ice station zebra (john sturges, usa 1968)

Veröffentlicht: August 11, 2015 in Film
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ice_station_zebra_xlgUm ICE STATION ZEBRA, der heute meist als verkappter Trashfilm im teuren Gewand des Blockbusters belächelt wird, rankt sich eine wunderbare kleine Anekdote, derzufolge dies der erklärte Lieblingsfilm des Moguls Howard Hughes war. In seinem Privatkino soll er eine Kopie des Films weit über 100 mal laufen lassen haben, und wenn er in Las Vegas war, wo er einen lokalen Fernsehsender besaß, pflegte er dort stets anzurufen, um die Ausstrahlung des Films zu bestellen. Paul Anka schrieb in seiner Autobiografie, dass man daran erkennen konnte, dass Hughes in der Stadt war: „You’d get back to your room, turn on the TV at 2 a.m. and the movie ‚Ice Station Zebra‘ would be playing. At 5 a.m., it would start all over again. It was on almost every night. Hughes loved that movie.“ Ich liebe diese Geschichte vor allem deshalb so sehr, weil sie so viel über Filmleidenschaft sagt. ICE STATION ZEBRA ist objektiv betrachtet – was immer das bedeuten mag – ganz gewiss kein Film, der solche Hingabe unbedingt erfordert. Und wären mir solche apodiktischen Behauptungen nicht zuwider, würde ich mich wahrscheinlich gar dazu hinreißen lassen, ihn als „schlecht“ zu bezeichnen – was nicht heißt, dass er mir nicht gefallen hat, doch dazu später mehr.

Der mit zweieinhalbstündiger Laufzeit viel zu lange Film ist ein recht kläglich gescheiterter Versuch, großes, buntes Abenteuerkino im Stile von THE GUNS OF NAVARONE (oder Sturges‘ THE GREAT ESCAPE) zu machen. Wie ersterer basiert auch ICE STATION ZEBRA auf einem Roman von Alistair MacLean, und er sollte 1963 unter Mitwirkung der NAVARONE-Stars Gregory Peck und David Niven in Produktion gehen. Daraus wurde jedoch nichts und als 1967 nach etlichen Rewrites endlich die erste Klappe fiel, war eine gänzlich neue Besetzung an Bord. Dem Erfolg tat das keinen Abbruch, auch wenn die Kritiker nicht gerade begeistert waren. Aber von der Größe des Vorbilds ist in ICE STATION ZEBRA nichts mehr zu sehen: Die ersten 90 Minuten des Films spielen ausschließlich an Bord eines U-Boots, danach begeben sich die Stars auf Expedition über einen im Studio nachgebauten Nordpol (wo sie in ihren dicken Jacken sicherlich brutal geschwitzt haben müssen). Die Geschichte ist durchaus interessant, die Spannung wird langsam aufgebaut, darf sich dann aber nie in dem Finale entladen, das man sehnsüchtig erwartet. Selbst der Showdown im Eis ist nicht mehr als eine zähe Verhandlung zwischen den von Captain Ferraday (Rock Hudson) angeführten Amerikanern und den Russen. 

Trotzdem übte ICE STATION ZEBRA einen mir unerklärlichen Reiz auf mich aus. Einen Teil meines Gefallens kann ich sicherlich auf die Schauspieler zurückführen: Vor allem Patrick McGoohan ist spitze als mysteriöser Geheimagent, aber auch Ernest Borgnine als neugierig-freundlicher Russe ist gewohnt toll und Rock Hudson ist halt Rock Hudson. Ich mag ihn einfach. Aber genauso wichtig ist diese mit äußerstem Ernst und Geduld erzählte Geschichte, die Suggestion, dies sei eben nicht bloß Kintopp, sondern großes, vielleicht gar tagesaktuelles Kino. Der Aspekt des Make-believe, der hier noch eine größere Rolle spielt als bei anderen Filmen, weil man ihm abnehmen muss, dass seine Studiosettings das Interieur eines U-Boots und der Nordpol sind. ICE STATION ZEBRA ist fürchterlich aus der Zeit gefallen, wirkt streckenweise wie ein B-Movie aus den Fünfzigern, das man mit einer Multimillionen-Dollar-Injektion gedopt hat. Diese Kluft zwischen dem was sein sollte und dem was ist, dazu diese fast comichaft-surreale Künstlichkeit: Das macht seinen Reiz aus. Es wundert mich nicht, dass zu den Fans des Films auch John Carpenter zählt, der ihn als ausgewiesenes guilty pleasure beschreibt, ohne jedoch genau erklären zu können, was er an ihm genau schätzt. Während des Films dachte ich noch, dass seine Settings und die Atmosphäre in der titelgebenden Eisstation etwas an sein THE THING erinnern, nun weiß ich, dass sich Carpenter hier ganz sicher hat inspirieren lassen. Und die Frage nach „gut“ und „schlecht“ macht dann tatsächlich keinen Sinn mehr. Warum an etwas herummäkeln, das so vielen tollen Menschen so viel Freude bereitet?

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Kommentare
  1. Wolfgang sagt:

    „und Rock Hudson ist halt Rock Hudson. Ich mag ihn einfach.“

    Ich auch! 🙂

    Und DOUGLAS SIRK hätte ihn nicht mehrmals auserkoren, wäre er nicht ein weit besserer Schauspieler als es ihm die heute „herrschende Meinung“ zugesteht!

  2. Jens Jeddeloh sagt:

    Hallo Oliver.

    Anfang dieses Jahres hatte Sky die Gnade, den Film in HD zu senden und ich konnte
    ihn geistesgegenwärtig aufnehmen. Heute erkor ich ihn zum Sonntagnachmittagsfilm und
    er passt hervorragend. Fälschlicherweise war er mir in Schwarz-Weiss und mit Richard Widmark
    in Erinnerung , das machen die Jahre mit einem.
    Während HD meist viele technische Schwächen gerade bei liebgewonnenen Effekt-Schinken alter
    Schule offenbart, ist hier das Gegenteil der Fall, Der Film strahlt wie nie und das über Gebühr. Über Gebühr, weil er inhaltlich so schmal ist.

    EISSTATION ZEBRA ist nun wirklich nicht ein Referenzwerk von John Sturges, aber mit Schauspielern konnte er immer. Patrick McGoohan ist New Yorker, ging aber nach NUMMER 6 am Ende der 60er immer als Brite durch. Ihn mit Pepita-Hütchen und Tweed-Ärmelschoner-Jacket würdevoll in ein amerikanisches U-Boot zu platzieren, halte ich für eine
    Leistung . Er ist verdammt gut und dominiert den Film, nichts gegen Rock Hudson.

    Die HD-Fassung hilft dem Film auf verschiedenen Ebenen: in der ausgiebigen ersten Hälfte im
    Inneren des U-Bootes kommen die Schauspieler durch die besseren Farben und die schärferen
    Konturen besser zur Geltung, die U-Boot-Szenen unter dem Eis sehen klasse aus (Ich habe hier den Begriff „Presseiszacken“ gelernt) und in der zweiten Hälfte gibt die Hochauflösung den
    Studioaufnahmen mit ihrem Papp-Eis-Dekor den wundervollen Charme einer überkalkulierten
    Opernaufführung, der ein Tenor abhanden gekommen ist.

    Wenn McGoohan in seinem Kunstnerz dem ebenso wulstig gekleideten Rock Hudson die weltpolitische Dimension ihrer Mission erklärt und dabei in einem zuckergussvereistem Bühnenlabor auf der Suche nach dem McGuffin-Film Schränke durchstöbert und Dosen umstülpt und schliesslich anhand eines globenähnlichen Chemiekolbens darlegt, wie ausser Kontrolle geratene Satelliten die Ursache allen Übels sind, dann hat man mich.

    Ich verstehe gut, warum John Carpenter diesen Film mag.
    Und schade, dass McGoohan, abgesehen von würdevollen Nebenrollen bei Cronenberg und
    anderen, keine grosse Karriere gemacht hat.

    Beste Grüße

    Jens

  3. Jens Jeddeloh sagt:

    Nur zur Ergänzung: der Richard Widmark-Film, der mir fälschlich zuerst in den Sinn kam, ist
    THE BEDFORD INCIDENT, zu deutsch ZWISCHENFALL IM ATLANTIK.
    Schönen Gruß
    Jens

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