die engel von st. pauli (jürgen roland, deutschland 1969)

Veröffentlicht: August 4, 2015 in Film
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Vor etwa drei Jahren legte die „Edition Deutsche Vita“ aus dem Hause Subkultur mit drei Filmen – ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN, WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN und FLUCHTWEG ST. PAULI – einen ziemlich fulminanten Start hin. Vor Kurzem wurde die Reihe dann endlich fortgesetzt mit Roger Fritz‘ MÄDCHEN MIT GEWALT (den ich mir noch anschauen muss), jetzt steht DIE ENGEL VON ST. PAULI in den Startlöchern, wie die ZINKSÄRGE vom St.-Pauli- und Crime-Experten Jürgen Roland inszeniert. Für mich eine ganz besondere Veröffentlichung, weil ich meinen ersten Audiokommentar beisteuern darf – zusammen mit dem berüchtigten Pelle Felsch aus dem wunderschönen Hagen. Um nicht zu viel vorzugreifen, aber gleichzeitig das Interesse zu wecken, möchte ich mich hier auf das Wesentliche beschränken. Wer sich für den deutschen psychotronischen Film interessiert und für sauber gemachtes Crime-Kino, für den führt an der Veröffentlichung eh kein Weg vorbei.

Jürgen Roland, der sich im „Milieu“ exzellent auskannte und dessen Serie STAHLNETZ im deutschen Fernsehen Maßstäbe in Sachen Realismus setzte (zuvor hatte er u. a. Drehbücher für die ähnlich angelegte Serie DER POLIZEIBERICHT MELDET … geschrieben), ließ sich für DIE ENGEL VON ST. PAULI von realen Begebenheiten inspirieren, die jedem, der damal in Hamburg und St. Pauli lebte, ein Begriff sein mussten. Dabei ging es ihm aber nicht so sehr darum, die Realität lediglich abzubilden, sondern sich ihr gerade so weit anzunähern, dass die Plausibilität ebenso gewahrt blieb wie das ursprüngliche Bedürfnis, dem Zuschauer 90 Minuten spannende Unterhaltung zu bieten. Die im Film geschilderten Ereignisse datieren auf die mittleren Sechzigerjahre, als ein Bandenkrieg zwischen Hamburger und sich im Kiez ausbreitenden Wiener Luden um die Vorherrschaft im Gewerbe ausbrach. Die beiden Konfliktparteien werden im Film angeführt von Jule Nickels (Horst Frank), einem Hamburger Gentleman-Gangster, und dem Österreicher Holleck (Herbert Fux). Ihre Auseinandersetzungen eskalieren, als ein Freier (Werner Pochath) eine Dirne ersticht und untertaucht.

Wie eigentlich alle Filme von Roland (seine Beiträge zur Wallace-Reihe, DER ROTE KREIS und DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE mal ausgenommen) zeichnet sich auch DIE ENGEL VON ST. PAULI durch die überaus gelungene, schmackhaft präsentierte Verbindung dieser oben erwähnten Authentizität und sensationalistischem Thrill aus. An Originalschauplätzen mit echten Charakterfressen gedreht, atmet der Film diese einmalige, unnachahmliche St.-Pauli-Atmosphäre, die es heute in dieser Form kaum noch gibt, hat man bei den einmaligen Dialogen immer das Gefühl, Szene-O-Ton zu vernehmen. Man erhält so Einblick in ein vollkommen abgeschottetes Universum, dessen Bewohner einem ganz eigenen Wertekodex folgen, in ein lebendiges Sub-System mit einer florierenden Infrastruktur, das neben der „normalen Welt“ etabliert wurde. Roland zeichnet dieses System durchaus mit Sympathie, man merkt ihm an, dass er für den Geschäftssinn seines Protagonisten großen Respekt aufbringt – ebenso übrigens für den ermittelnden Kommissar Berlinger (Günther Neutze), der nicht einfach mit der sprichwörtlichen „harten Hand“ vorgehen kann, sondern diplomatisches Geschick im Umgang mit dem Milieu an den Tag legen muss. Der Kampf zwischen dem Gesetz und dem Verbrechen ist auf St. Pauli eben kein Ausnahmezustand, sondern der Alltag. Es geht allen darum, den fragilen Frieden zu halten, auf dass das Leben in halbwegs geregelten Bahnen verlaufen kann. Und wenn eine der Dirnen ums Leben kommt, dann werden beide Seiten in Alarmbereitschaft versetzt.

DIE ENGEL VON ST. PAULI war in den letzten Jahren, anders als andere St.-Pauli-Filme aus dem Schaffen Rolands oder auch Rolf Olsens, nur schwer ausfindig zu machen. Auf Wikipedia gibt es noch keinen Link zu dem Film, es hat sich aber auch kein Kult um ihn firmiert, wie das bei anderen Raritäten oft der Fall ist. Umso größer wird sicherlich die Überraschung sein, wenn viele ihn demnächst zum ersten Mal sehen. Es ist Rolands gelungener Versuch eines großen Gangsterfilms, mit den Vorbildern aus Übersee im Hinterkopf, aber intaktem norddeutschem Selbstbewusstsein und -verständnis inszeniert. Leider traut sich heute kaum noch einer, so etwas zu machen.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Auf den freue ich mich wahnsinnig. Ist allerdings bei Amazon noch nicht gelistet.

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