carlos (director’s cut) (olivier assayas, frankreich/deutschland 2010)

Veröffentlicht: August 11, 2015 in Film
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Die Karriere des als „Carlos“ berühmt gewordenen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez zeichnet Olivier Assays in seiner für das Fernsehen gedrehten, rund 5 1/2-stündigen Miniserie nach. Wie eine Schrifttafel zu Beginn verkündet, erhebt er dennoch keinen Anspruch auf „Wahrhaftigkeit“: Zu viele Lücken gebe es in Carlos‘ Lebenslauf, zu viel bleibe der Spekulation überlassen. Dennoch gewährleistet allein die epische Laufzeit, dass hier gegenüber „normale“ Spielfilmen noch kleinste Details mit äußerster Akribie und Genauigkeit behandelt werden. Der Einblick, den Assayas dem Zuschauer gewährt, ist dann auch gleichermaßen faszinierend wie erschreckend, gerade weil das Milieu, in dem der Film spielt, sich heute kaum noch begreifen lässt.

Da verschreiben sich gewöhnliche Studenten einem bewaffneten antiimperialistischen Kampf, lassen sich im Nahen Osten an der Waffe ausbilden, transportieren Waffen und Handgranaten mit dem VW-Bus durch das Land, verschaffen sich schwerst bewaffnet Zutritt in Gebäude, in die man heute nicht einmal mehr einen Teelöffel schmuggeln könnte, und knüpfen Kontakte zu Regierungschefs, Geheimdiensten und Militärs. Dieses arrogante Selbstverständnis, die explosive Mischung aus hoher Bildung bei minimaler Fähigkeit zur Selbstreflexion und gleichzeitig haarsträubender Naivität hat in den Siebzigerjahren tatsächlich skrupellose Mörder hervorgebracht, wie CARLOS eindrucksvoll zeigt. Dabei zeichnet sich doch schon früh ab, dass der „Sieg“, den Carlos da für die „Unterdrückten“ erringen möchte, eine Utopie ist, der Weg, wie er errungen werden soll eine Sackgasse, die Verbündeten, von denen man sich einspannen lässt, keinen Deut besser als die, gegen die man eigentlich zu kämpfen meint. Am Ende geht es doch nur ums Geld, um das Gefühl von Macht (das eine Illusion ist), um Materialismus. Vom Revoluzzer mit Che-Barrett verwandelt sich Carlos in den verfetteten Mercedes-Fahrer und Familienvater, der seine Gattin mit Prostituierten und jungen Mädchen hintergeht. Sein Ruf als berüchtigter Killer ist nichts mehr wert, nun ist er selbst nichts anderes mehr als ein gedungener Mörder, dessen Anschläge das System nur noch kurz erschüttern.

Ich habe zu CARLOS leider gar nicht viel zu sagen. Der Film ist toll, unheimlich aufwändig produziert, fantastisch gespielt und fast ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht. Was ihm fehlt, ist vielleicht ein Geheimnis, die Poesie: Als Versuch einer Fiktionalisierung von Geschichte ist er sehr „wörtlich“, eher dokumentarisch als poetisch. Sein Reiz besteht in erster Linie darin, in dieses fremde Milieu einzutauchen, die Siebzigerjahre auferstehen zu sehen, einen Eindruck von den Menschen hinter den Schlagzeilen zu erhalten, egal ob sie nun so waren oder nicht, zu verstehen, was die Welt damals beschäftigte. Assayas hat eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen und stellt sich ganz in den Dienst dieser Aufgabe. Die Stärke von CARLOS besteht darin, dass man die Anwesenheit der Kamera vergisst.

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