abduction (joseph zito, usa 1975)

Veröffentlicht: Juli 23, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , ,

AbductionFür seinen Debütfilm orientierte sich Joseph Zito an der Patty-Hearst-Geschichte, die ca. ein Jahr zuvor durch die Medien gegangen war. Die 19-jährige Enkelin des Medienmoguls William Randolph Hearst (seinerseits Vorbild für Orson Welles‘ CITIZEN KANE) wurde von den Mitgliedern der linksradikalen SLA, der „Symbionese Liberation Army“, entführt, bedroht und misshandelt. Die Motive waren politisch: Die SLA forderte die Freilassung inhaftierter Mitglieder sowie eine Spende von Hearst in Höhe von 70 Dollar für jeden notleidenden Einwohner Kaliforniens. Auch eine sofortige Zurverfügungstellung von Nahrungsmitteln im Wert von 2 Millionen Dollar in der Bay Area stellte die SLA nicht zufrieden. Der Entführungsfall wurde zur Mediensensation, als eine Tonbandaufnahme veröffentlicht wurde, auf der die Entführte verkündete, nun selbst ein Mitglied der SLA zu sein. Als solches war sie anschließend in mehrere schwere Verbrechen involviert, u. a. einen Banküberfall und diverse Attentate, bis sie 1975 mit anderen Mitgliedern zusammen gefasst, verhaftet und zu 35 Jahren Haft verurteilt wurde. Vor Gericht sagte sie aus, dass sie von ihren Entführern unter Drogen gesetzt und manipuliert worden sei. In einem Berufungsprozess wurde ihre Strafe auf sieben Jahre heruntergestuft, 1979 erwirkte Präsident Jimmy Carter ihre vorzeitige Freilassung nach 22 Monaten Haft, die endgültige Begnadigung erteilte Bill Clinton am letzten Tag seiner Amtszeit im Jahr 2001. Patty Hearst war inzwischen 47 Jahre alt.

ABDUCTION erzählt die Geschichte bis zum endgültigen Gesinnungswandel des Opfers, ohne jedoch ganz explizit Bezug auf den – damals ohnehin allen Amerikanern geläufigen – realen Fall zu nehmen. Aus Patricia „Patty“ Hearst wird Patricia Prescott (Judith-Marie Bergan), die nun nicht Enkelin eines Medienmoguls ist, sondern Tochter eines Bauunternehmers. Die Forderung der Entführer ist keine Geldspende für Bedürftige, sondern die symbolische Sprengung eines von Prescott errichteten Wohnkomplexes. Der wird von Zito als patriarchisches Kapitalistenschwein gezeichnet, verdächtigt erst Patricias braven Freund, in das Verbrechen involviert zu sein, geht dann nur sehr widerwillig auf die Forderungen ein und riskiert damit das Leben der Tochter. Patricias Entscheidung, überzulaufen, wird mithin nicht durch Gewalteinwirkung der Entführer, sondern wesentlich durch das Verhalten ihres Vaters herbeigeführt und als bewusster, reflektierter Akt der Auflehnung ihrerseits gezeichnet. Hat er sie möglicherweise einst sogar missbraucht? Ein Dialog zwischen ihm und Patricias Freund deutet an, sie habe sexuelle Probleme, und als Prescott ein Video erhält, das die Vergewaltigung Patricias zeigt, schaut er sich das, mit einer Sonnebrille in einem gänzlich abgedunkelten Raum sitzend, auf sechs Monitoren gleichzeitig an. Der Film endet, als Patricia zwei Polizisten, die den Unterschlupf der Entführer ausfindig gemacht und sich Zutritt verschafft haben, mit einer Schrotflinte niederschießt.

Zitos Debüt ist recht schnell abgehandelt: Es ist ein für die Siebzigerjahre typischer „Cheapie“, der sein eigentliches Anliegen, Zuschauer mit dem Versprechen von Sex und Gewalt ins Kino zu locken, unter dem Deckmäntelchen der Tagesaktualität verbirgt. Man muss einräumen, dass das Deckmäntelchen hier etwas dichter gewebt ist als bei anderen Vertretern des Exploitation-Films jener Zeit: Für einen wirklich sensationalistischen Reißer ist Zitos Film noch recht verhalten. Das ist aber auch das Manko: ABDUCTION ist unfassbar langatmig, steif und undramatisch, besteht fast ausschließlich aus statischen Dialogszenen in abgedunkelten Räumen und zieht sich wie ein ausgelutschtes Kaugummi. Man sieht dem Film seine Billigkeit sofort an: Schauwerte gibt es gar nicht und offensichtlich konnte man sich noch nicht einmal einen Kameramann leisten, der in der Lage gewesen wäre, den ein oder anderen Schwenk oder gar eine Fahrt einzubauen. Die meisten Szenen sind rein statisch in halbnahen Einstellungen aufgelöst und wenn sich dann doch einmal etwas bewegt, empfindet man das sogleich wie einen erfrischenden Lufthauch an einem unerträglich schwülheißen Sommertag – als echte Erlösung. Man mag Zito zugutehalten, dass er den klaustrophobischen Charakter von Patricias Situation einfangen wollte, aber als filmisches Gesamtkonzept erscheint mir das doch etwas dünn. Nur selten blitzt einmal das Talent Zitos zur brutalen Verdichtung auf, das er später mit THE PROWLER, FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER oder INVASION U.S.A. unter Beweis stellen sollte. Die Eröffnungssequenz, ein nichtssagender Dialog zwischen Patricia und ihrem Freund auf der heimischen Couch, der irgendwann in ein hastiges Liebesspiel übergeht, wird unerwartet von zwei buchstäblich aus dem Nichts ins Bild stürzenden Entführern gestört. Wenig später hört man ihre Stimmen aus dem Off über die Zukunft ihres Opfers beraten, während die Kamera ganz langsam durch eine halbgeöffnete Tür und die dahinter gefesselt und geknebelt auf dem Bett sitzende Patricia zufährt (das wurde dann auch das Plakatmotiv, siehe oben links). Es ist die einzige Szene, in der man so etwas wie Beklemmung empfindet, ansonsten wirkt ABDUCTION vor allem drehbuchtechnisch und schauspielerisch unterentwickelt. Der Umschwung Patricias wird nie wirklich glaubwürdig und dass ihr Gesinnnungswandel als erstes zu einer Sexszene führt, unterstreicht die zweifelhaften Absichten des Films. Lawrence Tierney darf einen FBI-Agenten spielen, der in vom Rest des Films völlig isolierten Szenen einen möglichen Zeugen befragt: Typisches Merkmal solcher Billigheimer.

Wahrscheinlich muss man mit Zito Nachsicht üben: Keine Ahnung, was ABDUCTION gekostet hat, aber viel kann es nicht gewesen sein. Das maßgebliche Motiv war es wahrscheinlich, den Film so schnell auf den Markt zu werfen, um noch von der Aktualität des Falles profitieren konnte, und die daraus resultierende mangelnde Sorgfalt sieht man an allen Ecken und Enden. Ich könnte damit grundsätzlich ganz gut leben, wenn ABDUCTION nicht so elend fad gewesen wäre. Es ist einer jener Filme, für die die Fast-Forward-Taste erfunden wurde. Nur leider gibt es nichts, wo es hinzuspulen lohnte. Na gut, das Finale ist ganz nett.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s