san babila ore 20: un delitto inutile (carlo lizzani, italien 1976)

Veröffentlicht: Juli 5, 2015 in Film
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San_Babila_ore_20_1976Nach COME CANI ARRABIATI, der im selben Jahr entstand, setzt sich auch Lizzanis Film mit der sogenannten „bleiernen Zeit“ auseinander (in Deutschland wird der Begriff vor allem mit dem gleichnamigen Film von Margarethe von Trotta assoziiert). Die politische Situation war in Italien seit Mitte der Sechzigerjahre, als Giovanni De Lorenzo, seines Zeichens strammer Faschist, General der italienischen Armee und Chef des Geheimdienstes SIFAR, der unter seiner Führung Hunderttausende von Bürgern ausspionierte, drohte, die Mitte-Links-Regierung von Aldo Moro zu stürzen (siehe auch meinen Text zu Elio Petris TODO MODO), höchst explosiv. Der erste rechtsterroristische Anschlag der Nachkriegsgeschichte ereignete sich 1969 auf die Banca Nazionale dell’Agricoltura an der Piazza Fontana in Mailand, dem 17 Menschen zum Opfer fielen. Der Bombenanschlag war Teil einer groß angelegten Aktion, zu der ein weiterer in Mailand sowie drei in Rom gehörten, weitere folgten in den Jahren darauf. In Mailand, ganz in der Nähe der Piazza Fontana, befindet sich auch die Piazza San Babila, titelgebender Haupthandlunsgort von Lizzanis meisterlichem Film, der kürzlich von Vamera Obscura verfügbar gemacht wurde, und den ich hiermit jedem, der sich für das anspruchsvolle politische Kino interessiert, ans Herz legen möchte. Die Piazza San Babila, unweit der linken Universitá degli Studi di MIlano gelegen, war damals der Treffpunkt junger, meist aus gutem Hause stammenden Faschisten, die dort die zahlreichen Cafés okkupierten und dafür sorgten, dass ihm keine „Roten“ zu nahe kamen. Die Polizei, überwiegend in rechter Hand, drückte bei Übergriffen der jungen Faschisten auf linke Studenten oder Arbeiter gern ein Auge zu, wer nicht zum angestammten Publikum gehörte, machte besser einen Bogen um den Platz. 

Lizzani, selbst überzeugter Kommunist und intellektueller Filmemacher, begab sich für SAN BABILA ORE 20: UN DELITTO INUTILE gewissermaßen in die Höhle des Löwen, denn er drehte ihn ausschließlich an Originalschauplätzen und lieferte ein nur wenig schmeichelhaftes Porträt der selbsternannten Herrenmenschen, die in den Etablissements am San Babila den Umsturz planten, der doch lediglich eine pervertierte, außer Kontrolle geratene Form juveniler Allmachtsfantasien und Mutproben war. Jede „Ideologie“, auf die man sich da berief, war kaum mehr als das sprichwörtliche Feigenblatt. Lizzanis Film spielt an einem einzigen Tag und zeigt eine Kette von schicksalhaften Ereignissen, die schließlich das „sinnlose Verbrechen“ („delitto inutile“) des Titels begünstigen: Vier Jungs, alle mit gänzlich unterschiedlichem sozialen Background ausgestattet, zerdeppern Mopeds vor einer als links geltende Schule, üben das Schießen am Schießstand und lassen sich von rechten Aktivisten rekrutieren, greifen auf der Straße die etwas dümmliche Lalla (Brigitte Skay) für ihre pubertären Sexspielchen an, verdreschen einen Arbeiter, zelebrieren eine spontane Demonstration im Nazi-Stechschritt und wollen schließlich ein Bombenattentat auf eine Einrichtung der kommunistischen Partei ausführen. Weil der dafür auserkorene Franco (Daniele Asti) aber Muffensausen bekommt, steht er später unter Rechtfertigungszwang. Um seine reine Gesinnung beweisen, soll Franco ein Studentenpärchen umbringen, das seine Freunde ausgesucht haben …

SAN BABILA ORE 20: UN DELITTO INUTILE lebt zunächst einmal von seinem unglaublich intensiven sense of place, der die damals vorherrschende Atmosphäre geradezu greifbar macht und als kongeniale visuelle Repräsentation des Begriffes der bleiernen Zeit angesehen werden darf. Der Film ist grau, die klobig-kantige Architektur des San Babila wirkt niederdrückend, parzelliert das Leben mit ihren scharfen Linien, die überall wie Lanzen herniedergehen, symbolisiert Ordnung, Sicherheit, Klarheit, Strenge. Das „tolle“ Leben der von sich selbst überzeugten Jungs ist die pure Leere, ein Wegrennen vor den jämmerlichen heimischen Verhältnissen, die verhasste „Linke“ ein absolut willkürlich gewähltes Feindbild, auf das sich alles, was im eigenen Leben schief läuft, wunderbar projizieren lässt. Es ist auffällig, dass in Lizzanis Film kein einziges Mal wirklich über Politik gesprochen wird, darüber, was man genau an den Anderen verachtet, was man mit den Attacken auf sie erreichen will, wie man sich selbst definiert. Es ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, ein bestimmter Lifestyle, den man pflegt – die Lederjacken, die Sonnenbrillen, die Goldketten –, der Glaube, an etwas Großem zu partizipieren, auch wenn man keine Ahnung hat, wie das eigentlich aussehen soll. Offenkundig spielen männliche Minderwertigkeitsgefühle eine wichtige Rolle: Dem von seiner überfürsorglichen Mama verhätschelten Franco will der Beischlaf mit Lalla nicht gelingen, also penetriert er sie mit einem Schlagstock, winselnd, dass sie nichts verraten möge, Fabrizio (Pietro Brambilla) schlägt das Mädchen auf offener Straße nieder, als sie sich weigert, die Stöckelschuhe auszuziehen, mit denen sie ihn um ein paar Zentimeter überragt. Beim Besuch im Sexshop – der ihnen mit seinem Angebot an „Schweinkram“ natürlich auch zuwider ist – erweisen sich sich als kichernde Kinder, die ihre Unsicherheit mit Prahlerei überspielen. Wie wenig sie als politische Bedrohung ernstgenommen werden, zeigt sich in einem Gespräch Fabrizios mit einem Journalisten, der sich die Hasstiraden seines Gegenübers ungerührt anhört und ihm entgegnet, dass die Linke lediglich darauf warte, bis sich die „rechte Bewegung“ selbst erledigt habe. So richtig seine Einschätzung auch ist, verkennt sie doch die Gefahr, die gerade von diesen opportunistischen Mitläufern ausgeht. Eben weil ihnen die Intelligenz und der Blick für das große Ganze abgeht, neigen sie zu Übersprungshandlungen wie jener, mit der der Film so höchst bitter und tragisch endet.

Lizzani ist ein beeindruckendes Kunstwerk gelungen: Nicht nur in rein ästhetischer – der angesprochenen visuellen Gestaltung entspricht Ennio Morricone mit einem seiner kalten mathematisch-mechanistischen Scores – oder logistischer Hinsicht – bei den vier Hauptdarstellern handelt es sich allesamt um Laiendarsteller, keiner von ihnen trat danach noch einmal in einem Film auf –, sondern vor allem hinsichtlich seiner Affektsteuerung. Ohne etwas zu beschönigen, gelingt es Lizzani, dem Zuschauer jenes Mindestmaß an Sympathie für die vier Hauptfiguren abzuringen, das erforderlich ist, um die 100 Minuten mit ihnen überhaupt zu ertragen. Es hilft gewiss, das wirklich irrsinnig viel passiert (vielleicht etwas zu viel für einen einzigen Tag, aber solch kleinliche Kritik ist angesichts des umwerfenden Gesamtergebnisses unredlich), und mit Lalla ein paradiesvogelbunter Irritationsmoment in den sonst tristen Film einbricht wie ein LIchtstrahl. Aber es darf als sicher gelten, dass Lizzani – bei aller Missachtung ihrer Taten – auch eine gewisse Empathie für die Jungs mitbringt, die ja letztlich nur das Produkt der miserablen Umstände jener Tage sind. Eine bleierne Zeit bringt eben bleierne Menschen hervor.

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