the getaway (sam peckinpah, usa 1972)

Veröffentlicht: August 8, 2015 in Film
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latestMit THE GETAWAY habe ich mich immer etwas schwergetan und ich habe heute ehrlich gesagt keine Ahnung, warum. Anders als andere Filme von Peckinpah, konnte sich dieser bei mir nie so richtig festsetzen. Ich fand ihn natürlich nie auch nur annähernd schlecht – wie ginge das auch? Schon die Title-Sequenz, die Docs  (Steve McQueen) unerträglichen Knastalltag in immer kürzeren, immer schneller geschnittenen Szenen zeigt – durchsetzt mit diesen Peckinpah’schen Freeze Frames, deren Wirkung und Schönheit mich jedesmal aufs Neue fasziniert und vor Rätsel stellt – ist einfach nur ein Traum. Wie sich da immer wieder kaum wahrnehmbar Detailbilder von Docs Gattin Carol (Ali MacGraw) und dem gemeinsamen Zärtlichkeitsaustausch in den Film schieben und Doc peinigen, ist einfach große Kunst. Peckinpah lässt keinerlei Fragen offen und den Zuschauer mittels dieser Bilder an Docs zunehmener Unruhe teilhaben.

THE GETAWAY ist voll von solch subtil gehandhabten Szenen, und manchmal erzeugt Peckinpah mit Dingen, die er nicht zeigt, eine größere Wirkung als andere Filmemacher mit dem, was sie zeigen. Wie er etwa wegschneidet, als Carol beim schmierigen Benyon (Ben Johnson) vorstellig wird, um die Freilassung ihres Gatten zu erwirken, weiß man ganz genau, was ihr  bevorsteht. Ihre Liebe und das commitment, das sie ihrem Mann entgegenbringt, der Schmerz, den sie auf sich zu nehmen bereit ist, werden greifbar, ohne dass Peckinpah große Worte darum machen muss, und es ist kaum anders als als Zugeständnis der Verehrung für diese Frau zu verstehen, dass er ihre Würde durch die Auslassung bewahrt. Docs falscher Stolz und seine Verletzung, seine Unfähigkeit zu erkennen, dass seine Frau nur aus Liebe zu ihm, um ihn zu befreien und ihn zu retten, mit einem anderen – einem ausgesprochenen Ekelpaket überdies – geschlafen hat, weisen ihn als unreif und egoistisch aus. Und wenn er erst seine Waffe auf sie richtet, sie dann ohrfeigt wie einen Strauchdieb, sind die Sympathien ganz klar verteilt. Ich werde nie verstehen, wie man auf die Idee kommen konnte, Peckinpah jemals als „Frauenhasser“ zu bezeichnen.

Wenn es um die Peckinpah-Verehrung geht, geht es für gewöhnlich ganz schnell um die Gewaltszenen, seine Zeitlupen-Shootouts, die vielzitierten Kugelballette. THE GETAWAY hat diesen tollen Showdown im Treppenhaus eines heruntergkommenen Hotels und natürlich zahlreiche Verfolgungsjagden, aber am schönsten finde ich seine ruhigen Momente, die Liebesgeschichte seiner beiden Helden. Wie Peckinpah die Szene montiert, in der Doc und Carol nach seiner Entlassung vollbekleidet ein Bad in einem öffentlichen See nehmen, etwa. Wie sie später dann still nebeneinander auf dem Bett sitzen und man ihre Anspannung nicht nur fühlen, sondern auch sehen kann. „It does something to you inside, you know. It does something to you.“ Peckinpah lässt die Latenz des Unsagbaren bestehen. Wir ahnen, was Doc meint, ohne es doch wirklich verstehen zu können. Wie die beiden sich dann aneinanderlehnen, ganz ruhig, den Moment reifen lassen, ist von unbeschreiblicher Sensibilität. Es entwickeln sich im Folgenden Spannungen zwischen den beiden, ihre Trennung steht im Raum, aber ihr Miteinander ist von solch großer Selbstverständlichkeit, dass man weiß: Diese beiden gehören zusammen. Sie müssen nur erst in der Hölle landen – die surreale Unwirtlichkeit einer Müllkippe –, damit Doc begreift, was Carol eigentlich für ihn getan hat.

Dieses wortlose Verständnis, das die beiden füreinander haben, mag auch darin begründet sein, dass McQueen und MacGraw während der Dreharbeiten eine hitzige Affäre begannen, die in ihrer Scheidung vom Paramount-Mogul Robert Evans und der Eheschließung mit McQueen resultierte. Die beiden haben eine kaum zu übersehende Chemie und einen stillschweigenden Rapport miteinander. Es funkt gealtig, auc ohne ausgedehnte Sexszenen. Doc hat vordergründig die Hosen an, aber man spürt, dass sie der Anker für ihn ist, dass es ihre Gegenwart ist, die ihn erdet, ihn in schwierigen Situationen die Ruhe bewahren und den Blick hockonzentriert und entschlossen auf die gemeinsame Zukunft richten lässt. McQueen ist fantastisch in dem Film: Jede Bewegung sitzt perfekt, ein Ausbund an Autorität und Professionalität. Seine Verletzung wirkt so noch stärker. Man spürt wie sie an seiner Substanz, seinem Selbstverständnis als Mann nagt, alles in Zweifel zieht, was er als gegeben erachtete. Wie meine Gattin gestern sagte: THE GETAWAY ist ein Film über die Ehe. Darüber, wie man an den Hindernissen wächst, die man gemeinsam überwindet. Und wieder: Ein Meisterwerk.

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Kommentare
  1. Wolfgang sagt:

    Ja, THE GETAWAY ist ein Meisterwerk, ein ganz ganz grosser Film. Der Grund, warum er immer noch nicht als der geniale Wurf – wenn auch nicht ganz so genial wie THE WILD BUNCH – anerkannt ist, der er ist, ist dass THE GETAWAY ein „kalter“ Film ist. THE GETAWAY handelt von kalten Egoisten, die ruecksichtslos ihren Weg gehen, und Peckinpahs Film spiegelt diese Kälte und Präzision wieder, von den genialen Schnitten der Eingangsequenz bis zum Ende. Emotionen kommen nur im Zusammenhang mit Ali McGraws Figur vor – die einzige warmherzige Person im ganzen Film – und in der Endsequenz, als Doc dem alten Cowboy/Slim Pickens einen Teil des Geldes – auch auf Ali McGraws Betreiben – schenkt.

    Diese Kälte und Professionalität der Figuren, die den ganzen Film prägt, ist meines Erachtens der Grund fuer seine noch immer „mangelde Anerkennung“, obwohl er zusammen mit BRING ME THE HEAD OF ALFREDO GARCIA (meine persoenlich Nummer 1), THE WILD BUNCH, STRAWDOGS und JUNIOR BONNER zu Peckinpah´s besten 5 zählt (ein Regisseur, der keinen einzigen „schlchten“ Film gemacht hat).

    • Oliver sagt:

      Hm, weiß nicht, ich finde nicht, dass der Film kalt ist. Im Gegenteil, der ganze Konflikt zwischen Doc und Carol beruht ja auf der emotionalen Wärme zwischen den beiden. Und Doc schlägt am Ende auch zuerst vor, Slim Pickens 10.000 Dollar zu geben. Carol erhöht dann lediglich den Betrag.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Peckinpah selbst hat den fertigen Film gehasst. Seine ursprünglich Version, war wohl weitaus näher
    an Jim Thompsons genial, bösartiger Vorlage.
    Aber da war natürlich der um sein Image besorgte McQueen vor.

  3. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich selbst mag den Film, auch wenn er nicht zu meinen Peckinpah Favoriten zählt.
    Habe den immer eher als Walter Hill Film empfunden.
    Ich glaube aber auch, das sich Thompson´s nihilistische Utopie, nicht wirklich zur Verfilmung
    eignete. Trotzdem hätte ich natürlich schon gerne die geplante Sam Fuller Version gesehen.

  4. Wolfgang sagt:

    Ja, das Buch ist tatsächlich noch nihilistischer, aber dafuer war die Zeit damals noch nicht reif, das hat erst Bertrand Travenier mit seiner Verfilmung der 1280 Seelen aka DER SAUSTALL 1980/81 geschafft, ebenfalls ein genialer Film.

    Peckinpah´s nihilistischster Film ist wohl BRING ME THE HEAD OF ALFREDO GARCIA, den er nach den vorangegangenen Erfahrungen aus guten Gruenden mit dem kongenialen und deutlich mehr seiner Vorstellung eines gescheiterten Aussenseiters entsprechenden Warren Oates besetzte. Leider leider hat dieses Meisterwerk erst Jahrzehnte später sein Publikum gefunden, damals aber seine Karriere als Regisseur endgueltig beendet (was nachher kam, ist leider kaum der Rede wert). Verglichen mit ALFREDO GARCIA hätte THE GETAWAY natuerlich noch rauher und kompromissloser ausfallen koennen, dann wäre es aber wohl bereits 1972 vorbei gewesen …

    Mag Peckinpah mit THE GETAWAY auch unzufrieden gewesen sein (was muss er dann wohl ueber THE OSTERMAN WEEKEND oder – noch schlimmer – CONVOY gedacht haben …), so zählt dieser Film meines Erachtens dennoch zu seinen besten 5, wenn auch nicht zu seinen besten 3 (RIDE THE HIGH COUNTRY lasse ich mal aussen vor, obwohl auch dieser Film grossartig, aber noch nicht P-typisch ist).

    • Oliver sagt:

      Ich mag sowohl OSTERMAN WEEKEND wie auch CONVOY beide sehr. Letzten halte ich für unterschätzt. Der einzige Peckinpah, mit dem ich bisher nie warm geworden bin, ist THE KILLER ELITE.

      • Ghijath Naddaf sagt:

        Geht mir auch so.

      • Wolfgang sagt:

        CONVOY lief letztens auf (glaube ich) KABEL 1 und ich habe eingeschaltet, weil ich den Film das letzte Mal vor ca. 20 Jahren gesehen habe. Ich hatte mir echt vorgenommen, ihn durchzuhalten, aber nach ca. 3/4 Stunde war mir der ganze Sch… einfach zu dämlich, inbesondere die entsetzlichen Dialoge. CONVOY wirkt wie von Hal Needham inszeniert, aber dort gibt es immerhin Burt Reynolds und Jerry Reed und Sally Field und einen wirklich guten Song, weshalb SMOKEY I durchaus passabel ist. An CONVOY ist Kris Kristofferson – den ich sehr schätze – das Beste, der diesen Film aber nicht retten kann, und der Song ist bestenfalls lala. Traurig, einfach nur traurig.

        THE OSTERMAN WEEKEND ist auch schon gute 15 Jahre her, aber ich kann mich an kaum etwas Bemerkenswertes daran erinnern.

        In THE KILLER ELITE kann man sich immerhin an James Caan (!) und Robert Duvall (!!) und einer tollen Filmmusik von Jerry Fiedling (!!!) erfreuen … 🙂

      • Oliver sagt:

        Vielleicht ist es nicht so clever, die Dialoge eines Films zu bewerten, wenn man ihn in der synchronisierten Fassung sieht.

  5. Ghijath Naddaf sagt:

    1. The Wild Bunch
    2. Pat Garret And Billy the Kid
    3. Bring Me The Head Of Alfredo Garcia
    4. Straw Dogs
    5. Ride The High Country

    Das wären meine Top 5.

    • Wolfgang sagt:

      1.) The wild bunch, Bring me the head of Alfredo Garcia (ex aequo)
      3.) Straw dogs
      4.) Junior Bonner
      5.) The Getaway
      6.) Ride the high country
      7.) The ballad of Cable Hogue

      Warum Pat Garret and Billy the Kid so einen tollen Ruf hat, hat sich mir bisher nicht erschliessen koennen. Gute Besetzung, leider fader Film. 😦 Und die Musik seiner Bobness, die ein Grund sein koennte, hat mich bisher leider kalt gelassen.

  6. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich könnte jetzt hier von dem Film schwärmen. Von Coburns grossartigem Spiel, den unglaublichen
    Szenen (Der Tod des alten Sherriffs u.s.w.), der Musik Bob Dylans und und und. Aber wozu ?
    Ich bin der festen Überzeugung, das wer PGABTK einen faden Film nennt, nicht wirklich viel von
    Peckinpah verstanden hat.

  7. Ghijath Naddaf sagt:

    @ Oliver

    Schöner Text , aus Anlass der Peckinpah Retro in Locarno.
    https://mubi.com/notebook/posts/locarno-2015-the-traitor-and-the-hero

    Ich kann auch das neue Buch von Paul Seydor
    „The Authenthic Death and Contentious Afterlife of Pat Garrett and Billy the Kid“
    nur wärmstens empfehlen.

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