the karate kid (john g. avildsen, usa 1984)

Veröffentlicht: Juli 26, 2015 in Film
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karate_kid_xlgDer Status, den dieser Film erreicht hat, ist schon bemerkenswert. Jeder kennt die „Wax on, wax off“-Szene, wahrscheinlich selbst die, die den Film nie gesehen haben, und sie ist Quelle zahlloser Parodien und Hommagen geworden. Pat Morita wurde mit dieser einen Rolle zu seinem eigenen Klischee und ist den meisten wahrscheinlich nur als „Mr. Myagi“ bekannt, und die archetypische Geschichte um den schmächtigen Daniel LaRusso (Ralph Macchio), der die fiesen Bullys seiner Schule am Ende bezwingt, inspirierte nicht nur den Deutschrapper Dendemann zu seinem Zweitnamen, sondern ist längst in den Mythenschatz der Popkultur eingegangen, wo sie heute in endlosen Adaptionen, Sequels und Reboots weiterwuchert. Nachdem ich den Film gestern tatsächlich zum ersten Mal in seiner Ganzheit gesehen habe, gönne ich ihm seinen Ruhm von Herzen. Die Prämisse von THE KARATE KID klingt bescheuert und wäre in anderen Händen gewiss zum austauschbaren und vielleicht gar unsympathischen Teeniefilmchen mit Extradosis amerikanischem Underdog-Pathos geraten, aber unter der versierten Regie von John G. Avildsen (der bei ROCKY gelernt hat, wie das mit den Außenseitern funktioniert) steht am Ende ein unerwartet freundlicher, herzlicher und weitestgehend verhaltener Film, der sich mit martialischen Sieges- und Durchhalteparolen dankenswerterweise nicht lang aufhält und seine Anti-Gewalt-Botschaft nicht nur predigt, sondern auch praktiziert. Allerdings ist er dabei so erfolgreich, dass das Finale nicht nur für Plausibilitäts- und Glaubwürdigkeitsfanatiker schon ein bisschen schwer zu schlucken ist. Das wäre dann die zu vernachlässigende Schattenseite.

Was mir an THE KARATE KID gefallen hat: So wie Avildsen diese Geschichte erzählt, merkt man, dass ihm an seinen Figuren etwas gelegen war. Die Romanze zwischen dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Daniel und der aus wohlhabendem Elternhaus kommenden Ali (Elisabeth Shue) ist sehr süß, weil sie sich so überaus langsam vollzieht. Dass sie sich mögen, ist nicht bloß eine Behauptung des Drehbuchs, vielmehr wird in dem Rapport, den die beiden miteinander haben, deutlich, dass sie auf einer Wellenlänge liegen. Und die sozialen Spannungen mögen eine Rolle spielen, werden aber niemals überstrapaziert. Weder überzeichnet Avildsen „die Reichen“ als dekadente Unmenschen noch werden „die Armen“ zu herzensguten Wohltätern. Dementsprechend wird auch Daniels Wunsch, sich gegen Alis fiesen Ex-Freund Johnny (William Zabka) zu behaupten, nicht klassenkämpferisch aufgeladen. Der Kampf ist weitestgehend frei von symbolischer Aufladung: Es geht für Daniel nur darum, sich Respekt zu verschaffen, eine Linie zu ziehen, die dann nicht weiter übertreten werden wird. Dass seine Kontrahenten von ihrem Lehrer, dem Vietnamveteran Kreese (Martin Kove) zu rücksichtslosen Kampfmaschinen gedrillt werden, ist das eine deutliche Zugeständnis, dass THE KARATE KID an die Konvention macht. Es passt dann auch irgendwie nicht recht in den Film, der zwar nicht gerade frei von Klischees ist, sich aber eben die Mühe macht, diese wieder mit Leben aufzuladen. Problematisch bleibt die Zeichnung von Mr. Myagi, die man durchaus als (positiv) rassistisch bezeichnen könnte. Die Figur entspricht westlichen Vorstellungen vom im Einklang mit dem Kosmos lebenden, in sich ruhenden und jahrtausendealte Tradtionen ehrenden Asiaten bis ins letzte Detail und Pat Moritas Spiel betont die spirituelle Zurückgezogenheit noch, indem er Myagi ausschließlich in kargen, radebrechenden Aphorismen sprechen lässt. Avildsens Last-Minute-Versuch, die Figur in der Realität zu gründen, hat da nur noch kosmetischen Wert. THE KARATE KID kann seine Identität – studioproduzierter Teeniefilm der Achtzigerjahre – nicht verbergen, aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck.

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Kommentare
  1. Oliver sagt:

    Mir hat schon damals an dem Film eher weniger gefallen, dass er Karate zu etwas macht, mit dem man sich in seiner Klassenlage gut einrichten kann. Einerseits den Übergriff aufs kleinbürgerliche Idyll abwehren, andererseits aber sich aber auch in einer Art geistigen Gefälligkeit mit den Umständen üben sollte, weil man sonst den Spirit des Kranich (weiß nicht mehr genau den Vogel) verletzt. Als Familienfilm sendet das eine Botschaft, nämlich letztlich, du kannst auch n‘ toller Hecht sein, ohne dass es jemand weiß und trotzdem du laufend in deine Schranken verwiesen wirst. Und als Zufriedenheitsproduzent für die Loser wird einem Karate bzw. letztlich der dahinterwabbernde Buddhismus präsentiert. Ich seh da die andere Seite der Medaille, dass Kreese letztlich die Welt da draussen, in der die Kids in Kriegen verheizt werden, um ein Einkommen zu haben oder einfach weil sie müssen (bis 1973), sehr viel besser kennt als Myagi, und dass er seinen Schülern auch eine Weisheit, nämlich die des Realisten und Pragmatikers vermittelt: Wenn du im Krieg (und das meint eben auch den Klassenkampf) bist und Fairplay spielst, dann bist du tot. Der Film verteilt mir seine Sympathien zu eindeutig, bruchlos und realitätsfern. Dass er als Film aber dennoch funktioniert, rund ist und eine durchweg heimelige Atmosphäre ausstrahlt, an die man sich gern erinnert, würde ich aber nicht bestreiten. Ich hatte aber schon als Kid meine Probleme mit Daniel, der mir zu sehr als Muttis Bester durchging und der mir als Teen zu brav war. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass dieser Film ernsthaft auch an männliche Jugendliche adressiert ist. Von daher verstand ich den Film wohl auch nicht, der für mich eher ein Familienfilm ist. Zumal er meinem Geschmack nach durchweg stark besetzt wurde, viele soziale Positionen abdeckt und sich in seiner Message an die ganze Familie richtet. Daniel und Myagi wären dann das Band der Generationen, Karate/Buddhismus der Modus mit dem manes in Bewegung hält, ohne dass es reißt. Schön, wie die beiden sich auf dem Plakat in die Augen schauen, locker, unverkrampft, so wie es laufen sollte.

    • Oliver sagt:

      Hmm, ja das kann man vielleicht so sehen, aber der Film funktioniert ja dann doch eher als Märchen, der seine Figuren ganz archetypisch charakterisiert und nur bedingt an sozialen Realitäten interessiert ist.

  2. Marcos sagt:

    Für mich ist der Film eher ein eindeutiger Versuch, in einer Zeit, wo erneut mit der Paranoia gegenüber den Japanern gearbeitet wurde (die 1980er, die große Angst vor der japanischen Übernahme), diesem Kulturkreis auf amerikanische Weise die Hand zu reichen und Selbstkritik geübt wird, indem die amerikanische Gewinner-Mentalität letztlich Amerikaner wie Kreese produziert hat. Eine sozialistisch angehauchte Interpretation der Klassenlage sehe ich bei diesem Film als wenig gewinnbringend bzw. engt dies die Explorationsmöglichkeiten des Werkes ein, da hier eben mit stilisieren Elementen großer Kintopp-Mythologie und -Logik gearbeitet wird, zwecks Völkerverständigung.

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