the thomas crown affair (norman jewison, usa 1968)

Veröffentlicht: Juli 24, 2015 in Film
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Thomas Crown (Steve McQueen), ein erfolgreicher Unternehmer mit Geschmack und Stil, intelligent, scharfsinnig und selbstbewusst, der sich alles kaufen kann, was er will. Aber das reicht ihm nicht, also plant er einen Banküberfall. Rund drei Millionen Dollar erbeutet er und das FBI hat nicht den Hauch eines Hinweises. Thomas Crown gibt seinem Butler frei, zündet sich eine Zigarre an, lässt sich in seine mondäne Ledercouch fallen und lacht, lacht vor Freude. Vicki Anderson (Faye Dunaway), hinterlistige Versicherungsdetektivin, entschlossen und kreativ, darüber hinaus attraktiv und verführerisch, kommt ins Spiel, um an den Ermittlungen der Kriminalisten teilzunehmen und ihm nach kurzer Zeit auf die Spur. Gemeinsam spielen die beiden ein erotisches Katz-und-Maus-Spiel mit offenliegenden Karten. Sie weiß, dass er das Geld gestohlen hat, er weiß, dass sie ihn festnageln will. Einfach nur ans Ziel zu kommen, ist beiden zu wenig: Sie wollen den Nervenkitzel und den totalen Triumph – und ein Maximum an Vergnügen, solange es dauert. Aber ein Vergnügen, das sie beide nach ihren Regeln gestalten.

THE THOMAS CROWN AFFAIR kulminiert in einer Schachpartie der beiden Kontrahenten und damit in einer der vielleicht erotischsten Sequenzen der Filmgeschichte. Erotisch gerade weil es nie explizit wird. Vollkommen wortlos belauern sich die beiden, beobachten sich und ihre Züge, wobei Vicki langsam aber sicher die Kontrolle übernimmt. Ein sanftes Streicheln ihrer eigenen Arme und Schultern, das – möglicherweise unbewusste? – Liebkosen der Schachfiguren, das kurze Saugen am Finger, schließlich ein zwischen die Beine ihres Kontrahenten geschobenes Knie. Thomas Crown, sonst Ausbund der Souveränität und Coolness, gerät ins Schwitzen. „Schach“ sagt Vicki, das Spiel scheint beendet. Was dann passiert, ist Beleg für die Gerissenheit sowohl Crowns als auch Jewisons, dem es mit Bravour gelingt, das Gleichgewicht der Geschlechter zu halten: Thomas Crown steht auf, wendet sich ab, überlegt, schaut auf das Schachbrett, dreht sich dann zu ihr und fragt, ob sie nicht etwas anderes spielen wollen. Es folgt einer der leidenschaftlichsten Küsse, die je auf Leinwand gebannt wurden. Das Ende dieser Szene ist deshalb so bemerkenswert, weil es zum einen die Frage aufwirft, wer der „Gewinner“ des Schachspiels ist. Ist Crowns Reaktion eine Kapitulation? Oder ist es nicht viel eher eine Strategie, die Oberhand zurückzugewinnen? Vicki hat geschafft, was sie wollte, aber die Initiative liegt am Schluss bei ihm. Oder gewährt sie ihm diese nur?

Jewisons Film ist vordergründig ein Heist Movie, die Inszenierung des Überfalls mit dem sich in viele verschiedene Frames aufsplittenden Bild legendär (es war die erste Verwendung der Split-Screen-Technik in einem Spielfilm), aber der Großteil des Films widmet sich dem anschließenden Flirt seiner beiden Hauptfiguren. Und es ist bemerkenswert, wie modern THE THOMAS CROWN AFFAIR dabei auch heute noch ist. Hier wird nicht das Loblied auf die Reinheit der Liebe gesungen, darauf wie Männlein und Weiblein zusammengehören und erst in der totalen Symbiose die Vervollkommnung finden. Nein, beide Figuren bleiben den ganzen Film über Einzelgänger, deren Liebe gerade darin besteht, die Autonomie des anderen nicht nur anzuerkennen, sondern zu bewahren. Wollte man dem Film Böses, könnte man sagen, dass Thomas und Vicki beziehungsunfähig sind, Egoisten, die nicht in der Lage sind, Kompromisse einzugehen, sich bedingungslos zu öffnen. Zum Teil stimmt das auch. Aber so formuliert, verkennt es das Glück, das die beiden ohne Zweifel erleben. Die gemeinsamen Szenen der beiden sind von einer Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander geprägt, die nur ganz, ganz wenige romantische Filme hinbekommen. Es muss nicht viel geredet werden, es gibt keine aufbrausenden Liebesgeständnisse: Die sind nicht nötig, weil alles offen daliegt. Die tiefe Faszination für den anderen ist greifbar: Aber sie resultiert eben auch in dem Bedürfnis, ihn zu lassen wie er ist, sein Geheimnis nicht zu enthüllen. Deshalb müssen beide am Ende auch getrennte Wege gehen. Die Anziehungskraft, die sie aufeinander ausüben, hat Grenzen. Thomas wird für die Liebe nicht ins Gefängnis gehen. Und Vicki wird ihr Leben, ihre Karriere nicht für das Dasein als Anhängsel eines Superreichen aufgeben. Er lächelt, aber er weiß, dass er wahrscheinlich für immer allein bleiben, keine zweite Vicki finden wird, sie weint, weil sie über diese eine Grenze nicht hinauskommt. Beide sind Sieger und Verlierer zugleich.

Jewisons Film, die Prämisse um den Überfall und die Ermittlungen, ist nur eine Analogie für die Magie der Erotik, die gerade darin besteht, nicht alles bloßzulegen. So wird jede Interaktion der beiden Protagonisten zum sexuellen Akt, jedes Gespräch, jeder Blick ist nur ein Vorspiel, das aber des anschließenden körperlichen Vollzugs gar nicht mehr zwingend bedarf. Interessant und überaus vielsagend: Jewison zeigt den Akt nicht, es gibt keine schwüle Sexszene auf den Höhepunkt des Films. Er braucht sie nicht, weil die Leinwand auch ohne das Aneinanderreiben nackter Körper schon glüht. Und weil wir ahnen, wie es unter den Laken zur Sache geht, nachdem wir die Blicke gesehen haben, die die beiden unterienander ausgetauscht haben. THE THOMAS CROWN AFFAIR ist ein unglaublicher Film, beinahe schon avantgardistisch in seiner Abstraktion und Pointierung, die aber nie auf Kosten der Charaktere geht. Es ist einer der erotischsten und elegantesten Filme, die je gedreht wurden und wirkt auch heute noch, annähernd 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung, absolut zeitgemäß, mutig und radikal (das FBI, bei dem man um Dreherlaubnis angefragt hatte, lehnte entrüstet ab, weil es einer Demütigung gleichkam, dass eine Frau ihren Agenten überlegen sein sollte. Noch dazu eine, die offensiv ihre körperlichen Reize einsetzt).

Für Steve McQueen war THE THOMAS CROWN AFFAIR der vierte Superhit in Folge (nach THE CINCINNATI KID, NEVADA SMITH und THE SAND PEBBLES), aber ein besonders wichtiger und eine Art Wendepunkt in seiner Karriere. Das Drehbuch von Alan Trustman – eigentlich ein Anwalt – galt damals in Hollywood als ganz heißes Eisen und Steve McQueen wollte unbedingt die Hauptrolle haben. Trustman und Jewison schwebten jedoch eher Sean Connery oder Rock Hudson vor: McQueen war zwar ein Star, aber seine Persona passte nicht zur sophistication von Thomas Crown, er war eher der hemdsärmelige T-Shirt-und-Jeans-Typ und seine eigene Biografie konnte von der des eleganten Bänkers kaum weiter entfernt sein. Jewison, der bei THE CINCINNATI KID noch von McQueen misstrauisch beäugt worden war, war nun selbst derjenige, der McQueen für den falschen hielt. Er wollte den Star nicht, obwohl dieser sich auf dem Silbertablett anbot. Das stachelte McQueens Ehrgeiz nur umso mehr an: Es gehörte zu seiner Persönlichkeitsstruktur eines von der Mutter verstoßenen Problemkinds, sich gegen den Glauben der Mehrheit durchzusetzen, und die Ablehnung, die er erfuhr, steigerte nur das Bedürfnis, die Rolle zu bekommen und es allen zu beweisen. Weil sich schließlich keiner der anvisierten Stars dazu durchringen konnte, den Vertrag zu unterschreiben, gab Jewison schließlich klein bei. (Angeblich soll Connery, der heftig umworben worden war, später eingeräumt haben, dass es ein Fehler war, das Angebot nicht angenommen zu haben. Als Bond-Darsteller festgelegt, hätte THE THOMAS CROWN AFFAIR – der ein großer Erfolg wurde – seiner Karriere möglicherweise einen entscheidenden Schub gegeben.) Was zunächst wie die Mutter aller Fehlbesetzungen aussah, entpuppte sich als schicksalhafter Glücksgriff: Steve McQueen dominierte den Film mit seiner Form des underactings, das man ab diesem Zeitpunkt endgültig als Technik bezeichnen musste, anstatt es bloß als Limitierung zu empfinden, fast nach Belieben und mit geradezu unverschämter Leichtigkeit. Der Wandel vom einfachen, körperlichen Helden zum stilsicheren, wohlhabenden und -erzogenen Mastermind gelang ihm ohne Abstriche und er war so überzeugend, dass der Erfolg auch auf seine Filmpersona zurückwirkte. Ab sofort war er nicht mehr nur der ungehobelte ruffian, sondern ein unantastbarer Gigant, ein ungerührt in der Brandung stehender Felsen, ein Mahnmal viriler Souveränität und eisiger Coolness. Ohne THE THOMAS CROWN AFFAIR wäre BULLITT niemals möglich gewesen. Es ist der Moment, in dem McQueen den Schritt vom Schauspielstar zur Ikone und Marke machte.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Kleiner Hinweis: Der erste Hollywood-Film, der die Split-Screen-Technik verwendete war INDISKRET (1958), vielleicht auch BETTGEFLÜSTER aus dem selben Jahr. Zu inszenatorischer Perfektion wurde es 1966 von Frankenheimer in GRAND PRIX gebracht und im gleichen Jahr wie „Thomas Crown“ drehte Fleischer DER FRAUENMÖRDER VON BOSTON, der die für mich bis dahin effektivste Verwendung dieses Stilmittels fand.

    • Oliver sagt:

      Wusste ich doch, dass ich vorher noch einmal hätte nachprüfen müssen. Danke für den Hinweis, hab’s korrigiert. 🙂

      • Marcos sagt:

        Ich sehe gerade, dass man sich das und weitaus mehr in einem Wikipedia-Artikel durchlesen kann. Da hat man so viele Jahre gebraucht, um sein Filmwissen zu sammeln und jetzt steht das alles leicht verfügbar im Netz. Da kann man sich fast schon ein wenig entwertet vorkommen. 😦

      • Oliver sagt:

        Wikipedia ist ja auch nicht unfehlbar. 😉

      • Split Screen gab es auch schon in dieser Szene in SUSPENSE von Phillips Smalley und Lois Weber. Angeblich hatte bei diesem Regisseursehepaar sie das Talent und er das Megaphon (aber vielleicht ist das auch übertrieben). Wenn man die runde Einblendung ganz am Anfang von E.S. Porters LIFE OF AN AMERICAN FIREMAN mitzählt, hat man da noch 10 Jahre früher auch schon einen Split Screen. Und irgendwo habe ich mal gelesen, dass es vor SUSPENSE auch schon dänische Filme mit Split Screen gab, aber da kenne ich keine Titel.

  2. Marcos sagt:

    „Thomas Crown“ ist für mich in seiner präzisen Kälte so ein richtiger Endpunkt-Film des Kinos. Nicht unähnlich der Filme Melvilles. Ich war ziemlich geschockt als ich den zuletzt, so vor 3 Jahren, gesehen habe, hatte ich ihn aus meiner Jugend völlig falsch als harmloses Caper-Movie in Ernnerung.

    • Oliver sagt:

      Ging mir gestern sehr ähnlich. Aber er findet dann auch immer wieder die Schönheit in dieser Kälte.

      • Marcos sagt:

        Ja, jedoch hat das bei mir das Entsetzen noch gesteigert. Ich sah darin diese große Tragik des nicht-zusammenkommen-könnens der beiden Hauptfiguren, die zwischen dieser brillanten Ästhetik, die mir zuguterletzt doch nur kalt und abweisend erschien, verlorene Hüllen sind. Besonders schlimm fand ich den Gedanken, dass sie sich dessen vielleicht nicht mal mehr bewusst sein können. Musterbeispiele erfolgreicher Narzissten, die wissen, dass es die tiefen Gefühle gibt, aber sie selbst haben sich von ihren eigenen innersten Gefühlen ausgeschlossen, weil sie ihrem persönlichen Ziel alles opfern. Und ich muss als Rezipient für sie diese Tragik durchleben, weil sie das nicht können. Ein wirklich beredtes Zeugnis der Popart der 60er ins Kino übertragen.

      • Oliver sagt:

        Stimmt schon. Aber vielleicht haben sie in den Momenten, die sie geteilt haben, mehr empfunden als andere Menschen. Die Beziehung des einzigen anderen Paars des Films – Fluchtwagenfahrer Erwin und seine Gattin – scheint jedenfalls auch nicht gerade erstrebenswert. Sie verpfeift ihn. Dann lieber das kurze, heftige Brennen der Leidenschaft von Thomas und Vickie, oder?

      • Marcos sagt:

        Ich war mir aufgrund der Inszenierung von Jewison nicht sicher, ob es eigentlich wirklich diese brennende Leidenschaft zwischen den beiden ist oder – als erfolgsverwöhnte, ehrgeizige Narzissten, endlich im Gegengeschlecht einen kongenialen Wettstreiter gefunden – nur das was sie dafür halten bzw. halten können. Ich hab den Film sehr unter diesem Paradigma der Beziehungsunfähigkeit gesehen und den beiden Hauptfiguren schon eine Bindungsgestörtheit unterstellt. Deshalb wohl meine persönliche Betrachtung der Hoffnungslosigkeit. Aber das sind, wie gesagt, persönliche Empfindungen. Hier kann es jetzt nicht um ein richtig oder falsch gehen.

      • Oliver sagt:

        Nein, nein, über den Narzissmus und die Bindungsunfähigkeit sind wir uns schon einig. Auch darüber, dass das Finale nun alles andere als ein „Happy End“ darstellt, beide Figuren eigentlich etwas aufgeben. Ich weiß nicht … Der Umgang, den die beiden miteinander haben, wirkt trotz der absurden Situation – beide wissen ja genau, worum es eigentlich geht – sehr selbstverständlich. Da pssiert schon etwas Besonderes, Singuläres zwischen ihnen.

      • Marcos sagt:

        Dass das zwischen ihnen passiert denke ich auch, aber – das musst Du mir zugestehen – ich kann meine Brille als Analytiker nicht abnehmen. So wie sie gezeichnet werden, sind sie aus psychologischer Sicht zu solcherlei Empfindungen nicht wirklich befähigt. Da trennen sich dann einfach unsere Wahrnehmungen und das ist auch gut so, führt es zu unterschiedlichen Interpretationen. Deine gibt der Romantik eine Chance, bei mir ist nur Nihilismus. Keine Position kann am Werk eher gerechtfertigt werden als die andere, da sie sich im jeweiligen Auge des Betrachters konstituieren.

      • Marcos sagt:

        Sieh mich einfach als „Opfer“ meines Berufs. 😉

      • Oliver sagt:

        Ich drück‘ dich. 🙂

  3. Sano Cestnik sagt:

    Sehr schöner Text Oliver. Sah bei meiner letzten Sichtung vieles ähnlich wie du (die Kälte, die Leere), aber für mich machte McQueen/Crown durchgängig den Eindruck des einzigen (wahren) Strippenziehers. Er lässt sie zwar an sich ran, aber nur soweit es ihm passt, und am Ende legt er sie eben wieder rein, und zieht lächelnd seines Weges. Das Schachspiel, das du so intensiv beschreibst, war für mich da gewissermaßen ein weiterer essenzieller Beleg für seine Abgebrühtheit. Ich sehe daher die von dir beschriebene Augenhöhe nur soweit und solange Crown sie zulässt bzw. sie inszeniert. Auch das Spiel mit dem Feuer bewerte ich (somit) eher einseitig von seiner Seite aus, denn nur er hat tatsächlich etwas zu verlieren, sie (meiner Meinung nach) nicht.
    Vielleicht war ich in dieser Sichtweise aber auch etwas von dem was du in deinem letzten Abschnitt so treffend beschreibst geblendet: der unnachahmlichen, eben ikonischen Verkörperung der Figur durch McQueen.

    • Oliver sagt:

      Na klar, er bleibt der Strippenzieher, aber ich glaube, seine Gefühle für Vicki sind echt. Er ist nicht bereit, alles für sie aufzugeben, aber er würde seine Pläne gewissermaßen erweitern. Sein Angebot am Ende erschien mir echt. Materiell hat sie nicht so viel zu verlieren wie er, das stimmt. Aber ihr Selbstbild als autonome, selbstbestimmte und unabhängige Karrierefrau gerät gehörig ins Wanken.

  4. Sano Cestnik sagt:

    Ja, das sehe ich ähnlich. Seine Gefühle sind echt, und nachdem er seine Menschlichkeit wiedererlangt hat (für mich direkt zu Beginn des Films mit dem Heist, ob er nun erfolgreich verlaufen wäre oder nicht), gibt er ihr, indem er auf sie eingeht, auch diese Möglichkeit. Ich finde das Ende eigentlich sehr schön, weil es vielschichtig bleibt. Mit dem Brief gesteht er ihr ja zahlreiche Dinge: Dass er echte Gefühle für sie hegt, dass er sie reingelegt hat, dass er sie durchschaut hat, dass er ihr ermöglicht ihm zu folgen, dass er aber ihre Entscheidungen respektiert, dass er ihre Selbständigkeit respektiert, dass er seine Entscheidungen auf seine Art trifft, dass er aufs Geld scheißt, und noch so einige Nuancen mehr (natürlich je nachdem, wie man den Film interpretiert). Und dass indem er auch noch auf ihre (gemeinsame) Vergangenheit UND Zukunft verweist. Im Grunde ein wunderbares „Fuck You“ und „I love You“ in einem, wie es dem Charakter der Figuren entspricht. Ziemlich brillant, wie ich finde.

    Natürlich gerät ihr Selbstbild ins Wanken, und das soll es meiner Ansicht nach auch. Schließlich hat gerade der Verlust seines Selbstbildes ihm ermöglicht sich neu zu (er)finden und – ich denke seine Figur ist trotz des Entertainment-Glanzes des Films so gezeichnet – auf ihm mögliche Art versucht aus dieser Depression herauszugelangen. Sie hingegen scheint bisher, kurz gesagt,wenig Sorgen durchlebt zu haben, und sich ganz im Gegenteil nicht in Frage zu stellen, und eben nur insofern eine autonome, selbstbestimmte und unabhängige Karrierefrau zu sein (was eben auch das ist, was Crown hinter sich lässt, nämlich die positive Idee einer Karriere), als sie innerhalb der Spielregeln der Gesellschaft bleibt. Den Schritt darüber hinaus, hat sie bis zum Schluss des Films nicht gewagt – was nach dem Abspann passiert, hält der Film offen. Es ist ja ein aufeinandertreffen einer Person die sich bewusst außerhalb der geltenden Spielregeln aufgestellt hat, um ihre eigenen aufzustellen (Crown), und einer, die diese Spielregeln ausreizt, aber in ihnen verhaftet bleibt (Vicki). Schön exemplifiziert am Beispiel des Geldes: für ihn bedeutet es nichts (mehr), für sie scheinbar (noch) alles. Deshalb glaubt sie auch ihn am Ende auf ihre Art überführen zu können (was kläglich scheitert). Also ist der Film auch eine Art education sentimentale.

    Um meine Interpretation des Ganzen etwas platter auszudrücken: während er aufgrund ihres Aufeinandertreffens darüber nachdzudenken beginnt, wie er die ultimative Herausforderung meistern soll, nachdem er wieder menschlich geworden ist (nämlich die Liebe), ohne sein Neues Bewusstsein von sich selbst zu verlieren, kämpft sie erst einmal grundlegend mit ihrer Menschlichkeit (Geld oder Liebe) und wie sie es schaffen könnte, die Gefühle für ihn unter ihre bisherigen Vorstellungen von sich und der Welt zu subsumieren – eine Frage die ihn in dieser Form nicht mehr beschäftigen kann. Er denkt hier also meiner Meinung nach progressiv (weiter), sie konservativ (bewahrend). Dass der Film im finalen Twist ihn als Sieger und sie als Verliererin ihres im Grunde sehr oberflächlichen Machtspiels hinstellt (jedoch mit allen positiven Implikationen des letzten Coups der das Machtspiel ja auch im Gewissen Sinne auflösenden und als kindisch entlarvenden „Briefübergabe“, die ich oben aufgeliste habe), scheint mir dafür zu sprechen, dass der Film sich vom Alten (den üblichen moralischen wie romantischen Klischees) ab, und einer ungewissen aber hoffnungsvolleren Zukunft zu wendet. Bezeichnend ist in diesem Kontext für mich auch, dass Crown die USA am Ende bewusst hinter sich lässt.

    • Marcos sagt:

      @ Sano

      Hmm, möchte Dir in so vielem Widersprechen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Weder erlangt Crown für mich zu irgendeinem Punkt seine Menschlichkeit wieder, noch ist er wirklich „der Macher“, sondern das emotionale Opfer dieser Annahme, er verdirbt sich sein Leben durch den Zwang zum Durchblickertum und muss am Ende erkennen, dass er, anders als Vickie die ihrer Trauer und Verzweiflung freien Lauf lassen kann, zu keiner authentischen Emotion mehr befähigt ist. Brillant in McQueens mimischem Spiel in der Schlusseinstellung verdeutlicht, wenn er versucht den musculus risorius anzuheben, ihn durch den Oberlippenhebermuskel blockiert und den musculus zygomaticus minor steif hält, so dass „major“ kein entspanntes Lächeln zulässt. Das gibt seinem Gesicht schon fast eine Fratze. Dieser Mann versucht sich in letzter Verzweiflung noch ein Gewinnerlächeln abzuringen, aber kann es nicht eil er im tiefen Inneren weiß, dass er sich gerade alles versaut hat und seine Flucht, die Flucht in die Bedeutungslosigkeit ist.

      • Sano Cestnik sagt:

        So kann man das natürlich auch sehen. Für mich wirkt der Film aber sozusagen eher von der ‚anderen Seite‘ interessant. Wie gesagt, schien für mich sein Leben davor, also bevor der Film beginnt, versaut (durch Informationen die sich uns erst im Laufe des Films erschließen, und aufgrund seiner Charaktereigenschaften die du anklingen lässt, und die ihn auch weiterhin charakterisieren), aber der Heist ist für mich der Ausbruch, und der Rest des Films der Versuch diesen Ausbruch auszuhalten und weiterzuführen. Ich denke, dass vielleicht die Interpretation der Motivation des Heists und seiner emotionalen Folgen für McQueeens Figur den Schlüssel für die Interpretation des Films darstellen. Wenn man den Heist (lediglich) als Weiterführung seines Narzissmus betrachtet, erscheint auch das Spiel mit Vicki als zusätzliche Herausforderung die es in dieser Richtung zu meistern gilt. Wenn man aber, wie ich, dazu tendiert den ersten Heist als finalen Ausbruch aus den gesellschaftlich vorgegebenen Strukturen zu lesen, geht es auch weiterhin prinzipiell darum. Vielleicht geht es dabei auch weitestgehend um die Frage ob man (s)eine „nihilistische“ Einstellung positiv oder negativ besetzt.

      • Marcos sagt:

        Vermutlich ist es diese gleichförmige, „auf Schick“ gemachte Inszenierung (nicht negativ gemeint), die mich daran hindert, den Film so wie Du zu lesen. Eiskalte, präzise Form und Innenleben der Figuren gehen eine zu starke Einheit ein, als das ich so ein emotionales Erweckungserlebnis durch den Heist für Crown darin sehen könnte. Das Spannende ist natürlich, dass das bei einer anderen Betrachtung auch schon wieder anders sein kann. Nichts ist in Stein gemeißelt. Schon gar nicht bei Filmen.

      • Marcos sagt:

        Noch zum Punkt Weiterführung seines Narzissmus und Herausforderung mit Vickie:

        Genau das war für mich das tief erschütternde am Film. Durch Vickie bietet sich, abseits der Herausforderung, tatsächlich die Möglichkeit an echte Gefühle heranzukommen, vielleicht sogar sie zu erleben, aber das werden wir und sie (die Figuren) nie wissen. Die Gewissheit fehlt, weil die Angst hereingelegt zu werden über allem schwebt und sich am Ende noch als wahrhaftig erweist, weil keiner aus seine Haut kann. Dieses gefangen-sein und sich dessen gleichzeitig bewusst, was man aufgegeben hat, weil man nicht aus seinen Zwängen kommt, hat mich so fertig gemacht. Deswegen war die Schlusseinstellung mit McQueen für mich auch nicht der sprichwörtliche Faustschlag in die Magengrube, sondern das langsame, immer unangenehmere Zudrücken der Faust in den Magen, bis jegliche Lust zum Atmen fehlt und nicht mehr bleibt als die Erkenntnis, dass es Aus ist.

  5. Sano Cestnik sagt:

    Ja, diese Kälte und diese Leere spürte ich auch enorm, und [emp]fand daher den Film auch visuell nicht so schön oder stimulierend wie inn Oliver in seiner Kritik beschrieb (daher gefällt es mir auch sehr, wie er oben darüber schwärmt), machte das aber mehr an der Welt in der sich die beiden bewegen, also an ihrer direkten Umwelt fest, und daraus resultierend natürlich ihren Bewältigungsstrategien darin. Deshalb ‚funktioniert‘ für mich aber auch meine Definition/Empfindung des Geschehens, da Crown sich davon entfernt, während Vicki das nicht will, wobei aber beide (in)einander erkennen, dass sie in ihren Verhaltensweisen extreme Ausformungen dieser Strukturen sind (was in dieser Spiegelung natürlich überhaupt erst ihre Faszination und Emotionen füreinander ermöglicht), und den eigentlich von außen vorgegebenen und zugewiesenen Kampf (er als ‚böser‘, sie als ‚gute‘) daher am einfachsten und direktesten innerhalb dieser ihnen Vertrauten Wege ausfechten. Das paradoxe ist für mich, dass der Film ja (ebenso) immer noch ein Genrefilm ist und alle klassischen Strukturen bedient, die man erwarten würde. Aber eben nicht (mehr) auf die Art, wie man es erwarten würde, bzw. die ganzen Strukturen infrage stellt und durchbricht. Ich denke er lebt daher von diesen Paradoxa, die nicht so sehr Widersprüche sind, als Widersprüche offenlegen.

    • Oliver sagt:

      Ich weiß auch nicht, ob ich den Film heute noch einmal s

    • Marcos sagt:

      Ja, die inhaltliche Zuweisung sieht Crown als Böse, Vickie als Gute, doch identifikatorisch ist es genau andersrum. Aber solche entgegengesetzten Zuweisungen sind natürlich so alt wie die Filmgeschichte selbst. Bzgl. der Genrestrukturen und Widersprüche: Ja, das ist „gängige Technik“ zu dieser Zeit geworden. Robert Altman hat mit seinen frühen Filmen – M.A.S.H. (Kriegsfilm), McCABE & MRS. MILLER (Western), DIEBE WIE WIR (Gangsterfilm, wie zu der Zeit beliebt zur Depression spielend), DER TOD KENNT KEINE WIDERKEHR (Film Noir) und CALIFORNIA SPLIT (Glücksritterkomödie) – eine regelrechte Passion daraus gemacht, die großen amerikanischen Genres genau abzubilden und zu zersetzen, aber trotzdem formal an ihnen festzuhalten.

  6. Marcos sagt:

    Ich meinte natürlich Luft zum atmen, aber diese freudsche Vertipper ist natürlich auch interessant, macht er doch gleich noch einen Diskurs über den freien Willen auf.

  7. Sano Cestnik sagt:

    Das kann man absolut so sehen, wenn man das Ende des Films gleichsam als ENDE versteht, also den Endpunkt ihrer Beziehung und Erkenntnis und in diesem Sinne als Aussage des Films.
    Ich sehe aber vielmehr, analog zum Anfang des Films (als Neuanfang und Ende des vorherigen Lebens Crowns) dieses Ende des Films wiederum offen, als Momentaufnahme die in die Zukunft weist. Denn um mal auf der Ebene des Plots zu bleiben: Die Figuren und ihr Leben gehen ja weiter. Was spricht denn dagegen, dass Vicki sich immer noch entscheiden kann, ob sie Crown folgt? Sie hat ja – rein praktisch gesehen – das sauteure Auto, und kann es verkaufen, und ihm mit dem Geld nachreisen. Genauso steht es ihr aber natürlich frei das Verhalten Crowns als „verrat“ zu betrachten, als exklusives Resultat seines Narzissmus. Er hat ihr aber in jedem Fall den Ball zugespielt.

    In die vorherige Welt des Reichtums und des Berauschens am vermeintlich eigenen ‚Verstand‘ (und der damit einhergehenden Kälte und Leere, die sich meiner Meinung nach auch zu zweit nicht überwinden lassen) gibt es am Ende keinen Weg mehr zurück, was kommen mag steht offen. Und die (sozial geforderte) production code-mäßige (wir haben in den USA ja ’68, also endlich wieder Ruhe vor den 3 Jahrzehnten Filmzensurfolter) Festnahme des Transgressors wäre ja auch nichts weiter gewesen als Rückkehr zur Konvention.

    Ich finde auch, dass ihre Beziehung, wie sie imgesamten Film dargestellt wird, nur einen Anfang markiert, für eine potentielle wirkliche Beziehung, auf die sich beide aber noch einlassen müssten. Die aber in diesem Film nicht passieren kann (das wäre dann sozusagen ein anderer, oder der Zweite Film). Daher auch schön die Auslassung von Sexszenen, oder Ähnlichem, da das Machtspiel, das Katz-und-Maus-Spiel, ja eben ein Vorspiel ist. Ein gegenseitiges Abtasten. Ein sich aufeinander einstimmen. Der Kuss iniziiert es, nachdem Crown zu Vickie gesagt hat, ‚let’s play a different game‘. Ein klassisches (gerne auch tragisch angehauchtes) Happy-End (z.B. sie fliegt mit ihm in den Sonnenuntergang, oder er wird geschnappt aber sie bleiben (zumindest) in ihren Gefühlen füreinander ‚vereint‘) hätte da meiner Meinung nach nichts Reales (mehr) ausgesagt, da dies für diese zwei Figuren bis zu diesem Zeitpunkt charakterlich nicht funktioniert hätte (anders als beispielsweise im sehr schönen, aber konträr gearteten Remake von McTiernan, in dem ich das Zusammenkommen wunderbar finde, da wir da viel einfachere Figuren einer ‚klassischeren‘ romantischen Komödie haben).

    • Oliver sagt:

      Ich glaube nicht, dass Vicki Crown hinterherreist. Sie weint am Schluss, weil sie weiß, dass sie es nicht tun wird, dass sie nicht über ihren Schatten springen kann. Insofern hat Marcos schon Recht: Das Ende ist insofern eine Kapitulation, weil sie von ihrer Selbstsucht nicht lassen können. Aber ich sehe es trotzdem positiver als er: Weil ja beide wissen, was sie in dem Moment verlieren. Man betrachte nur die Beziehung Crowns zu seiner vorherigen Freundin, die kaum in der Lage ist, ihm auch nur ein höfliches Interesse an ihr abzuringen. Vicki knackt die Schale, so wie er ihre knackt. Es reicht halt nicht am Ende, weil sich beide wichtiger sind, Aber das, was sie hatten, hatten sie.

  8. Dennis Neiss sagt:

    Das „Remake“ von John McTiernan mag ich auch ganz gerne.

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