anderen, ist es das Bedürfnis nach Rache als tiefen, alles verzehrenden Trieb zu zeichnen. Dwight befindet sich vom Moment der Ermordung seiner Eltern bis zum Erhalt der Nachricht über die Freilassung des Killers in einer Art Limbo, in dem er zu keinerlei „produktiven“ Leben in der Lage ist. Das Gespräch mit seiner Schwester – vielleicht die emotional stärkste Szene des Films – zeigt zwei Menschen, die durch die für sie unbegreifliche Tat in ihrem tiefsten Inneren beschädigt wurden und nun jeder auf seine Art und Weise darum kämpfen, in die Normalität zurückkehren zu können. Dwight unterscheidet sich vom heißlaufenden Rächer Paul Kersey, der mehr oder weniger im Affekt handelt, durch seine Ruhe: Er hat sich insgeheim seit Jahren auf seine Tat vorbereitet und auch, wenn er nicht den Erfolg seines „Kollegen“ verzeichnet, am Ende einen hohen Preis bezahlt, so hat man doch das Gefühl, dass er mit sich und seiner Tat im Reinen ist. Dwights Untergang wurde nicht erst durch die Rache, sondern schon viele Jahre zuvor eingeleitet.

Ein interessantes Interview mit Jeremy Saulnier zu BLUE RUIN gibt es hier zu lesen.

 

Ich weiß nicht so richtig, was ich über GONE GIRL sagen soll. Die Beziehung der beiden Protagonisten, der Ehepartner Amy (Rosamund Pike) und Nick Dunne (Ben Affleck), deren Ehe nach fünf Jahren, in denen man sich nicht nur zunehmend auseinandergelebt, sondern auch zu hassen gelernt hat, vor dem Aus steht, bietet den verstörenden Kern eines leider von seiner eigenen Cleverness allzu überzeugten Thrillers. Möglich, dass man den Wendungen der Geschichte als vollkommen unvoreingenommener Zuschauer mit atemloser Spannung folgt: Ich, der ich über einige der (nun nicht gerade unvorhersehbaren) Twists schon informiert war, hätte mir gewünscht, dass Fincher einigen Ballast über Bord wirft und sich mehr auf das konzentriert, was zwischen seinen Protagonisten passiert, sich in ihren Köpfen abspielt. Doch der Regisseur, der Geschichten mit der Pedanterie eines detailversessenen Chronisten zu erzählen pflegt, häuft gnadenlos letztlich unbedeutende Szenen an, verlässt sich in der ersten Stunde ganz auf den Überraschungseffekt einer Enthüllung, die m. E. nur mäßig überraschend ist. Ich kenne den seiner Verfilmung zugrunde liegenden Bestseller von Gillian Flynn nicht, vermute aber, dass diese Langsamkeit, mit der auf den ersten Twist hingearbeitet wird, die Ausdauer, mit der Nick als möglicher Mörder seiner Gattin unter die Lupe genommen wird, in einem Buch deutlich mehr Sinn macht, als in Finchers Film, wo das alles den Eindruck macht, als würde um den heißen Brei herumgeredet. Wie man eine ganz ähnliche Geschichte in eine deutlich griffigere Form bringt, hat vor Jahren Rolf De Heer mit seinem provokanten ALEXANDRA’S PROJECT bewiesen, der aber zugegebenermaßen nicht gerade aus dem Stoff gemacht ist, aus dem Multimillionen-Dollar-Multiplex-Kassenschlager mit Starbesetzung wie GONE GIRL gefertigt werden. Seine allerbesten Momente hat GONE GIRL, wenn er Amy und Nick direkt miteinander konfrontiert, und das ist ein ziemliches Problem, da er sich diese Konfrontation von einigen kurzen Rückblenden abgesehen für die letzten 30 seiner üppigen 150 Minuten aufspart.

Viel ist darüber diskutiert worden, ob GONE GIRL misogyn sei. Bestseller und Verfilmung drehen sich um eine Frau, die die ganz alltägliche Missachtung, die sie in der Ehe erfährt, zum Anlass für eine perfide geplante Rache nimmt, ihre eigene Ermordung vortäuscht und alle Indizien so streut, dass ihr Ehemann als Täter dasteht. Es bleibt nicht dabei, und im letzten Akt des Films wird diese scheinbar engelsgleiche Amy zum blutrünstigen Monster, das ihren Mann dazu zwingt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und weiterhin mit ihr zusammenzuleben, in dem Wissen, dass sie wirklich zu allem fähig ist. Der Film bedient tatsächlich einige frauenfeindliche Klischees: Amy wird von Rosamund Pike als unergründliches Wesen interpretiert, hinter dessen makellosem Antlitz sich eine todbringende Naturgewalt verbirgt, und die Kluft zwischen Nicks Verfehlungen und der Strafe, die sie ihm zugedacht hat, ist so immens, dass der Vorwurf der Hysterie sich förmlich aufzwängt.

GONE GIRL ist ein Rape-and-Revenge-Film, der statt der in diesem Subgenre initialen Vergewaltigung die in westlichen Gesellschaften vorherrschende, strukturelle Macht des Mannes zum Anlass der Rache macht: Es ist Nick, der alle wesentlichen Entscheidungen in der Ehe trifft und Amy mit den Jahren zum Status eines Haustiers degradiert, ihr Aufbegehren als Undankbarkeit und Unfairness begreift. Der Polizei gegenüber schildert er sie als „complicated“, seine Schwester Margo ist weniger wählerisch in ihren Worten und nennt Amy schlicht „bitch“: Auch der Film enthalt ihr lange die Möglichkeit vor, sich zu diesen Vorwürfen zu äußern oder gar sie zu entkräften. Es ist Nick, der die Definitionsmacht hat. Das Misstrauen, mit dem der äußerlich nur wenig über das Verschwinden seiner Frau schockierte Nick von der Öffentlichkeit beäugt wird, nicht zuletzt von Frauen, die in seinem Fall ein typisches Beispiel für die Auswüchse häuslicher Gewalt sehen, kommentiert er einmal so: „I hate being picked on by women.“ Frauen sind Quelle des Ärgers für Männer, die eigentlich besser ohne diese verdammten Weiber auskämen, jedenfalls solange, bis das Bargeld knapp ist oder der Wunsch, einen Erben zu zeugen, aufkeimt. Autorin Flynn und Regisseur Fincher lassen ihre Hauptfiguren in Stellvertreterstellungen einen Geschlechterkrieg austragen, der meist im Verborgenen schwelt. Nicks und Amys Beziehung ist geprägt von den kleinen verbalen Demütigungen, von Ignoranz gegenüber dem anderen, von Schuldzuweisungen und Ausflüchten. Beide fügen sie sich bequem in die Täter- und Opferrollen, die ihnen qua Konvention zugedacht sind: Er hängt mit seinen Kumpels oder bei seiner Schwester in seiner Bar rum (die ihm Amy finanziert hat), sie „nervt“ ihn mit Ermahnungen und Klagen über den Zustand ihrer Ehe und ihrer Finanzen, weil sie sich zu Hause langweilt. Ich schätze, viele Details aus GONE GIRL werden vielen Menschen sehr bekannt vorkommen. Der Skandal des Films ist eigentlich, dass sich die Frau aus ihrer Opferrolle löst und selbst tätig wird. Das kann nicht sein, weil die verbrecherische Initiative stets vom Mann auszugehen hat: GONE GIRL ist im Prinzip ein domestizierter Film noir, mit Amy als einer Art heiratsfähigen Femme fatale. Ich halte Finchers Film nicht für misogyn, aber er ist auch nicht in der Lage, sich seine Protagonistin anders als als Psychopathin zu denken.