urban cowboy (james bridges, usa 1980)

Veröffentlicht: August 4, 2015 in Film
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MPW-36912Urban Cowboy, Stadtcowboy. Das Bild ist längst zum Klischee geworden, nicht erst, als Bon Jovi ihn in „Wanted Dead Or Alive“ als Reiter eines stählernen Pferds besangen. Es ist ein romantisch-melancholisch belegter Begriff und er bezeichnet meist einen Mann, der nach zwar überkommenen, aber dennoch überlegenen, weil reinen, unverfälschten, nicht korrumpierten moralischen Grundsätzen handelt, einen Zu-spät-Geborenen also, der als Außenseiter sein Dasein fristen muss und auch deshalb an den einsamen Reiter erinnert, der nach getaner Arbeit am Horizont verschwindet. Aber James Bridges‘ URBAN COWBOY interpretiert den Begriff anders, nüchterner, vielleicht mit einer gewissen Melancholie, ja, aber doch auch mit der Erleichterung darüber, dass wir nicht mehr im Wilden Westen leben müssen. Es haben nur noch nicht alle mitbekommen, dass es so ist, und die müssen sich zwangsläufig zum Affen machen, als lebensunfähige Relikte im Limbo einer im verklärten Gestern existierenden Bar dahinvegetieren.

Bud (John Travolta) zieht es in die weite Welt bzw. die große Stadt. Er verlässt das elterliche Haus auf dem Land und begibt sich zu seinem Onkel (Barry Corbin) und seiner Tante (Brooke Alderson) nach Houston, um dort zu leben und arbeiten. Der Fabrikjob ist hart und bringt nicht viel Geld, Entspannung und Müßiggang findet Bud abends im „Gilley’s“ einer Country-und-Western-Bar mit Live-Musik und Entertainment. Dort lernt er auch Sissy (Debra WInger) kennen: Beide verlieben sich Hals über Kopf, heiraten bereits nach wenigen Tagen und beziehen gemeinsam den schnell angeschafften Wohnwagen im Trailerpark. Doch damit fangen auch die Probleme an, denn Sissy tut sich sehr schwer damit, dem mit „traditionell“ noch freundlich bezeichneten Rollenverständnis ihres Mannes zu entsprechen. Ein besonderer Streitpunkt ist der mechanische Rodeo-Bulle im „Gilley’s“, den zu meistern Bud großen Enthusiasmus an den Tag legt. Weniger begeistert ist er hingegen von Sissys Ambitionen, schon gar nicht, als ihr der vorbestrafte Rodeo-Champion Wes (Scott Glenn) Avancen macht. Der Zickenkrieg der unreifen Ehepartner führt zur heißblütigen Trennung und zu neuen halbgaren Beziehungen. Ein Rodeo-Wettbewerb in der Stammkneipe ist die letzte Chance, sich zu versöhnen …

James Bridges hat mit URBAN COWBOY einen enorm facettenreichen Film geschaffen, der den geneigten Zuschauer in seiner zweistündigen Spielzeit auf eine emotionale Achterbahnfahrt schickt. Der Ton schwankt beständig zwischen komödiantisch und dramatisch, dann wieder unternimmt der Film gar Abstecher Richtung bissiger Satire auf südstaatlichen Wertkonservatismus und Machismo, Sportfilm-Parodie und schwül-schmieriger Sexklamotte. Seine Charaktere hingegen sind wenn schon nicht psychologisch ausgereift dann doch Menschen aus Fleisch und Blut: Bud der konservative Heißsporn, der sich selbst als starken Mann und Herrn im Hause sieht, obwohl er noch rein gar nichts verstanden oder gar geleistet hat, Sissy, das treu ergebene Sweetheart, das seine eigene Emanzipation als menschlichen Makel statt als Stärke kennenlernt. Die Beziehung der beiden, vor allem das schwachsinnige Verhalten von Bud, sorgt nicht zuletzt deswegen für einen zunehmend ansteigenden Aggressionspegel beim Betrachter, weil Debra Winger als Sissy einfach umwerfend ist: eine Frau, die ich jederzeit auf Händen tragen würde, wunderhübsch, witzig, intelligent, impulsiv. Ziemlich erstaunlich, dass es für Bud wichtiger ist, dass sie den Haushalt schmeißt und ihm Essen kocht und auch sonst lediglich dazu da sein soll, ihn anzuhimmeln. Das Finale, das alle Konflikte in überstürzter Manier im Hauruckverfahren auflöst, damit ein Happy End Einzug halten kann, an dessen Bestand jeder denkende Zuschauer arge Zweifel haben muss, verleugnet die dem Stoff inhärente Tragik, kann den bitteren Nachgeschmack aber nicht gänzlich hinunterspülen. Wenn Sissy und Bud tatsächlich eine dauerhafte Beziehung führen wollen, ist mehr nötig als ein tränenreicher Liebesschwur.

Aber URBAN COWBOY fasziniert auch als Milieustudie. Das wichtigste Setting, das „Gilley’s“ existiert(e) tatsächlich – damals noch in Pasadena, mittlerweile in Dallas – und fungierte als Originalschauplatz. Sein damaliger Gründer und Besitzer, Countrysänger Mickey Gilley, tritt in Bridges‘ Film ebenso auf wie zahlreiche Country-Music-Größen, die die Bühne des berühmten Etablissements beehrten. Der mechanische Bulle, an dem sich die wichtigsten Konflikte des Films entzünden (und der Debra Winger Gelegenheit für einen erotischen Ritt bietet), gehört heute noch zum Inventar des Clubs. Eine vor allem Westeuropäern fremde Welt eröffnet sich hinter seinen Pforten, eine Welt, in der man Stetsons, Cowboystiefel und -hemden trägt, man den Two-Step zu alten Country-Klassikern tanzt und zum Fiddle Break einen „hoedown“ aufs Parkett legt, eine Welt, wo Frauen Bier aus Flaschen trinken und sich nach einem echten Kerl sehnen, der sich am besten in einer zünftigen Schklägerei als ihrer würdig erweist und sie anschließend zum BIerholen schickt. Wo es zur Initiation jedes Mannes gehört, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, am besten mit körperlicher Arbeit oder einem vergleichbar physischen Kraftakt, wo die Demarkationslinien zwischen den Geschlechtern mit scharfer Klinge gezogen sind und jeden Tag neu bestätigt werden, wo jeder Übertritt dieser Linie einer symbolischen Kastration gleicht. Diese Welt ist gleichermaßen aufregend in ihrer klar gefügten Archaik, dann aber auch wieder höchst befremdlich und beunruhigend. Man ahnt, welche Abgründe sich da offenbarten, sollten sich die Regeln einmal verschieben. Was Bud und Sissy heute wohl machen?

Robert Evans produzierte den Film in einer für ihn turbulenten Phase seines Lebens. Rund zehn Jahre zuvor hatte er die ins Schlingern geratene Paramount mit seinem Gespür für die großen Hits – ROSEMARY’S BABY, LOVE STORY, THE GODFATHER, CHINATOWN, THE GODFATHER PART 2 und THE MARATHON MAN – vor dem Aus gerettet, Ende der Siebziger geriet er wegen eines Drogenvergehens unrühmlich in die Schlagzeilen. Dennoch mauserte sich URBAN COWBOY  zum Hit, der außerdem von einem immens erfolgreichen Soundtrack-Doppelalbum flankiert wurde. Evans selbst war jedoch nicht wirklich zufrieden mit dem Film, wenn man seiner Autobiografie „The Kid Stays In The Picture“ glaubt. Ihm war der Film zu zahm, er wollte mehr schwitzigen Sex und anzügliches Innuendo sehen. Eigentlich ist der Film immer noch voll damit, der Schmutz wird lediglich recht geschickt verschleiert, was ihn aber eigentlich nur noch unverschämter macht. Eine schöne Anekdote rankt sich um Travoltas Vollbart, den er zu Beginn des Films trägt: Evans war entsetzt, als der Star beim Dreh mit wuchernder Gesichtsbehaarung auflief, war es doch gerade sein attraktiv-markantes Gesicht, mit dem der Produzent zu wuchern hoffte. Travolta bestand darauf, den Bart zu behalten, ließ sich erst überzeugen, als er in einem öffentlichen Restaurant von keiner einzigen der anwesenden Frauen angesprochen wurde. Um die Rasur zu motivieren, wurde schließlich eine entsprechende Szene in den Film inegriert.

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