the great escape (john sturges, usa 1963)

Veröffentlicht: Juni 23, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , , , , , ,

Steve McQueens großer Durchbruch und ein weiteres jener ausufernden, stargespickten Abenteuerepen der Sechzigerjahre. Für mich ein nahezu perfektes Stück Entertainment, bei dem keine einzige der rund 180 Minuten zu viel ist und das bei allem atemlosen Thrill und aller fluffigen Komik nebenbei auch noch eine m. E. recht anspruchsvolle Struktur aufweist – und eine Sichtweise auf den Krieg, die nur auf den ersten, flüchtigen Blick geschönt scheint. Beim zweiten schmerzt dieser Film vielleicht sogar mehr als mancher waschechte Antikriegsfilm. Später mehr dazu.

McQueens zweite Zusammenarbeit mit John Sturges nach THE MAGNIFICENT SEVEN gab ihm – paradoxerweise, wenn man bedenkt, dass es sich um einen Gefängnisfilm handelt – endlich breiten Raum zur Entfaltung, machte es unnötig, den eigentlichen Hauptdarsteller mit Taschenspielertricks aus dem Bildhintergrund zu sabotieren. Als „Cooler King“ Hilts hat McQueen nicht nur den saftigsten Part abbekommen, er nimmt innerhalb des Films auch eine Sonderstellung als prototypischer Loner ein. Während die anderen Kriegsgefangenen unter der Leitung von „Big X“ Bartlett (Richard Attenborough) gemeinsam am Ausbruch aus dem Lager arbeiten, jeder eine kleine Aufgabe übernimmt und sich mit der Funktion eines Rädchens im geölt laufenden Getreibe begnügt, handelt Hilts ausschließlich auf eigene Rechnung. Für ihn ist es nicht so sehr soldatische Pflicht, die Bemühungen des Gegners zu sabotieren, sondern beinahe eine sportliche Herausforderung, aus so vielen Gefängnissen wie möglich auszubrechen. Dabei auch mal erwischt zu werden, ist integraler Bestandteil des Spiels: Wichtig ist nicht der Erfolg, sondern allein die Geste der Unbeugsamkeit, der Trotz, die Respektlosigkeit und die Beharrlichkeit in der Weigerung, sich unterzuordnen und aufzugeben. Auch wenn McQueen seinem Hilts ein Maß an unschuldig-kindlicher Spitzbübigkeit verleiht – für ihn scheint das tatsächlich alles nur ein ausgedehnter Spaß zu sein –, die er in späteren Rollen zugunsten eines kalten Professionalismus ablegen sollte: Hilts ist die erste wirklich ganz und gar typische McQueen-Figur, und Szenen wie jene, in der er in seiner Einzelzelle sitzt und sich die Zeit damit vertreibt, immer und immer wieder einen Baseball gegen die gegenüberliegende Wand zu werfen und aufzufangen, sind untrennbar mit seiner Persona verbunden. Das Image des ungehorsamen, unbezähmbaren Einzelgängers, hinter dessen stoischer Fassade es unentwegt arbeitet, wurde wahrscheinlich genauso in diesem Film begründet wie sein Status als PS-vernarrter Teufelskerl: Seine Flucht auf dem Motorrad am Schluss, die in einem waghalsigen Sprung über einen drei Meter hohen Zaun kulminiert, ist nur der Vorgeschmack auf Filme wie BULLITT oder LE MANS und natürlich auf seine privaten Rennfahrerambitionen.

Aber THE GREAT ESCAPE ist natürlich weit mehr als ein Starvehikel für McQueen: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Paul Brickhill, einem Piloten der australischen Luftwaffe, der 1943 über Tunesien abgeschossen wurde und daraufhin im Kriegsgefangenenlager Stalag Luft III im heutigen Polen landete. Das Lager galt als besonders ausbruchssicher, trotzdem gab es einen groß angelegten Ausbruch, an dessen Planung Brickhill beteiligt, aber aufgrund seiner Klaustrophobie allerdings nicht teilnehmen konnte. Am Ende gelang 76 Männern die Flucht, 50 davon wurden in der Folge ergriffen und exekutiert. James Clavells Drehbuch hält sich eng an Brickhills Vorlage, endet sogar mit der gleichen Widmung („Dedicated to the fifty“). Der Film, den Sturges daraus macht, feiert die Kameradschaft unter den Gefangenen, betont die seltsame Beziehung, die sie mit ihren Wärtern unterhalten (Robert Graf, Vater von Regiseur Dominik Graf, spielt einen besonders bemitleidenswerten Deutschen). Gefangen sind sie im Grunde alle, egal auf welcher Seite sie stehen. Vor allem Kommandant von Luger (Hannes Messemer) ist nicht zu beneiden: Er hat die Aufgabe, die berüchtigtsten Ausbrecher der Alliierten zu bewachen, weiß genau, dass er sie nicht vollständig unter Kontrolle halten kann und ein Versagen ihn teuer zu stehen kommen wird. Ramsey (James Donald), das Sprachrohr der Inhaftierten, macht ihm keine falschen Hoffnungen: Es ist die Aufgabe der Gefangenen, aufzubegehren, und die zu ihrer Bewachung abgestellten Kräfte des Feindes so gut zu beschäftigen wie es geht. Die Verhältnisse sind während der ersten beiden Drittel geradezu auf den Kopf gestellt: Die Häftlinge arbeiten guter Dinge an ihrem Ausbruch und haben vom Feind nichts zu befürchten, sofern sie sich an dessen Regeln halten. Alles, was sie für den Ausbruch, die Flucht und das zwischenzeitliche Vergnügen benötigen, kann ihnen „scrounger“ Hendley (James Garner) besorgen, der Fragen nach seinen Bezugsquellen nur mit „don’t ask“ zu beantworten pflegt. Ein cleverer Schachzug des Drehbuchs, das sich nicht lang mit Erklärungen aufhalten muss und sich jederzeit auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten Hendleys berufen kann. Fast bedauert man es, nicht auch mal in einem Kriegsgefangenenlager gewesen zu sein, so munter ist das Treiben des bunt zusammengewürfelten Haufens, der sich sogleich blind versteht.

Doch dann holt einen das letzte Drittel des Films auf den Boden der Tatsachen zurück, nimmt der vermeintliche Spaß ein bitteres Ende. Sobald die Männer das Lager verlassen haben, schlagen die Nazis zu, gelten plötzlich andere Regeln als im luftleeren Raum des Camps, wird nicht lange gefackelt. Einigen wenigen gelingt es mit Glück eine rettende Grenze zu erreichen, doch für die meisten endet das Abenteuer mit einer mitleidlosen Exekution irgendwo auf einem verlassenen Hügel in Deutschland. THE GREAT ESCAPE ist ein existenzialistischer Film und macht dem Zuschauer keine Illusionen über das Leben: Die Männer um Bartlett müssen so handeln, wie sie es tun, es gibt ebenso wenig eine Alternative wie einen garantierten Erfolg. Sicherheit gibt es ironischerweise nur zwischen den Stacheldrahtzäunen. Wer sich für die Freiheit entscheidet, muss sich der möglichen Konsequenzen bewusst sein.

 

Advertisements
Kommentare
  1. Wolfgang sagt:

    Ja, THE GREAT ESCAPE ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme, ich nenne ihn in einem Atemzug mit THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY, das sind die beiden Filme, die mich in meinen Teenager-Jahren am meisten und auch am nachhaltigsten beeindruckt haben. Lange Epen ohne jedes Gramm Fett, keine Einstellung zuviel, keine Sekunde, die man missen moechte, von mir aus koennten beide Filme auch jeweils 4 Stunden dauern.

    John Sturges war – wie Sergio Leone – ein unerreichter Meister seines Faches, beides waren gestandene Männer in Ihren besten Jahren, voller Erfahrung und Weisheit, als sie diese Filme drehten, und das sieht man ihnen auch an. Grandiose Filme!

    Und was letztendlich den Ausschlag gibt, ist ihre absolute Transzendenz, sie wachsen ueber ihre Zeit hinaus, sind zeitlos. Viele der Filme, die mir als Teenager gefallen haben, stellten sich bei späteren Betrachtungen als gar nicht so gut, manche sogar als schlichtweg schlecht heraus. THE GREAT ESCAPE macht mich auch beim 20. oder 30. Anschauen (jedes Jahr einmal) genauso happy und sprachlos, wie damals als ich mit ca. 13 oder 14 Jahren Steve McQueen mit dem Ball in seine Zelle marschieren sah, das Ganze untermalt von der grandiosen Musik Elmer Bernsteins (die in diesem Film ebenso wichtig ist wie die Ennio Morricones´ fuer GBU). THE GREAT ESCAPE ist bisher nicht gealtert und wird auch in 50 Jahren noch genauso frisch ausschauen wie in seinem Erscheinungsjahr. Wenn ich mir dagegen GLADIATOR anschaue … aber bleiben wir beim Erfreulichen. 🙂

    THE GREAT ESCAPE ist auch ein Ensemblefilm, eine Charakterstudie, vortrefflichst besetzt bis in kleinste Nebenrollen (zB der deutsche Gefangenenwärter, um nur einen herauszugreifen). Keiner der Mitwirkenden hatte zum damaligen Zeitpunkt den Zenit seiner Karriere erreicht, aber aus so gut wie allen wurden grosse, wenn nicht sogar – wie man heute zu sagen pflegt – „Mega-„Stars. Sturges hatte eine unglaubliches Gespuer dafuer, wer fuer welche Rolle am Besten geeignet wäre (wie er schon bei THE MAGNIFICENT SEVEN bewiesen hatte) und er setzte seine Schauspieler derart perfekt in Szene, dass jede Einstellung fuer sich ein Genuss ist.

    Ja, THE GREAT ESCAPE ist ein Film zum immer-wieder-Sehen, zum Staunen, zum langsam-Sehen, zum Zurueckspringen, zum Betrachten von Details, dann wieder vom Gesamtbild (wie perfekt aber gleichzeitig leicht ausschauend dieses arrangiert wurde macht mich sprachlos), ein Film-Traum, und wenn mir noch mehr Superlative einfallen wuerden (und ich noch mehr Zeit hätte) wuerde ich noch ein paar Absätze begeisterter Lobpreisungen runtertippen. :-))

    Wenn ich nur 3 Filme auf eine einsame Insel mitnehmen durfte, THE GREAT ESCAPE wäre definitiv einer davon (wenn ich nur einen mitnehmen duerfte, dann GBU).

    • Oliver sagt:

      Man merkt, dass du den Film liebst. 🙂 GLADIATOR habe ich neulich auch noch einmal versucht zu schauen. Nach einer halben Stunde habe ich es nicht mehr ertragen. Ein pathetisch breitgetretenes Inszenierungsklischee jagt das nächste. Furchtbar.

      • Wolfgang sagt:

        Ja, ich liebe diesen Film, und ueberhaupt, der sog. epische Film der 50er und 60er Jahre, der hat was! FALL OF THE ROMAN EMPIRE (Anthony Mann!!!) und EL CID, da schmelze ich richtiggehend, das war schon eine immense inszenatorische Wucht, die die damaligen Regisseure auf die Leinwand zauberten. Man kann sich diese Filme wirklich 20, 30mal anschauen – jedes Jahr einmal – und entdeckt immer neue tolle Szenen (wie Du bei JAWS ja so richtig schreibst).

        Ja, stimme Dir 100%ig zu, was GLADIATOR betrifft, dieses Wissen und Koennen um den grossen Breitwandfilm scheint verloren gegangen zu sein. Ridley Scott kann schon was als Regisseur, aber bei Gladiator hat er versagt.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Habe neulich noch mal Sturges tollen Hour Of The Gun gesehen. Weit mehr als nur eine Ergänzung
    zu Gunfight At The OK Corall, sondern ein sehr unterschätztes Meisterwerk.
    Wenn du den nicht kennst, unbedingte Empfehlung.
    James Garner, Jason Robards und Robert Ryan in Topform. Kann man nix falsch machen.
    Mein Lieblingsfilm von Sturges bleibt wahrscheinlich Bad Day At Black Rock, aber Hour ist in der
    Top 5.

    • Oliver sagt:

      Danke für den Tipp. Gibt ja sogar ne deutsche DVD. 🙂

    • Wolfgang sagt:

      Ja, HOUR ist auch sehr gut, wie wohl jeder (!) Film mit Robert Ryan. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, den mal in einem schlechten Werk gesehen zu haben.

      Kennst Du THE LOLLY MADONNA WAR (1973), ein rauhes Meisterwerk von R. C. Sarafian (ein R., den kaum jemand kennt, der aber in den fruehen 70ern einige sehr gute Filme gemacht hat), total unbekannter Film, aber wert aufgespuert zu werden! RR und Rod Steiger in Bestform!

      • Ghijath Naddaf sagt:

        Ja, da habe ich von gehört. Überhaupt irre Besetzung in dem Film. Leider noch nicht gesehen,
        ist aber in der Warner Archive Collection erschienen.

  3. […] Die Bilder, die Lean entwarf sollten mich dort noch lange verfolgen. Noch länger verfolgte mich „Gesprengte Ketten“, der mich völlig umwarf und lange, lange Zeit für mich DER Film blieb. Daran zu erkennen, dass […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s