jürgen roland’s st. pauli-report (jürgen roland, deutschland 1971)

Veröffentlicht: August 7, 2015 in Film
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rep_articleJürgen Rolands St.-Pauli-Expertise für das zu Beginn der Siebzigerjahre durch den Erfolg des SCHULMÄDCHEN-REPORT florierende Genre des Report-Films zu nutzen, war ein kreativer und ökonomischer no brainer. Roland hatte sich mit seiner Serie „Stahlnetz“ und dem Film POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE selbst auf den schmalen Grat zwischen Fiktion und Dokumentation begeben, seinen Zuschauern jene kolportagehafte Mixtur aus Sex, Crime und bisweilen burleskem Humor beschert, für die auch die Reports aus der Schmiede Wolf C. Hartwigs und seiner Kopisten standen. Es bedurfte demnach keiner allzu großen kreativen Verrenkungen Rolands, um auch in diesem Genre, einem typisch deutschen Ablgeger des sogenannten Mondo-Films, heimisch zu werden. So sitzt er dann gleich zu Beginn auch höchstselbst auf einigen auf der Großen Freiheit gestapelten Filmdosen, erinnert an die St.-Pauli-Filme, die unter seiner und der Regie seines Kollegen Rolf Olsen entstanden sind und daran, dass es abseits der Leinwand ja auch ein „echtes“ St. Pauli gibt, dem er sich dann im Folgenden zuwendet.

Die folgende Ansammlung mal längerer mal kürzerer Episödchen dreht sich überwiegend um das Milieu, die Postituierten und ihre Zuhälter, geprellte Freier, Polizisten, Klein- und Großkriminelle. Da besucht Roland einen französischen Choreografen, der die Protagonisten einer Live-Sex-Show zu Höchstleistungen motiviert, schildert den Verlauf eines spektakulär gescheiterten Überfalls, verfolgt den „Karriereverlauf“ eines jungen Mädchens, die – kaum in Hamburg eingetroffen – gleich an einen Zuhälter gerät, schaut einer erfahrenen Nutte (Helen Vita) bei einer Lehrstunde für ihre unerfahrene Kollegin zu, widmet sich „Onkel Troll“ (Rudolf Schündler), einem notgeilen Opa, der Ausreißerinnen in seine kleine Wohnung aufnimmt und dort wild begrapscht, und schaut am Ende für einen tragischen Polizistenmord noch einmal in der berühmten Davidswache vorbei. Dazwischen immer wieder Roland selbst, der mit betont seriösen, dabei unglaublich gestelzten Kommentaren von einer Episode zur nächsten überleitet und dabei auch schon einmal einen Schlüpfer aus einem Automaten zieht. Der Film endet in gewohnter Manier mit einem Schlusswort, dass das zuvor Gezeigte hoffnungslos romantisiert, den Kiez zur herrlich verrückten kleinen Miniaturwelt verklärt, in der Glück und Leid so eng beieinander liegen. Verglichen mit Rolands anderen St.-Pauli-Filmen wirkt JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT eher hingeschludert. Sein unleugbares Talent, Atmosphäre und O-Ton des Kiezes einzufangen, das man zum Beispiel in DIE ENGEL VON ST. PAULI erkennen konnte, ist an die Lockerheit vorgaukelnde, in Wahrheit aber höchst rigide Form des Reports reichlich verschenkt. Statt Charaktere gibt es hier nur eindimensionale Figuren, die kaum Luft zum Atmen haben, eingeschnürt in auf genau einen Zweck hin ausgerichteten Ministorys. Es ist zu viel Report und zu wenig Roland in diesem Film, weshalb ich seine persönlichen Auftritte dann auch wie eine Oase in der Wüstenei empfunden habe. Ihm zuzuhören und dabei zuzusehen, wie er sich durch St. Pauli bewegt, bringt einem den Ort näher als die meist eher langweiligen Episoden.

Zur Ehrenrettung des Films sei aber gesagt, dass die mit viel Mundart und Milieuslang versetzten Dialoge dann doch für den einen oder anderen Lacher gut sind. Wie ich diesen Text sowieso nicht als Verriss verstanden wissen möchte. Als Beitrag zum deutschen Exploitationfilm seiner Zeit und als heute undenkbares Modeprodukt ist JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT natürlich von unschätzbarer Bedeutung, weil er vielleicht noch mehr als die heute schamvoll verdrängten Filme der SCHULMÄDCHEN-REPORT-Reihe beweist, was für ein brodelnder Sumpf der deutsche Mainstreamfilm vor rund 40 Jahren noch war. Nur damals war es möglich, dass ein anerkannter Regisseur wie Roland sich in dampfende Abgründe des Sleaze begab und den Menschen im Namen der Aufklärung frivole Geschichtchen über Nutten, Loddel und Freier erzählte.

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