a nightmare on elm street (wes craven, usa 1984)

Veröffentlicht: Juni 25, 2015 in Film
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Nach der FRIDAY THE 13TH-Reihe (und neben meiner kleinen Steve-Mc-Queen-Retro, die derzeit durch den Poststreik sabotiert wird, weil die Blu-ray von THE CINCINNATI KID einfach nicht ankommt) widme ich mich nun den Filmen um den als Traumdämon zurückkehrenden Kindermörder Freddy Krueger, der in den Achtzigerjahren zum absoluten Popstar avancierte. Neben seinem ikonischen Outfit war es wohl vor allem sein bizarrer Sinn für Humor, der sich in respektlos-anzüglichen Sprüchen und fantasievollen Morden niederschlug, der ihn zu solch Ruhm verhalf und ihn vom furchteinflößenden Schreckgespenst zum unerwarteten Helden der Jugend reifen ließ. Kruegers entstelltes Antlitz zierte ein schier unüberschaubares Angebot an Merchandising-Artikeln, eroberte in Form einer eigenen Fernsehserie die US-amerikanischen Haushalte und schmückte als Poster selbstverständlich auch mein Jugendzimmer. Es war in jener Zeit, zum Ende der Achtziger- und Beginn der Neunzigerjahre, nahezu unmöglich, ihm aus dem Wege zu gehen. Zum Original hege ich, wie zu einigen Filmen Cravens, ein etwas gespaltenes Verhältnis und frage mich heute, ob er bei mir besser funktionieren würde, wenn ich damals nicht einige spätere Folgen der Reihe zuvor gesehen hätte. Mein erster NIGHTMARE-Film war Renny Harlins drittes Sequel, in dem Freddy sein verstörendes Potenzial bereits weitestgehend eingebüßt hatte, und das Original erschien mir im Vergleich immer eher unspektakulärer als unheimlicher. Heute kann ich bestenfalls vermuten, dass ein unvorbereiteter Zuschauer das vor 30 Jahren wahrscheinlich anders empfunden haben muss: Der erste Mord an Protagonistin Nancys (Heather Langenkamp) bester Freundin Tina (Amanda Wyss) ist ziemlich heftig und ihren Freund Glen (Johnny Depp) erwischt es kaum weniger hart. Die Tonspur tut ihren Teil, die Nerven empfindsamer Gemüter zu traktieren. Aber ich kann mir trotzdem nicht helfen: Cravens Filme erscheinen mir Post-LAST HOUSE ON THE LEFT immer als eine Spur zu nett und zivilisiert, als dass sie mich tatsächlich schockieren würden, und so ist auch dieser Film, der inhaltlich das Potenzial zu einem echten Runterzieher hat, für mich in erster Linie ein Popcorn-Film, dessen Schocks an der Oberfläche bleiben.

Das ändert freilich nichts daran, dass A NIGHTMARE ON ELM STREET ein Klassiker ist, die dem Film zugrundeliegende Idee schlicht brillant und Craven der richtige Mann, all die psychologischen und soziopsychologischen Implikationen herauszustreichen, ohne jemals mit dem Holzhammer zu predigen. Von der ruppig-rohen Anmutung seines oben genannten Debüt hin zu diesem effektreichen Teeniefilm ist es ein weiter Weg, doch das scheinheilige Mittelklasse-Bürgertum, hinter dessen Maske der Zivilisiertheit eine blutgierige Bestie lauert, hat es für diesen 84er-Überraschungshit lediglich aus dem letzten Haus links in die Vorstadt verschlagen. Das eigentlich Erschreckende an A NIGHTMARE ON ELM STREET ist dann auch nicht so sehr das Treiben des Traumdämons Krueger, der Rache für das an ihm verübte Verbrechen nimmt, sondern die Erkenntnis, dass die braven Eltern in ihren gepflegten Häuschen eiskalte Killer sind. Von der Justiz allein gelassen, nahmen sie das Gesetz kurzerhand in die eigenen Hände, entledigten sich des überführten Mörders in ihrer Mitte auf ihre eigene, mitleidlose Art und Weise. Die Schuld, die sie seitdem mehr oder weniger plagt, die sie mehr oder weniger erfolgreich verdrängen, entwickelt indessen ihre eigenen Methoden, Wurzeln zu schlagen. Sie springt direkt auf die Kinder über, in deren Träumen Krueger sein Schaffen fortsetzen kann. Hier muss eine Generation für die Gräueltaten der vorangegangenen büßen, eine Einschätzung, die im Jahrzehnt nach Vietnam sicher nicht aus der Luft gegriffen war.

Der Erfolg von A NIGHTMARE ON ELM STREET fußt gewiss auch darauf, dass diese psychologische Dimension des Films nicht bewusst erfasst werden muss, um von ihm mitgenommen zu werden. Cravens Film ist ein „Jugendfilm“ im engsten Sinne des Wortes, weil er an die Wurzel des Generationenkonflikts geht, ein griffiges, konkretes Bild für den abstrakten „Verrat“ der Erwachsenen an ihren Kindern findet und sich auf deren Seite schlägt, ohne dabei Kompromisse oder Einschränkungen zu machen: Die Welt, in der sie aufwachsen, ist eine Hölle und die Eltern haben sie dazu gemacht. Das allein hätte wahrscheinlich für ein paar Sequels gereicht, aber zum popkulturellen Phänomen wurde die Serie erst durch ihren atemberaubenden visuellen Einfallsreichtum, der im ersten Teil noch längst nicht ausgeschöpft ist. Neben dem genialen Design der heimlichen Hauptfigur ist es vor allem die Verlagerung der Handlung auf die Traumebene, die die NIGHTMARE-Filme in den folgenden Installationen beflügelt und aller lästigen Limitierungen durch schnöde Logik entledigt. Dies und natürlich das spannungsfördernde Hin- und Herspringen zwischen Noch-Realität und Schon-Traum sind das tragfähige Fundament, auf dem in den kommenden zehn Jahren immerhin sechs weitere Filme entstehen konnten, die bei marginalen Qualitätsschwankungen zu den kreativen Sternstunden des kommerziellen Horrorfilms seiner Zeit zählen dürfen. Schade, dass sich daran heute keiner mehr zu erinnern scheint. Freddy Kruegers Wiederbelebung ist eigentlich längst überfällig (wenn auch nicht durch ein missratenes Remake), zumal der Zustand der Welt, die die Erwachsenen ihren Kindern vererben, sich in den letzten zwei Jahrzehnten eher nicht verbessert hat.

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Kommentare
  1. Mic sagt:

    Darf ich fragen, wie du dir die Wiederbelebung Freddys vorstellen würdest? Ich kann mir eigentlich weder vorstellen, die Originalreihe (die ja auch nur sehr bedingt eine Kontinuität aufwies) noch das Remake (reden wir nicht weiter drüber) fortzusetzen. Dabei mag ich die Nightmare-Filme wirklich sehr!

    Das einzige, was mich am ersten Teil immer schon gestört hat, ist das Ende mit dem aufgesetzten Schockeffekt, der zwar wahrscheinlich nicht vermeidbar war, aber für mich nicht zum Ton des Gesamtfilms passt.

    • Oliver sagt:

      Ich habe auch keine konkrete Vorstellung, wie man das bewerkstelligen könnte, glaube aber, dass das trotzdem machbar wäre. DIe Figur ist von allen Horror-Stars jener Zeit sicherlich die interessanteste und bietet für ein Update mit neuer Technik auch visuell die meisten Möglichkeiten. Wenn man bedenkt, dass mit Michael Myers, Jason, Leatherface oder auch Chucky in den letzten Jahren oder zumindest über das Ende Freddys hinaus Figuren erfolgreiche Sequels und Reboots erfahren haben, die deutlich weniger hergeben, wundert es mich einfach, dass es bei der NIGHTMARE-Reihe (abgesehen natürlich von FREDDY VS. JASON, der meine Überzuegung eigentlich stützt, aber da mag ich alleine sein) nur einen halbherzigen Versuch gegeben hat. (Ich muss aber tatsächlich zugeben, das Remake gar nicht gesehen zu haben.)

      Du meinst das Shock Ending? Ja, das wirkt wie eigentlich immer sehr unnötig angetackert, aber ich mag es wegen dieser irrealen Atmosphäre („wo kommt denn der Nebel her?“) und das grün-rot gestreifte Cabrio-Verdeck.

      • Mic sagt:

        Gut, vielleicht liegt es bei mir daran, dass ich Freddy nicht wirklich für die interessanteste Figur im Horror-Panoptikum halte. Ich bin da eher auf der Seite des „ultimativen Bösen“ in Gestalt von Michael Myers. Der Grund liegt eben in jenem Ausspielen jedes möglichen Gimmicks bei Nightmare, das du auf der einen Seite zurecht lobst, das aber spätestens nach dem dritten Teil der Serie (den ich für den besten halte) sehr selbstzweckhaft geworden ist. Aber da sind dann die Geschmäcker unterschiedlich.

        Das Remake leidet vor allem, so empfinde ich es, unter seinem Hauptdarsteller. Noch so ein Punkt, der – für mich – gegen eine Fortsetzung spricht: Michael Myers wurde von verschiedenen Schauspielern verkörpert, Jason wurde von mehreren Schauspielern verkörpert, aber Freddy ist und bleibt für mich Robert Englund. Und der ist, glaube ich, nicht mehr wirklich in Nightmare-Verfassung.

      • Oliver sagt:

        Michael Myers mag auf mythologisch-philosophischer Ebene spannender sein als Krueger, aber er eignet sich nicht unbedingt für das serielle Erzählen. Die Figur wird dadurch im Grunde genommen banalisiert (keines der HALLOWEEN-Sequels ist als „Fortsetzung“ wirklich gelungen), bei Krueger ist das anders, weil er über ein stärkeres Selbstbewusstsein verfügt, im Grunde genommen ein Selbstdarsteller und Showman ist. Ich würde nicht sagen, dass die NIGHTMARE-Filme nach Teil 3 unbedingt „nötig“ waren: Der Figur fügen sie nichts mehr hinzu, das ist richtig. Aber sie bieten eben immer noch knackige Bilder und das fantasievolle Kombinieren der bekannten Elemente. Gerade wegen dieses spielerischen Fun-Charakters, der die Serie immer ausgezeichnet hat, glaube ich, dass ein neuer Eintrag heute sehr gut funktionieren könnte.

        Was Englund angeht, könntest du Recht haben. Aber ich glaube nicht, dass das für Produzenten ein echtes Hindernis darstellt. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass die Figur aufgrund ihrer einstigen Überpräsenz heute als verbrannt angesehen wird. Auch das Remake konnte offensichtlich kein neues Interesse wecken. Naja, mal sehen, irgendwann kommt da noch was, da bin ich mir ziemlich sicher.

  2. Marcos sagt:

    In der Jugend war ich vor allem ein Fan von Teil 3 und 4. Inzwischen sind Teil 1 und 2 die einzigen, die ich in Bezug auf Horror im engeren Sinne noch für wirklich die Zeiten überdauernd halte. Die „Nettigkeit“ des ersten Teils sehe ich vor allem dem neuen Inszenierungsstil des Jahrzehnts geschuldet und gleichzeitig war NIGHTMARE – MÖRDERISCHE TRÄUME auch einer der ersten Filme, der „Splatter“ wirklich ins Mainstream-Kino übertragen hat. Die Blutsäule setzte da völlig neue Maßstäbe. Craven ist es da auf sehr geschickte Weise gelungen, dass eigentlich Entsetzliche – Verstümmelungen, Ausweidungen, literweise Blut – was es in den 70ern noch war, zu Verkommerzialisieren (auch wenn der Film in den Staaten eher einen kleinen Kinostart hatte). Auch Cravens Dauerthematik von der Hitchcock’schen Schuldverlagerung des Bürgertums hat hier schon lyncheske Kraft und nimmt Bilder aus BLUE VELVET vorweg.

    Ach ja, das Schock-Ende ist für mich ein Muss. Wirkt für mich kein Stück dran gepappt, sondern ist die absolut folgerichtige Conclusio.

    • Oliver sagt:

      Deine persönliche Entwicklung mit den Teilen 1–4 spiegelt ugf. die meine, auch wenn ich vor allem den dritten Teil, den ich gestern gesehen habe, sehr mag und hinsichtlich seiner Fabulierfreude sehr, sehr mag. Er geht etwas weg vom Horror und hin zur Fantasy, aber er zeigt eben, was das Thema sowohl erzählerisch als auch visuell hergab. Harlins Film fand ich bei der letzten Sichtung, die allerdings wahrscheinlich mehr als zehn Jahre zurückliegt, auch eher schwach, aber er setzt dem ganzen Creative-Killing-Trieb und natürlich der Verpoppung Kruegers die Krone auf. Damals fand ich Cravens siebten Teil sehr stark, auf den bin ich sehr gespannt.

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