the magnificent seven (john sturges, usa 1960)

Veröffentlicht: Juni 22, 2015 in Film
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kfHuiowDie Lektüre des Buches „Steve McQueen: Portrait of an American Rebel“ hat mich dazu inspiriert, dem Superstar, meisterhaften Minimalisten und reactor hier in den nächsten Wochen und in loser Folge eine kleine Reihe zu widmen. Viele seiner Filme kenne ich noch gar nicht, andere haben mal wieder eine Auffrischung verdient. Mit den neu angelesenen Informationen im Hinterkopf erhoffe ich mir außerdem auch neue Erkenntnisse. Ich war nämlich einigermaßen überrascht über McQueens Lebenslauf: Da er für mich die idealtypische Verkörperung männlicher Autorität und natürlich der viel beschworenen Coolness ist, hatte ich angenommen, dass der Superstar auch in seinem Leben ein Musterbeispiel für jene straightness gewesen sei, die er auf der Leinwand so unnachahmlich verkörpert. Stattdessen erfuhr ich, dass der Mann, der als Kind von seiner wenig verantwortungsbewussten Mutter hin und hergeschoben worden war, eine Vergangenheit als Gangmitglied und Jugendstraftäter hatte und seine Jugend zum Teil in einem Heim für schwer Erziehbare verbrachte, aufgrund seiner geringen Bildung unter großen Minderwertigkeitskomplexen litt und mehrere Anläufe benötigte, um sich als Schauspieler zu etablieren. Kurz gesagt: Steve McQueen war nicht gerade prädestiniert dazu, ein Künstler zu werden, noch weniger der bestbezahlte Schauspieler seiner Zeit. Diese eiskalte Autorität, die man mit ihm verbindet, war weniger die Folge eines großen Selbstbewusstseins als jener für ihn einst überlebenswichtigen street wisdom, dem Wissen, dass einem nichts geschenkt wird und der Gegner jedes Anzeichen von Angst oder Schwäche sofort auszunutzen bereit ist.

Als John Sturges ihn für die Rolle des Vin in seiner Bearbeitung von Kurosawas SHICHININ NO SAMURAI besetzte, hatte McQueen es bereits in New York am Broadway versucht und in mehreren Fernsehproduktionen und Spielfilmen mitgewirkt, die Macher dabei stets von seinem natürlichen Talent und seiner Präsenz überzeugen können, aber letztlich die nötige Disziplin vermissen lassen – oder einfach Pech mit seiner Rollenwahl gehabt. Der erste Schritt zum Erfolg war die Hauptrolle in der Westernserie WANTED: DEAD OR ALIVE, in der McQueen den Kopfgeldjäger Josh Randall spielte und Macher wie Zuschauer gleichermaßen mit seiner Detailversessenheit sowie seinem Sinn für Realismus und Authentizität beeindruckte. Die Wege von McQueen und Sturges kreuzten sich zum ersten Mal 1959, als der damals bereits 29-Jährige eine Nebenrolle in dem Sinatra-Vehikel NEVER SO FEW mit Leben füllte. Das Angebot des Megastars, fortan als festes Mitglied seines Rat Packs zu reüssieren, schlug McQueen mutigerweise aus: Er wollte nicht, dass man seine Karriere später auf die Gefälligkeit eines mächtigen Freundes zurückführte, sondern es aus eigener Kraft schaffen. Mit 30 Jahren und festgelegt auf eine Fernsehrolle, die damals nur selten eine große Filmkarriere nach sich zog, war THE MAGNIFICENT SEVEN mithin die Chance, die McQueen unbedingt nutzen musste. Das Problem: Er war nicht der einzige hungrige Jungschauspieler am Set und auch nicht der einzige, der wusste, dass er aus dem Schatten des großen Yul Brynner heraustreten musste, wenn er die Aufmerksamkeit des Zuschauer gewinnen wollte. Marshall Terrill, der Autor des oben genannten Buches, erzählt einige amüsante Anekdoten vom Konkurrenzkampf, der infolgedessen unter den Darstellern entbrannte, von den Bemühungen der Co-Stars, Brynners Szenen zu „stehlen“, die eigene Position durch kleine Tricks zu verbessern. So soll McQueen, der durch seine Vergangenheit wusste, wie man mit einem Revolver umgeht, Brynner auf Nachfrage eine sehr einfache Methode beigebracht haben, die Waffe zu ziehen, um mit der eigenen, deutlich elaborierteren Technik besser auszusehen. Als Brynner davon erfuhr, versuchte er wiederum McQueen davon zu überzeugen, vom Revolver auf ein Gewehr umzusteigen: Ein Schachzug, auf den McQueen allerdings nicht hereinfiel, sehr zum Ärger Brynners. McQueen machte sich bei seinen Kollegen nicht unbedingt beliebt: Er war immer darauf bedacht, gut wegzukommen, wusste genau, wenn eine Regieanweisung oder ein Szenenaufbau ihm zum Nachteil gereichte und intervenierte dann auch zu Ungunsten seiner Mitstreiter. Er folgte einem strengen Karriereplan und wenn er auch keinen hohen Bildungsgrad hatte, so besaß er eben jene Schläue, die seinen Erfolg begünstigte und seinen Aufstieg zum Weltstar ermöglichte.

Um von McQueen den Übergang zum größeren Ganzen, Sturges‘ Film, zu schaffen: Jene Strategie, auf die McQueen zurückgeworfen war, Szenen, in denen er eigentlich nur „Beiwerk“ für den eigentlichen Star war, durch kleine Gesten und hingeworfene Improvisationen an sich zu reißen, ist nicht nur charakteristisch für seinen Stil, sie passt zu THE MAGNIFICENT SEVEN wie die Faust aufs Auge. Betrachtet man den Film nämlich aufmerksam, so fällt auf, wie wenig er mit Dialogen erzählt, stattdessen funktioniert er fast ausschließlich über seine Charaktere, und die Handlung entwickelt sich ganz logisch aus ihnen heraus, ohne dass große Exposition betrieben werden müsste. Das ist umso bemerkenswerter, als THE MAGNIFICENT SEVEN von den drei großen Ensemble-Spektakeln der Sechziger (die beiden anderen sind THE GREAT ESCAPE und THE DIRTY DOZEN) der mit Abstand kürzeste ist, mithin am wenigsten Zeit hat, seine Hauptfiguren umfassend zu charakterisieren. Horst Buchholz bekommt als junger Heißsporn Chico recht viel Platz, alle anderen haben nur wenig Gelegenheit, ihre Figuren zum Leben zu erwecken. McQueen hat zudem eine nur wenig profilierte Rolle, keinen echten „arc“, den er durchlaufen würde: Trotzdem ist es sein Vin, der als lebendigster Charakter in Erinnerung bleibt. Er erreicht das lediglich durch wohldosierte Bewegungen, Mimik, Blicke und seine Körperhaltung. Gleich zu Beginn, wenn er neben Brynners Chris den Platz auf dem Kutschbock einnimmt, benutzt er seinen Hut als Sonnenschutz, prüft, wo die Sonne steht und von wo er in der möglicherweise folgenden Konfrontation geblendet werden könnte. Überhaupt spielt sein Hut eine wichtige Rolle. David Morrell, Autor des Romans „First Blood“, für dessen Verfilmung McQueen in den Siebzigerjahren im Gespräch war, bevor man ihn aufgrund seines bereits zu hohen Alters verwarf, bezeichnet den Hut gewissermaßen als Schlüssel zu McQueens Erfolg in THE MAGNIFICENT SEVEN. Allgemeiner könnte man sagen, dass McQueen dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass er nie einfach nur so dasteht, auch dann nicht, wenn er eigentlich nichts zu tun hat. Immer hat er etwas in der Hand, das er betrachtet, womit er spielt. Meist sind es nur Kleinigkeiten, nie wirkt es aufgesetzt oder aufdringlich, aber immer erzielt er damit eine Wirkung. Kritiker und Zuschauer sahen das genauso: Brynner war der nominelle Star des Films, aber McQueen war es, der den Menschen auffiel. Vielleicht steckt dahinter das erste kleine Zittern der Erde vor dem großen Beben namens „New Hollywood“, das die Traumfabrik am Ende des Jahrzehnts erschüttern sollte. Brynner ist noch ein Typ vom alten Schlage, sein Spiel breit ausgestellt, nicht so sehr vom Einfühlen in eine Rolle geprägt als vom Wissen um die eigene Persona. Mit seinem swagger (dieser Gang, der faustgroße Hoden in der zu engen Hose suggeriert!), der etwas theatralischen Art, mit der er den Mittelpunkt des Bildes besetzt und seine Zeilen deklamiert, wirkt er neben dem Understatement und der selbstbewussten Lässigkeit McQueens wie das Relikt einer vergangenen Zeit. Vin wird vom Drehbuch als eine Art Bruder im Geiste von Brynners Chris angelegt, aber hinter der vordergründigen Übereinkunft spürt man deutlich die Spannungen zwischen dem „Alten“ und dem „Jungen“. Chris und Brynner wissen, dass ihre Zeit abläuft; noch können sie auf ihren Körper zählen, zehren zudem von dem Ruf, der ihnen vorauseilt, aber irgendwann werden die Muskeln versagen, die Sinne schwächer. Vin und McQueen nutzen noch den Windschatten des Erfahrenen, saugen auf, was sie von ihm lernen können,und sparen ihre Kräfte, für den Moment, in dem er die ersten Schwächen zeigt, um ihn dann gnadenlos hinter sich zu lassen. Bis dahin sollte es nicht mehr lange dauern. Als Burt Kennedy sechs Jahre später THE RETURN OF THE MAGNIFICENT SEVEN drehte, war Yul Brynner wieder zur Stelle. Steve McQueen hatte eine Wiederholung des Erfolgsfilms da schon nicht mehr nötig. Er war bereits zu neuen Ufern aufgebrochen und sollte einen Ruhm erreichen, der den Brynners weit überstieg.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Zufälligerweise haben wir den Film gestern auch gesehen. Habe Brynners Spiel da völlig anders wahrgenommen. Ich denke, ob McQueen den Ruhm Brynners wirklich um so ein Vielfaches überstieg bzw. ob er ihn überhaupt überstieg, hängt wohl auch davon ab, wen man fragt bzw. in welchem Land man sich aufhält. Beide sind zu unterschiedlichen Zeiten Stars gewesen, wie Du ja anmerkst, doch ob der eine größer war als der andere? In der Schweiz und in Russland sind ein Platz nach Brynner benannt, Gedenktafeln befestigt und sogar eine meterhohe Statue von ihm aufgestellt. Fünfmal wurde Brynner unter die erfolgreichsten männlichen Hauptdarsteller eines Kinojahres gewählt und als er starb wurde seine Anti-Raucher-Botschaft daraufhin auf allen drei großen amerikanischen Sendern parallel ausgestrahlt. Er verlor 1965 sein gesamtes Vermögen aufgrund eines Steuerproblems und musste deshalb alles annehmen, was er kriegen konnte. Das hat seine Filmkarriere nachhaltig beeinflusst, aber er war auch ein sehr aktiver Kulturmensch und hat in Frankreich ein Ehrengrab.

    Die kalte Coolness McQueens, die eine neue Generation ansprach, mag auch heutzutage zeitlos erscheinen, aber ein kosmopolitischer Bonvivant, Lebemann und Freigeist wie Brynner wäre mir an jedem Abend lieber als der komplexbeladene McQueen, der mir in seiner Spielweise inzwischen oft zu manieristisch erscheint.

    • Oliver sagt:

      Naja, sicher ist das letztlich auch irgendwie subjektiv: Wie bewertet man Ruhm und Berühmtheit, woran misst man sie? Steve McQueen war Mitte der Sechziger, als er fünf Hits nacheinander produzierte – CINCINNATI KID, NEVADA SMITH, THE SAND PEBBLES, THETHOMAS CROWN AFFAIR und BULLITT – und dann zu Beginn der Seventies, als er nach kurzem Durchhänger mit THE GETAWAY, PAPILLON und TOWERING INFERNO zurückkam, der bestbezahlte Hauptdarsteller Hollywoods (zumindest, wenn man der Biografie glaubt). Ich will ihn nicht gegen Brynner ausspielen oder diesen schlecht machen: Beide sind unterschiedliche Typen, haben einen unterschiedlichen Background und stammen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Zeiten. Ich würde dennoch argumentieren, dass McQueen zumindest in westlichen Gefilden noch heute einen ikonischen Status einnimmt und eine gewisse Zeitlosigkeit für sich in Anspruch nehmen kann, während Brynner heute eher „fremd“ wirkt, auch nicht unbedingt dieses filmische Erbe hinterlassen hat. Auch zu seiner Zeit gab es andere Darsteller, die wahrscheinlich größer waren als er: Heston, Sinatra, John Wayne … Man erinnert sich an ihn (neben der Serie ANNA AND THE KING) in THE MAGNIFICENT SEVEN, vielleicht THE TEN COMMANDMENTS und seine „Selbstparodie“ in WESTWORLD, aber das sind m. E. kaum Filme, die man sich unbedingt wegen Brynner anschaut. Er hat wahrscheinlich auch das Pech, das diese Abenteuer- und Monumentalfilme, in denen er überwiegend mitwirkte, irgendwann völlig aus der Mode kamen. Letztlich ist das wohl auch Geschmackssache: Ich schätze McQueen und finde ihn derzeit interessanter, sowohl hinsichtlich seines Werks als auch seines Spiels.

  2. Marcos sagt:

    Mir fällt gerade ein, dass Brynner noch den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen hat, was immer McQueens großer Traum war. Sinatra und Heston wurden zu ihrer Zeit wesentlich zwiespältiger aufgenommen als das heute so erscheinen mag (vor allem Sinatras Schauspielkarriere verlief alles andere als glatt), wohingegen Brynner vor allem deswegen so beliebt und einprägsam war, da er, nicht zuletzt wegen der markanten Glatze, einfach so ungewöhnlich als Hollywood-Star war. Für westliche Gefilde mag es zutreffen, dass McQueen heute mehr in Erinnerung ist. Aber auch bei Deiner Einschätzung, dass man die von Dir aufgezählten Filme nicht mit Brynner verbindet, würde ich Dir nicht uneingeschränkt zustimmen. ANNA UND DER KÖNIG war ja nicht nur eine Serie, sondern der dazugehörige Kinospielfilm zählte mit Abstand zu den beliebtesten Filmen der 50er Jahre und der wird nun sehr mit Brynner verbunden (meine Oma schwärmt heute noch von ihm und dem Film). Mit DIE 10 GEBOTE im kommerziell bis dahin erfolgreichsten Film aller Zeiten (nicht inflationsbereinigt) mitzuspielen, tat auch sein Übriges. Mit DIE BRÜDER KARAMASOW schaffte er den Durchbruch zu einem Charakterschauspieler (von dem und Brynner schwärmt meine peruanische „Schwieger-Tante“). Aber ja, das sind alles ältere Semester. Und mir geht’s ja auch nur darum, ein wenig Gleichgewicht mit einzubringen. Außerdem habe ich Lust mich zu unterhalten 😉

    • Oliver sagt:

      Passt schon. 🙂

      Nee, ich meine nicht, dass man die Filme nicht mit Brynner verbindet. Nur, dass Brynner sie nicht in einer Art und Weise beherrscht, wie McQueen meinetwegen BULLITT. Ich kenne Brynners Gesamtwerk zu wenig, vieles davon findet heute kaum noch Erwähnung (was meine These stützt), wollte ihn auch gewiss nicht als schlechten Schauspieler diffamieren. Mir ging es vor allem darum, herauszustellen, dass in THE MAGNIFICENT SEVEN in Form von McQueen und Brynner auch zwei unterschiedliche „Schauspielschulen“ aufeinandertreffen, von denen die eine eher das alte Hollywood verkörperte und die andere das neue. Und für die eine lief die Zeit langsam ab, während die andere erst ihren Siegeszug begann.

      Um noch mal auf die vermeintliche Relevanz von McQueen zu kommen und weil du den Krebs-Spot von Brynner erwähntest: Als vor ca. zehn Jahren eine Automobilfirma einen mit Rechnerhilfe zum Leben erweckten McQueen an das Steuer ihres neuen Wagens setzte, erzielte dieser in den USA danach Rekordumsätze. McQueen verkörpert eine Persona und einen Stil, die heute noch aktuell und erstrebenswert wirken. Ich vermute, dass man heute mit Brynner in erster Linie eine Glatze und den exotischen Habitus, aber keine konkreten Werte assoziiert. 🙂

  3. Chrisch sagt:

    „Die kalte Coolness McQueens, die eine neue Generation ansprach, mag auch heutzutage zeitlos erscheinen, aber ein kosmopolitischer Bonvivant, Lebemann und Freigeist wie Brynner wäre mir an jedem Abend lieber als der komplexbeladene McQueen, der mir in seiner Spielweise inzwischen oft zu manieristisch erscheint.“

    Das es regionale Unterschiede in Sachen Beliebtheit gibt ist zustimmungswürdig. Aber fließt in dein Fazit nicht ein wenig zuviel der privaten Persönlichkeit in die Bewertung des Schauspielers; respektive seines Schauspiels ein?

    Idealiter sollte ein guter Schauspieler – und das waren m. E. sowohl Brynner als auch McQueen – die Gabe besitzen in fremde Charaktere zu schlüpfen und in ihnen aufzugehen, bzw. mit ihnen eins zu werden. Ich sehe nicht, dass sich das Schauspiel eines guten Schauspielers zwangsläufig zu großen Teil aus seiner eigenen Psyche gebiert. Freilich kann man sich nicht gänzlich von sich selbst lösen – das ist klar – aber die eigene komplexbeladenheit sollte man durchaus geregelt und außen vor lassen können. Das kriegte McQueen meiner Meinung nach gut hin. So wie ich dich verstehe, würdest du das aber etwas sehen.

    Das Schauspiel eines McQueen war aber auch nicht immer dasselbe und nicht stets von kalter Coolness geprägt. Seine Darstellungsweise in BULLITT ist eine gänzlich andere als beispielsweise im locker leichten THOMAS CROWN oder im tragischen PAPILLON.

  4. Chrisch sagt:

    Kurze Ergänzung zu einem unschön formulierten Satz. Diesem hier: „Ich sehe nicht, dass sich das Schauspiel eines guten Schauspielers zwangsläufig zu großen Teil aus seiner eigenen Psyche gebiert. “

    Es geht mir darum, dass ich meine, dass man zu sich selber einen neutralen Standpunkt einnehmen kann – frei von eigenen Interessen, Komplexen Wünschen et cetera; respektive sie außen vor lassend – und aus diesem heraus einen neuen – nämlich den filmischen – Charakter gebären kann.

  5. Marcos sagt:

    Letztlich hängt natürlich viel von der jeweiligen Schule ab, auf der ein Schauspieler war. Anhand dieser, genauer anhand ihrer Lehrer, kann man oft das Spiel verifizieren. Dann gibt es die Naturalisten, die Realisten, die, die nie an einer Schule waren usw.

    Brynners ganzes Leben ist durch seine wohlhabende Familie von der Kunst geprägt. Er studierte Gesang und Schauspielerei und ist stark vom russischen, wie dem rumänischen Spiel geprägt (er war über viele Jahre hinweg bis zu seinem Tod der Ehren-Vorsitzende und Repräsentant der rumänischen Union für internationale Angelegenheiten). Brynner galt als hervorragender Sänger, Tänzer, Schauspieler, bekam fast alle bedeutenden Filmpreise seiner Zeit, spielte allein den König von Siam 4625mal auf der Bühne, nahm erfolgreich Platten auf, schrieb erfolgreich Romane, galt aus ausgezeichneter Fotograf, wurde Paten-Onkel von Serge Gainsbourgs Tochter (für die weniger frankophilen, Gainsbourg ist in Frankreich eine größere Legende als Elvis und Bob Dylan zusammen), war ein Freidenker und sah sich selbst als Zigeuner (entsprechend gerne entwarf er in Interviews die Behauptung, er sei ein russisch-japanisches Zirkuskind gewesen). Die gesamte Vita Brynners ist von der (darstellenden) Kunst geprägt.

    Natürlich geht so ein Mensch völlig anders an die Schauspielerei heran, als McQueen. Dieser hatte, Olli wird sich da besser auskennen, eine desaströse Kindheit und musste nach außen hin zum rauen, zähen Kämpfer werden. McQueen musste es sich und allen anderen beweisen und genau das war das erfrischende und ausbrechende an seinem Spiel. Er schien um sein Leben zu spielen. Das kann intensiver wirken als das Spiel eines Brynner, aber ist deswegen nicht automatisch das bessere Schauspiel, aber darum ging es ja auch gar nicht. Mir erscheint sein Spiel manchmal etwas zu „erzwungen“, vor allem in PAPILLON, wo er sich so offensichtlich mit Dustin Hoffmann messen möchte. Die Spielweise in THOMAS CROWN IST NICHT ZU FASSEN und BULLIT sehe ich übrigens als identisch, sie wird nur unterschiedlich nuanciert.

    Natürlich verfügen beide Schauspieler über eine Professionalität, die beeindruckend ist, gerade beim gestern erst wieder gesehenen DIE GLORREICHEN SIEBEN. Aber natürlich haben die jeweiligen Lebenshintergründe auch einen Einfluss auf die Schauspieler und ihr Spiel.

    • Oliver sagt:

      Steve McQueens Machismo und sein unbändiger Wille, zur Nummer eins aufzusteigen, besser zu sein als andere, der sein Spiel, aber vor allem seine Karriereentscheidungen wesentlich prägte, ist tatsächlich das Resultat seiner Jugend, zumindest leitet die Biografie das so her. Sein Vater verließ die Mutter kurz nach der Geburt, seine Mutter setzte ihn darauf bei Verwandten ab, wenn es ihr gefiel, und riss ihn dann wieder aus den Verhältnissen heraus, wenn er sich gerade mit diesen arrangiert hatte. Er musste sich ungeliebt fühlen und kam zu dem Schluss, dass er sein Leben selbst in die Hand nehmen musste. Er hatte keinen Erfolg in der Schule und geriet, wie erwähnt, früh auf die schiefe Bahn. Sich Autoritäten unterzuordnen, fiel ihm immer schwer (in BULLITT einen Cop zu spielen, kostete ihn einige Überwindung, danach lehnte er weitere entsprechende Angebote ab, etwa für THE FRENCH CONNECTION). Sein mangelnder Intellekt und das Wissen darüber, führte zu Kompensation dahingehend, dass er bei seinen Filmarbeiten stets die Kontrolle an sich reißen, eine Sonderstellung für sich in Anspruch nehmen musste. Sehr auffällig wird das in THE GREAT ESCAPE, den ich als nächstes bespreche: In dem Film, der ja wesentlich von einer „Mannschaftsleistung“ und von Kameradschaft handelt, ist er derjenige, der eine „Extrawurst“ bekommt, den Einzelgänger spielt. Norman Jewison weigerte sich mit Händen und Füßen den Proleten McQueen für seinen Gentlemanganster Thomas Crown zu besetzen, was McQueen erst recht anspornte. Es heißt, dass er sich jahrelang an Paul Newman orientierte: Ihn einzuholen, war sein erklärtes Ziel.

      Ich finde seine Präsenz bemerkenswert und mag generell diese Art von Schauspieler, die nicht über das allergrößte Spektrum verfügen, aber in jedem Bild wie eine Art Gravitationszentrum wirken. John Wayne ist auch so jemand. Den Vorwurf des Manierismus verstehe ich nicht so ganz (PAPILLON habe ich bislang noch nicht gesehen): Dafür ist mir sein Spiel zu ökonomisch.

      • Marcos sagt:

        Manieristisch ist vielleicht nicht ganz passend. Genauer wäre: Gekünstelt, durch seine mir zwanghaft erscheinende Ökonomie. In PAPILLON ist es mir dann aber tatsächlich zu manieristisch i.S. von pathetisch.

      • Oliver sagt:

        Bin sehr auf den Film gespannt und werde darauf achten.

      • Marcos sagt:

        Das gilt aber auch erst ab „Thomas Crown“. Davor ist er nochs ehr der feurige Jungspund im Stile Newmans.

      • Oliver sagt:

        Aber Newman sah nicht so geil auf dem Motorrad aus. 🙂

      • Marcos sagt:

        @ PAPILLON

        Besser nicht darauf achten. Seine Leistung in dem Film ist nämlich überwältigend und das könnte dabei stören.

        Nachdem ich den Rechner ausgemacht hatte ging mir durch den Kopf, dass meine Aussagen so verstanden werden könnten, als würden mich die an McQueen benannten Dinge irgendwie stören. Ich meine natürlich hyperfeine Nuancierungen, wenn man versucht das Spiel zu analysieren. Für PAPILLON hätte McQueen nämlich den Oscar verdient gehabt. Ich habe selten einen Schauspieler gesehen, der sich für eien Rolle mehr reingehangen hat.

      • Oliver sagt:

        Das wird in der Biografie auch so beschrieben, dass die Academy ihm den Oscar damals mehr oder weniger „gestohlen“ habe, weil McQueen ihr nicht handzahm genug war. Ich bin wirklich sehr gespannt auf PAPILLON, auch auf LE MANS, den ich mir wahrscheinlich im Double Feature mit GRAND PRIX ansehen werde. McQueen war wohl stinksauer, als sein Kumpel Garner ihm mit einem Autorennfilm zuvor kam. McQueens erster Versuch, einen solchen Film zu machen, scheiterte daran, dass die Produktion von THE SAND PEBBLES sich länger hinzog als ursprünglich geplant war. Als dann GRAND PRIX erschien, legte man das Projekt auf Eis. LE MANS war ja eine absolute Herzensangelegenheit von McQueen und geriet aufgrund seiner Weigerung, irgendwelche Kompromisse einzugehen, zum totalen Fiasko. Ursprünglich sollte Sturges ihn inszenieren, aber der schmiss irgendwann entnervt hin.

        Schade auch, dass es von JUNIOR BONNER keine wirklich gute Konserve zu erschwinglichen Preisen gibt. Den würde ich auch sehr gern mal sehen. Habe damals immer einen Bogen darum gemacht, weil ich einen Peckinpah ohne Bloodsquib-Explosionen nicht sehen wollte. Ich Hirni.

  6. Chrisch sagt:

    “ Aber natürlich haben die jeweiligen Lebenshintergründe auch einen Einfluss auf die Schauspieler und ihr Spiel.“

    Das ist freilich schwerlich zu bestreiten. Nur sehe ich diesen Einfluss in geringerem Maße gegeben, als du. Bei einem vorzüglichen Vertreter seiner Zunft sollte dieser Einfluss idealiter marginal und für den Zuschauer kaum wahrnehmbar sein. Aber zugegeben: Gewisse Manierismen – ob sie jetzt auf Grund der Lebensumstände geboren wurden oder nicht – kann selbst der größte Meister nur schwer aus seinem Spiel tilgen.

    Camus sagte einmal sinngemäß, dass es zwar nicht legitim sei zu sagen einen Schauspieler nach dem Genuss zahlreicher seiner Filme wirklich zu kennen, aber man wird wohl sagen dürfen, ihn von Mal zu Mal ein wenig besser zu kennen.

    Wo wir gerade bei Schauspielern sind…

    Ich finde die drastische Veränderung von Al Pacinos Spiel in der Post-Godfather(I&II)-Ära sehr faszinierend und ungewöhnlich, da es mir in dieser Form von keinem anderen Darsteller präsent wäre.

    Ist sein Spiel in bis in die Siebzigerjahren eher auf die kleinen Gesten bedacht und generell als ruhig und vielleicht sogar als leicht unterkühlt zu beschreiben, so wandelte es sich im Laufe der Jahre zu einem auf große Gesten setzenden theatralischen Spiel.

    Beides hat seine Vorzüge, aber in einem Fall – nämlich DER PATE – führt es zu einem Problem. Denn m. E. ist der in DER PATE III porträtierte Michael Corleone ein gänzlich anderer, als jener in den ersten beiden Teilen. Man denke nur an das völlig überzeichnete Spiel des Schlaganfalls in DER PATE III.

    Ich konnte nie einsehen, dass sich der in den ersten beiden Teilen vorkommende Michael Corleone von einem ruhigen und stets mit kühler Rationalität abwägenden „Geschäftsmann“ zu jenem groß aufspielendem Michael aus Teil III hätte entwickeln können. Aus einem Helmut Schmidt ist im Alter auch kein Strauß geworden, wenn mir diese Spitze gestattet ist.

    • Oliver sagt:

      Das ist sicherlich zu einfach, aber gerade bei Pacino würde ich da das Alter als Begründung heranziehen sowie eine gewisse Sattheit oder auch Bequemlichkeit. Ich glaube nicht, dass der (wie auch Zeitgenosse De Niro) heute noch viele Gedanken an seine Filme verschwendet. Das ist ein Job, bei dem er sein Programm abspult. Das Bedürfnis zu „liefern“ ist wahrscheinlich noch da und deshalb wird halt auf die Tube gedrückt. Meiner Erfahrung nach zieht sich das durch zahlreiche Kunstformen, vor allem jene, in denen es um große Geldsummen geht: Dem begeisternden, vielleicht noch etwas unreifen Sturm und Drang folgt erst eine Phase der Findung, Verfeinerung und Reife, bevor dann irgendwann ein Programm abgespult wird. Schlimmstenfalls setzt irgendwann die totale Geschmacksverirrung ein.

  7. Marcos sagt:

    Nun, diese Zusammenhänge zwischen den Lebenshintergünden eines Schauspielers, so sie mir bekannt sind, und der Spielweise eines Schauspielers sind bei mir dadurch entstanden, dass ich selbst mal geschauspielert habe und verschiedene Spielweisen beobachten konnte (habe mich mit den Schulen und Stilen aber nie wirklich intensiv beschäftigt und habe deshalb davon nur Laienwissen) und das ich gleichzeitig Psychologe bin und mich lange Zeit mit der EMFACS-Forschung beschäftigt habe. Dadurch ist mein Blick auf Schauspieler vielleicht nicht immer ganz nachvollziehbar.

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