la noche del terror ciego (amando de ossorio, spanien 1972)

Veröffentlicht: Juli 11, 2015 in Film
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nacht_der_reitenden_leichen_dieIch schätze mich überaus glücklich, über diesen Film nicht lachen zu müssen, mich ganz seiner schaurigen Gothic-Horror-Atmosphäre hingeben zu können, die vom Setting und den Titelhelden ausgeht, dem Zauber seiner eigenständigen, traumgleichen Inszenierung zu erliegen – und ihn nicht nur wunderschön, sondern auch höchst originell und, ja, sogar ziemlich schaurig zu finden. Dass de Ossorios Film so heute wahrscheinlich nicht mehr denkbar wäre, zeigte sich gestern bei der Aufführung im Rahmen des Mondo Bizarr Double Features in Düsseldorf: Die Langsamkeit des Films in seinen Gruselszenen, das knochige Schlurfen der untoten Templer, die ausgedehnten Zeitlupen und die ausgestellte Hilflosigkeit der menschlichen Protagonisten, die diesem schleichenden Grauen hilflos-hysterisch gegenüberstehen, sorgten unter den Zuschauern für einiges (allerdings wohlwollendes) Gelächter. Die Transferleistung, die dafür nötig ist, die reitenden Leichen wirklich als tödliche Bedrohung zu akzeptieren, ist in Zeiten immer kürzer werdender Einstellungen, sogenannter Schnittgewitter und rennender Zombies anscheinend nicht mehr von allen ohne Weiteres zu erbringen. Dabei macht de Ossosrio es meines Erachtens sehr gut klar, dass man mit Eintritt in die Klosterruine, in der die reitenden Leichen ihren ewigen Schlafplatz haben, auch in eine andere Realität eintritt, eine, die ihren eigenen physikalischen Gesetzen gehorcht, nämlich denen der Hausherren. Das Schaurige an LA NOCHE DEL TERROR CIEGO ist ja gerade, dass es vor den Tempelrittern kein Entrinnen gibt, obwohl sie sich doch bloß im Schneckentempo vorwärts bewegen – ein klassisches Albtraummotiv. Und natürlich, dass man dann von ihren modrigen Knochenkiefern ausgesaugt wird. Man kann de Ossorios kreative Leistung eigentlich kaum genug loben: Mit den reitenden Leichen erdachte er einen wunderschönen, ganz eigenen Horrormythos, der von Kopisten bis heute gänzlich unangetastet blieb. Sie sind ein Teil der Horrorfilmgeschichte, der ausschließlich ihm gehört.

Wenn sein Film bisweilen Lacher provoziert, geht das meist auf das Konto des Drehbuchs, das Plausibilität nicht als höchste Priorität einstuft – Virginia (María Elena Arpón), die sich in aller Seelenruhe einen Schlafplatz in dem finsteren Gemäuer einrichtet, dürfte keine Entsprechung unter lebenden Menschen finden –, der Schauspieler, allesamt Meister des iberischen Overemotings, und natürlich der deutschen Synchro. Die Antwort der tapferen Betty (Lone Fleming) auf die Frage, wo denn der Standort ihrer Schaufensterpuppen-Fabrik sei, ist für mich bis heute ein Meisterstück deutscher Nachvertonungskunst: „Am Friedhof hinter der alten Pestkirche“. Sie sagt das wirklich ohne jede Einsicht in die Absurdität dieser Antwort. Diese Fabrik wird dann auch Schauplatz einer besonders gruseligen Szene, wenn nämlich die von den Toten auferstandene Virginia wie eine belebte Puppe zwischen den ganzen tot ins Nichts glotzenden Holzkörpern hinter Bettys Mitarbeiterin Maria (Maria Silva) herstakst (dieser Zombie-Aspekt wird in den Sequels verworfen, wenn ich mich recht erinnere). In dem Setting hätte sich wohl auch Frank Zito sehr wohlgefühlt: Es ist eine ausdrückliche Stärke von LA NOCHE DEL TERROR CIEGO, dass er seine bizarren Einfälle mit bisweilen frappierender Nüchternheit und beinahe dokumentarischer Geduld einfängt. Während die Titlesequenz von einem Score untermalt wird, der sonore Mönchsgesänge mit noisigem Quasi-Industrial verbindet – zu haarsträubendem Effekt zudem –, verstummt die Musik in einigen der gruseligsten Szenen gänzlich und nur noch das Schlurfen der Tempelritter und das panische Schreien ihrer Opfer ist zu hören. Nein, es ist gewiss kein großer Stilist an de Ossorio verloren gegangen, aber er weiß seine limitierten Fähigkeiten hier zu seinem absoluten Vorteil zu nutzen. Ich weiß nicht, ob ein „besserer“ Regisseur aus dem Stoff unbedingt auch einen besseren Film gemacht hätte. Ich liebe LA NOCHE DEL TERROR CIEGO, halte ihn für einen sehr beachtlichen und noch dazu höchst eigenständigen Beitrag des europäischen Horrorkinos. Mal sehen, ob ich die Sequels jetzt noch nachschiebe. Ist eigentlich mal wieder an der Zeit.

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Kommentare
  1. Wolfgang sagt:

    Es gab eine Zeit, als herrliche „Schundfilme“ wie dieser noch im Nachprogramm liefen, in RTL oder RTL2 (heute Sender, die man KOMPLETT vergessen kann), da habe ich dieses Kleinod und 2 seiner 3 Sequels gesehen und stimme Dir auch hier zu, tolle Filme, heute nicht mehr denkbar (leider), aber vor ca. 2, 3 Jahrzehnten im Nachtprogramm durchaus spannend. Ich erinnere mich wohlwollend daran. War zu seinem Erscheinungszeitpunkt ein ernstzunehmender Horrorfilm, der es nicht umsonst auf einige Fortsetzungen gebracht hat.

  2. Marcos sagt:

    Ein Meisterwerk des spanischen Horrorfilms, welches effektiv menschliche Urängste ausbeutet, da es den Schrecken in unendlich gedehnter Langsamkeit präsentiert. Das wahrhaft Schreckliche ist nicht das schnell auf uns Zurasende, das plötzlich aus der Dunkelheit Hervorschießende. Es ist das Langsame, das in allen Einzelheiten zu erkennende, unausweichliche Ende. Der Schrecken über sein Auftauchen lähmt uns, aber die Gewissheit, dass es uns bekommen wird, egal wo wir hinflüchten, ermöglicht Schicht für Schicht den Tode immer näher an der Kehle zu spüren. Die Templer schleppen sich grotesk vorwärts, makaber in ihrem Aussehen vom „ewigen Leben“, und in dieser Zwischenwelt, in der sie sich befinden, geben sie einen Ausblick auf die Hölle. Doch sie sind nicht nur unausweichlich. Selbst vor Kindern wird nicht halt gemacht, denen unter Schmerzensschreien das Blut ausgesaugt wird. Die Templer verschonen niemanden und die Eisenbahn trägt den Schrecken aus dem portugiesischen Hinterland schließlich in die Zivilisation.
    Amando de Ossorio hat einen Alptraum filmisch umgesetzt. Der Rauch der schwülstigen Lesbenszene, die umherirrende Tote als Vampir, die zoomende Kamera, die mit tönenden Schauereffekten der alten Art den Nervenkitzel zum grellen Gruseleffekt hochspielt und die narrative Ausweglosigkeit vor dem Schrecken. Was bleibt ist nicht der Tod, oder das Warten auf ihn, sondern die Starre bei der Erkenntnis seines Eintretens.

    • Oliver sagt:

      Exakt. Besonders effektiv in dieser Hinsicht fand ich die Szene, in der die auferstandenen Templer langsam auf jene Tür zuwanken, von der der Zuschauer weiß, dass sich dahinter Virginia verbirgt, während sie drinnen zwar von Geräuschen geweckt wurde und sich anzieht, aber natürlich noch nicht weiß, was ihr bevorsteht. Meisterlich!

  3. Eine meiner frühesten Kino-Erinnerungen ist DAS BLUTGERICHT DER REITENDEN LEICHEN, vor ca. 40 Jahren im Dorfkino gesehen. Schön gruselig!

    • Oliver sagt:

      Eine Erinnerung, die mich ein bisschen neidisch macht. 🙂

      • Harhar! 😉

        Weil ich gerade dabei bin, gleich noch eine Anekdote, auch wenn es sich diesmal nur um Fernsehen handelt. Noch etwas früher, als ich in der 6. Klasse war (und ich damit im zarten Alter von 11 oder 12 war), war unsere Klasse für ein paar Tage in einer Jugendherberge in der Nähe des Chiemsees. Da lief dann mitten in der Nacht in ARD oder ZDF DAS SCHLOSS DES SCHRECKENS, und wir haben ihn uns angesehen (vermutlich ohne Erlaubnis, aber das weiß ich nicht mehr). Und das war erst gruselig, der reinste Nägelkauer!

      • Oliver sagt:

        Glaube ich gern. Ich habe mich schon im heimischen Wohnzimmer in der gänzlich ungruseligen Niederrheinmetropole Krefeld dezent eingenässt.

    • Ghijath Naddaf sagt:

      Blutgericht hab ich auch gesehen. Im Kölner City. Es gab eine Postkarte zum Film.

  4. Marco sagt:

    Ich haben den auch erstmals mit „Wilde Hilde“-Intro auf RTL gehen. Mich haben die untoten Templer da sofort fasziniert. Und noch heute gehören sie zu meinen liebsten – und auch geheimnisvollsten – Schreckgespenstern. Ich meine, ich habe die „Wilde Hilde“ damals regelmäßig geschaut, kann mich aber außer den „Leichen“-Filmen an keine anderen Titel mehr erinnern. Was lief da eigentlich noch?

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