aliens (director’s cut) (james cameron, usa 1986)

Veröffentlicht: Juli 19, 2015 in Film
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aliens1986Es ist erstaunlich, wie sich dieser Film über die Jahre verändert hat, ohne dabei auch nur ein Gramm seiner Klasse einzubüßen. Als ich ALIENS zum ersten Mal sah, damals noch auf Video (oder war’s im Fernsehen?) in der normalen Kinofassung, wahrscheinlich in den frühen Neunzigerjahren, da war das für mich ein in seiner Größe und Gewalt schier unfassbarer Film, ein Erlebnis, das in meiner Erinnerung auf endlose Ballereien mit Riesenknarren und Horden von furchterregenden, auf mich lospreschenden Aliens eingedampft ist, und das alles mit Effekten realisiert, die mir die Kinnlade mit einem Krachen aufs Brustbein rasseln ließen. Dann irgendwann, bei Sichtung der „Special Edition“ auf DVD und der zahlreichen zugehörigen Extras, die große Verwunderung ob der Erkenntnis, dass der Eindruck einer riesigen Alien-Armee von Cameron tatsächlich nur sehr geschickt vorgetäuscht wurde: Sechs Alien-Kostüme standen Cameron zur Verfügung, wenn ich mich recht erinnere, und mehr als diese sechs Aliens gibt es mithin nie im Bild zu sehen. Jetzt, lange, lange nach der letzten Betrachtung fielen mir endgültig die Schuppen von den Augen: Der große, brachiale, megalomanische Effektklopper von einst ist tatsächlich gar nicht die atemlose Ballerorgie, setzt seine Actionszenen eher so ein, wie es Corporal Hicks (Michael Biehn) einmal von seinen Leuten fordert: in „short bursts“, die dafür umso effektiver sind. Über weite Strecken zeichnet sich der Film durch eine brüterische Atmosphäre aus, die an die des meisterlichen, epochemachenden Originals anknüpft: die sprichwörtliche Ruhe vor dem am Horizont heraufziehenden Sturm, dem sich unweigerlich zusammenbrauenden Unwetter, das man an der drückenden Schwüle erkennt. Nur dann und wann wird sie von einem Windstoß aufgebrochen, der jedoch keine wohltuende Erfrischung bringt, sondern einem nur den Angstschweiß auf der Stirn gefrieren lässt. ALIENS ist ein Meisterwerk in Sachen Build-up und Timing: wie sein Vorgänger – und doch ganz anders. „This time it’s war!“ versprach die kongeniale Tagline (aus der dann passenderweise die britische Death-Metal-Planierraupe Bolt Thrower einige Jahre später einen Song gemacht hat), damit in erster Linie oben genanntes Actionfeuerwerk referenzierend. Aber der Krieg spielt sich auch noch auf einer anderen Ebene, nämlich der von Ripleys Emotionen ab. ALIENS ist für die Protagonistin Konfrontationstherapie, Vergeltungsschlag und Sühne in einem. In einem „Kampf der Mütter“ stellt sie sich nicht nur der Urheberin hinter dem Massaker an ihrer alten Crew, sie gewinnt auch die eigene „Mutterschaft“ zurück: als Retterin der kleinen Newt (Carrie Henn), die eine Art „Ersatz“ für die eigene, längst verstorbene Tochter ist, die während Ripleys Abwesenheit zur alten Frau wurde. Wenn Ripley ihr am Ende sagt, sie habe ihr versprochen, zurückzukommen, versteht der Zuschauer das instinktiv als Ansprache an die verstorbene Tochter, deren 11. Geburtstag sie aufgrund des Unglücks auf der Nostromo verpasst hatte.

Der Eindruck von Größe wird – verglichen mit heutigen Blockbustern – mit eher bescheidenen Mitteln erzeugt. Cameron perfektionierte hier eigentlich nur, was er bei Corman gelernt hatte (man sehe sich etwa GALAXY OF TERROR an, für den Cameron die Settings mitentwarf, und dessen Bauten ALIENS schon erahnen lassen), und hatte zudem das Glück, mit Stan Winston erneut einen Meister seines Faches an der Seite zu haben. Der Trick besteht darin, dem Zuschauer immer das Gefühl zu geben, er sähe mehr als er tatsächlich sieht. Der Einsatz von Licht, Sound und des guten alten Bluescreens wirken hier Wunder, den Rest besorgt das Figureninventar, das voller Leben steckt. Noch der austauschbarste „grunt“, wie die Marines abschätzig genannt werden, verfügt über eine Persönlichkeit, die ihn für den Zuschauer klar aus der Masse heraustreten lässt. Der Rapport, den sie miteinander haben, fühlt sich authentisch und gelebt an, verweist auf die gemeinsame Vergangenheit und eine Welt hinter dem Film (der kurze Dialog über „Arcturian poontang“ etwa, bei dem innerhalb von drei Sätzen eine kleine Geschichte erzählt wird). Wenn ALIEN fast gar kein World Building hatte, macht Cameron während der ersten Stunde des Director’s Cuts kaum etwas anderes. Zahlreiche kleine Stories deuten sich an – die Konkurrenz zwischen Hudson (Bill Paxton) und Vasquez (Jenette Goldstein), der Konflikt zwischen Vasquez und Gorman (William Hope), Gormans eigene Unzulänglichkeit, die wechselnden Beziehungen Ripleys zu Bishop (Lance Henriksen) und Burke (Paul Reiser) – die den Hauptstrang bereichern und dafür sorgen, dass er „zählt“. (Kurz vor dem traurigen Ende von The Dissolve erschien dort ein schöner Text genau darüber.) Aber na klar, letzten Endes schaut man ALIENS nicht wegen der Zwischenmenschlichkeiten, sondern wegen der Titelkreature. Und hier gewinnt Cameron dann auch gegenüber Scotts Vorgänger, dessen Monster den Schauspieler im Gummianzug teilweise nicht ganz verleugnen konnte. Zwar passiert auch in ALIENS nichts anderes, aber das alles sieht doch deutlich ausgereifter und geschickter aus. Teilweise kann man kaum glauben, dass hier keine avancierten Roboter oder CGI zum Einsatz kamen. ALIENS beweist somit auch 30 Jahre nach seinem Erscheinen, dass die Errungenschaften moderner computergenerierter Effekte, die doch angeblich so viel „realistischer“ seien, nicht nur kein Wert an sich sind, sondern auch, dass sie mitnichten zwingend besser als die einfache Lösung sind. Es ist auch die Körperlichkeit der Darstellung, die das Sequel von vergleichbaren Filmen abhebt, ihm diesen immensen Druck verleiht, den Hudson mit dem schönen Satz vom Expressfahrstuhl zur Hölle beschreibt. ALIENS ist eines der seltenen Sequels, die mit ihrem Vorgänger problemlos mithalten können. Manche behaupten gar, Camerons Film sei besser als Scotts Film. Eine Meinung, die man durchaus mit guten Gründen vertreten kann. Ich glaube aber, man muss diese Entscheidung nicht treffen. Beide Filme sind Genrekino in Vollendung von zwei Filmemachern auf dem Gipfel ihrer Schaffenskraft und heute noch genauso gut wie zu ihrem Erscheinen.

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Kommentare
  1. Chrisch sagt:

    Für mich hat ALIENS über die Jahre mit jeder neuen Sichtung leider stets ein wenig von seiner einstmaligen Faszination eingebüßt.

    ALIENS bietet freilich erinnerungswürdige Szenen (die sich Meter für Meter herantastenden Aliens, deren Anrücken mit dem Bewegungsmelder verfolgt wird oder der fabelhaft inszenierte Endkampf gegen die Queen) und eine meist sehr ansprechende Atmosphäre samt edlen Sets, aber dafür entfremdete ich mich im Laufe der Zeit von den meisten Figuren, die m.E. stellenweise arg überzeichnet daherkommen und sich in ihrem Verhalten und ihrer Charakterisierung manches Mal nicht harmonisch in das Gesamtwerk einfügen.
    Stichwort: „Man bist du cool, Vasquez“ oder der General, welcher direkt mit der Zigarre im Mundwinkel aus dem Kyroschlaf erwacht.

    In der Tat hört man relativ oft, dass viele Filmfans das Sequel präferieren. Ich kann das allerdings nicht wirklich nachvollziehen, da ALIENS die – von dir im Review zu ALIEN auch erwähnte – Metaebene größtenteils abgeht.
    Diese ganzen (niemals aufdringlichen) Zweideutigkeiten in Wort und Bild, lassen ALIEN für mich gehaltvoller und intellektuell anregender daherkommen.

    Ich sage übrigens bewusst „niemals aufdringlich“, da ich mich letztens mit einem Bekannten über den Film austauschte und u.a. auf die den Film durchziehende sexuelle Symbolik hinwies. Er guckte mich nur skeptisch an und meinte:
    „Für mich ist das einfach ein geiler Schocker. Straighte Umsetzung des Slasherprinzpips mit geilem Monster und schön dreckiger Sci-Fi-Atmosphäre, der sich auf das Wesentliche beschränkt.“

    Auch das zeichnet ALIEN aus. Er funktioniert eben auch als klassischer Monsterslasher.

    ALIENS ist für mich hingegen einfach ein gut inszenierter Snack ohne viel Nachhaltigkeit. Und das ist nicht halb so negativ gemeint, wie es sich anhört, da es nicht ohne ist, einen guten „Snack“ zu inszenieren. Aber im Vergleich und wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich immer für das Kunstwerk entscheiden, welches eben noch eine Ebene mehr auf der Habenseite besitzt.

    Ich bin übrigens sehr gespannt auf den angekündigten ALIEN 5 und freue mich sehr darüber, dass Neill Blomkamp Hicks und Ripley reaktivieren wird. ALIEN 3 und ALIEN 4 fand ich stets furchtbar und darum darf Blomkamp gerne ein wenig an der Kontinuität rütteln.

  2. Chrisch sagt:

    Ach, DISTRICT 9 fand ich ziemlich okay. Kein großer Wurf, aber ich wurde ganz gut unterhalten. Was missfiel dir so an dem Film?

    ELYSIUM fand ich allerdings schwach. CHAPPIE muss ich noch nachholen. Ein Bekannter meinte, dass letzterer vor allen Dingen von der speziellen „Die Antwoord“ Atmosphäre lebt, die es tatsächlich in den Film geschafft haben soll.

    • Oliver sagt:

      DISTRICT 9 ist „intelligentes“ Kino für Dumme. Er trägt seine flache politische Analogie (Aliens = „Aliens“) vor sich her wie eine Medaille, hat darüber hinaus aber rein gar nichts zu sagen. Was man auch daran sieht, dass er irgendwann einfach in stumpfen Krawall übergeht. Davon abgesehen ist er konfus und hysterisch. Es ist ganz sicher nicht der schlimmste Film der Welt, aber das Maß an Verkultung und Hype, das er erfahren hat, steht in keinem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Qualität. ELYSIUM und CHAPPIE habe ich nicht gesehen und werde das auch in absehbarer Zeit nicht ändern.

      • Wolfgang Jahn sagt:

        Ja, ich hab´ mir DISTRICT 9 – leider – auch einmal im TV angeschaut und ich wuerde diesen Film als kompletten Mist oder noch heftiger SCHEISS bezeichnen, schon die Kamera“arbeit“ ist entsetzlich (Wackelkamera ohne Ende und das ohne jede filmische Notwendigkeit oder ersichtlichen Grund, einfach auch nur als „Gimmick“).

        Ich stimme Oliver bei jeder seiner Aussagen 100%ig zu. Ich ärgere mich selten, wenn ich mir einen Film im TV anschaue, aber der war dermassen bloed (im Sinne von entsetzlich dumm, wie O. zutreffend schreibt), dass ich mich noch heute gifte, deshalb meine plakative Ausdrucksweise … 😦

        Ja, ALIENS ist nicht so gut gealtert, ich finde auch man sollte ihn sich nicht zu oft anschauen, er baut mit jeder Sichtung etwas ab. ALIEN hingegen gefällt mir bei jeder Sichtung (ich moechte fast schreiben immer besser, aber der Film ist ja schon perfekt), daran erkennt man das Meisterwerk.

  3. Chrisch sagt:

    „Er trägt seine flache politische Analogie (Aliens = “Aliens”) vor sich her wie eine Medaille, hat darüber hinaus aber rein gar nichts zu sagen.“

    Das mag sein, muss doch aber notwendigerweise nichts schlechtes sein. Eine ähnlich flache politische Analogie gefiel dir ja auch in Bezug auf LAND OF THE DEAD, über den wir bereits ein trefflich diskutierten.

    Und ob es tatsächlich nur „Aliens=Aliens“ ist würde ich nicht unbedingt bestätigen wollen. Der in manchen damaligen Kritiken getätigte Verweis auf eine Apartheid-Parabel ist durchaus ein berechtigter.

    Ich könnte mir allerdings auch einfach vorstellen, dass viele an dem Film einfach die interessante, sich auf verbraucht und dreckig wirkende Sets fokussierende Optik in Kombination mit den beachtlichen Effekten (in Relation zum Budget) und den einigermaßen harten Actionszenen mochten und die politische Seite nur als kleinen Bonus betrachteten, welche den Film ggf. noch ein wenig interessanter macht.

    • Oliver sagt:

      „Eine ähnlich flache politische Analogie gefiel dir ja auch in Bezug auf LAND OF THE DEAD, über den wir bereits ein trefflich diskutierten.“

      Der Unterschied ist wohl, dass ich LOTD nicht flach finde. Ich sagte, er sei plakativ, was etwas anderes ist. Außerdem würde ich Romero zugestehen, dass er das Problem, dem er sich widmet, tatsächlich verstanden hat. Seine Kritik ist aufrichtig. In DISTRICT 9 ist sie (nach meinem Empfinden) Gimmick. Bei Blomkamp gibt es noch nicht einmal eine Analogie. Was er sagt, ist sowas wie „Schwarze, die in Ghettos wohnen, sind ein bisschen wie Außerirdische, die in Ghettos wohnen.“ Und die Message ist: Seid lieb zueinander, denn jeder ist Ausländer, fast überall.

      „Der in manchen damaligen Kritiken getätigte Verweis auf eine Apartheid-Parabel ist durchaus ein berechtigter.“

      Das meinte ich, habe mich blöd ausgedrückt.

      „Ich könnte mir allerdings auch einfach vorstellen, dass viele an dem Film einfach die interessante, sich auf verbraucht und dreckig wirkende Sets fokussierende Optik in Kombination mit den beachtlichen Effekten (in Relation zum Budget) und den einigermaßen harten Actionszenen mochten“

      Ich kann mir alle möglichen Gründe vorstellen, aus denen Leute Filme gut finden, die mir aus anderen Gründen eben nicht gefallen. DISTRICT 9 ist gewiss nicht der schlimmste Film aller Zeiten. Aber Blomkamp kann mit keinem der Regisseure, die sich bisher an der ALIEN-Reihe versucht haben, auch nur annähernd mithalten. Und das sage ich, obwohl ich alles andere als ein erklärter Scott-. Jeunet- und Fincher-Fan bin.

  4. Chrisch sagt:

    „Was er sagt, ist sowas wie “Schwarze, die in Ghettos wohnen, sind ein bisschen wie Außerirdische, die in Ghettos wohnen.” Und die Message ist: Seid lieb zueinander, denn jeder ist Ausländer, fast überall.“

    Das greift nun aber m.E. auch zu kurz.

    Blomkamp thematisiert die Angst vor dem Fremden, die sich daraus entwickelnden Ressentiments und positioniert sich gegen Ausgrenzung.

    Wie hätte es denn deiner Meinung nach ausgesehen, wenn Blomkamp „das Problem, dem er sich widmet, tatsächlich verstanden“ hätte? Bzw. was versteht er denn genau falsch?

    Sicher, ich stimme dir zu, wenn du sagst, dass Blomkamp nicht mit Scott, Cameron, Jeunet und Fincher mithalten kann.
    Aber die Fähigkeiten eines Fincher oder Jeunet führten auch nicht notwendigerweise dazu, dass gute Fortsetzungen veröffentlicht wurden.

    Ich bin guter Dinge, dass ALIEN 3 und ALIEN 4 getoppt werden können. Was aber natürlich noch keine besondere Auszeichnung darstellte, da dies nicht allzu schwer sein sollte.

    • Oliver sagt:

      Die Angst vor dem Fremden thematisiert jeder Horrorfilm. Und sich gegen Ausgrenzung zu positionieren, ist zwar schön, aber in meiner Welt auch ziemlich selbstverständlich. Das ist keine Leistung, die ich per se schon positiv verbuche. Blomkamp stellt etwas nach, was allgemein bekannt ist. Durch die Substituierung von Schwarzen durch Aliens wird genau was gewonnen? Richtig, dass man den Stoff mit geilen Effekten und Ballereien aufpeppen kann. Dumm ist DISTRICT 9 zudem deshalb, weil es zwischen aus dem All auf der Erde landenden Krabbenmenschen und in Südafrika lebenden Schwarzen einen geringfügigen Unterschied gibt.
      Mehr kann und will ich zu DISTRICT 9 aber auch gar nicht sagen, weil ich ihn seit damals nicht mehr gesehen habe. Er hat mich seinerzeit massiv abgenervt, weil es genau die Art von vordergründig kritischem, aber nur simpleste Poesiealbums-Überzeugungen wiederkäuenden Kinos ist, die mir schon seit geraumer Zeit auf den Zeiger geht. Auch ästhetisch hat er mir rein gar nichts gegeben.

      Über ALIEN 3 habe ich heute etwas geschrieben. Ich bin gänzlich anderer Meinung als du. Und ich prophezeie demnach, dass Blomkamp es nicht gelingen wird, ihn zu übertreffen, weil er nicht die chops dazu hat. ALIEN: RESURRECTION ist streitbar, aber immerhin hat er – wie auch der dritte Teil – ein eigenes Profil. Blomkamp ist für mich ne Sockenpuppe, die auf schnödes Mittelmaß abonniert ist, ein Mitläufer, Peter Jackson für Arme gewissermaßen. Aber gut, abwarten. Jeder hat seine Chance verdient. Ich erwarte von neuen Franchisefilmen generell nichts mehr.

  5. Chrisch sagt:

    „Die Angst vor dem Fremden thematisiert jeder Horrorfilm. Und sich gegen Ausgrenzung zu positionieren, ist zwar schön, aber in meiner Welt auch ziemlich selbstverständlich. “

    Das mag ja sein, aber ein Blick auf die aktuelle Lage und das tagespolitische Geschehen zeigt eindrucksvoll, dass es nicht überflüssig zu sein scheint, sich expressis verbis – auch mit einfachen und von manchen als flach diffamierten Mitteln – dagegen zu positionieren, sondern geradezu notwendig.

    Bei der Bezeichnung „Peter Jackson für Arme“ musste ich ein wenig schmunzeln, wenngleich ich den Vergleich nicht ganz nachvollziehen kann. Jackson hat viel gedreht mit dem ich nichts anfangen kann und darüber hinaus mit KING KONG und THE LOVELY BONES schrecklich pathetische, rührselige und vor Klischees überlaufende Filme gedreht. Von den HOBBIT Filmen wollen wir gar nicht erst anfangen.

    Aber er hat mit der HERR DER RINGE Trilogie m.E. nach Jahrhundertfilme geschaffen. Die nimmt ihm keiner mehr Weg und werden dafür sorgen, dass er einen prominenten und wohlverdienten Platz in der Filmhistorie einnehmen wird.

  6. Oliver sagt:

    Na gut, aber wenn es nur darum geht, die banalsten Erkenntnisse „expressis verbis“ wiederzukäuen, damit auch der letzte Blöde es irgendwann begreift, liegt die Messlatte m. E. etwas zu niedrig, um Filme angemessen beurteilen zu können. Mein Ansrpuch ist dann vielleicht etwas höher und ein Film wie DISTRICT 9 dann offensichtlich für mich gemacht, weil ich ihn eben zu hohl finde.

    Die LOTR-Filme wird man in zehn Jahren nicht mehr anschauen können. Ich kann die heute schon nicht mehr ertragen. Von den reinen Zahlen her, aus logistischer und technischer Sicht mögen das „Jahrhundertfilme“ sein. Deshalb sollte man sie vielleicht auch eher mit dem Bau eines Fußballstadions oder der Leistung eines Autos vergleichen. Künstlerisch sind sie m. E. komplett uninteressant.

  7. Chrisch sagt:

    „Na gut, aber wenn es nur darum geht, die banalsten Erkenntnisse “expressis verbis” wiederzukäuen, damit auch der letzte Blöde es irgendwann begreift, liegt die Messlatte m. E. etwas zu niedrig, um Filme angemessen beurteilen zu können.“

    Aber selbiges fandest du doch bei LAND OF THE DEAD gelungen. Gut, du sagst, es sei zwar plakativ, aber nicht flach. Semantisch ist mir der Unterschied durchaus klar, nur sehe ich ihn nicht im Vergleich von LAND zu DISTRICT.

    Auch LAND OF THE DEAD liefert doch nur banalste Erkenntnisse, in dem Romero eine Kapitalismuskritik abliefert und verbildlicht, die banaler kaum sein könnte. Reicher Mann im luxuriösen Hochhaus. Auf der Straße die Unterjochten, die Unterschicht. Und auch die interessante von dir seinerzeit ins Spiel gebrachte „Flüchtlingsinterpretation“ würde doch – sofern sie von Romero tatsächlich so gedacht war – ebenfalls nicht mehr als banalste Erkenntnisse zu Tage fördern.

    Ich sehe die Differenz einfach nicht.

    Übrigens glaube ich auch nicht, dass DISTRICT 9 seinen kleinen Kultstatus auf Grund der Apartheid-Parabel oder seiner vermeintlichen Intelligenz inne hat.
    Die Blomkampsche Optik und die satte Action haben viele einfach überzeugt. Viele gingen insbesondere nach dem opulenten Schlussfight in Sachen Action einfach vollbefriedigt aus dem Kino und haben Parabeln, Parabeln und Sozialkritik, Sozialkritik sein lassen.

    „Die LOTR-Filme wird man in zehn Jahren nicht mehr anschauen können.“

    Bei mir landen sie seit der ersten Sichtung im Kino jedes Jahr aufs Neue im Player. Die reinen Zahlen interessieren mich dabei genau so wenig, wie die reine Technik.

    Die Welt die Jackson erschaffen hat, ist durch und durch homogen und darüber hinaus unglaublich lebendig. Er nimmt sich Zeit für die Charaktere, lässt aber auch die Action nicht zu kurz kommen. Die Charaktere werden von einer toll aufspielenden Besetzung zum Leben erweckt und schaffen somit eine Bindung zum Zuschauer, der an den Schicksalen partizipiert und mitgerissen wird. Auch die opulenten und den Zuschauer verführenden Bilder Jacksons sind schlicht fabelhaft.

    Nein, diese Trilogie nur auf Zahlen und Technik zu reduzieren greift zu kurz, da die Filme mit etwas aufwarten können, was im gegenwärtigen Blockbusterkino Seltenheitswert genießt: Herz.

    • Oliver sagt:

      Semantisch besteht der Unterschied darin, dass die Gleichsetzung von Zombies und Unterprivilegierten einen Erkenntnisgewinn bringt (der im Wesentlichen darauf fußt, dass der Zombie filmhistorisch eine sehr eng definierte Figur ist). Die Gleichsetzung von Aliens und Schwarzen in DISTRICT 9 bringt rein gar nichts. Romeros Film ist plakativ, weil er die Agitation zum Ziel hat. Den Weckruf, dass die Geknechteten vielleicht irgendwann mal anklopfen werden, halte ich für durchaus angebracht. Sein Film ist von Zorn geprägt (der dann vielleicht auch mal die Klarsicht trübt). DISTRICT 9 ist an seinem Subtext rein gar nicht emotional interessiert. Das ist für ihn lediglich ein geiler Twist, um einen Ballerfilm etwas aufzuwerten für die Nerds, die sich freuen, wenn sie auch mal was verstanden haben. Du sagst ja selbst, dass die meisten ihn wegen der geilen Action mögen – die ich z. B. total doof und rein gar nicht mitreißend fand.

      Ist ja in Ordnung, wenn dir LOTR gefällt. Aber ob das „Erschaffen einer homogenen Welt“ (ob das wirklich so gut gelingt, wie du behauptest, möchte ich hier mal ernsthaft infrage stellen) nun im Jahr 2015 noch hinreichende Bedingung für die Zuweisung des Status eines „Jahrhundertwerk“ ist (zumal das Jahrhundert gerade mal angefangen hatte, als LOTR rauskam), möchte ich doch mal bezweifeln. Das leistet Jason Dark mit seinen John-Sinclair-Heftchen seit über 40 Jahren sogar im Wochenrhythmus. Und das Pathos, den KItsch und die unerträglichen Inszenierungsklischees, die du an KING KONG bemängelst, hat LOTR im Überfluss. Und dazu noch einen ätzenden Militarismus. Herz besitzt vielleicht der erste Teil, danach ist nur noch eiskaltes Kalkül am Werk.

  8. Chrisch sagt:

    Ich würde nicht unterschreiben wollen, dass die Erschaffung einer homogenen Welt hinreichende Bedingung für die Zuweisung des Status eines Jahrhundertwerks ist; ich habe bloß exemplarisch und spontan aufgezählt, was mir an HERR DER RINGE besonders zusagt, ohne es zwangsläufig genau so zu übernehmen, wenn ich einen analytischen Essay über die Trilogie verfassen würde.

    Der Militarismus ist nun einmal Teil der Vorlage und kann Jackson schwer zum Vorwurf gemacht werden. Auch der in der Trilogie vorkommende Pathos findet sich hier und da in der Vorlage. Vielleicht manches Mal in anderer Form, aber er ist da.

    Aber so ganz greife ich noch nicht, was die an den Filmen nicht gefällt. Eiskaltes Kalkül ist schnell geschrieben, aber deutlich geworden, was du damit meinen könntest, ist es nicht. Ich meine, die Geschichte, die es zu Ende erzählen gilt, hat sich ja nicht Jackson ausgedacht. Also rein inhaltlich ist es schon einmal kein Kalkül, sondern schlicht Tolkien.

    Jetzt mal überspitzt und ein bisschen polemisch gefragt, ohne dass ich die folgende Ansicht vertreten würde:
    Was macht denn DER PATE zu einem Meisterwerk der Kunst? Die Geschichte bringt keine neuen Erkenntnisse, basiert sogar auf einem Roman der Trivialliteratur und Coppolas akribische Inszenierung ist halt Handwerk. Keine Kunst.

    Was macht FRENCH CONNECTION zu einem Meisterwerk? Die Geschichte ist kaum existent und bietet kaum verwertbare Erkenntnisse, die anregend wären. Der Rest? Handwerk um den Zuschauer an den Sessel zu kleben. Adrenalin pur.

    • Oliver sagt:

      Naja, das ist ja eine Binsenweisheit, dass Jackson für den Inhalt der Vorlage nicht verantwortlich und er für den Film deshalb nicht zu kritisieren ist, schließlich gibt es Möglichkeiten, Aspekte dieser Vorlage auszulassen, zu ändern oder eben anders zu betonen. Jackson hat den Film gemacht, den er machen wollte, das kritisiere ich. Die Bilder, Entscheidungen über Schnittfolgen, Dialoge, Kameraeinstellungen, Soundeinsatz stammen von ihm und sie prägen den Film nun einmal in erster Linie. (Das Buch von Tolkien finde ich auch doof, aber der hat Wörter aneinandergereiht und keinen Film gedreht.) Wenn er weiße Pferde mit wallender Mähne in Zeitlupe durchs Bilde galoppieren lässt oder sich elend lange mit Gefühlsduseleien und Frodos tränennassen Augen aufhält, sind das eben filmische Entscheidungen, die ich aus ästhetischer Sicht ablehne (es gibt weitere). Das Wort „Jahrhundertfilm“ hast du ins Rennen geworfen und danach erklärt, was du an dem Film magst. Übrigens allesamt radikal subjektive Argumente (Schauspielerleistungen, gefesselt sein etc.). Im Umkehrschluss ist also jeder Film, der dir gefällt, ein „Jahrhundertfilm“?

      Um zu deinen Anmerkungen zu THE GODFATHER und FRENCH CONNECTION einzugehen: Die Geschichte hat entschieden, dass diese Werke „Meisterwerke“ sind, indem sie das Medium ganz entscheidend geprägt haben und zwar nicht nur in technischer oder finanzieller Hinsicht. Über beide Filme redet man auch heute noch, über 40 Jahre nach ihrer Entstehung, sie sind immer noch Inspiration und der goldene Standard für ihre jeweiligen „Genres“, wenn man davon sprechen will. THE GODFATHER ist eben nicht bloß Mafiamär, sondern eine Auseinandersetzung mit amerikanischer Geschichte und dem Aufstieg der Nation zur kapitalistisch-wirtschaftlichen Supermacht im Gewand eines Gangsterfilms (deine Hinweise auf die Vorlagen führen zu nichts, weil wir eben über Film reden und der ist nicht bloß Übersetzung eines Buches in Bilder), THE FRENCH CONNECTION erfand eine gänzlich neue Form, Action auf der Leinwand zu erzählen, markierte einen radikalen Wendepunkt in der Geschichte des Copfilms. Und formal würde ich beide eben nicht bloß als „gutes Handwerk“ bezeichnen. Die Beherrschung des Handwerks ist immer die Voraussetzung für Kunst, aber sie erschöpft sich nicht darin. Aber da du LOTR grandios findest, werde ich dir den Unterschied wahrscheinlich nicht klar machen können. (Einer wäre, dass LOTR ein Märchenfilm ohne Bezug zu unserer Welt ist.) Es ist sinnlos, das von mir zu verlangen.

  9. Chrisch sagt:

    Auf die LAND OF THE DEAD Problematik gehe ich später ein!

    • Oliver sagt:

      Don’t get me wrong: Muss das sein? Du findest den Film scheiße, ich nicht. Nichts von dem, was ich sage, wird dich überzeugen und umgekehrt ist es genauso. Und über DISTRICT 9 will ich eigentlich gar nicht mehr reden. Wo soll das also alles hinführen?

      • Chrisch sagt:

        Nein, muss es nicht.
        Aber noch drei Sätze:
        Schlecht finde ich LAND OF THE DEAD nun nicht. Besser als DISTRICT 9 übrigens. Aber die den Filmen inhärente Gesellschaftskritik empfinde ich als identisch banal.

      • Oliver sagt:

        Finde ich erstaunlich, dass es dir gelingt, das zu trennen. Ich finde schon den Begriff „Gesellschaftskritik“ an DISTRICT 9 verschenkt. Der simuliert das nur. Das ist der Unterschied zu LOTD, der es eben ernst meint.

  10. Chrisch sagt:

    „Naja, das ist ja eine Binsenweisheit, dass Jackson für den Inhalt der Vorlage nicht verantwortlich und er für den Film deshalb nicht zu kritisieren ist, schließlich gibt es Möglichkeiten, Aspekte dieser Vorlage auszulassen, zu ändern oder eben anders zu betonen.“

    Prinzpiell stimme ich dir zu. Aber es macht eben keinen Sinn elementare Eckpfeiler der Vorlage auszulassen. Den Militarismus hätte man schlichtweg nicht weglassen können, ohne die Vorlage unredlich zu verfälschen.

    Zum Pathos schrieb ich: „Vielleicht manches Mal in anderer Form, aber er ist da.“

    Damit wollte ich deutlich machen, dass die filmische Umsetzung (weiße Pferde mit wallender Mähne / Frodos tränennasse Augen) natürlich auf Jacksons Konto geht. Aber nichtsdestotrotz ist der Pathos Teil der Vorlage.
    Und eine geeignetere filmische Methode zünftigen Pathos und ein wenig Kitsch in die Filme zu bringen, fällt mir ad hoc nicht ein.

    Kitsch und Pathos jedoch generell für etwas minderwertiges zu halten, wäre wiederum eine andere Baustelle. Dann wäre auch so ziemlich das komplette Œuvre eines Spielberg abzulehnen. (Was natürlich möglich ist)

    „Übrigens allesamt radikal subjektive Argumente (Schauspielerleistungen, gefesselt sein etc.). Im Umkehrschluss ist also jeder Film, der dir gefällt, ein “Jahrhundertfilm” “

    Zum Thema Subjektive Argumente:
    Ich frage mich schon länger, ob es tatsächlich objektive Argumente bzw. Bewertungsmaßstäbe gibt.
    Wenn ja, wie könnten die lauten?

    Der eine hält beispielsweise Coppolas filmische Akribie (exempli gratia Untersicht->Machterhältnis) für wahnsinnig komplex, durchdacht und deswegen genial.
    Der andere sagt: „Pah, die ganzen Kniffe kenn ich schon von der Riefenstahl und anderen. Besonderes sehe ich darin nicht.“

    Wenn die Bewertung von Darstellerleistungen nicht wirklich objektiv beurteilbar sind, warum dann Regieleistungen?

    Ich bin übrigens der Überzeugung, dass es objektive Kriterien geben könnte, wiewohl ich sie noch nicht kennen gelernt habe.
    Aber wenn die Zuweisung „Meisterwerk“ nur mit Hilfe eines relationalen Verhältnisses (Stichwort: Prägung des Mediums) erfolgen kann, würde mich das nicht befriedigen. Es muss doch auch Kriterien geben, die sich nur aus dem Werk selbst generieren lassen.

    Regisseur X ist ein Meister, weil er Y und Z beherrscht und dies im Film perfekt angwendet hat.
    Darsteller X ist ein Meister, weil seine Methode es ihm erlaubt Y und Z zu tun und auf diese Weise perfekt mit der Rolle verschmilzt.

    Könnte ich nicht begründen, warum DER PATE ein Meisterwerk ist, wenn ich in meinem ganzen Leben nur diesen einen Film gesehen hätte und somit auch keinen Schimmer von der Filmhistorie habe?

    “ Im Umkehrschluss ist also jeder Film, der dir gefällt, ein “Jahrhundertfilm”? “

    Nein, natürlich nicht.
    Aber die Wirkung, die HERR DER RINGE entfaltet hat, halte ich – bezogen auf die letzten zwanzig Jahre – für beispiellos.
    So ziemlich jeder kennt die Filme. Auch jene, die wenige Filme schauen. Die Filme werden oft zitiert und sind ein existenzieller Teil der Popkultur geworden. Sie hatten und haben einen unglaublichen „impact“ und haben viele Leute bewegt. Das und bestimmt noch ein paar Dinge mehr, wenn ich in mich gehen würde, ließen mich zu dem Superlativ „Jahrhundertfilm“ greifen, da ich der Überzeugung bin, dass vieles darauf hindeutet, dass die Geschichte dies bestätigen wird.

    Ich will an dieser Stelle noch einmal anmerken, dass ich den hiesigen Austausch sehr schätze. Bin in den Zwanzigern und setze mich erst seit geraumer Zeit auf intellektuelle Weise mit dem Film an sich auseinander. Die Diskussionen empfinde ich stets als ziemlich lehrreich und bereichernd!

    • Oliver sagt:

      „Den Militarismus hätte man schlichtweg nicht weglassen können, ohne die Vorlage unredlich zu verfälschen.“

      Für mich macht es einen erheblichen Unterschied, ob man die Dinge mit den MItteln der Sprache schildert (weil die konkrete Ausformung im Wesentlichen dem Leser überlassen bliebt), oder ZEIGT. Insofern könnte man Tolkien durchaus adäquat verfilmen, ohne dermaßen aufdringlich auf die Pathostube zu drücken.

      „Und eine geeignetere filmische Methode zünftigen Pathos und ein wenig Kitsch in die Filme zu bringen, fällt mir ad hoc nicht ein.“

      Dir fällt keine bessere Möglichkeit ein, Emotionen zu evozieren, als weiße Pferde in Zeitlupe durchs BIld reiten zu lassen? Du musst viel mehr Filme sehen! Spielberg vom Kitschvorwurf befreien zu wollen, macht wahrscheinlich wirklich nicht so viel Sinn, ich würde ihm aber zu Gute halten, deutlich eleganter zu inszenieren als Jackson. Zwischen den beiden liegen Welten.

      „Ich frage mich schon länger, ob es tatsächlich objektive Argumente bzw. Bewertungsmaßstäbe gibt.“

      Natürlich ist die Bewertung von Film subjektiv. Und es wäre Unsinn, sich gegen seinen Geschmack stemmen zu wollen, um zu einem objektiven Urteil zu gelangen. Aber es muss einem klar sein, dass man bei seiner Einschätzung oft „Opfer“ sehr willkürlicher Launen und Empfindungen ist. Schauspielerleistungen sind ein ideales Beispiel dafür. Jeder redet von tollen Leistungen, davon, dass Schauspieler xyz in der und der Rolle brilliert, aber woran macht man das fest? Daran, dass man ihm die Rolle abnimmt. Das hat aber so viel mehr mit persönlicher Sympathie zu tun als mit einer sachlichen Beurteilung der Schauspielkunst.

      „Die Filme werden oft zitiert und sind ein existenzieller Teil der Popkultur geworden. Sie hatten und haben einen unglaublichen “impact” und haben viele Leute bewegt.“

      Hatten sie das und tun sie das wirklich? Ich zweifle das ernsthaft an. Natürlich waren sie zu ihrer Zeit bahnbrechend. Aber doch in erster Linie hinsichtlich des betriebenen Aufwands und der Effekte. Es gibt nichts, was diese Filme über die Welt und den Menschen sagen, was irgendwie von Belang wäre. Sie sind Entertainment, ja. Aber wenn ich das, was LOTR in seinen 9 Stunden Extended-Spielzeit leistet, mit Spielbergs JAWS vergleiche, ist das ein überaus jämmerliches Ergebnis für Jackson.

      „Ich will an dieser Stelle noch einmal anmerken, dass ich den hiesigen Austausch sehr schätze. Bin in den Zwanzigern und setze mich erst seit geraumer Zeit auf intellektuelle Weise mit dem Film an sich auseinander. Die Diskussionen empfinde ich stets als ziemlich lehrreich und bereichernd!“

      Das freut mich und ich dachte mir schon, dass du noch etwas jünger bist. Ich werde selbst nächstes Jahr 40. Deine Hartnäckigkeit finde ich manchmal etwas anstrengend, aber sie sei dir gegönnt. 😉 Man kann leider nicht alles immer erklären. Und jeder hat natürlich das Recht auf seine Meinung. So, und jetzt muss ich ins Bett. 🙂

      • Oliver sagt:

        Ich kenne diese Meisterwerk-Platitüde über LotR gut, weil ich selbst mit Tolkiens Literatur aufgewachsen und auch Fantasy-affin bin. Allerdings ist die Entwicklung der Teile schon auffällig, schließlich hat Jackson dann zu meinem Grausen mit den drei Hobbit-Teilen noch einen draufgesetzt. Als Erzählung ist der Hobbit für mich immer so eine Art Fantasy-Erzählung in nuce gewesen. Eine Gruppe findet sich, muss sich bewähren, wächst zusammen, der Protagonist erlebt eine klassische Heldenfahrt und kehrt gereift heim an den Herd, den er nun in seiner Heimeligkeit auch zu schätzen weiß. Mich hat die Erzählung gerührt und auch gut unterhalten. Und dann zimmert Jackson da einen Golem draus, von Suchsland treffend in die Filmhölle sortiert, und erklärt damit auch für jeden, der es nicht schon vorher wusste, wie die Entwicklung der Ring-Trilogie sich zu so einem Monstrum entwickeln konnte.

        Was sie nicht hätte werden müssen. Man kann ein Schlachtengemälde malen oder den Blick anders ausrichten bzw. beides immer in Bewegung halten, statt einfach klare Stränge zu bilden und pedantisch abzuarbeiten… Da es Jackson aber leider nur um das Spektakel ging, weil ihn die (heute schon schal veraltete) digitale Technik mehr im Griff hatte als er sie, entstand eine Entwicklung der Teile, die immer schlechter, weil eben nach Themenparksträngen organisiert wurde, und zwar ohne das in irgendeiner Art zu variieren oder zu alternieren. Gerade wenn man die Filme, wie ich, öfters gesehen hat, und eben auch feststellt, wie wenig da an den Rändern atmet, wie wenig Widerspruch (wäre ja auch eine Option gewesen, sind die Orks denn wirklich so böse, haben sie als working class nicht vielleicht berechtigte Anliegen?) ein halbes Jahrhundert nach Tolkien hier möglich war, gerade dann wird der Militarismus vordringlich und tritt die Fantasy, mit all der in ihr möglichen Romantik und Magie, in den Hintergrund. Und genau das entwickelt der Hobbit dann zum Exzess. Jenseits der 10-Klasse-Theater AG dürfte auch klar sein, dass das Grausamste, was man einer Vorlage antun kann, stets dasselbe ist: Sie 50/100/500 Jahre später einfach abzukupfern. Ich hatte sehr auf Guillermo del Toro gehofft.

        Ich schreib das hier vor allem darum, um noch einmal deutlich zu machen, dass man auch als Tolkien-Liebhaber, an der vielgepriesenen Verfilmung seiner Literatur einiges aussetzen kann. Und klar ist doch auch, Tolkien war passionierter Freizeitschriftsteller. Seine Familie und die Fans tragen ihn zwar zum Herz-Jesu-Kreuze, um ihn besser zu vermarkten bzw. zu konsumieren, aber das muss man nicht, um ihn zu schätzen und zu genießen. Ich sehe da auch eine Parallele zu Rowling, die in ähnlicher Manier ein eigenes Erzähluniversum geschaffen hat, nur eben aus der Hausfrauensicht. Man kann, braucht aber nicht vergessen, dass nur weil ein Erzähluniversum reichhaltig ist, vielfältigst angereichert wurde, es dennoch nicht komplex sein muss. Genau das gilt für Tolkien wie für Rowling. Für die Bücher wie die Verfilmungen. Und dennoch kann man seinen Spaß und Genuss darin finden, wenn man sich einer gewissen Naivität nicht scheut.

        Zum Werksbegriff ließe sich auch noch viel schreiben, aber das scheint heute nicht mehr nötig. Lediglich vielleicht, dass alle Medien komplex mit Geschichte und deren Materialität verwoben sind. Film ist außerdem immer schon Ware und genau das läßt sich besonders gut an den Tolkien-Verfilmungen studieren. Die Meisterwerkianisierung von Kunst & Kultur zielt ja neben dem Marketing immer auf den persönlichen Distinktionsgewinn. Und nun noch mal der große Motivationsbogen, genau dabei werden andere Produkte wegverschubladet, ohne sich ihnen mit analytischem Instrumentarium zuzuwenden. Dann steckt der 80er Jahre Actioner in seiner Schundschublade und die epd bzw der film-dienst darf ihn einfach schlecht finden, anstatt sich mit den Mitteln der Kritik daran abzuarbeiten. Und das sogenannte Meisterwerk wird dann zum Knüppel, mit dem der vermeintliche Schund legitim abgestraft werden darf.

      • Oliver sagt:

        Danke für deinen ausführlichen Kommentar! Ich möchte eigentlich nur noch einmal auf einen Punkt eingehen, nämlich diesen hier:

        „Da es Jackson aber leider nur um das Spektakel ging, weil ihn die (heute schon schal veraltete) digitale Technik mehr im Griff hatte als er sie, “

        Das ist der Grund, weshalb ich der LOTR-Trilogie auch noch die Relevanz als meinetwegen „handwerlich perfektes Eventkino“ abspreche (mal davon abgesehen, dass Jacksons Einsatz des Schnitts bestenfalls Durchschnitt ist): Wenn ich heute mal einen Happen der Filme aufschnappe, sei es im Fernsehen oder weil meine Gattin eine Schwäche für sie hat und sie immer mal wieder einlegt, bin ich regelrecht entsetzt darüber, wie schlecht die visuell gealtert sind. Was vor 15 Jahren bahnbrechend schien, sieht heute aus wie von der Rampe. Natürlich unterliegen Spezialeffekte einer natürlichen „Alterung“. Aber Filme, die sich der Technik so dermaßen ausliefern wie es die LOTR-Trilogie getan hat, können das einfach nicht aufwiegen.

        Und da schlage ich dann die Brücke zu ALIENS, dem man zwar auch hier und da ansieht, dass er 30 Jahre auf dem Buckel hat, dessen visuelles und narratives Konzept aber einfach makellos ist. Deshalb behauptete ich eingangs auch, dass LOTR in 20, 30 Jahren bestenfalls noch als historisches Dokument durchgeht, aber keinesfalls so sehr verehrt wird, wie das für „Effekt“-Filme wie THIEF OF BAGDAD, meinetwegen die STAR WARS-Trilogie oder eben die ersten beiden ALIEN-Teile gilt. Wahrscheinlich werden die LOTRs schon in zehn Jahren rebootet, weil sie den Ansprüchen, die die Zuschauer an Effekte stellen, nicht mehr gerecht werden.

    • Marcos sagt:

      Mir wird langsam deutlich, dass Dir das Verständnis von „Film als eigener Kunstform abgeht“. Du liest Filme rein textlich und nicht als das Zusammenwirken aller in den vorangegangen „Säulen der Kunst“ konstituierenden Elemente. Dabei kann man so leicht ein Grundverständnis für Film entwickeln, da er noch so jung ist. Von Porter und Méliès, über Griffith, De Mille und Pastrone zu Hart, Ince und Ford, sowie schließlich zu Murnau, Lang, Hawks und Hitchcock. Wenn man die Inszenierung dieser Regisseure verstanden hat, kann man auch eine Vorstellung davon bekommen was Film ist. Coppola nur auf das Handwerk zu reduzieren, ist geradezu erschütternd nichtverstehend.

  11. Chrisch sagt:

    @Marcos:

    Diesen Satz von mir, hast du gelesen?

    „Jetzt mal überspitzt und ein bisschen polemisch gefragt, ohne dass ich die folgende Ansicht vertreten würde…“

    Ich habe Coppola eben nicht nur auf sein Handwerk reduziert, da ich bewusst eine provokante Frage stellte, um eine für mich möglichst befriedigende Antwort zu erhalten.

    Oder ist schon der schiere Gedanke an eine dergestalt forumulierte Frage für dich ein stichhaltiger Hinweis darauf, dass ich die Kunstform Film auf erschütternde Weise nicht verstehe?

    Im Übrigen:
    Da ich die folgende Frage sehr spannend finde; wie würdest du mir darauf antworten:

    „Aber wenn die Zuweisung “Meisterwerk” nur mit Hilfe eines relationalen Verhältnisses (Stichwort: Prägung des Mediums) erfolgen kann, würde mich das nicht befriedigen. Es muss doch auch Kriterien geben, die sich nur aus dem Werk selbst generieren lassen.

    Regisseur X ist ein Meister, weil er Y und Z beherrscht und dies im Film perfekt angwendet hat.
    Darsteller X ist ein Meister, weil seine Methode es ihm erlaubt Y und Z zu tun und auf diese Weise perfekt mit der Rolle verschmilzt.

    Könnte ich nicht begründen, warum DER PATE ein Meisterwerk ist, wenn ich in meinem ganzen Leben nur diesen einen Film gesehen hätte und somit auch keinen Schimmer von der Filmhistorie habe?“

    • Oliver sagt:

      Die Frage lässt sich allein deshalb nicht beantworten, weil der Begriff „Meisterwerk“ selbst schon interpretationsbedürftig ist. Ein Film ist keine Mathearbeit, bei der man eine vorher festegelegte Anzahl an Punkten für die Lösung der gestellten Aufgaben erreichen kann. Man kann vielleicht einige Kriterien nennen, die ein Film erfüllen muss, um als „Meisterwerk“ zu gelten, aber es gibt eben kein Zertifikat, und schon bei der Festlegung dieser Kriterien könnten zwei Personen gänzlich entgegengesetzte Ansichten vertreten. Ein Meisterwerk ist in erster Linie das, was du dafür hältst. Interessant wird es erst, wenn es darum geht, deine Ansicht zu vermitteln. Und da ist es dann eben hilfreich, wenn man möglichst viele Faktoren einbeziehen kann, die über die bloße Neigung („Film xyz fand ich superspannend“, „Schauspieler abc agierte sehr überzeugend“, „der Film hatte schöne Bilder und einen tollen Soundtrack“) hinausgehen. Da mag man dann auf die konkrete Anwendung der Filmtechnik eingehen, auf die herausstechende Position des Werks in der Filmgeschichte, die neuen Erkenntnisse, die der Film vermittelt o. ä. Nur aus dem Werl selbst lässt sich das allein deshalb schon nicht generieren, weil „Meisterwerk“ eine Zuschreibung ist, die einen Betrachter erfordert, der außerhalb des Films sitzt.

    • Marcos sagt:

      Sorry, dann habe ich Dich da missverstanden.

      Einen Film als Meisterwerk zu bezeichnen, wenn man nur diesen einen kennte, halte ich für nicht möglich, da der Begriff selbst schon beinhaltet, dass man ihn mit anderen Werken vergleichen kann. Für sich selbst kann man ihn natürlich als meisterlich oder herausragend empfinden, aber wenn man wirklich nie einen anderen Film gesehen hat, welchen Wert hat die Aussage dann, außer den der erfreuten Empfindungen dieses einen Rezipienten Ausdruck zu verleihen.

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