the reivers (mark rydell, usa 1969)

Veröffentlicht: August 2, 2015 in Film
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reivers_ver2Nach seinem Durchbruch zum absoluten Superstardom mit BULLITT wäre es für McQueen ein Leichtes gewesen, mit weiteren Copfilmen noch ein paar Jahre auf der Erfolgswelle zu reiten. Es gab keinen Schauspieler, der ihm zu jenem Zeitpunkt in der Rolle des tough guys Konkurrenz hätte machen können. Aber der Schauspieler war niemand, der sich auf seinem Ruhm ausruhte, sondern versuchte stattdessen, diesen weiter auszubauen. Seine Bemühungen, sich als Komödiant zu etablieren, waren in der Vergangenheit grandios gescheitert – etwa mit Ralph Nelsons SOLDIER IN THE RAIN (nie in Deutschland erschienen) oder Robert Mulligans LOVE WITH THE PROPER STRANGER –, und da ihm das auf William Faulkners gleichnamigem – und letztem – Roman basierende Drehbuch zu THE REIVERS überzeugte, wählte er es als sein nächstes Projekt aus. Illusionen über seine Marktchancen machte er sich dennoch nicht: Es war wohl auch nur halb scherzhaft gemeint, als er Robert Relyea, THE REIVERS-Produzent und McQueens Geschäftspartner bei Solar Productions, gegenüber prophezeite, danach würde ihn niemand mehr einstellen wollen. McQueens Unsicherheit führte am Set zu massiven Kompetenzrangeleien mit Regisseur Mark Rydell (dem McQueen einige Jahre zuvor die Freundin ausgespannt hatte). Der setzte sich am Ende zwar durch, schwor jedoch, nie wieder mit McQueen zu arbeiten. THE REIVERS und McQueen ernteten durchaus wohlwollende Kritiken, der Film erzielte an der US-Kasse ein respektables Ergebnis, ging im Rest der Welt jedoch sang- und klanglos unter (in Deutschland musste man bis in die Neunzigerjahre und eine Fernsehausstrahlung warten, um ihn nach seinem Kinostart und einer grotesk verhunzten Pan&Scan-Videofassung überhaupt noch einmal in adäquater Form zu Gesicht zu bekommen). Es war für den Star der Auftakt für eine dreijährige, von Flops (JUNIOR BONNER) und geplatzten Träumen (LE MANS) gesäumte Durststrecke, die durch seine zwischen Selbstverliebtheit und Minderwertigkeitskomplexen schwankende Persönlichkeit begünstigt wurde und ihn auf dem Gipfel seiner Karriere kurzzeitig aus der Bahn warf.

Aber auch wenn THE REIVERS in McQueens Werk einen eher niedrigen Stellenwert einnimmt und als Missverständnis oder Fehlentscheidung weitestgehend vergessen ist: Es ist ein durchaus liebenswerter Film, dessen Hauptproblem tatsächlich in erster Linie darin besteht, nach zwei trendsetzenden Meisterwerken wie BULLITT und THE THOMAS CROWN AFFAIR fürchterlich altmodisch, unambitioniert und flüchtig zu erscheinen. Auch McQueens Spiel leidet unter dem direkten Vergleich: Als gutmütiges Landei liefert er eine beachtliche Leistung ab, die den Ruch des stunts aber nie ganz los wird. Wenn McQueen sonst mit superökonomischem minimal acting brilliert, grenzt seine Darbietung hier im Vergleich ans Gegenteil, das overacting (auch wenn er von dessen krassesten Auswüchsen weit entfernt ist). Die Entspanntheit und Selbstsicherheit, die er sonst ausstrahlt, fehlt hier, er kann den Film nie in dieser Form beherrschen wie man das sonst von ihm gewohnt war. Vielleicht ist das aber auch gerade richtig, denn eigentlich ist McQueens Charakter nur eine Nebenfigur. THE REIVERS ist eine Kreuzung aus Period Piece, Road Movie und Coming-of-Age-Film: Angesiedelt um die Jahrhundertwende, erzählt er von dem elfjährigen Lucius (Mitch Vogel), der sich von seinem Freund Boon (Steve McQueen) zu einer Spritztour nach Memphis im Wagen von Lucius‘ Großvater Boss (Will Geer) überreden lässt. Begleitet werden die beiden vom Schwarzen Ned (Rupert Crosse) und später von der Prostituierten Corrie (Sharon Farrell), auf die Boon ein Auge geworfen hat. Ärger droht, als Ned den Wagen gegen ein Pferd eintauscht, mit der Option, das Gefährt zurückzugewinnen, wenn sie in einem Pferderennen triumphieren. Am Ende kehren sie – mitsamt des Wagens – in ihren Heimatort in Mississippi zurück und Lucius hat viel über das Leben gelernt. THE REIVERS ist typische Americana, mit Betonung auf Nostalgie und Melancholie von Burgess Meredith als Alter ego Lucius‘ kommentiert und mit leichtfüßigem Witz erzählt, der die bitteren Erinnerungen an den Rassismus erträglich macht. Mark Rydell, dessen zweiter Spielfilm dies war, ist einerseits der richtige Mann, weil er dieser Leichtfüßigkeit mit seiner sachdienlichen, zurückhaltenden Inszenierung nicht im Weg steht, aber eben auch einer der Gründe, warum THE REIVERS dann auch nicht mehr wird als ein „netter“ Film.

Nach Einstiegsschwierigkeiten, die mich und Leena schon einen echten Rohkrepierer befürchten ließen, hat mir THE REIVERS dann doch recht gut gefallen, vielleicht auch, weil er keinerlei Anstalten macht, besonders „bedeutungsvoll“ zu sein. Er fängt die Atmosphäre jener Zeit und die süße Melancholie der Erinnerung an eine magische Kindheit gut ein, und dürfte allen Freunden dieser Art „burlesken“ Ausstattungskinos gut gefallen. Bonuspunkte gibt es von mir für das Südstaatensetting und den wunderbaren Score von John Williams, der ihm auch eine Oscarnominierung einbrachte. Wer neugierig auf THE REIVERS geworden ist, macht mit einem Kauf der schönen deutschen DVD (mit Booklet-Text von Peckinpah-Spezialist Mike Siegel) gewiss nichts falsch, sollte aber auch nicht zu viel erwarten. Das kann nur von Vorteil sein.

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Kommentare
  1. Jens Jeddeloh sagt:

    Hallo Oliver,
    vielen Dank für den schönen Text und den überaus hilfreichen Hinweis auf die REIVERS-DVD.
    Im Gegenzug kann ich vermelden, dass SOLDIER IN THE RAIN sehr wohl hier auf DVD erschienen ist, und zwar 2012 unter dem Titel EIN SOLDAT STEHT IM REGEN.
    Die Zutaten lesen sich sehr gut: Blake Edwards als Produzent und Autor nach einem Roman von
    William Goldman, Musik von Henry Mancini…. ich habe bisher aber nur 20 Minuten geschafft und
    dabei sehr gefremdelt, mache aber demnächst einen neunen Anlauf.
    Mit besten Grüßen
    Jens Jeddeloh

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