saturday night fever (john badham, usa 1977)

Veröffentlicht: Juli 7, 2015 in Film
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Satuday-Night-FeverVieles an SATURDAY NIGHT FEVER ist Klischee. Die Zeichnung von Tony Maneros (John Travolta) Familie zum Beispiel. Der Vater ist arbeitslos und lässt seinen Frust darüber beim Abendessen maulend an der Familie aus. Die Mutter bekreuzigt sich alle Nase lang vor dem Bild ihres ältesten Sohnes Frank jr. (Martin Shakar), der Priester geworden ist und damit der Stolz der ganzen Familie. Es geht laut und ruppig zu, bis die resolute Oma alle zur Ruhe und zum „mangia, mangia“ ermahnt, zum Verzehr der natürlich mit viel Liebe gekochten Spaghetti. Aber jeder nur ein Schweinekotelett! Das kleine Zimmer Tonys zieren die damaligen Popkulturhelden, Bruce Lee zum Beispiel oder Farrah Fawcett, aber sein Idol ist natürlich Al Pacino, auf einem Poster als „Serpico“ vertreten. Sieht Tony nicht auch ein bisschen so aus wie er? Auf der Straße seiner Brooklyner Heimat schauen ihm die Menschen nach, im Farbgeschäft, wo er sein Geld verdient, das er dann für feinen Zwirn spart, wird er für seine Zuverlässigkeit geschätzt. Wirklich aufblühen tut er aber erst samstagabends im „2001“, seiner Stammdisco, wo er die Tanzfläche regiert wie ein König und die Mädchen Schlange stehen, um mit ihm zu tanzen. Die Disco ist der Ort, wo Tony das ist, wovon er in der tristen Arbeitswoche nur träumen kann: Ein Star, zu dem man wegen seiner einzigartigen Fähigkeiten, seines Stilbewusstseins, seiner Schönheit aufschaut. Um sich herum schart er eine Gruppe von Freunden, die in seinem Schatten verblassen, sich insgeheim erhoffen, ein Stückchen vom seinem Glanz abhaben zu können, aber eigentlich all das verkörpern, was Tony nicht sein will. Doch diese wenigen Stunden in der Disco sind ja nur eine Flucht, der dort genossene Ruhm eine gefährliche Augenwischerei. Das echte Leben, die Karriere, der Erfolg, sie warten drüben, auf der anderen, anscheinend unerreichbaren Seite des Flusses in Manhattan, dort, wohin es die selbstbewusste Stephanie Mangano (Karen Lynn Gorney) schon geschafft hat. Sie kann genauso gut tanzen wie Tony und deshalb wählt er sie als seine Tanzpartnerin für den großen Wettbewerb aus, bei dem 500 Dollar winken. In der Auseinandersetzung mit ihr erkennt Tony die Enge seines Lebens, die Naivität seiner Träume: Wahrscheinlich wird er so enden wie der dünne Bobby (Barry Miller), der die Erstbeste geschwängert hat und nun gerade volljährig bereits einem Leben als Familienvater entgegensieht. Auch der erste Preis kann ihn am Ende nicht mehr trösten, weil er mit dem Ruch der Vetternwirtschaft besudelt ist. Nur raus hier …

Ich weiß nicht genau, wie sehr der Film dem Leben der Kinder italienischer Immigranten im New York jener Zeit nahekommt, ob man das Phänomen „Disco“ mit dem bequemen Verweis auf den Eskapismuscharakter wirklich zu fassen bekommt, ob einige der Plotelemente – der Kampf gegen die verhassten „Spics“, der Quasi-Selbstmord des traurigen Versagers, dessen Sorgen niemand ernst genommen hat, der Gangbang, bei dem sich die duften Kumpels als miese Vergewaltiger herausstellen – nicht eher den Konventionen des Juvenile-Delinquents-Kinos der Fünfzigerjahre oder dem Teeniefilm entspringen als der damaligen Realität. (Zu dieser Vermutung passt die Aussage von Nik Cohn, Verfasser des Artikels „Tribal Rites of the New Saturday Night“ aus dem New York Magazine, auf dem der Film basiert: Er gestand später, dass sein Artikel mitnichten auf recherchierten Tatsachen beruhe, sondern unter Termindruck und Unkenntnis der porträtierten Szene entstanden sei.) Aber diese Fragen stellt man sich während des Films eigentlich nicht, weil sich alles so echt anfühlt. John Travolta besitzt seinen Tony Manero so wie der Brooklyn und die Tanzfläche besitzt. Der swagger, mit dem er die Straße entlanggroovt, erobert den Zuschauer von der ersten Sekunde, und man könnte meinen, der berühmte Basslauf von „Stayin‘ Alive“ sei von seinem Gang inspiriert, durch einen magischen Apparatus in eine Klangfolge transformiert, die sofort in die Lenden zielt. Travolta ringt den geschilderten Klischees jene Authentizität ab, die der Film sonst vielleicht vermissen ließe, und macht aus der Schablone einen dreidimensionalen Charakter. Vielleicht ist sein Spiel sogar die deutlichste Repräsentation jenes Coming-of-Age-Plots: Travolta emanzipiert sich vom Drehbuchklischee genauso, wie sich Manero von der für ihn vom Schicksal vorgegebenen Erzählung emanzipiert. Er wächst über seine Rolle hinaus. Das zeigt sich vor allem am Ende, als der zu Beginn naiv und kleingeistig wirkende Tony plötzlich als einziger über Weitblick und ein Verständnis der Lage verfügt, in der er und seine Freunde sich befinden. Selbst die altkluge Stephanie kann da kaum noch mithalten.Der Film endet mit einem „Entschuldigung“, einem Händendruck und einer Umarmung. Es sieht klein und bescheiden aus, aber eigentlich ist es ein Umsturz.

Was mich zu Karen Lynn Gorney bringt, die nach diesem Film leider kaum noch in Erscheinung getreten ist. Ich weiß noch, wie ich den Film wahrscheinlich noch während meiner Schulzeit zum ersten Mal gesehen habe und mir diese Stephanie unglaublich erwachsen und reif vorkam – genauso wie sie auch auf Tony wirkt. Das Wiedersehen gut 20 Jahre später zeigt, dass sie tatsächlich genauso wenig begreift wie er, es lediglich etwas besser versteht, sich zu verkaufen, den Eindruck von Intelligenz und Kultiviertheit zu erwecken; Eigenschaften, von denen sie weiß, dass sie irgendwie wichtig sind, aber eigentlich nicht, warum. Auch wenn sie es nicht wahrhaben will: Sie ist diesem Proleten Tony unheimlich ähnlich. Und sie braucht ihn, weil sie ihm noch etwas vormachen kann. Wie er will sie raus aus ihrer Lower-Middle-Class-Heimat, sehnt sie sich nach Größe und Glamour (sie erzählt ständig von irgendwelchen Promis, die sie bei ihrer Arbeit in einer Werbeagentur getroffen habe), ist aber gefangen in ihrer eigenen Mittelmäßigkeit. Sie hat zwar eine genauere Vorstellung davon, wie sie vorwärtskommen möchte (das unterscheidet sie von Tony), aber sie ist gleichzeitig schon mit Oberflächlichkeiten zufriedenzustellen. Dass Laurence Olivier ihr einen guten Tag gewünscht hat, ist für sie bereits ein untrügliches Zeichen dafür, es geschafft zu haben. Gorneys Spiel ist ein thing of beauty: Wie da immer wieder dieser Brooklyner Akzent durchbricht, den sie sich so anstrengt, zu verbergen, wie sie immer wieder betont, dass Dinge „interesting“ seien, ohne genau sagen zu können, warum, wie sie auf Tony hinabschaut, ohne zu bemerken, dass sie kaum besser dran ist als er. Das alles setzt sie in ihrem Spiel absolut natürlich und mit feiner Subtilität um. John Travolta hat die prallere Rolle abbekommen, aber Gorney hilft ihm, seinen Charakter im Zusammenspiel zu konturieren.

Die andere Seite des Films sind die wirklich U-N-G-L-A-U-B-L-I-C-H-E-N Discoszenen, mit denen allein sich SATURDAY NIGHT FEVER schon in den Olymp schießt und alle möglichen vagen Kritikpunkte, die man gegen ihn ins Feld führen könnte, im Winde zerstreut. Was sich in der Beschreibung noch furchtbar herablassend und vereinfachend anhört – in der Disco tanzen sich die Besitzlosen ihren Frust von der Seele –, wird in den betörend-schwitzigen Bildern, in denen Kameramann Ralf D. Bode das fragwürdige Etablissement und seine Gäste ablichtet, zur ewigen, fühlbaren Wahrheit. Die geschmacklose tackiness des Tanztempels gewinnt eine geradezu kultische Aura, die Dampfschwaden, die Trockeneisnebel und Polyesterschweiß erzeugen, ersetzen den Weihrauch, die gemeinsam zelebrierte Choreografie wird zum Ritus, die pumpenden Disco-Bassläufe setzen das Archaische, Animalische frei, das wiederum durch die konventionalisierten Verhaltensmuster sofort wieder in Ketten geschlagen wird. Tonys Bruder, der der Kirche abtrünnig gewordene Priester, kann seine Augen gar nicht von der in bunten Quadraten leuchtenden Tanzfläche nehmen, so sehr nimmt ihn die Energie des Ortes gefangen. Die Versuche Bobbys, mit ihm zu kommunizieren, sind eine lästige Störung, ein Jucken in der Kniekehle, ein Pfeifen im Ohr, das kratzende Etikett im Kragen des Pullovers. Er will nur in Ruhe aufsaugen, was da vor ihm passiert, die Bewegungen der in immer neuen Konstellationen sich umkreisenden Tänzer, ihr Spiel von Anziehung und Abstoßung, will die geheime Sprache, die sich in dem allem verbirgt, dechiffrieren. Badham und die Kamera kommen dieser Entschlüsselung sehr nahe, aber auch sie können, besser: wollen den Bann des Zaubers nicht durchbrechen, prallen ehrfurchtsvoll zurück, wenn Tony im großen Finale mit seinem Gesicht ganz knapp über dem von Stephanie verharrt, die Zeit stillzustehen scheint, beide nur noch in dieser Luftblase aus Licht existieren, die Musik wie aus einer anderen Galaxie zu ihnen dringt. Letztlich ist das vielleicht doch alles nur eine physikalisch-chemisch erklärbare symbiotische Beziehung zwischen Sound, Licht und Fleisch: Dann ist es umso besser, dass das Gehirn den Dienst verweigert und uns einfach nur mitzieht. Es ist doch alles klar in diesem Augenblick. Eine konkrete Frage wirft der Film dann aber doch auf. Keine große, vielleicht ist sie den Machern selbst gar nicht aufgefallen: Warum verlässt Tonys Bruder Frank so übereilt die Discothek, von der er nur Minuten vorher so fasziniert war? Warum hat er es plötzlich so eilig, wegzukommen? Was hat er dort gesehen, gefühlt, dass er es nicht mehr ausgehalten hat? Und wo geht er hin? Es ist das letzte Mal, das wir ihn sehen, wir hören nichts mehr von ihm Danach sehen wir ihn nur noch einmal kurz bei seinem Auszug von zu Hause und wir kommen nicht umhin, sein sang- und klangloses Verschwinden mit seinem Besuch im „2001“ in Verbindung zu bringen. Ich schätze, nachdem er zuvor in Zweifeln versunken ist, hat er dort unten auf der Tanzfläche seinen Gott gefunden. Wie auch immer der heißen mag.

 

 

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Kommentare
  1. Peter sagt:

    Hab ihn vor ein paar Wochen zum ersten mal seit vielleicht 15 Jahren wiedergesehen und war überrascht, wie spitze der in Wirklichkeit ist. Ich hatte ihn irrtümlich als etwas peinliches Vergnügen in Erinnerung: tolle Tanzszenen, aber miese Dialoge … Travolta tanzt toll und spielt nicht gut etc. … Von wegen. Ein ganz toller Streifen.

  2. Marcos sagt:

    Zu erwähnen wäre noch der permanente Drogenkonsum der Figuren. Genau die Drogen, die „rauschfrei“ für den Tanzrausch sorgen.

    • Oliver sagt:

      Das stimmt, aber der ist mir erstaunlicherweise nicht als so „permanent“ aufgefallen. Vielleicht auch, weil es meist Tonys Freunde sind, die sich berauschen, und nicht so sehr er.

      • Marcos sagt:

        Das ist das interessante an der Disco-/Club-Szene. Viele reden nicht drüber, aber es läuft die ganze Zeit im Hintergrund mit. Sonst gäbe es auch nicht Leute, die zwei Nächte durchtanzen. Wollte das nur erwähnen, weill Badham gerade mit dieser dezenten Einstreuung den Ton der Szene so gut trifft.

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