top sensation (ottavio alessi, italien 1969)

Veröffentlicht: Juli 3, 2015 in Film
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„Nur weil ihr Frauen seid und auf dem Wasser herumfahrt, denkt ihr, ihr könnt meine Ziegen kaputtmachen!“

Diese weniger zornigen als vielmehr hilflos-verzweifelten Worte richtet der arme Bauerntölpel Andro (Salvatore Puntillo) an die wohlhabende Mudy (Maud Belleroche) und ihre Schwiegertochter Paola (Rosalba Neri), die aus purem Spaß an der Freude mit dem Gewehr Jagd auf die herumstreunenden Tiere machen. Ob ihm die Verwendung seiner Lieblinge durch Paolas Ehemann Aldo (Maurizio Bonuglia) und die Prostituierte Ulla (edwige Fenech) besser gefiele? Großzügig und freigiebig wie sie ist, lässt Ulla eines der possierlichen Tierchen an ihrem wogenden Busen und ihrem feuchtwarmen Schoß schlecken, derweil der zynische Aldo das Ganze mit seiner Fotokamera festhält. Die einmalige Chance, die deutsche Fassung vermarktungsträchtig „Edwige und die Ziege“ zu betiteln, wurde leider vergeben – wohl auch, weil die Französin mit der elfenbeinernen Haut 1969 längst noch nicht die Ikone war, zu der sie in den Siebzigerjahren avancieren sollte –, aber SKLAVEN IHRER TRIEBE klingt natürlich auch nicht schlecht.

Allerdings führt Alessi den Zuschauer mit Szenen wie der obigen durchaus etwas in die Irre. TOP SENSATION beginnt als schön anzuschauender und gediegen inszenierter, aber doch recht krachlederner Sleazefilm, der vor allem von der Schriftstellerin Maud Belleroche als herrisch-grausam-verkommener Mama bestimmt wird. Wie sie ihrer Verachtung für den abgezockten Aldo, dem sie die Augabe übertragen hat, ihrem just aus einer Nervenheilanstalt entlassenen 20-jährigen Sohn Tony (Ruggero Miti) mithilfe Ullas die Jungfräulichkeit zu rauben, und für seine vergnügunssüchtige Gattin verbal Luft verschafft, lässt nicht viel Interpretationsspielraum. Die an fantasievollen Beleidigungen und Vulgarismen überbordenden Dialoge sind neben den ausgiebig präsentierten Prachtkörpern von Rosalba Neri und Edwige Fenech eindeutig das „Alleinstellungsmerkmal“ dieses Films, dessen Prämisse einen Standard psychologisch-sexuell aufgeladener europäischer Klassenkampfdramen aufgreift: Auf der Yacht der reichen Frau hat sich ein Panoptikon der Verkommenen versammelt, von dem jeder nur den eigenen Vorteil im Sinn hat und den anderen bis aufs Blut hasst. Was sie natürlich nicht davon abhält, sich in immer neuen Konstellationen aneinander zu reiben und Körperflüssigkeiten auszutauschen. Das kennt man etwa aus Ruggero Deodatos ONDATA DI PIACERE und einigen weiteren Yacht-Thrillern und -dramen, die den beengten Raum und die unendliche Weite des umgebenden Meeres als eine Art Simulationsraum für böse „Gesellschaftsspiele“ nutzen. In TOP SENSATION wird die im trügerischen Stillstand begriffene Situation verkompliziert, als das Schiff auf einer Sandbank aufläuft und die Passagiere zum Landgang zwingt. Dort begegnen sie mit besagtem Ziegenhirten Andro und seiner jungen Gattin, dem naiven Bauernmädel Beba (Eva Thulin), zwei Menschen vom anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums. Ohne Wissen ihres Mannes verspricht Beba, den Reichen zu helfen und kommt mit an Bord, wo sie natürlich sogleich Zielscheibe lustvoller Manipulationen – und lesbischer Zuwendung – wird. Nur Tony scheint sie als Mensch zu akzeptieren. Keimt da im totalen humanistischen Nichts etwa doch eine Liebe, die die Klassengrenzen und den Zynismus überwindet?

Wer das italienische Kino und diese spezielle Spielart von Klassenkampf-Dramen kennt, der weiß natürlich bald, dass alles in einer großen Katastrophe enden muss. Und je mehr sich diese Dynamik herauskristallisiert, umso mehr treten auch die Geschmacksüberschreitungen in den Hintergrund, während Allessis künstlerische Ambitionen in den Fokus geraten. Echte emotionale oder auch nur intellektuelle Teilhabe ist allerdings kaum möglich, dafür sind die Protagonisten entweder zu schematisch-unsympathisch oder aber zu sehr als bloß strukturalistischer Gegenentwurf zu diesen Bastarden angelegt. Mit wachsendem Respekt für den Film schwindet so auch ein wenig die Freude an ihm, weil sich lediglich routiniert erfüllt, was man eh von Anfang an erwartet hat. Die Enttäuschung darüber hält sich allerdings in Grenzen, da man sich immer noch an den Kurven Neris und Fenechs delektieren kann, was mehr ist, als andere Filme vorzuweisen haben.

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Kommentare
  1. Bernhard sagt:

    Die letzten beide Sätze bringen es – fast genial – auf den Punkt. Der Film ist z.Z. auf Youtube in englisch zu entdecken.

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