jaws 2 (jeannot szwarc, usa 1978)

Veröffentlicht: Juni 18, 2015 in Film
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Das unweigerliche Sequel zum Megaerfolg von Spielbergs JAWS ließ naturgemäß nicht lange auf sich warten, doch die Besetzung des Regiestuhls mit dem Franzosen Jeannot Szwarc, der zuvor lediglich durch Fernseharbeiten „aufgefallen“ war, macht zusammen mit der Abwesenheit eines großen Costars (die Nebendarsteller Lorraine Gary und Murray Hamilton werden als Ersatz für Shaw und Dreyfuss aufs Poster gehievt) schon im Vorhinein den zu erwartenden Klassenunterschied deutlich. JAWS 2 ist dementsprechend eher mittelmäßig gut beleumundet: Es ist eben ein typisches Sequel, bei dem es in erster Linie darum ging, die Kuh zu melken, bevor die Zuschauer merkten, dass ihre Milch schon leicht ranzig schmeckte. Weder der erzählerischen noch der inszenatorischen Finesse, die den Vorgänger zum Instant-Klassiker machten, weiß die Fortsetzung auch nur annähernd etwas entgegenzuhalten, stattdessen gibt es mehr Haiaction, durch die jugendliche Schar potenzieller Opfer eine nur scheinbar größere Fallhöhe (der Kenner durchschaut die Strategie und weiß, dass nicht allzu viele der Blagen sterben dürfen) und eben mehr vom selben. Ich unterhalte zu JAWS 2 eine ähnlich sentimental aufgeladene Beziehung wie zum ersten Teil und finde den Film auch heute noch durchweg unterhaltsam und schwungvoll, würde ihm außerdem jederzeit zugutehalten, dass ihm einige tolle Momente gelingen: wie der einsame Brody nach seinem peinlichen Amoklauf am Strand beim Einsammeln der leeren Patronenhülsen Hilfe von seinem kleinen Sohn erhält, die Entwicklung eines Fotos, das aus Brodys Verdacht Gewissheit werden lässt, die schöne Tina leichenblass, zitternd und zusammengekauert in ihrem Boot, die Rettung Seans durch die Freunde seines älteren Bruders. Langweilig ist JAWS 2 definitiv nicht und wer ein Faible für Haie und Tierhorror hat, wird hier auf handwerklich ansprechendem Niveau bedient.

Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass es den Machern nicht gelungen ist, die erzählerischen Herausforderungen, die das Sequel bereithielt, zu meistern. Mehr noch, sie haben vor der Aufgabe schlichtweg kapituliert. Wer will es ihnen verübeln? Es ist einfach nicht glaubwürdig, dass ein Ort, an dem es eigentlich gar keine weißen Haie geben dürfte, innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal von einem besonders monströsen Exemplar der Gattung heimgesucht wird, egal, welche Erklärungsversuche man bemüht. Die Idee Brodys, der „neue“ Hai könne von seinem Vorgänger „gerufen“ worden sein und nun Rache für den Tod seines Artgenossen nehmen wollen, wird glücklicherweise nicht weiter ausgeführt, aber umso rätselhafter ist es, dass diese eine Dialogzeile überhaupt im Film verbleiben durfte. So wirkt es, als wollten sich die Autoren lediglich gegen den berechtigten Vorwurf der Idiotie absichern. Damit es überhaupt zur erneuten Katastrophe kommen kann, müssen sich außerdem alle Figuren auf eine Art und Weise idiotisch verhalten, die suggeriert, dass sie an akutem Gedächtnisverlust leiden. Am schlimmsten hat es ohne Frage Brody selbst erwischt. Der hätte nach der Logik des ersten Teils eigentlich zum souveränen Helden heranreifen müssen, nachdem er sich dort seinen Ängsten erfolgreich gestellt hatte, stattdessen ist er nun zum totalen Neurotiker und Weichei mutiert, der einen Schwarm Blaufische für einen Hai hält, wüst am Strand herumballert, nicht einmal ein Funkgerät bedienen kann und wahrscheinlich auch an der Fischtheke am Supermarkt jederzeit mit einem Haiangriff rechnet. Seine Paranoia streicht Szwarc durchaus heraus, aber am Ende sind es doch wieder die ignoranten Politiker, die Schuld an allem haben, bloß weil sie das unscharfe Bild, das Brody ihnen vorlegt, nicht als eindeutigen Beweis akzeptieren wollen – mit einigem Recht, möchte man sagen. Letztlich fällt das alles nicht wirklich ins Gewicht, weil JAWS 2 als Kintopp wunderbar funktioniert und mit seinem inflationär ins Bild gerückten schwimmenden Schreckgespenst fast schon als nautischer Slasherfilm bezeichnet werden muss. Ich konnte mir gestern das Grinsen mehrfach kaum verkneifen: Es ist einfach saukomisch, wie der Hai die ziellos herumtreibenden Jugendlichen mit sadistisch zu nennender Freude, herausragendem Timing und feinem dramaturgischem Gespür von einer Panikattacke in die nächste jagt. Fast schade, dass er keine passende Eishockeymaske gefunden hat.

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Kommentare
  1. Oliver sagt:

    Ich bin immer davon ausgegangen, dass Brody an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Darum hab ich ihn auch nie als humpelnde Ente gesehen, sondern eher als verletzenden Veteran (und mit ihm sympatisiert, auch weil er ein Bedenkenträger ist). DER HAI, das ist für ihn ja auch ein Kriegsszenario. Er verteidigt diese Insel, seinen Rückzugsort. Und gerade weil er so ziemlich alleine auf dem Kriegspfad taumelt, wird er immer verrückter. Im Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, auch das alte Drama Amerikas noch aus Siedlertagen. In der Wahrheit der Regie ist er nun wiederum der Topchecker. Und was die Regie später dümpen lässt, meinem Geschmack nach, dass sie nicht so richtig auf seiner Seite ist. Dass sie sich mit Zwinkern ins Publikum so etwas über ihn und seinen Kampf lustig macht. Das hält die Serie dann ja auch durch und macht die Teile immer wässriger. Bei Spielberg ist das noch anders, der nimmt die Figur ernst, demontiert sie nicht. Daher auch mein (schräges?) Bild, dass Brody ein schlechter Cop war, gerade weil er ein guter Cop ist und erst mal grübelt, bevor er ballert. Einer der potentiell Probleme macht… welche sieht, wo keine sind. Hai und so…

    Wobei ich sofort gestehe, es ist Jahre her. Und es freut mich übrigens riesig, dass du nach so langer Zeit dein „über mich“ in Filmkritik verwandelt hast. Dem Himmelhunde-Blog ist übrigens-Teil2 sein Banner abhanden gekommen. Da das Blog für viele Filmfreunde ein Tempel ist, wollte ich das zumindest mal bemerkt habe.

    • Oliver sagt:

      Was du zu Brody schreibst, kann man schon so sehen. Aber Szwarcs zweiter Teil scheint die Entwicklung, die der Cop am Ende des ersten Teils vollzieht, entweder ganz zu ignorieren oder sie eben nicht wirklich ernst zu nehmen. Im Prinzip vollzieht er denselben „arc“ noch einmal, scheißt sich ins Hemd aus Angst vor dem Wasser, bis er am Schluss das Duell sucht. In Spielbergs Film behauptet er sich ja nicht zuletzt als Inselbewohner, er durchläuft gewissermaßen einen Initiation. Szwarc steht vor dem Problem, dass mit einem souveränen Brody auch die Fallhöhe verloren ginge und drückt deshalb auf Reset.

      Zum Copsein: Eigentlich ist Brody ja kein Cop, zumindest kein Filmcop. DIe Arbeit, die er auf Amity verrichtet, ist keine Polizeiarbeit im Sinne des Copfilms, sondern eher so etwas wie Street Working. Das Grübeln und Zaudern macht ihn natürlich sympathisch, aber für einen typischen Cop, der instinktiv richtig handelt und mit untrüglichem Selbstbewusstsein ausgestattet ist, sind das denkbar schlechte Eigenschaften. Wohlgemerkt, wir reden hier nur vom Film, nicht von der Realität.

      Eine Frage: Deinen Einwurf mit dem „über mich“ habe ich nicht ganz verstanden. Was meinst du?

      Und das Banner ist deshalb weg, weil Imageshack das nach so vielen Jahren offensichtlich nicht mehr hostet. 😦

  2. Oliver sagt:

    Ich fand dein „über mich“ hier im Blog berührend, weil es einserseits so lakonisch-komprimiert und andererseits aber unverstellt emotional formuliert ist. Eine wunderbare Miniature der Leidenschaft. Ich hege ähnliche Kindheitserinnungen gegenüber Jack Arnold-Filmen, die mich und meine Phantasie seinerzeit enerviert und auf immer dem Film verliebt gemacht haben. Da ich deinen Kritiken schon seit den seligen Filmforen (Trauerflor) folge, war ich auf diese besondere Kritik (neben einigen anderen, auf die ich warte bzw. hoffe) sehr gespannt.

    Brody kommt doch aus dem Hot Spot New York, er hat zwar keinen Cop-Job mehr, sondern diese Anstellung als Mischdings aus Sheriff & Baywatcher, aber ich habe seine Vergangenheit immer in ihm mitgesehen. Er hat ja auch diesen Beschützer- und Geltungsdrang, macht viel mehr, als er müsste und soll, wirkt übermotiviert. Und er führt gegen den Hai, da auch wieder (für mich) seine (Belastungs)Störung, schon so eine Art Kompensationshandlung in Form einer Ermittlung mit Spurensuche, Beobachtung des Habitats, Einholung von Hintergrundwissen und all das… Das ist schon alles etwas pervertiert, der Hai beschwört etwas in ihm hervor, und war bei Spielberg in meinen Augen mehr als Tierhorror. Spielberg hat das nicht ausbuchstabiert, aber in Brodys Reaktionen, Verhaltensweisen und Handlungen als Imaginationsszenario angelegt. Und Spielberg hat dafür diese besondere Lokalität geschaffen, die alles braucht, außer einem Cop. Wäre da nicht der Hai (der eben nicht ein Hai, sondern eben DER Hai ist), an dem sich Brody dann wahrlich abarbeitet. Ich denke, da kommt auch deine Ahab-Imago her. Nur, dass es in meiner Sicht auch diesen sozialen Hintergrund hat. Brody ist gescheitert, hängt da nun herum und braucht ein Ungeheuer, um aus sich und seiner Vergangenheit herauszuwachsen, dieses Scheitern hinter sich zu lassen. Und Spielberg ist einer, der sich für diese mythischen Kämpfe immer interessiert hat und gleichzeitig aber auch nach einer sanften Sozialkritik und Pädagogik suchte, die sich mit diesen Mythen vereinbaren läßt.

    Ich wurstel mich da nun etwas rein, das soll kein Gegenentwurf sein. Außerdem, in meinen Erinnerungen wird so einiges durcheinandergehn und ich verwende auch die Genre-Begrifflichkeiten eher lax. Ich werde mir das bei Gelegenheit nochmal mit deinen Kritiken im Hinterkopf anschauen und meine Filmerinnerung da noch mal drunterlegen. Den ersten und zweiten Teil habe ich hier.

    • Oliver sagt:

      Doch, das ist gut, das gefällt mir. Klar, Brody ist ja nicht wirklich glücklich auf Amity, weil er vor allem vor sich selbst ein „Versager“ ist, der zu soft für die Verbrechenshochburg NY war und sich nun mit den Besitzern kaputter Picket Fences herumschlagen muss und der kaputten Schaukel seiner Söhne. Der Hai ist seine Prüfung, die Gelegenheit, sich zu beweisen, dass er ein Mann ist. Vaughns Unglauben stört ihn insofern nicht nur, als er die drohende Gefahr sieht, die der Bürgermeister ignoriert, sondern auch, weil ihm da jemand seine Aufgabe wegnehmen will.

      So gesehen gibt es ja sogar zwei Ahabs im Film und zwei weiße Haie: Quint ist der „echte“ Ahab, der den Kampf mit dem konkreten Biest persönlich nimmt, Brody der metaphorische Ahab, dessen weißer Wal eben der Verdacht der „Unmännlichkeit“ ist, dem er sich stellen und den er aus der Welt schaffen muss.

  3. Oliver sagt:

    Gab es nicht auch eine Szene, in der Brody die Kugeln präperiert, mit denen er den Hai erlegen will? Auf mein Gedächtnis ist wenig Verlass, aber wenn es die Szene gibt, wie ich sie erinnere, dann war die auch so gefilmt, dass dem Zuschauer vermittelt wurde, dass sich hier jemand auf ein Last Man Standing-Duell vorbereitet, ein Entweder/Oder. Was ja außerhalb des Films ein völliges Quatschszenario wäre. Der Fisch hat ihm ja nichts getan und müsste selbst ziemlich plemplem sein, dass er so entgegen seiner Art und deren gewöhnlichem Verhalten abgeht.

    Was ich als Spielbergs großen Zauber empfinde, er filmt dieses Szenario als magisch-realistisches. Der Zuschauer gerät in einen Sog und kann Brodys stranges Verhalten nachvollziehen. Diesen Hai kann man so nicht schwimmen und leben lassen, der bedroht und greift an. Und wenn man ihn nicht jagd und zur Stecke bringt, wird er immer da sein, im Wasser und in den Träumen. Darum spielt der Film auch, meinem Empfinden nach, auf einer Insel und nicht einfach an der Küste, Florida oder so. Hier wird vieles verteidigt, auch ein amerikanisches Paradies. Darum muss der Bürgermeister, als Vertreter nachvollziehbarer ökonomischer Interessen, auch Unrecht haben. Das Paradies ist nun mal bedroht, durch den Hai, wie auch durch solche, die immer nur an den Zaster denken. Spielbergs Romantik, die sich durch seine Filme zieht und die er ohne viel Tam Tam auch als Bürger praktiziert. Er steckt ja laufend einige Millionen in allerlei Charity-Projekte, jenseits solcher, die gerade durch die Presse gehen.

    • Oliver sagt:

      Ja, genau. Ich hatte die Szene sehr genau in Erinnerung, wusste aber nicht mehr, aus welchem Film sie stammt und war sehr freudig erregt, als ich sie neulich in JAWS 2 wiederentdeckt habe. In Glickenhaus‘ THE EXTERMINATOR gibt es lustigerweise eine ganz ähnliche Szene.

      Innerhalb des Films signalisiert die Szene vor allem Brodys Wahn. Er präpariert die Kugeln zu einem Zeitpunkt, als es noch keinerlei handfesten Beweis für die Existenz eines neuen Hais gibt, nur seinen Instinkt und seine Befürchtungen. Er verballert die Kugeln ja dann recht sinnlos am Strand in den Bluefish-Schwarm und das war es dann auch.

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