alien (director’s cut) (ridley scott, usa/großbritannien 1979)

Veröffentlicht: Juli 19, 2015 in Film
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Alien-intro_3064438bVon Kubricks 2001: A SPACEY ODYSSEY sagt man oft, er habe aus dem Science-Fiction-Film, der damals, in den späten Sechzigerjahren, überwiegend ein Thema für Jugendvorstellungen oder Drive-in-Kinos war, ein respektables Genre gemacht, mit dem sich plötzlich auch Intellektuelle beschäftigen konnten. Ridley Scotts ALIEN kommt ein ähnliches Verdienst für den Monsterfilm zu. Der inhaltlich sowohl vom Fünfzigerjahre-Heuler IT! THE TERROR FROM BEYOND SPACE als auch von Mario Bavas TERRORE NELLO SPAZIO inspirierte Film jagte dank Gigers phänomenaler Designs auch Menschen einen Schrecken ein, die für grellen Schlock sonst eher unempfänglich waren. Auch weil Scott auf tief im Innersten verschüttete Urängste vor dem Verlust der sexuellen Identität abzielte, anstatt bloß die Furcht der Menschen vor potenziell feindlich gesonnenen Außerirdischen zu schüren, wie es der Science-Fiction/Monster-Film bis dahin überwiegend getan hatte. Die Besatzung der Nostromo wird nicht einfach hinweggerafft, sie wird geschwängert, penetriert und versklavt von einem zweibeinigen Phallus mit spermatriefendem, bezahntem Zungenpenis, dessen Hunger auf Männlein wie Weiblein gleichermaßen unstillbar ist. ALIEN ist in erster Linie ein Triumph der Ausstattung wie der Atmosphäre. Das Leben auf der Nostromo, die Durchkreuzung des Weltalls hat nichts mehr mit bunten Enterprise-Fantasien zu tun, sondern ist auch nur eine Verlängerung echter Arbeit. Das Schiff ist dreckig, das Essen miserabel, die Bezahlung schlecht und der Arbeitgeber – ein anonym bleibender Konzern – sitzt immer am längeren Hebel. Es findet wenig explizites World Building statt: Man erfährt nicht viel über die Umstände der Mission, auf der sich die Nostromo befindet, noch über das Leben auf der Erde oder die Zeit, in der der Film spielt. Der Film fängt so an, als läge all das auf der Hand. Gerade das macht ALIEN so ungemein effektiv: Man ist sofort drin, weil man alles wiedererkennt als lediglich einige hundert Jahre in die Zukunft gedachte Gegenwart. Wovon logischerweise auch der Monsterplot profitiert, weil er von der Authentizität der Darstellung mitgetragen wird. Scotts Film hat eine unglaubliche erste Hälfte: die Ruhe, mit der er den Zuschauer mit Schiff und Besatzung bekanntmacht, setzt sich in den Vorbereitungen zur Landung und der Erkundung des fremden Planeten fort. Die sonst übliche Hektik und Geschäftigkeit weichen der Routine und der Müdigkeit nach Monaten im All. Alle wollen nur nach Hause, stattdessen müssen sie auf einem gottverlassenen Stein landen, um einem rätselhaften Notsignal nachzugehen. Die Handlung ist ähnlich klaustrophobisch strukturiert wie das Setting: Menschen tun Dinge, die sie nicht tun wollen, aber tun müssen. Und der Zuschauer ahnt bereits, dass das alles kein gutes Ende nehmen kann. Der Besuch auf dem fremden Planeten ist – neben der legendären Chestburster-Szene natürlich – der Höhepunkt des Films. Seine postapokalyptische, aschfarbene Oberfläche, die wie Skelettfinger in den schwarzen Himmel ragenden Trümmer eines fremdartigen Raumschiffes mit seine Vulva-artigen Eingängen, sein in seiner Fremdartigkeit und schieren Größe an Lovecraft erinnernde Interieur, der riesenhafte Leichnam, schließlich die Höhle mit den Eiern. Spätestens, wenn sich eines von ihnen öffnet und den Blick freigibt auf das pulsierende Innenleben, gibt es eigentlich kein Halten mehr und es ist fast eine Erlösung, wenn die konstant gehaltene Drohgebärde sich im Angriff des Facehuggers konkretisiert. Wie Scott während dieser ersten Hälfte des Films die Daumenschrauben in aller Seelenruhe ansetzt und dann unaufhörlich festzieht, ist schlicht beeindruckend. Wenn schließlich das ausgewachsene Alien durch die dunklen Gänge der Nostromo schleicht, die anscheinend nur dafür konstruiert wurden, ihm Tarnung zu verschaffen – man vergleiche die Darstellung des Schiffs in jener zweiten Hälfte des Films mit der vom Anfang, um den Unterschied zu bemerken. (Besonders rätselhaft ist sicherlich der Raum, in dem es Brett erwischt: Mit den herabhängenden Ketten fühlt man sich unweigerlich an einen Underground-Club mit SM-Thematik erinnert – nur eines von vielen Beispielen für die kaum noch unterschwellig zu nennende sexuelle Aufladung von ALIEN.) –, wird Scotts Film ein wenig herkömmlicher und auch, wenigstens aus heutiger Sicht, etwas „gummiger“. Aber der Zuschauer ist dann ja eh schon hoffnungslos verloren. Wer behauptet, mit ALIEN sei Scott einer der unheimlichsten Filme aller Zeiten gelungen, hat damit sicherlich nicht Unrecht. Und das fast erotisch zu nennende Finale zwischen der halbnackten Ripley (Sigourney Weaver) und dem wie ein Triebtäter in ihr Schlafgemach gedrungenen Alien, ist eine Sternstunde seines Schaffens. Ich habe ja ein eher gespaltenes Verhältnis zu dem Mann, finde sein Werk in den letzten 30 Jahren bis auf wenige Ausnahmen ziemlich furchtbar, aber ALIEN ist auch fast 40 Jahre nach seiner Entstehung immer noch meisterlich. Und wenn ein nicht unerheblicher Teil seiner Wirkung auch auf Giger zurückgehen mag: Scott hat genau verstanden, was er mit dessen Ideen anzufangen hatte.

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Kommentare
  1. Wolfgang Jahn sagt:

    Ja, der beste Weltraumschocker ever! Und danach kommt lange nichts … ALIEN 2 ist zwar auch gut, aber kein Schocker, sondern reine Action im Weltraum, Horror kommt da kaum mehr auf. Alien 2 ist nicht schlecht, aber an den ersten Teil kommt er lange nicht heran.

    Erst vor wenigen Jahren habe ich mitbekommen, dass sich der leider bereits verstorbene H.R. Giger beim Fressmechanismus des Alien sehr stark an Libellen angelehnt hat! Ich habe da in einer Doku Zeitlupenaufnahmen von Libellen auf der Jagd gesehen, die in Grossaufnahme unglaublich brutal waren. In dieser Doku wurde sogar der Zusammenhang zum Alien hergestellt.

    Kann sein, dass das viele Leser dieser site ohnehin bereits wissen, aber falls doch nicht, ist diese Info glaube ich von allgemeinem Interesse. Ueberhaupt findet man im Insektenbereich ein unglaubliches Ausmass an Inspiration fuer – wenn gewuenscht sehr brutale – Horrorfilme, man muss sich nur genauer mit diesen kleinen Tieren auseinandersetzen …

    ALIEN wird noch lange lange Zeit der beste (Weltraum-)Horrorfilm (oder ueberhaupt beste Horrorfilm ever) bleiben, weil dieses Ausmass an Intelligenz, das in diesen Film Eingang gefunden hat, nicht nur in diesem Filmbereich, sondern im Filmbereich ganz generell extrem selten zusammenkommt. Ich sehe den Film 1mal alle 2-3 Jahre und bin jedes Mal von Neuem begeistert.

  2. lance sagt:

    Einer der cholerischsten und akribischsten Filmarbeiter ist btw mit ALIEN auch für einen der fulminantesten Filmfehler verantwortlich: Dass Ridley Scott das plötzliche Auftauchen der Tasse am Terminal der „hochfahrenden“ Nostromo bei Filmminute 4 nicht aufgefallen ist – entweder er ärgert sich heute noch darüber oder es muss Absicht gewesen sein. Auf jeden Fall hat ALIEN mit diesem Umstand sehr früh mein Verständnis für Film geprägt.

  3. zorafeldman sagt:

    ich habe die tasse gesehen und fand sie ein wunderbares detail, das das unterstreicht, was olli schreibt: dass auf der nostromo auch einfach nur gearbeitet wird. als fehler hätte ich das nie und nimmer interpretiert.

    • Lance sagt:

      Bitte nicht falsch verstehen: „Die Tasse“ schadet dem Film in meinen Augen keineswegs, sondern ist vielmehr in meinem kollektiven Filmbewusstsein wie ein Leberfleck eines Supermodels, der eine einzigartige Ausstrahlung erst untermauert. In diesem Sinne wollte ich bei Leibe nicht auf einen Fehler hinweisen, sondern vielmehr eine weitere Besonderheit des in vielen Beziehungen überragenden Films herausstellen. Geht voll in Ordnung, wenn man die Sequenz „Closeup (ohne Tasse) – Gegenschnitt – Closeup (Tasse da!)“ als wunderbares Detail abfeiert.

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