moby dick (john huston, usa 1956)

Veröffentlicht: Juli 9, 2015 in Film
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moby-dick-plakatNach MUTINY ON THE BOUNTY bleibe ich den Weltmeeren, der Schifffahrt und besessenen Kapitänen mit John Hustons Literaturverfilmung zwar treu, der Unterschied zwischen den beiden Filmen könnte trotzdem kaum größer sein. Milestones Film von 1962 erstrahlt in kräftigen, satt leuchtenden Farben, nutzt das breite Format des sogenannten Ultra Panavision 70 voll aus, füllt den Bildkader bis in den letzten Winkel mit überwältigenden Attraktionen, steigert sich über seine Laufzeit von drei Stunden zu ebensolchen Emotionen. In MOBY DICK hingegen beengt Huston das Bild mit dem Hard-Matte-Format von 1.66:1, wäscht die Farben zu einem braun-rot-stichigen, an alte Fotos erinnernden Sepiaton aus, bemüht mit Settings und Kostümen zwar insgesamt einen kaum weniger authentischen Look, suhlt sich dabei jedoch keineswegs in Zeigefreude und ausstatterischem Gigantismus. Die Kamera rückt nah an die Gesichter der wettergegerbten Besatzungsmitglieder und das dunkle Holz der Pequod, an die spritzende Gischt, wenn die Männer in ihren Ruderbooten von den angeschlagenen Walen gezogen werden. Teilweise erlangt Hustons Film so eine fast dokumentarische Qualität, dann wiederum überschreitet er mit seiner kantigen, direkten, kargen, aber ungemein aufgeladenen Bildsprache die Grenze zum Expressionismus und zum religiösen Symbolismus. Damit entspricht er natürlich Melvilles als unkategorisierbar geltender Vorlage: Der Schriftsteller vereinte in seinem Roman nicht nur die unterschiedlichsten Textformen, mit denen sich jeweils auch der Ton seiner Erzählung änderte, von wissenschaftlich-berichtend bis hin zu sakral-symbolisch, er bot auch die verschiedensten Deutungsansätze für seine Geschichte von der Jagd eines Mannes auf einen geheimnisvollen, rachsüchtigen Wal an.

Huston greift oft auf Melvilles ausdrucksstarke Prosa zurück, verwendet sie für die Voice-over-Narration Ishmaels (Richard Basehart), aber auch für die voller Fachvokabular steckenden Dialoge. Ohne Raum und Zeit für Melvilles Exkurse zu haben, verschafft er mithilfe des Zusammenspiels von Bild und Ton doch einen Einblick in das blutige Handwerk des Walfangs, beschreibt die Methoden der Jagd, das Auseinandernehmen der Kadaver und die Gewinnung des kostbaren Trans, schafft die Verbindung der Darstellung des wirtschaftlichen Interesses auf der einen Seite und des Abenteuers, der mythischen Dimension, die die Konfrontation mit den Meeresgiganten für die Walfänger annimmt. Es ist ein uraltes, archaisches Handwerk, dem sie nachgehen: Ein Eindruck, der durch die geheimnisvollen Tiere, denen sie nachjagen, noch verstärkt wird. Der beinahe göttliche Status, der ihnen, vor allem Moby Dick, zugeschrieben wird, sich im Close-up auf sein schwarzes Auge entbirgt – das eigentlich „leer“ ist, vom Zuschauer aber unweigerlich mit Bedeutung aufgeladen wird –, korrespondiert dabei mit einer klassischen Geschichte von menschlicher Hybris und Naturzerstörung. Der finale Kampf gegen den weißen Wal ist mehr als nur eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und panisch zurückschlagender Natur. Die kruden Effekte um den Wal – ein „lebensgroßer“ mechanischer Wal wurde fortgespült, bevor er benutzt werden konnte und musste durch Miniaturen ersetzt werden – heben den Film endgültig ins Surreale, Märchenhafte, und wer da möglicherweise ihre „Billigkeit“ verlachen möchte, hat gar nichts verstanden.

Die befremdliche Wirkung des Films wird vielleicht gut durch eine Wahrnehmungsstörung meinerseits beschrieben: Ich habe den Film zuletzt als Kind gesehen und er hat mich damals immerhin so nachhaltig beeindruckt, dass mich einzelne Bilder bis heute begleitet haben. Doch das Wiedersehen barg eine handfeste Überraschung, hatte ich MOBY DICK doch als Schwarzweiß-Film abgespeichert. Auch jetzt, wenn ich mich für diesen Text an die Sichtung zurückerinnere, sind die ausgewaschenen Farben bereits wieder vollständig verblasst. Schwarzweiß ist ja weitaus mehr als nur eine ästhetische Eigenschaft: Alte Schwarzweiß-Filme wirken noch älter als sie tatsächlich sind, als seien sie nicht nur vor unserer, sondern vor aller Zeit entstanden. Ganz wie die Wale dieses Films, die seit Jahrtausenden durch die Meere kreuzen, angetrieben von einer unerklärlichen Kraft, die wir Menschen nicht einmal im Ansatz begreifen können. Und Hustons Film ist selbst ein Wal. Kraftvoll, riesenhaft, sich selbst genügend, mit nichts und niemandem in Verbindung stehend, von machtvoller Präsenz, stumm. Er sieht nicht so aus, als sei er von einem Menschen gemacht. Und noch nicht einmal von einem Gott. Er ist einfach.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich bin einer von den Leuten die das Buch tatsächlich gelesen haben, und finde auch, Huston
    hat seine Sache sehr gut gemacht. Wer ausser Huston hätte das auch sonst machen können.
    Nur einen anderen Darsteller für den Queequeg hätte ich mir gewünscht.
    Pecks Ahab ist klasse und vor allem die Szenen in New Bedford inkl. Orson Welles Predigt, finde
    ich sehr gelungen.

  2. Marco sagt:

    Interessant. Als Schwarz-Weiß-Film habe ich „Moby Dick“ zwar nicht in Erinnerung, aber den Wal als sehr viel naturalistischer als Du ihn hier beschreibst. Ist auch schon wieder ewig und noch drei Tage her, dass ich den damals im TV geguckt habe. Moby Dick habe ich damals aber nie als Modell wahrgenommen. Natürlich war mir auch schon damals klar, dass das kein echter Wal gewesen sein konnte, aber bei mir ist da eher ein „Wow, wie haben die das gemacht?“ hängen geblieben. Und, dass ich den Wal sehr unheimlich fand.

    • Oliver sagt:

      Ich hatte den Wal selbst auch gar nicht wirklich in Erinnerung. Umso verwunderter war ich, ihn sehr ausgiebig im Zentrum elaborierter Effektaufnahmen zu sehen. Die Szene, in der Ahab zum Abschied winkt hatte ich als Totale abgespeichert, tatsächlich ist es ein Close-Up. Da sieht man m. E. nicht nur, was die Zeit so alles anstellt, sondern auch, was die kindliche Wahrnehmung so alles mit einem anstellt.

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