hellbound: hellraiser ll (tony randel, großbritannien/usa 1988)

Veröffentlicht: Juli 25, 2015 in Film
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hellbound-hellraiser-ii-widescreen-wallpapers-3Ein legendäres Sequel. In Deutschland wurden für die Erstellung der Videofassung extra einige Parkinson- und Tourette-Syndrom-geplagte Grobmotoriker an der Heckenschere ausgebildet, um den Film besonders nachhaltig von allen blutigen Effekten – und jeder Nachvollziehbarkeit – zu befreien. Die legten einen Enthusiasmus an den Tag, als gelte es, das Abendland vor dem Untergang zu befreien. Übrig blieb ein lebensunfähiger Torso, eine Beleidigung für jeden, der in der Videothek die Leihgebühr dafür entrichtet hatte. Auch wenn diese Tatsache den Film zusätzlich mystisch auflud – ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich die intakte Fassung mit all den Szenen, von denen ich vorher nur gelesen hatte, in den heimischen Player schob –, die „Intensivbehandlung“, die ihm da zuteil geworden war, kam einer Totalzerstörung gleich, umso mehr, als HELLBOUND: HELLRAISER II kein konventionell erzählter Film ist. War Clive Barkers HELLRAISER im Jahr zuvor ein trotz seiner teilweise bizarren Bilder – allen voran natürlich die Zenobiten – in konkreten menschlich-psychischen Dispositionen gegründeter Film, so kappen Barker und Randel für das Sequel alle noch bestehenden Verbindungen mit der Realität und konzentrieren sich ganz darauf, auf der Leinwand eine Vision der Hölle zu entfachen, den Zuschauer mit direkt aus dem Unbewussten gezogenen Schreckensbildern zu konfrontieren.

Es gibt nur wenige Horrorfilme – kommerzielle zudem –, denen es ähnlich gut gelungen ist, eine Atmosphäre des totalen Wahnsinns und eine Welt zu kreieren, die vollkommen außerweltlichen Ursprungs scheint. HELLBOUND mag nicht, wie ich oben schrieb, als herausragendes Beispiel für ausgefeiltes lineares Storytelling in die Geschichtsbücher eingehen, trotzdem entbehrt das Fortschreiten seiner grotesken Geschichten nicht einer furchteinflößenden Logik. Wie der größenwahnsinnige Dr. Channard (Kenneth Cranham) die Öffnung der Höllenpforten plant, ist sicherlich der größte Clou des Films, weil man als Zuschauer immer erst in letzter Sekunde begreift, was da nun passiert. Das Idealbeispiel ist natürlich die Matratzenszene, vielleicht eine der schockierendsten und brutalsten Szenen des Achtzigerjahre-Horrorkinos, in ihrer blutigen Körperlichkeit und Geburtsmetaphorik aber auch von einer fremdartigen Schönheit und Erotik. Schwer zu beschreiben, was da genau passiert: In seinen besten Momenten erreicht HELLBOUND die verstörend-vertraute Qualität eines alten Volksmärchens oder Mythos‘. Die Bilder sprechen mit dem Betrachter in einer abseits der Ratio entschlüsselten Sprache. Deshalb berühren sie auch so tief, zielen mitten ins Zentrum des Gehirns, dorthin wo vor Jahrtausenden die allerersten menschlichen Gedanken geformt wurden. Je länger Randels Film dauert, umso mehr kappt er auch die Verbindungen zum letzten Rest konventionellen Erzählkinos. In der letzten halben Stunde irren seine Protagonisten nur noch durch ein steinernes, eschereskes Treppenlabyrinth, das die Hölle ist. Und ihr Herr ist kein gehörntes Teufelchen, kein christlicher Dämon, sondern ein mächtiger sich am Horizont drehender, rhombenförmiger Monolith, der schwarzer Lichtstrahlen auf sein Reich wirft. Die Hölle ist der Ort, an dem jede menschliche Logik abwesend ist. HELLBOUND schwingt sich zu einer Größe auf, die einen schier erdrückt. Stünden im Zentrum mit Kirsty (Ashley Laurence) und Tiffany (Imogen Boorman) nicht zwei menschlich-verletzliche Protagonistinnen, verlöre der Film ganz gewiss jeden Rest von Bodenhaftung. Aber das macht ja auch den Reiz aus: Immer wieder erkennt man einzelne Motive und Bilder wieder, es bleibt dieser dünne Ariadne-Faden, an dem man sich festhalten und den Ausgang aus dem Irrsinn finden kann.

Keine Ahnung, welchen Film man höher bewerten soll: HELLRAISER ist kammerspielartiger, psychologischer, menschlicher, insgesamt nachvollziehbarer und auf klassische Art und Weise interpretierbar. Es ist das sauberere, rundere Film. HELLBOUND ufert higegen total aus und lässt sich nicht mehr „lesen“ wie ein Buch. Sein Schrecken wird vor allem auf ästhetischer Ebene verhandelt, darin wie er Bedeutung zertrümmert, ohne dabei jedoch gänzlich unnachvollziehbar zu werden. Ähnlich radikal und ambitioniert in der Darstellung einer Hölle war danach wahrscheinlich kein Film mehr. Und HELLBOUND hat die Zeit, die seit seiner Veröffentlichung vergangen ist, erstaunlich gut verkraftet. Seine Make-up-Effekte ließen mir gestern ein ums andere Mal die Kinnlade runterklappen. Ein weiterer Beleg dafür, dass das „Glück“ ach so realistischer CGI ein flüchtiges ist. HELLBOUND: HELLRAISER II wird bleiben.

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Kommentare
  1. lance sagt:

    Vielleicht bin ich etwas aus dem Tritt, aber zu damaligen VHS-Zeiten galt es, unbedingt der HELLRAISER II Version habhaft zu werden, die vor den eigentlichen Credits und dem Titel eine kunstvoll geschmiedete Zusammenfassung von Teil 1 bot. Dort waren auch alle Schnitte, die Teil 1 erfahren hatte, in voller Pracht zu bestaunen, inklusive einer heilen „Jesus wept“-Sequenz.
    Was mich persönlich angeht, hatte ich eine Reise von 340 Km einfach ins niederländische Venlo in einem privat geliehenen Honda Civic mit 45 PS ohne Klimaanlage auf mich genommen, um dort ein gebrauchtes Leihtape o.g. Fassung für 120,- DM zu erstehen. Das waren Zeiten. So etwas schweisst zusammen: ein in für mich mehrerer Sicht unvergesslicher Film. Nice.

    • Oliver sagt:

      Ja, der Videothek auf der Maaskade in Venlo wurde hier in meinen auch schon diverse Male gehuldigt. Ich hatte allerdings das Glück, in knapp 20 Minuten dort sein zu können. Wir sind an manchen Wochenenden zwei- oder sogar dreimal da hingefahren. DIe Szene, die du meinst, ist meines Wissen der normale Anfang von HELLBOUND. Man sieht den zerreißenden Schädel dort länger als im ersten Teil.

  2. Mic sagt:

    So ein Zufall, den Film habe ich gerade eben zum ersten Mal überhaupt gesehen. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich noch keine Ahnung habe, was ich von ihn halten soll. Nachdem mir der erste Teil gut gefallen hatte, hatte ich irgendwo in meinem geistigen Hinterstübchen, dass viele Leute Teil 2 für besser befand. Kann ich jetzt so nicht sagen, aber schlechter war er auf jeden Fall nicht. Ich stimme mit dir überein, dass er ein wenig ausufert.

    Die Special Effects sind wirklich erste Sahne. Oder sollte man sagen: erste Blutkonserve? Die Matratzenszene ist ein ziemlicher Hammer. Aber die Cenobiten bleiben in diesem Teil erstaunlich blass. Erschreckend, wie sie eben mal beiläufig von Ceno-Channard überwunden werden. Aber es gab ja dann noch genug Sequels, in denen sie ihr Unwesen treiben durften.

  3. Daniel Jung sagt:

    Hi,

    sehr gute Besprechung.

    Ich selbst habe den Film vor einigen Jahren gesehen und halte ihn für eine 1 A Fortsetzung eines modernen Horrorklassikers.

    Was besonders interessant ist:
    Die Cenobiten sind hier keine Klischee Monster.
    Das ist besonders in der Szene zu sehen wo Tiffany von Dr. Channard dazu gebracht wird Pinhead und die anderen Cenobiten mit Hilfe der Box zu rufen.
    Als dann die Cenobiten dann erscheinen meint Pinhead das es zwar Tiffanys Hände gewesen sind die ihn und seine Gruppe gerufen haben, sondern auch Begierde (in Bezug auf Channard und die Stiefmutter von Kirsty).

    Die Cenobiten (in den ersten beiden Filmen) sind nicht wirklich böse.
    Im ersten Film sagt Pinhead: Demons to some – Angels to Others.
    Wer also weiss was ihn erwartet wen er Pinhead & Co herbeiruft, sieht sie als Engel, diejenigen
    die sich die simple Erfüllung ihrer Gelüste erhoffen (a la Playboy) sehen die Sache dann natürlich anders (u. a. Frank in Clive Barkers Buch / dem ersten Film).

    Channard und Kirstys Stefmutter sind die wahren Antagonisten.
    Dr. Channard ist Chef einer Anstalt für Geisteskranke und gehört doch selbst in eine Gummizelle
    (jemand der wehrlose psychisch kranke Menschen an eine hautlose Frau verfüttert, damit die wieder schön aussieht kann nur als gestört, bösartig oder als verrückt fanatisch bezeichnet werden).
    Als Cenobit sieht Channard dann echt hässlich aus (dieses Wurmding sieht aus wie ein mutierter R**********s) während Pinhead und die anderen Cenobiten immer eine Art morbider Schönheit ausstrahlen.

    Besonders eine Szene ist (meiner Meinung nach) sehr interessant:
    Auf der Suche nach einem geeigneten Opfer begibt sich Channard in den Keller unter dem Keller der Anstalt wo die gestörtesten / gefährlichsten Patienten in versifften Gummizellen gefangen gehalten werden.
    Diese Szene kann symbolisch für Channards Geist gesehen werden:
    Der obere Teil der Anstalt ist modern / sauber (Channards Bild gegenüber dem Personal / der Öffentlichkeit / den Patienten) doch im Unterkeller toben nur mühsam im Zaun gehaltene Obsessionen / Wahnideen (Channards Besessenheit in Bezug auf die Cenobiten und die Puzzle-Box und seine später zu Tage tretende Geringschätzung menschlichen Lebens)

    Auf Youtube kannst du die Szene begutachten (einfach Hellraiser Asylum eingeben).

    Es ist bezeichnend das Channard von den vier Insassen die er auf Opfertauglichkeit prüft den Letzten, den Hilflosesten in der Zwangsjacke auswählt.
    Die anderen drei hätten ihm wohl Schwierigkeiten bereitet (besonders der Dritte mit den Bandagen am Kopf).

    Der zweite Insasse mit der Glatze und dem Kruzifix erinnert mich immer an Sam Neills John Trent in Die Mächte des Wahnsinns.
    Und wenn ich mich nicht täusche hat sich dieser Insasse genau wie Trent in Carpenters Film lauter Kreuze auf die Haut gemahlt.
    Am Besten du schaust dir einfach selbst die Szene auf Youtube an :).

    Eine weitere Interessante (aber kurze) Szene:
    Als Kirsty und Tiffany aus der Dimension der Cenobiten zurückgekehrt sind, bricht in der Anstalt der Wahnsinn aus: Die Insassen attackieren das Personal (eine Insassin hat sogar eine Art Hackebeil und jagt einen Pfleger vor sich her).
    Das kann so gedeutet werden das Channards Gestörtheit mit seiner Transformation in einen (echt hässlichen) Cenobiten nun auch seine Umwelt kontaminiert (etwas da die Original Cenobiten nicht als ihre Aufgabe (den Leuten die sie rufen Befriedigung in nie dagewesener Art u. Weise zu verschaffen) betrachten.

    Wenn man Hellraiser 1 + 2 symbolisch interpretiert kann man daraus einen Hinweis auf den richtigen Umgang mit (sexuellen) Fetischen ableiten:
    Channard dient dann so gesehen als besonders abschreckendes Beispiel, da er über die Grenzen seiner Gelüste hinausgeht und sich selbst und dann auch seine Unwelt entstellt.

    Ich würde mich echt über eine Antwort auf meinen Kommentar (bzw. die aufgeführten Punkte freuen).

    Mach weiter so. 🙂

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