night of the wilding (joseph merhi, usa 1990)

Veröffentlicht: August 12, 2015 in Film
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night-of-the-wilding-movie-poster-1990-1010503906Wer sich schon mal gefragt hat, warum es zwar DTV-Action-, -Kickbox- und
-Cyborgfilme, aber kaum DTV-Gerichtsfilme gibt, der sollte sich NIGHT OF THE WILDING anschauen, Joseph Merhis Versuch, in diesem „seriösen“ Genre Fuß zu fassen. Der Gerichtsfilm fußt auf einem sehr engen Regelwerk, das nur wenig Spielraum lässt und strenge Anforderungen an die Macher stellt. Sicherlich ist es ein Trugschluss, zu glauben, dass Gerichtsfilme die Realität nicht zugunsten der Dramatik beugen, dennoch wird meist ein großer Aufwand betrieben, alles möglichst realistisch wirken zu lassen. Das Gesetz ist kompliziert, mithin erfordert ein Gerichtsfilm ein akribisch recherchiertes Drehbuch, das den Zuschauer glauben lässt, dass es sich so in einem echten Gerichtsraum abspielen könnte. Und genau dies hatte NIGHT OF THE WILDING nicht. Merhi übertrug vielmehr die kontrastreiche Schwarzweißmalerei und grobe Affektsteuerung des DTV-Actioners nahezu verlustfrei auf den Gerichtsfilm und schuf so ein haarsträubend naives Werk, dessen Vorstellung von Moral, Recht, Gerechtigkeit und Rechtsprechung von geradezu berückender Infantilität ist.

Joseph Fainer (Erik Estrada) ist ein erfolgreicher Anwalt, der sich nicht scheut, auch die miesesten Typen zu verteidigen. Zum Dank erhält er vom lokalen Mafiaboss schon einmal einen mit Banknoten prall gefüllten Schuhkarton. Seine Ex-Frau und Kollegin Marion (Kathrin Middleton) hingegen ist eine Idealistin, der der große finanzielle Ruhm genau aus diesem Grund bislang verwehrt blieb. Beide stehen sich nun in einem Fall gegenüber, bei dem drei Jugendliche wegen Körperverletzung und zweifacher Vergewaltigung angeklagt sind: Nachdem ihr Anführer Carl (Isaac Allan) sich in einem Supermarkt zu bezahlen weigerte, schlug er mit seinen Freunden erst den heraneilenden Security-Mann brutal nieder, verschaffte sich dann Eingang in das Haus der Kassiererin, vergewaltigte sie und ihre Mitbewohnerin. Für Marion ist der Fall ganz klar, doch Joseph erklärt sich bereit die – natürlich aus reichem Hause stammenden Jungs – zu verteidigen. Es sei immerhin möglich, dass sie unschuldig sind.

Bis hierhin ist noch alles in Ordnung, sieht man einmal davon ab, dass die drei Täter geradezu grotesk eindimensionale Arschgeigen sind, an deren Unschuld niemand wirklich glauben kann. Aber auch solche haben natürlich das Recht auf einen Anwalt. Es gibt für Fainer tatsächlich einen einigermaßen brauchbaren Ansatz für die Verteidigung: Die Jungs brachen nämlich nicht in das Haus der Kassiererin ein, sondern wurden eingelassen. Somit könnte Fainer vielleicht darauf abzielen, dass die „Vergewaltigung“ gar keine war, sondern es eine Einwilligung zum Sex gegeben hatte. Das ist immer noch problematisch, weil es ja auch noch einen männlichen Gast gab, der niedergeschlagen wurde, aber gut, wir wollen Nachsicht walten lassen. (Sonst wäre der Film schließlich schon bei de Besetzung Erik Estradas als Superanwalt gescheitert.) Fainer begnügt sich aber nicht damit, lediglich mildernde Umstände für seine Jungs herauszuholen, nein, er will den Spieß umdrehen. Er zeichnet das Haus der Kassiererin in seinem Plädoyer als „House of Sin“, als Ort, an dem regelmäßig wüste Sexorgien abgehalten werden und in das die arglosen Buben von ihren hexengleichen Bewohnerinnen hereingelockt wurden. Das ist schon perfide, wie er die Opfer im Folgenden traktiert und vor den Geschworenen diffamiert. Es fällt schwer, ihn als lediglich von den Bösewichten getäuschten zu akzeptieren. Da ist jemand, dessen Moralvorstellungen nicht nur ins Wanken geraten sind, sondern total auf dem Kopf stehen. Bemerkenswert ist übrigens auch, dass es in der Verhandlung nie um die Beinahe-Ermordung des Sicherheitsmannes geht, bei der die Täter gesehen wurden. Das wird einfach unter den Tisch fallen gelassen, wahrscheinlich, weil man ahnte, dass kein noch so hirnrissiger Drehbuchkniff hier einen Freispruch herbeiargumentieren könnte. Das zieht sich durch den ganzen Film: Das Naheliegende wird von allen übersehen, damit der Film nicht vorzeitig beendet ist.

Marion ist verständlicherweise entsetzt über das Verhalten ihres Ex-Gatten und konfrontiert ihn, erinnert ihn an den Abend vor seinem ersten großen Fall, als er weinend in ihren Armen lag, wissend, dass der Mann, den er verteidigen sollte, schuldig war. NIGHT OF THE WILDING scheint hier den Gewissenswandel seines Protagonisten vorzubereiten, doch der kommt nicht. Die bipolare Marion ist daran nicht ganz unschuldig: Als Joseph am Tag nach ihrem intimen Gespräch einen Zeugen nicht hart genug rannimmt, beschwert sie sich bei ihm darüber, dass er es ihr zu leicht mache. Weiber! So setzt bei ihm auch kein Gesinnungswandel ein, als die Kassiererin am Tag vor ihrer Aussage ermordet wird (natürlich vom teuflischen Carl mit seiner Vokuhila-Frisur). Überhaupt wird das von allen so hingenommen, niemand zieht in Erwägung, dass ihr Tod direkt mit der Verhandlung in Verbindung stehen könnte. Stattdessen nur so: Och, das arme Mädchen, so ein Pech aber auch … Wenig später dieselbe Reaktion als Carls Kumpels tot aufgefunden werden: Tja, dann gibt es also nur noch einen Angeklagten. Marion, mit allen Wassern gewaschen, zieht ein Trumpf-As aus dem Ärmel, wissend, dass Carl ungestraft davonzukommen droht: eine neue Augenzeugin. Die gibt es aber gar nicht, stattdessen steht auf dem Zettel, den sie dem Richter gegeben hat, ein falscher Name und ihre eigene Adresse! Sie will Carl damit in eine Falle locken! Und der lässt sich auch nicht lang bitten. Zum Glück kommt Joseph vorbei und kann seine Ex in letzter Sekunde retten. Nach einer Verfolgungsjagd zu Fuß, bei der es dann auch den einen haarsträubenden, in diesem Kontext noch selbstzweckhafter als ohnehin schon daherkommenden Autostunt gibt, der anscheinend in keinem PM-Film fehlen darf, ermordet Joseph Carl durch Ersäufen – und steht nun selbst vor Gericht, wo ihn Marion verteidigt. Argument: Notwehr.

Nun ist Selbstjustiz bekanntermaßen ein schwieriges Thema. Und weil viele Menschen in erster Linie mit dem Bauch, statt mit dem Kopf denken, kommen sie oft auf die Idee, dass die Ermordung eines Mörders ja irgendwie gerechtfertigt und damit kein Mord sei. Aber wenn man einen Unbewaffneten erst durch die halbe Stadt hetzt und dann so lange unter Wasser drückt, bis dieser tot ist, dann kann das nun einmal keine Selbstverteidigung mehr sein. Das ist Mord. Und so setzt es der Bizarrheit von NIGHT OF THE WILDING endgültig die Krone auf, wenn Joseph am Ende freigesprochen wird und erleichtert durchatmet. Merhis ganzer Film ist von einem so frappierenden Nicht-Verstehen nicht nur noch der einfachsten Rechtsgrundsätze, sondern auch der Regeln von Narration und Zuschauerbindung geprägt, dass man nur noch staunen kann.

Der Begriff „Wilding“ beschreibt übrigens aus Langeweile oder „Spaß“ von Jugendlichen verübte Gewaltverbrechen, ein Jugendphänomen, das Ende der Achtziger-/Anfang der Neunzigerjahre anscheinend in aller Munde war. Im selben Jahr wie NIGHT OF THE WILDING erschien jedenfalls auch noch der Wings-Hauser-Film WILDING, der sich ebenfalls um jugendliche Gewalttäter dreht und den ich anhand meiner allerdings schon gut 20 Jahre zurückliegenden Sichtung mal vorsichtig in die Kategorie „geil langweilig“ einordnen würde.

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