repo jake (joseph merhi, usa 1990)

Veröffentlicht: August 5, 2015 in Film
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Der Anfang von REPO JAKE (der achte unter der Ägide von PM Entertainment erschienene Film) erinnert ein wenig an Carpenters THEY LIVE!, mit der Ausnahme, dass nicht „Rowdy“ Roddy Piper (R.I.P) in L. A. einwandert, sondern Dan Haggerty, bekannt geworden als James „Grizzly“ Adams in der Siebzigerjahre-Serie „Der Mann in den Bergen“. Er sieht aus wie eine Mischung aus Bär und Löwe, seine Habseligkeiten stecken in einem olivgrünen Seesack über seiner Schulter und in der Hand hält er einen Gegenstand, der eine Geldbombe oder aber ein Herzfrequenzmonitor sein könnte. Um den Hals trägt er eine Indianerkette, die ihm wahrscheinlich sein Blutsbruder hinterlassen hat, seine baumstämmigen Beine stecken in komfortablen Opa-Jeans, aus denen unten – harter Stilbruch – tennisbesockte Füße mit Troddel-Slippern herausgucken. Er ist ein freundlicher, gemütlicher Typ, was man auch daran erkennt, dass er einem langhaarigen Straßenmusiker Geld gibt und ein kleines Pläuschchen mit ihm hält. Aber er kann auch zupacken: Als wenig später eine attraktive junge Frau von einem Handtaschenräuber überfallen wird, fackelt Jake (so heißt der Löwenbär) nicht lange und schmeißt den Fliehenden kurzerhand durch ein Schaufenster. Der Ladeninhaber lässt sich davon nicht wirklich beeindrucken und die Keilerei wird drinnen fortgesetzt, mit dem Ergebnis, dass weitere Scheiben zu Bruch gegen. Der Dieb ergreift schließlich die Flucht, Jake überreicht der Dame die Handtasche und sie dankt es ihm, indem sie ihm eine Wohnung vermittelt. Sie werden sich noch wiedersehen. Wer dem armen Geschäftsmann aber die Scheiben ersetzt, steht in den Sternen. Dieser Anfang ist symptomatisch für den ganzen Film, der in allererster Linie eine Verlängerung der Bärigkeit Dan Haggertys ist. Eine stringent erzählte Geschichte, Handlungslogik, Dramaturgie und Plausibilität standen ganz unten auf Merhis Waschzettel. Ihm ging es darum, Haggerty at his most Haggertyesque zu zeigen. REPO JAKE entwickelt sich dann auch zum filmischen Äquivalent von weißem Altherren-Bluesrock: völlig ungefährlich, unaufdringlich, traditionsbewusst. Man fühlt sich in dem Film wie am ersten Feriensonntag auf der Couch, wenn der schwarze Kaffee vor einem im XXL-Becker dampft, die Sonne einem die Schultern wärmt, die nackten Füße sich über die weichen Filzpantoffeln freuen und jede Ausbeulung der Jogginhose an ihrem Platz sitzt. Alle Sorgen sind weit weg, und so lässt man sich treiben, freut sich hin und wieder über eine von außen nur ganz sanft eindringende Reizung der Sinne und über den seit der Kindheit schon hundertmal gesehenen Film, der im Vormittagsprogramm läuft. Vielleicht döst man zwischendurch auch mal kurz weg, man weiß es nicht so genau, weil es im Traum dann genauso gemütlich weiter geht.

Jake Baxter tritt jedenfalls eine Stelle als Repoman an und die Kollegenschar ist am besten mit „kunterbunt“ beschrieben, weshalb sie auch alle lustige Spitznamen haben: Da ist der dicke Schwarze Jam (Steve Hansbourgh), der immer mal wieder in eine spontane Rap-Darbietung ausbricht, der notorisch klamme Skidmark (Joe Garcia), der blondgelockte Mechaniker Blondie (Steve Wilcox), der alte Zausel Amos (Carmen Filpi), der ständig Blindenhund-Witze erzählt, der behäbige Waldo (R. J. Walker) und der nondeskripte Lippy (Walter Cox). Zusammengehalten wird das Team vom ruppigen Chef Bulldog (Paul Hayes), der gerne rumblafft, aber eigentlich ein netter Kerl ist. Die Exposition zeigt diesen lustigen Haufen bei der Verrichtung ihrer Arbeit, was immer wieder Anlass für einige selbstzweckhaft in die Länge gezogene, aber sonst jeder Dramaturgie entbehrender Stunteinlagen ist, und bei ihren kumpelhaften Scherzen. So wird der schlafende Waldo einmal von den anderen geschminkt und dann unwissend losgeschickt, ein Auto zurückzuholen. Man sieht ihn mit den rot angemalten Wangen und Lippen auf der Straße, aber es gibt keinerlei Anzeichen, dass er selbst oder irgendein anderer bemerkt, was man mit ihm angestellt hat. Diese Inkonsequenz ist das bestechendste, liebenswürdigste Merkmal des Film. Die Frau vom Anfang, eine aufstrebende Schauspielerin namens Jenny (Dana Bentley), beginnt eine Romanze mit dem gut 20 Jahre älteren Jake, als sie ihn zum Essen einlädt. Es gibt Spaghetti, die Jake zu der schwärmerischen Aussage veranlassen, dass er dieses Essen nie vergesse werde (sie glaubt ihm nicht und schämt sich für ihre Kochkunst, obwohl Jake weiß Gott nicht so aussieht, als sei er beim Essen besonders kritisch). Trotzdem lässt er sie nach drei Gabeln sitzen, weil er einen Auftrag erfüllen muss. Das ist so ein Filmklischee, das ich einfach nicht begreife: Dass Leute sich irgendwo zum Essen begeben und ihre Mahlzeit dann nahezu unangetastet stehenlassen. War es denn nicht möglich für Jake, einfach einen anderen Termin zu vereinbaren, als diese Frau für ihn kochen zu lassen, obwohl er zum Essen gar keine Zeit hat? Dafür, dass Jake als All-American Man mit intakten, konservativen Wertvorstellungen gezeichnet wird, ist er ziemlich unhöflich. So wie ich das sehe, hat er die Einladung nur angenommen, weil er sich nicht getraut hat, ihr abzusagen. Aber natürlich weiß der Zuschauer aus dem Gespräch der beiden, dass er innerhalb von drei Monaten 60.000 Dollar erwirtschaften muss, um sein Geschäft back home in Minnesota zu retten, also ist er entschuldigt. Sie nimmt es ihm auch nicht übel, lädt ihn vielmehr erneut zum romantischen Picknick auf einem Hausdach ein, wo sie ihn dazu missbraucht, ihren Text abzuhören. Sie hat dazu nicht ohne Hintergedanken eine Liebesszene ausgesucht, die sie ihm gegenüber nun mit rauchiger Stimme und Come-fuck-me-Blick absolviert. Der arme alte Mann kann dann auch irgendwann nicht mehr und ergreift die Flucht. Sie lacht nur über seine Unbeholfenheit, die kleine geile Schlampe.

Der Film könnte ewig so weitergehen, aber nach ca. 45 Minuten entscheidet er sich dann doch noch dazu, eine Art Geschichte zu erzählen. Ihre Freizeit vertreiben sich die Repomen nämlich mit Crash-Rennen (in einer menschenleeren Arena) und so kommt dann auch heraus, dass Jake einst Rennfahrer war und auf dem besten Weg, das berühmte Indy 500 zu gewinnen, bevor er einen Rückzieher machte, als seine Frau verstarb. Seitdem hat er nie wieder hinter dem Steuer eines Rennwagens gesessen. Es bietet sich natürlich eine neue Gelegenheit, weil Blondie einen Superwagen gebaut hat und Jake an der Gewinnsumme beteiligen will, wenn der sein Gelübde bricht. In die Crash-Rennen involviert ist auch ein Gangster namens King (Robert Axelrod), der zwar nach dicker Knete aussieht, aber bloß ein Nickel-and-Dime-Schurke ist, dessen Autos schon etliche Male repossessed wurden. Genau das passiert dann erneut, sehr zum Unmut des Verbrechers, der fortan einen besonderen Hass auf Jake schiebt und sich an Jenny vergreift. Er lässt sie leben, aber unter der Bedingung, dass Jake das nächste Crash-Rennen gewinnt, auf das King eine große Geldsumme wetten will, weil er nämlich selbst Schulden beim Kingpin Kovar (Andrew Reilly) hat. Nichts repräsentiert die liebenswert-naive Bräsigkeit von REPO JAKE so gut, wie dieser Drehbuch-Non-Clou: Üblicherweise wird der Held ja dazu gezwungen, zu verlieren. Das ist das, was die für ein spannendes Finale nötige Fallhöhe bringt. Verlieren ist natürlich eine Schmach für den Helden und er muss mithin einen Weg finden, sein Ziel zu erreichen, und gleichzeitig trotzdem zu gewinnen. Ihn zum Siegen zu zwingen, was ihm ja sowieso im Blut liegt, Supertyp, der er ist, ist im Grunde genommen gar kein Druckmittel, weil ja eh klar ist, dass Jake triumphieren wird. Trotzdem sieht man Jake in den kommenden Szenen mit seinem Schicksal hadern und das Gesicht verziehen ob des unmenschlich auf seinen drei Meter breiten Schultern lastenden Drucks. Fuck, wo ist er da nur wieder reingeraten?

Das finale Rennen ist ein Meisterwerk des desorientierenden Filmemachens, weil man keine Ahnung hat, wie viele Autos eigentlich mitfahren, wer hinter dem Steuer sitzt, wie der Streckenverlauf ist und wo vorne und hinten ist. Irgendwann gibt es einen unmotivierten Crash, bei dem mehrere Autos ineinanderrasen und -fliegen und in einem optisch ansprechenden Feuerball aufgehen, ohne dass sich darüber jemand Sorgen machte, schließlich bleibt Jake ja verschont. Die große Überraschung kommt dann aber, als er kurz vor der Ziellinie einfach stehenbleibt und dem lustigen Jam den Sieg überlässt. Warum ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich weiß er nun endgültig, dass er niemandem – auch sich selbst nicht – etwas beweisen muss. Der rachsüchtige King wird von Kovar plattgemacht, als er die Repomen überfallen will, Jam teilt sein Geld brüderlich mit den Kollegen, Blondie bekommt sein Auto heil zurück und Jake schließt seine Jenny in die Arme, mit der er nun eine beschauliche kleine Familie gründen wird. Hätte er das lustige Ballontier, das ihm ein Clown auf den nächtlichen Straßen von L.A. geknotet hat, doch nur behalten, er hätte ein tolles Hochzeitsgeschenk für sie. (Er hat es dann lieber einem kleinen Jungen geschenkt, dem er beim Weggehen dann noch so onkelhaft mit der Pranke über den Kopf wuschelt.)

REPO JAKE ist als PM-Frühwerk meilenweit von deren späten High-End-Actionern entfernt und selbst dann noch lahm, wenn man ihn mit ähnlich rohen und billigen Zeitgenossen wie DEADLY BREED, L.A. VICE oder L.A. HEAT vergleicht. Seinem Reiz konnte ich mich dennoch nicht ganz entziehen. Ich fühlte mich bei der Sichtung mehr als nur ein wenig an die einfachen Freuden erinnert, die die Serie „Ein Colt für alle Fälle“ meinem damals ca. sechsjährigen Ich bescherte. REPO JAKE ist ähnlich infantil in seiner Vorstellung von Männlichkeit, Helden- und Schurkentum und Romantik. Action ist, wenn Autos wild in der Gegend rumheizen, dann und wann mal über eine Bodenwelle springen oder aber explodieren. Oder natürlich, wenn ein Mann an der Kufe eines Hubschraubers hängt. Liebe, das ist, wenn einen eine Frau anschmachtet und „OK“ sagt, bevor man die leckeren Spaghetti stehenlässt. Und Freundschaft, wenn man dem schlafenden Kollegen rote Bäckchen anmalt und ohne ersichtlichen Grund in Gelächter ausbricht. Das Leben kann so wunderbar einfach sein. Und das Filmemachen auch.

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