alien 3 (assembly cut) (david fincher, usa 1992)

Veröffentlicht: Juli 20, 2015 in Film
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alien_three_ver2Eines meiner Lieblingsthemen sind Filme mit komplizierten Produktionsgeschichten. Über chaotische Prä-Produktionsphasen mit Dutzenden von ent- und wieder verworfenen Drehbuchversionen, kreative Differenzen, Produzenten- und Studioeinmischungen, gefeuerte, ersetzte und wieder eingestellte Regisseure, Katastrophen-Drehs voller Pannen, Exzesse und göttlicher Intervention in Form von Unwettern, Erdbeben und Durchfallerkrankungen, explodierende Budgets sowie das Heckmeck um konkurrierende Schnittfassungen könnte ich den lieben langen Tag lesen. Und die Filme, die unter solchen Umständen das Licht der Welt erblicken, üben auf mich per se eine unwiderstehliche Faszination aus, ganz egal, ob man ihnen diese Probleme ansieht oder nicht. Der Reiz, der von ersteren ausgeht, liegt auf der Hand, und besonders bemerkenswert sind natürlich solche Fälle, bei denen die hinter den Kulissen ausgetragenen Kämpfe gewissermaßen die Geburtshelfer für etwas Großes, Einzigartiges sind. THE ISLAND OF DR. MOREAU mag etwa als Genrefilm und Literaturverfilmung ein Rohrkrepierer sein, aber er transportiert den Wahnsinn seines Titelhelden besser, als eine werkgetreuere, „normale“ Version. ich würde ihn um nichts in der Welt gegen eine solche eintauschen wollen. CLEOPATRA, eine einzige Machtdemonstration Hollywoods, fährt in jeder Einstellung ungeahnten, sprach- und fassungslos machenden Prunk auf und endet irgendwann einfach, weil kein Geld mehr da war. Er verkörpert so in seiner ganzen Struktur den selbszerstörerischen Wahnsinn und die rasende Dekadenz, die das Filmgeschäft zu jener Zeit auszeichnete. Und über die Reise ins Herz der Dunkelheit, die auch die Dreharbeiten von APOCALYPSE NOW bedeuteten, muss ja gar nicht mehr viel gesagt werden.

Auch ALIEN 3 ist einer jener Filme, an die sich die meisten Beteiligten heute wahrscheinlich mit Grausen zurückerinnern und es ist ein mittelgroßes Wunder, dass Fincher danach dennoch zu dem Filmemacher aufsteigen konnte, der er heute ist. Die Vorbereitungen zur zweiten ALIEN-Fortsetzung begannen schon Mitte der Achtzigerjahre mit dem bewährten Team von David Giler, Walter Hill und Gordon Carroll, die jedoch nur noch mäßig interessiert an dem Thema waren. Hauptfigur sollte Michael Biehns Hicks werden, Sigourney Weaver in den Hintergrund treten und der Film sich mit den Bemühungen der Weyland Yutani Corporation auseinandersetzen, eine Armee aus Alien-Soldaten aufzuziehen. Der Versuch, Ridley Scott als Regisseur zurückzugewinnen, scheiterte. Weitere Drehbuchfassungen stammten aus der Feder von Cyberpunk-Erfinder William Gibson, THE HITCHER-Autor Eric Red und PITCH BLACK-Regisseur David Twohy, doch keiner ihrer Entwürfe fand die Zustimmung des Studios. Renny Harlin, nach der Absage Scotts als Regisseur vorgesehen, sprang schließlich ab und drehte stattdessen THE ADVENTURES OF FORD FAIRLANE. Er wurde wiederum ersetzt durch Vincent Ward, dem mit THE NAVIGATOR: A MEDIEVAL JOURNEY ein Überraschungserfolg gelungen war, doch dem gefiel Twohys Script nicht. Seine Verbesserungsvorschläge wurden akzeptiert und John Fasano angeheuert, Twohys Drehbuch umzuschreiben. Viele von Wards Ideen schafften es auch in den fertigen Film, doch weil er sich anderen Änderungswünschen verweigerte, wurde auch er gefeuert. In einem perfekten Zirkelschluss engagierte man David Giler und Walter Hill, um Fasanos Drehbuch umzuarbeiten, und schließlich den Videoclip-Regisseur David Fincher für sein Spielfilmdebüt. Als er nach gerade einmal vier Wochen Vorbereitung auf seinem Stuhl Platz nahm, existierte immer noch kein fertiges Drehbuch, wohl aber diverse Settings, die irgendwie in die entstehende Story eingebaut werden mussten. Da Fincher noch nicht über einen klingenden Namen verfügte, gelang es ihm nicht, sich gegen die Produzenten durchzusetzen. Ganze Subplots fielen der Schere zum Opfer, 30 Minuten wurden gekürzt. Ein besonderer Streitpunkt war die Opferung von Ripley, die erst wenige Tage vor dem Kinostart des Films gedreht wurde. „I probably should have walked away from the first week of shooting when there wasn’t a script but there are extenuating circumstances.“, sagte Fincher später in einem Interview. Er entschied sich für seine Karriere und blieb, lieferte aber am Ende einen Film ab, der eigentlich von Anfang an keine echte Chance hatte. Er war weltweit betrachtet dennoch ein Erfolg, blieb in den USA aber weit hinter den Erfahrungen zurück und verwirrte die Zuschauer eher, anstatt ihnen die erwarteten Scares und Action zu servieren. Der „Assembly Cut“ stellt den Versuch dar, Finchers Version zu rekonstruieren und präsentiert mit einer Laufzeit von 145 Minuten tatsächlich einen ganz anderen Film als die damals regulär veröffentlichte Fassung. Trotzdem ist auch dieser „Assembly Cut“ nicht von Fincher autorisiert worden.

Bei meinem Text zum „Assembly Cut“ stehe ich heute vor dem Problem, mich an die alte Kinofassung nur noch sehr vage erinnern zu können. ALIEN 3 war für mich nie ein Film, mit dem ich besondere Emotionen verbunden habe. Ich fand ihn immer sehr OK, ohne jedoch begeistert zu sein. Gemessen am Status seiner Vorgänger wirkte er auf mich stets etwas defensiv, zurückhaltend und unentschlossen. Er ließ das für Filme dieser Größenordnung so wichtige (und charakteristische) Selbstbewusstsein vermissen, es blieb unklar, was eigentlich das Ziel der ganzen Unternehmung war, warum man sich entschlossen hatte, genau diese Geschichte zu erzählen. Doch trotz dieser Schwäche – deren Ursache heute glasklar auf der Hand liegt – hatte ich auch nicht den Eindruck, einem unter massiven Komplikationen gewissermaßen in einer Zangengeburt auf die Welt gekommenen Werk zuzusehen (von der widrigen Produktionsgeschichte erfuhr ich erst sehr viel später). ALIEN 3 war visuell durchaus reizvoll, aber erzählerisch eben auch ein bisschen blass. Und ich bin mir heute nicht 100-prozentig sicher, ob die lange Fassung daran wirklich etwas ändert. Natürlich gelingt es ihr viel besser, die eigenartige Atmosphäre innerhalb der Strafkolonie herauszuarbeiten, das Miteinander der halbirren Insassen, die Isolation und Verlassenheit, in der sie sich zur Wehr setzen müssen. Die Parallelisierung von Alienmutter und Ripley wird hier in radikaler Weise und auf gleich zwei Ebenen fortgeführt: Zunächst einmal, indem die Überlebende in der Gemeinschaft der zölibatären Insassen selbst als feindlicher Oragnismus betrachtet wird, der das Funktionieren des Systems gefährdet, später dann sehr viel direkter, weil Ripleys Körper selbst längst als Nistplatz des Aliens dient und sie buchstäblich zur „Mutter“ einer neuen Aliengeneration werden soll. Als reiner Stimmungskatalysator ist ALIEN 3 hervorragend, weil er die brüterische, drohende Amosphäre der Vorgänger nimmt und ihr eine quasireligiöse, existenzielle Qualität verleiht. Viel ist über die christliche Symbolik des Films geschrieben worden und auch, wenn die Ripley/Jesus-Analogie nicht der Weisheit letzter Schluss ist, so verfehlt die verquere Philosophie, mit der der Irre Golic (Paul McGann) das Alien zur Gottheit stilisiert, seine desorientierende Wirkung beim Zuschauer nicht. ALIEN 3 ist – vielleicht auch wegen der vielen Probleme am Set – ein höchst seltsamer und eigener Film, der sich nur schwer einordnen lässt, ein seltsamer Genrehybrid, in seiner irgendwie träumerischen Atmosphäre zwar durchaus mit Scotts Film verwandt, aber eben ohne dessen klare Vision. Der Verzicht auf die ausufernden Actionszenen von ALIENS mündet keineswegs in eine Rückbesinnung auf den reduzierten, aber auch immens aufgeladenen Horror des Originals. Er funktioniert als Sammlung verschiedener Ideen und Ansätze, denen jedoch der gemeinsame Nenner, das sie zusammenhaltende und ordnende Element fehlt. Daran ändert auch der „Assembly Cut“ nichts. Vielleicht sollte man das als Glücksfall begreifen. Denn eines ist ALIEN 3 nicht: mittelmäßig und stromlinienförmig. Nur 20 Jahre später ist die Schönheit seines Scheiterns undenkbar.

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Kommentare
  1. Ist für mich nach ALIEN der beste Teil der Reihe, obschon ich nur die Kinofassung kenne.

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