come cani arrabbiati (mario imperoli, italien 1976)

Veröffentlicht: Juli 5, 2015 in Film
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Italienische Filme der Siebzigerjahre, die einen Ausflug ins Fußballstadion unternehmen, haben bei mir einen Stein im Brett. Bei COME CANI ARRABBIATI, einem Film, der als weitestgehend verschollen galt – es existierte wohl ein griechisches VHS-Tape –, bis Camera Obscura ihn dankenswerterweise in einer Luxusedition verfügbar machten, sind die Weichen damit schon früh Richtung Erfolg gestellt, denn er beginnt im römischen Olympiastadion mit tollen Ausschnitten der Partie zwischen Lazio und Sampdoria Genua (ein aufschlussreiches Featurette ersparte es mir, das selbst zu recherchieren). Die Wahl dieses Ortes zum Auftakt ist durchaus programmatisch: Der „Calcio“, in Italien zumindest damals wahrscheinlich noch um einiges fanatischer verfolgt als hierzulande, bot dem Volk in jenen Jahren der sogenannten „bleiernen Zeit“ in der Mitte der Siebzigerjahre ein geeignetes Ablassventil für die aufgestauten Frustrationen, brachte Faschisten und Kommunisten auf engstem Raum zusammen und ließ sie ihre Konflikte auf dem Feld in spielerischer Form austragen (dass es dabei leider meist nicht blieb, steht auf einem anderen Blatt). Und genau darum geht es in COME CANI ARRABBIATI, vordergründig ein Gewaltreißer, der sich aber nicht mit dieser Limitierung zufrieden geben mag und genau damit zu etwas Besonderem wird.

Im Zentrum von COME CANI ARRABIATI stehen drei jugendliche Gewaltverbrecher einerseits, der ermittelnde Polizist Paolo Muzi (Piero Santi) und seine Kollegin/Geliebte Germana (Paola Senatore) andererseits, und Imperoli verschiebt den Fokus munter von der einen zur anderen Partei, dabei die Grenzen von Polizei- und Gangsterfilm verwischend. Anders als in den Polizeifilmen jener Zeit, die den Problemen einen zu allem entschlossenen Supercop entgegensetzen, für den Gewalt ein ganz legitimes Mittel war, ist Muzi ein eher farbloser Haderer, der nie Autorität ausstrahlt und in einer Szene fahrlässig das Leben Gemanas aufs Spiel setzt, beinahe zu spät kommt, obwohl er doch genau wusste, was passieren würde. Ihm gegenüber stehen die Studenten, zwei Jungen, ein Mädchen, die nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern aus purer Lust und einem perversen philosophischen Interesse heraus rauben, morden, vergewaltigen. Ihr Anführer ist Tony Ardenghi (Cesare Barro), Sohn eines schmierigen, selbstherrlichen Unternehmers (Paolo Carlini), der seinem Sohn wo er nur kann den Weg mit seinen Beziehungen ebnet. Zu gewinnen ist alles, gibt er ihm mit auf den Weg, und Moral, Kultur und Religion seien nur Mittel, die man nach Bedarf einsetzt, um die Menschen, die einem im Weg stehen, zu seinen Gunsten zu manipulieren. Eine Lektion, die sich Tony zu Herzen nimmt: Er erinnert gleichermaßen an Alex DeLarge, den Protagonisten aus Anthony Burgess‘ Roman „A Clockwork Orange“ und Kubricks gleichnamiger Verfilmung, wie an Rodion Romanowitsch Raskolnikow aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Die Verbrechertour, auf die er seine Freunde mitnimmt, ist ein philosophisches Experiment, gleichzeitig eine Machtproklamation: Von Regeln und Gesetzen lassen sich nur Sklaven beengen, zu Höherem berufene handeln nur nach den eigenen Prinzipien.

Mario Imperolis Filmografie umfasst nur acht Filme, COME CANI ARRABBIATI ist sein drittletzter und zuvor hatte er vor allem mit drei Erotikkomödien auf sich aufmerksam gemacht. Zwei davon, LA RAGAZZINA und BLUE JEANS waren mit Gloria Guida, dem Star aus LA LICEALE, besetzt und kamen im Zuge des Erfolgs dieses Films unter den Titeln KESSE TEENS – DIE ERSTE LIEBE respektive TEENAGER LIEBEN HEISS auch in Deutschland heraus. Der ungewöhnliche Genrewechsel macht sich nicht negativ bemerkbar. Die Exposition, die Muzi nach dem ersten Verbrechen auf Ermittlungstour durch Rom zeigt, fängt die für den Film so wichtige Atmosphäre in der Stadt auf sehr elegante und ökonomische Art und Weise ein. So beschreibt ein Zoowärter die wirtschaftlich prekäre Lage, indem er sich humorvoll an den Tiger wendet, dem er gerade ein Stück Fleisch in den Käfig wirft: „Du bist der einzige, der sich noch Fleisch leisten kann.“ Auffallend ist auch die dynamische Kameraarbeit von Romano Albani (u. a. INFERNO und PHENOMENA), die für eine solch kleine Produktion eher ungewöhnlich ist. Hervorstechend sind aber, wie gesagt, vor allem die kleinen Irrwege, die Imperoli dem Film angedeihen lässt. Viel Zeit widmet er der rührenden Beziehung Paolos und Germanas, die das Herz von COME CANI ARRABIATI sind, dem Zynismus der Schurken Wärme entgegensetzen, und Gelegenheit für leise, liebevolle Komik bieten. Imperoli behandelt seine Charaktere nicht wie bloße Strukturelemente, die er den Anforderungen des Plots gemäß über das Schachfeld schiebt, umso mehr schockiert die Schrifteinblendung, mit der der Film schließt: „Tränen sind nicht nötig, wenn ein Mörder stirbt“ heißt es da höchst mitleidlos, wieder an die zahlreichen reaktionären Polizeifilme jener Zeit gemahnend, in denen das Verbrechen lediglich ein mit allen Mitteln auszurottendes Übel war. Ich glaube nicht, dass Imperoli diese Überzeugung tatsächlich vertrat, jedenfalls gibt sein Film das nur bedingt her – auch wenn er seinen Zeitgenossen damit wahrscheinlich aus der Seele sprach. Für mich scheint es durchaus denkbar, dass er in dieser krassen Ausformulierung des Law&Order-Gedankens gerade die Distanzierung von ihm suchte. Wie dem auch sei, ein starker Film.

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