l’assassino ha riservato nove poltrone (giuseppe bennati, italien 1974)

Veröffentlicht: Juni 25, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Dass der Killer neun Sitze für sie reserviert hat, wie der Originaltitel verkündet, wissen die Mitglieder der Familie Davenant nicht, als sie ihrem Oberhaupt Patrick (Chris Avram) in das im Familienbesitz befindliche, seit über 100 Jahren leerstehende Theater folgen. Wenig später entkommt Patrick nur knapp einem Attentat,  seine junge Geliebte Kim (Janet Agren) hat kurz darauf weniger Glück. An Verdächtigen besteht kein Mangel: Die Davenants hassen sich untereinander, nutzen sich gegenseitig aus, nehmen sich die Frauen weg und brauchen allesamt Geld, um ihren ausschweifenden Lebenswandel zu finanzieren, sodass es kaum weiter verwundert, dass das muntere Morden weitergeht. Aber nicht nur Niedertracht plagt die Davenants, zu allem Überfluss scheint auch noch ein Fluch auf ihrer Sippe zu liegen: Vor 100 Jahren soll bereits ein ganz ähnliches Gemetzel am selben Ort stattgefunden haben …

Ich habe mich während der Sichtung gefragt, was eigentlich die Initialzündung für diese Art von Geschichten war. Ich vermute mal, sie gehen auf Agatha Christies Roman „And then there were none“ von 1939 zurück (auch bekannt unter den politisch unkorrekten Titeln „Ten little niggers“ bzw. „Ten little indians“ nach den bekannten Kinderabzählreimen): Die Prämisse des Romans – acht Personen werden von einem Unbekannten auf eine Insel eingeladen, kommen dort nacheinander ums Leben und müssen herausfinden, wer ihnen an den Kragen will – wurde zu einer Art archetypischem Erzählschema des Thrillers und beeinflusste bis heutige unzählige Variationen. In Bennatis Film geht dieser Einfluss soweit, dass sogar der Name der verfluchten Familie eine mehr als nur zufällige phonetische Ähnlichkeit zum Schauplatz von Chirsties Klassiker offenbart (Davenant/Devon). Was den Stoff für Filmemacher so interessant machte, liegt auf der Hand: Er bietet Raum für interessante Ensemblezusammenstellungen mit überlebensgroßen Charakteren, Gelegenheit für publikumsträchtig inszenierte Gräueltaten und, wie im vorliegenden Fall, für eine gehörige Portion Zynismus. L’ASSASSINO HA RISERVATO NOVE POLTRONE profitiert erheblich von seinem in prachtvoll dekadenten Rot- und Erdtönen eingefangenen Theatersetting und eben den moralisch durch die Bank verkommenen Protagonisten, die alle Facetten menschlicher Niedertracht und sexueller Devianz – bzw. das, was der Spießer dafür hält – in sich vereinen. Da gibt es Alkoholismus, Inzest, Homosexualität, Drogensucht und natürlich ganz banale Geldgeilheit und Verlogenheit. So richtig schade ist es um keinen der Davenants und der Mörder zeigt ausgesprochene Kreativität darin, sie über die Klinge springen zu lassen. Diese Charakterisierung des Figureninventars stellt aber auch einen Teil des Problems dar, das der Film nicht überwinden kann: Dass Wohlergehen dieser Unsympathen steht ganz weit unten auf dem Wunschzettel des Zuschauers und so sehr man sich auch fragt, wer hinter ihrer Auslöschung steckt, so wenig berührt einen das ganze Treiben. L’ASSASSINO HA RISERVATO NOVE POLTRONE sitzt genau zwischen den Stühlen krachiger Exploitation auf der einen Seite und gediegener Trivialkunst auf der anderen. Das hebt ihn von bloß unterhaltsamen Gebrauchsfilmen zugegebenermaßen ab, aber bei mir kam eigentlich erst am Ende richtig Stimmung auf, als die schwarzhaarige Lesbierin an den Türrahmen genagelt wird, Papa Patrick sich an seiner geilen Tochter Lynn (Paola Senatore) vergreift und ihr augenrollender Drogenfreund Duncan (Gaetano Russo) mit dem Katzendolch und lustiger Verkleidung der aufgelösten Vivian (Rosanna Schiaffino) hinterher hetzt. Am Ende erhält die ganze Geschichte noch einen Schlag ins Metaphysische, wenn die Flucht vor dem Killer die Überlebenden in die Familiengruft führt und eine unheimliche Wahrheit ans Licht kommt.

Bennati, dessen letzte Regiearbeit dies war, inszeniert mit einigem Sinn für das altehrwürdige Setting, auf dessen maroder Bühne sich das makabre Schauspiel vollzieht, und ohne voll in den Schweinetrog zu greifen. Weil sich die Geschichte aber auf einen Schauplatz beschränkt und einem das Wohlergehen der Davenants so herzlich egal ist, kommt keine echte Spannung auf, nutzt sich L’ASSASSINO HA RISERVATO NOVE POLTRONE mit laufender Spielzeit immer mehr ab. Man muss wohl schon eine enge Beziehung zum italienischen Genrefilm unterhalten, um dieses Fundstück als Gewinn zu betrachten. Über ein „nett“ kommt er bei mir nicht hinaus und wenn ich ihn nicht gesehen hätte, wäre mein Leben auch nicht ärmer.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s