recoil (art camacho, usa 1998)

Veröffentlicht: Juli 30, 2015 in Film
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Es gibt Actionfilme, die funktionieren wie ein Sportevent oder eine Stuntshow: Man schaut den Akteuren mit offenem Mund dabei zu, wie sie sich immer neuen halsbrecherischen Herausforderungen stellen, ihre Körper durch die Gegend geschleudert, mit außer Kontrolle geratenen Maschinen wahnwitzig beschleunigt, in die Luft geworfen und angezündet werden. Und man fragt sich als Zuschauer voller zittriger Vorfreude bei jeder neuen Sensation, die da über den Bildschirm/die Leinwand flimmert, wie das noch getoppt werden soll, auch weil man weiß, dass die Filmemacher sich den echten, alles übertreffenden Höhepunkt, herkömmlicher Dramaturgie zufolge, natürlich für den Schluss aufheben. Filme, die so funktionieren, rühren an die Wurzeln des Filmemachens, als es allein die Faszination der Bewegung war, die die Menschen an ihren Sitz fesselte, und die Frage, welches Bild als nächstes laufen lernen würde. RECOIL aus dem Hause PM Entertainment ist so ein Film, ein Werk purer, unverdünnter Kinetik, ein Film, der sein „Material“ – sei es aus Blech oder aus Fleisch – einem 95-minütigen Härte- und Belastungstest unterzieht. Es ist eine Materialschlacht im klassischen Wortsinne, reine Physik, das erfolgreiche Bestehen einer einzigen größenwahnsinnigen, lebensmüden Versuchsanordnung in Sachen Zerstörung. Die Wirkung lässt sich eigentlich nur mit Drogen- und Rauschterminologie treffend beschreiben. Man schaut sich diesen Film an und schwört, noch nie etwas Geileres, Wahnsinnigeres, Spektakuläreres gesehen zu haben. Und hinter dieser Begeisterung immer diese zusätzlich kitzelnden Fragen: Habe ich das eben wirklich gesehen? Wie zum Teufel haben sie das gemacht? Wer ist so wahnsinnig, das überhaupt zu versuchen? Die Welt ist seit 2003, als PM Entertainment seine Pforten schloss, ein deutlich traurigerer Ort als zuvor.

Die Story von RECOIL ist genauso aufgeräumt und geradlinig, wie sie sein muss, damit der Film nach dem Schneeballprinzip immer mehr Geschwindigkeit aufnehmen und eine zunehmend breitere Schneise der Verwüstung hinter sich herziehen kann: Nach einem missglückten Banküberfall wird der jüngste Sohn des Gangsterbosses Sloan (Richard Foronjy) von fünf Polizisten, darunter auch Detective Ray Morgan (Gary Daniels), erschossen. Dem anschließenden Vergeltungsschlag fallen nicht nur Morgans Kollegen und sein bester Freund sondern auch seine Frau und seine beiden Kinder zum Opfer. Sein Rachefeldzug richtet sich nicht bloß gegen die Killer, sondern auch einen Maulwurf in den eigenen Reihen. RECOIL beginnt mit einer ausufernden 20-minütigen Actionsequenz, die die Marschrichtung vorgibt. Der von Manns HEAT inspirierte, ausgedehnte und mit einigen gut getimten Explosionen gewürzte Shootout auf offener Straße geht nahtlos in eine wilde Verfolgungsjagd über, bei der fünf Polizeiautos einem Motorrad hinterherjagend, dabei nicht nur die Straße unsicher machen, sondern auch durch enge Fabrikhallen heizen. Bevor sie ihr Ende in der Quasi-Exekution des Flüchtigen findet, gibt es einen krassen Autostunt zu bestaunen, bei dem ein fahrender Wagen in die Luft gesprengt wird, im Flug eine Straßenlaterne mitreißt und schließlich quer in der Luft liegend hinter dem Motorradfahrer her auf die Kamera zufliegt. Was dem Betrachter schon zu diesem frühen Zeitpunkt des Films die Gesichtszüge entgleisen lässt, ist nur der Auftakt für eine wahre Orgie der kreativ-pyromanischen Autoverschrottung. Im Showdown liefern sich Morgan und einer der Killer einen erbitterten Fight auf dem Dach einer durch den Feierabend(-gegen-)verkehr rasenden Stretchlimo, die schließlich von einem heranrasenden LKW in zwei Teile gerissen wird, Sekundenbruchteile, nachdem der Cop sich mit einem todesmutigen Sprung vor tosendem Blech und grollender Feuersbrunst in Sicherheit bringen kann. Zum Glück war Art Camacho so vorausschauend, diesen Jahrhundertstunt aus verschiedenen Blickwinkeln für die Nachwelt festzuhalten.

Ich weiß wirklich nicht, wie PM Entertainment, die ihre Filme auf allen relevanten Märkten ausschließlich auf Video verwerteten, diese Stunts logistisch und finanziell bewältigten. Und es ist geradezu tragisch, dass sie nie das Licht der großen Leinwände erblickten, wo ihre Zerstörungspanoramen eigentlich hingehörten. Nicht nur kann sich so mancher Multimillionen-Dollar-Hollywood-Event-Blockbuster eine Scheibe von der hier zum Ausdruck kommenden Kreativität und Professionalität abschneiden, die PM-Filme sind ihnen meist auch in der reinen Physis voraus, weil hier nichts mit reingemogelten CGIs vorgetäuscht wurde. Was man da zu sehen bekommt, ist der real deal. Das gilt auch im übertragenen Sinne. RECOIL ist wunderbar ehrlich und unverstellt, trägt sein Herz offen am Revers und bietet dem geneigten Zuschauer eine saubere Packung. Im Vordergrund steht der Adrenalinrausch, den die Bilder sich in Feuerbälle verwandelnder Autos und durch die Luft wirbelnder Körper entfachen, und die Story ist dabei nur Mittel zum Zweck: Je einfacher, umso besser. So mögen vielleicht nicht die nachhaltigsten oder bewegendsten Filme entstanden sein, aber für dieses eine Bedürfnis, den Wunsch nach lodernder Feuersbrunst, einschlagenden Kugeln und kreischendem Metall, gibt es kaum einen bessere Dealer als die Filmschmiede von Pepin und Merhi. Jetzt erfülle mir nur noch jemand den Wunsch nach einer zünftigen PM-blu-Ray-Komplettbox dieser Perlen. Dann wäre wirklich alles gut.

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