junior bonner (sam peckinpah, usa 1972)

Veröffentlicht: August 7, 2015 in Film
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junior_bonnerJetzt fehlen mir also nur noch THE DEADLY COMPANIONS und MAJOR DUNDEE. Um JUNIOR BONNER habe ich bislang immer einen Bogen gemacht. Peckinpah ohne Zeitlupenschießereien und explodierende blood squibs, das erschien mir damals, als ich Peckinpah für mich entdeckte, als nur mäßig erstrebenswert. Wie bescheuert, denn eigentlich macht allein das ihn ja schon interessant. Dass der Rodeofilm einem nicht gerade nachgeschmissen wurde, begünstigte meine Verweigerungshaltung bzw. mein Desinteresse. Anscheinend hat man sich darauf geeinigt, JUNIOR BONNER als einen der weniger essenziellen Filme im Werk des mavericks zu behandeln. Er harrt immer noch seiner weltweiten blu-Ray-Premiere, die deutsche DVD ist längst Out of Print, was nicht weiter traurig ist, da sie den im Breitwandformat komponierten Film auf trauriges Vollbild beschneidet. Als er damals erschien, da erntete er – und nicht zuletzt McQueens Spiel – ausgesprochen positive Kritikerreaktionen, die sich aber nicht in Zuschauerzahlen niederschlugen. JUNIOR BONNER war für McQueen nach THE REIVERS und LE MANS der dritte Flop in Folge (dass zeitgleich drei weitere Rodeofilme um die Kunst des Publikums buhlten – Cliff Robertsons J. W. COOP, Stuart Millars WHEN THE LEGENDS DIE und Steve Ihnats THE HONKERS – verbesserte seine Chancen nicht gerade). Heute gilt er als einziger Film des Superstars, der finanziellen Verlust machte. Die Zeit hat ihn zwar rehabilitiert, aber wie oben beschrieben, wird er auch heute noch eher stiefmütterlich behandelt. Was einerseits immens schade ist, aber auch irgendwie nachvollziehbar: Das existenzialistische Familiendrama um den wortkargen Titelhelden, der feststellen muss, dass sich die Verhältnisse in seiner Heimat radikal verändert haben, ist nicht gerade der Stoff, aus dem die crowdpleaser gemacht werden. JUNIOR BONNER ist von leiser Melancholie geprägt, er folgt eher seinen Charakteren als einer aufgepfropften Handlung, verzichtet weitestgehend ebenso auf spektakuläre Action wie auf große Gefühlsausbrüche. Peckinpah hält diese Stimmung verhaltener Resignation den ganzen Film über aufrecht, lehnt sich gemeinsam mit seinem Protagonisten gegen den Status quo nicht so sehr auf, wie er seinen stillen Frieden mit ihm schließt, sich umdreht und seines eigenen Weges geht.

J. R. „Junior“ Bonner (Steve McQueen) ist ein ehemals erfolgreicher Rodeoreiter, dessen beste Zeiten nun schon einige Jahre zurückliegen. Langsam dämmert es ihm, dass sich seine Karriere dem Ende zuneigt, dass er von der jüngeren Generation überholt wird, dass er seinen Zenith hinter sich hat. Trotzdem will er noch einmal beim Rodeofestival in seiner Heimatstadt Prescott antreten, wo er einst seinen größten Erfolg feierte. Doch zu Hause hat sich vieles verändert. Sein Bruder Curly (Joe Don Baker) ist erfolgreich auf dem Immobilienmarkt unterwegs, macht noch nicht einmal vor dem Besitz seines Vaters Ace (Robert Preston) halt, dessen Grundstück er ihm zum Schleuderpreis abnahm, als der gerade mal wieder klamm ist und Geld für eine seiner Träumereien brauchte. Die Mutter (Ida Lupino) schaut sich das alles mit milder Verachtung für ihren Gatten, von dem sie getrennt lebt, an, tief enttäuscht davon, wie sich das Leben für sie entwickelt hat, aber auch mit dem Wissen, dass Ace nur der Mann ist, der er ist.

Steve McQueens Minimal Acting nimmt in JUNIOR BONNER fast meditative Züge an. Er spricht ähnlich wenig wie in LE MANS, reduziert seine Antworten oft auf eine einsilbige Gegenfrage, lässt sich seine Gefühle und Gedanken fast nie anmerken, aber schaut sich mit seinen kühl blitzenden blauen Augen alles sehr, sehr genau an. Man könnte sagen, dass er in der Welt seiner Heimatstatt die Rolle eines Zuschauers einnimmt: Nie die Rolle des passiven Betrachters verlassend, nimmt er jeden Eindruck in sich auf, damit er sich immer daran erinnert, warum er diesen Ort am Ende des Films wahrscheinlich für immer verlassen wird. Das ist nicht mehr seine Welt, also setzt er sich in das Auto mit dem Pferdeanhänger und fährt auf den Horizont zu. „I gotta go down my own road“, sagt er einmal. Er weiß, welche Bestimmung das Leben für ihn vorgesehen hat und daran ändern auch die in Wandlung begriffenen äußeren Umstände nichts. Das Geld, das er am Ende beim Rodeo gewinnt, vielleicht die letzte große Gewinnsumme seines Lebens, nimmt er, um seinem Vater die nächste Schnapsidee zu finanzieren: einen Flug nach Australien, wo große Goldvorkommen locken. Er macht das, weil er weiß, dass auch er einmal darauf angewiesen sein wird, dass jemand Verständnis für ihn zeigt, ihm Vertrauen entgegenbringt, seine Spinnereien als Teil seiner Persönlichkeit respektiert. Reich wird er nicht mehr werden, ein Leben wie das von Curly, der hässliche Trailerparks errichtet und die Menschen mit Gratiskeksen und Limonade zum Kauf lockt, kommt für ihn nicht infrage. „I’m workin on my first million and you’re still workin‘ on eight seconds“, wird er von einem Bruder konfrontiert, weil seine Lebensaufgabe für diesen nur infantile Träumerei ist. Der Mann muss Geld erwirtschaften, Besitz anhäufen, eine Familie gründen, erfolgreich sein, immer weiter, immer weiter gehen. Junior Bonner, dessen Spitzname ihn von Anfang an als regressiv, zumindest aber als stehengeblieben diffamiert, will, dass die Dinge so bleiben wie sie sind. Zumindest er wird sich nicht verändern.

JUNIOR BONNER ist, wie oben beschrieben, vielleicht nicht Peckinpahs beliebtester Film (McQueen schätzte ihn als seine beste Arbeit), aber es spricht einiges dafür, zu behaupten, dass er die rohe Essenz seines Werks beinhaltet. Hier braucht es keine Genreschablone mehr, keine expressiven Gewaltausbrüche, kein Kugelballett, keine Schurken oder Revolverhelden. Alles, was Peckinpah jemals in der Welt gesehen und über sie gedacht hat, alles, was er uns mit seinen Filmen mitteilen wollte, spiegelt sich in McQueens Blick, liegt am Ende der Straße, die Junior am Ende herunterfährt, dem Horizont und seiner Latenz entgegen.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Grossartiger Film. Die Vorbehalte habe ich nie empfunden.
    Ausserdem, ein Peckinpah Film mit Ben Johnson, Ida Lupino und Joe Don Baker, ist doch eh
    Pflicht.

  2. Oliver sagt:

    Die Vorbehalte waren damals eben altersbedingt. Joe Don Baker haben am Set wohl alle gehasst. Es heißt, die Szene auf der Veranda, als Junior ihn durch die Scheibe haut, hätte auch echt sein können, so sehr mochte McQueen seinen Kollegen. 🙂

  3. Ghijath Naddaf sagt:

    Kaum zu glauben, ein Mann am Set der noch fieser war, als Bloody Sam selbst.

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