amore e morte nel giardino degli dei (sauro scavolini, italien 1972)

Veröffentlicht: Juli 6, 2015 in Film
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6856937211_6ea23eef85_bEin älterer, dicker Mann mit grauem Rauschebart zieht vorübergehend in das Gästehaus einer leerstehenden Villa im Grünen ein. Die alten Besitzer seien schon lange weg, sagt der Hausmeister, der ihm den Schlüssel gibt. Der alte Mann ist Ornithologe und wenn er den Mund öffnet, dann hört man nicht etwa das tiefe Brummen eines Bären, sondern eine etwas fistelige, unsichere, weiche Stimme, die zu seiner Gestalt nur wenig passen will. Er redet dann von den „indicatori“, einer weit verbreiteten Vogelart, mit einer Selbstverständlichkeit, die eine mit den Jahren in Fleisch und Blut übergegangene Leidenschaft erkennen lässt. Mit dem Tonband streift er durch die Natur, reckt das an einem langen Stab befestigte Mikrofon den Baumwipfeln entgegen, um den Gesang der Vögel aufzunehmen. Bei einem seiner Waldgänge findet der Ornithologe ein zusammengeknülltes Tonband in einem Busch. Er reinigt er es behutsam unter dem Wasserhahn – wofür man keine Sorgfalt aufwenden will, das sollte man gleich gar nicht anfassen –, dann spannt er es in sein Abspielgerät und hört still und konzentriert zu. Es handelt sich um die Aufnahme einer Gesprächstherapie, die in der Villa nicht weit von dem kleinen Gästehaus durchgeführt wurde, und der Großteil des Filmes spielt sich von nun an in Rückblenden ab, der Bebilderung der Erzählungen der Frau auf dem Band. Doch der eigentliche Protagonist des Films bleibt der Vogelkundler, auch wenn das Drehbuch ihm eine rein passive Rolle zuweist, und diese Paradoxie, der Kontrast zwischen der Aufregung des Vergangenen und der Ruhe des Gegenwärtigen, macht den wesentlichen Reiz von Scavolinis Film aus. Auch wenn der Plot sich in der zweiten Hälfte immer mehr in typisch gialloeske Exaltiertheit hinein- und einem brutalen Finale entgegensteigert: Diese unerschütterliche Ruhe, die der Mann, aber auch der verwilderte, üppig wuchernde Garten verkörpern, ist dem Film nicht auszutreiben, legt sich  um den Betrachter wie ein liebevoller mütterlicher Arm um das fiebernde Kind. Auf dem Tonband ist von Inzest, Untreue, Misshandlung, Suizid und Mord die Rede, doch der Vogelkundler sitzt einfach nur da in seiner bescheidenen Stube und lauscht einer Geschichte, die mit ihm – anscheinend – rein gar nichts zu tun hat. Er trägt bequeme Kleidung, einmal etwa einen sonnengelben Kittel, der ihm etwas Weibliches verleiht, sofern das überhaupt möglich ist, und einer seiner beiden Mundwinkel zuckt manchmal etwas, ohne dass man damit jedoch eine spezielle Gefühlsregung verbinden könnte. Am Ende rückt er auch von ihm selbst ganz unerwartet ins Zentrum der Handlung, treffen sich Vergangenheit und Gegenwart in seinem kleinen Häuschen, mündet die Geschichte auf dem Tonband in die seine und es scheint für eine Sekunde, als würde dieser Mann, ein weicher Fels in der Brandung der Zeit, doch noch zum Handelnden werden müssen. Die Ruhe indessen, sie verlässt ihn auch dann nicht.

Es ließe sich wahrscheinlich einiges Faktisches über AMORE E MORTE NEL GIARDINO DEGLI DEI sagen: Etwa dass Sauro Scavolini, Bruder von Romano Scavolini, ursprünglich Maler war, was man dem Film, seinem Debüt, der wie nur wenige andere von seinem Setting bestimmt wird, durchaus anmerkt. Dass er als Drehbuchautor an Dutzenden italienischen Genrefilmen beteiligt war, darunter solche bekannten Titel wie Guerrieris 10,000 DOLLARI PER UN MASSACRO, Martinos Giallos LA CODA DELLO SCORPIONE, TUTTI I COLORI DEL BUIO, IL TUO VIZIO É UNA STANZACHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE oder auch seinen Italowestern MANNAJA, die Polieschi IL CINICO, L’INFAME, IL VIOLENTO von Lenzi oder Tarantinis POLIZOTTI VIOLENTI (sogar für Franz Antel war er einmal tätig: AB MORGEN SIND WIR REICH UND EHRLICH). Dass er in 20 Jahren nur zwei Kino- und zwei Fernsehfilme sowie eine Miniserie inszenierte. Man könnte – hinsichtlich seines künstlerischen Backgrounds mit einigem Recht – auf die Verbindung von AMORE E MORTE NEL GIARDINO DEGLI DEI zu Antonionis BLOW-UP hinweisen; vor allem aber darauf, wie er die von seinem berühmten Regiekollegen angestellten Überlegungen zum Thema Perspektivität, Subjektivität und Erkenntnisinteresse geradezu lustvoll unterlässt. Man könnte über das Inzuchtdrama sprechen, das der Thrillerhandlung des Filmes zugrundeliegt, über die Verteilung der Geschlechterrollen. Man könnte auch einfach darauf hinweisen, das Erika Blanc mit ihrem maskenhaft-wächsernen Gesicht wie aus Franjus LES YEUX SANS VISAGE entfohen aussieht, ihre feuerrot lodernde Haarpracht ein frühes Indiz dafür ist, dass es mit ihrer vermeintlichen Unschuld nicht weit her ist. Aber das sind bestenfalls Fußnoten zu einem Film, dessen Mysterium in seiner Haltung liegt. AMORE E MORTEL NEL GIARDINO DEGLI DEI verzaubert, berauscht, begeistert gerade dann am meisten, wenn er zu seinem in sich ruhenden Ornithologen zurückkehrt, dessen Gelassenheit man nicht anders als als Vorbild nehmen kann. Auch Scavolini hat das wohl so gesehen, denn er lässt es geschehen, dass sein Film von dieser Geduld infiziert wird und sich seine Geschichte mit der allergrößten nur denkbaren Sorgfalt und Selbstverständlichkeit entfaltet. Ich habe selten einen selbstbewussteren, nein selbstgenügsameren Film gesehen. Wie ein Spaziergang durch einen kühlen, uralten, seit Jahrzehnten nicht mehr betretenen Garten, ohne Ziel, ohne Uhr im Nacken, nur den Boden unter den Füßen und den Geruch der Feuchtigkeit in der Nase. Wenn man genau hinhört, kann man die Geschichten der Bäume hören und das Lied der indicatori. Ein singender Film.

 

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