venus im pelz (massimo dallamano, deutschland/schweiz/italien 1969)

Veröffentlicht: Juli 6, 2015 in Film
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Im selben Jahr wie Jess Francos Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Leopold von Sacher-Masoch entstand Dallamanos Film mit der kürzlich verstorbenen Laura Antonelli in der Rolle der „Venus im Pelz“, Wanda von Dunajew. „Der Django der Sexwelle“, wie das deutsche Plakat debil, aber immerhin kreativ verkündete, ist formal wie inhaltlich ein recht typischer Softsex-Film seiner Zeit, geprägt von der etwas vorgeschobenen Intention, den Spießbürger sexuell (und in diesem speziellen Fall auch noch literarisch-künstlerisch) weiterzubilden. Die Geschichte von Sacher-Masoch wird in die Gegenwart verlegt und auf handliche 83 Minuten eingedampft, die hauptsächlich mit nackten Tatsachen gefüllt werden. Philosophische Ideen oder psychologische Beobachtungen, die im Buch (das ich nie gelesen habe) möglicherweise enthalten sind, werden überwiegend auf die bedeutungsschwangere Voice-over-Narration verlegt, die dem schwülen Treiben den Anschein der Respektabilität verleihen soll. Dank der kompetenten Regie von Massimo Dallamano und der bisweilen wunderschönen Fotografie von Kameramann Sergio D’Offizi ist VENUS IM PELZ dann aber doch recht sehenswert, auch wenn es mitunter etwas redundant wird.

In der ersten Hälfte gelingt es zunächst recht schön, die unstilbbare Sehnsucht Severins (Régis Vallée) einzufangen, der die schöne Wanda in seinem Hotel im durch ein Loch in der Wand beäugt, gnadenlos fetischisiert und idealisiert. Sein Begehren, von der Frau dominiert, gequält, verletzt zu werden, steigert sich immer weiter, bis er sie schließlich dazu überreden kann, seine Herrin zu werden. Diese erste Hälfte ist eindeutig die stärkere, weil sie die gemeinsame Lust des Paares in ihren so unterschiedlichen, aber einander bedingenden Rollen nachvollziehbar, greifbar macht, sie eben nicht als „Perverse“ diffamiert. Man kann den Bildern eine gewisse Zärtlichkeit und Einfühlsamkeit nicht absprechen, und der Kontrast zwischen der braven Postkartenidylle des Handlungsorts und dem lodernden Begehren der Protagonisten, die die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche mit dem freudigen Unglauben und der Neugier von Kindern erleben, nahm mich gestern sehr für den Film ein. Der an dieser Stelle noch einigermaßen glaubwürdige aufklärerische Anspruch des Films wird nicht zuletzt durch die kuriose Statistenschar unterstrichen: Während sich Wanda und Severin da selbstvergessen aneinander reiben, sich lustvoll küssen, werden sie aus dem Bildhintergrund von der deutsch-österreichisch-schweizerischen Spießbürgergesellschaft beäugt, an deren alpinem Urlaubsort der Film gedreht wurde. Der Kontrast wird von Dallamano so offensiv ins Bild gerückt, das man nicht an einen Zufall glauben mag.

Mit dem Umschwung, den die Vorlage vorsieht, und der Verlegung der Handlung nach Spanien, wo die bis dahin perfekte symbiotische Beziehung der beiden Protagonisten erst feine Risse offenbart, dann schließlich ganz zerbricht, verliert auch der Film seinen Drive. Die Charakterentwicklungen sind forciert und klischiert (sie will sich nicht binden lassen, fängt sich an zu langweilen und glaubt, ihn mit seiner Untreue quälen zu können, er will aber natürlich nur jene Qual als Teil ihres Spiels akzeptieren, die Teil der Übereinkunft ist – das Paradox des Masochismus), der Plot wird übereilt abgewickelt, man vermisst jene Momente der ersten Hälfte, in denen das Bild vor Lust vibrieren durfte. Die endlos in die Länge gezogenen, von Psychedelik-Beat untermalten Orgien-Szenen muten jetzt lustlos an, als habe Dallamano irgendwann das Interesse an seinem Film verloren und beschlossen, ihn irgendwie zum Ende zu bringen. Lediglich die bittere Schlusspointe, in der Severin an einer Autobahntankstelle das perfekte Ebenbild Wandas aufgabelt und in ihr eine neue Partnerin für die Vereinigung im lustvollen Schmerz findet, lässt noch einmal aufmerken. Eine etwas zwiespältige, wenn auch visuell ansprechende Angelegenheit.

Als editionsphilologischer Hinweis sei noch anzumerken, dass der Film seinerzeit natürlich in verschiedenen Version erschien. DIe ursprüngliche Fassung wurde in Italien aufgrund ihrer expliziten Darstellungen verboten, der Versuch, den Film mit diversen Schnitten zu veröffentlichen, schlug fehl. Eine vier Jahre später angefertigte gekürzte Version unter dem Titel VENERE NUDA wurde schon nach wenigen Tagen wieder aus dem Verkehr gezogen. Erst 1975 konnte der Film in einer veränderten Fassung, mit zusätzlich gedrehten Szenen von Paolo Heusch, unter dem Titel LE MALIZIE DI VENERE – einer Anspielung auf Antonellis Erfolgsfilm MALIZIA – in Italien regulär verwertet werden. Mein Text bezieht sich auf die ursprüngliche Fassung.

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