inherent vice (paul thomas anderson, usa 2014)

Veröffentlicht: August 13, 2015 in Film
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Es ist hilfreich, wenn man vor der Betrachtung von INHERENT VICE eine ungefähre Vorstellung von Thomas Pynchon’s Literatur hat. Pynchon wurde berühmt mit seinem 1974 erschienenen Roman „Gravity’s Rainbow“, einer über 1.000 Seiten starken Collage unterschiedlichster Stile, sich über mehrere Jahrhunderte erstreckender Plotlines und Dutzender handelnder Charaktere, der als Meisterwerk der modernen amerikanischen im Allgemeinen und der postmodernen Literatur im Besonderen gilt. Pynchon verfügt über einen ungemein dichten Stil, der voller Witz steckt und auf einen dicht gewebten Referenzsystem basiert. Hippie-, Drogen- und Popkultur – Musik, Film, Fernsehen, Comics, Verschwörungstheorien –, Politik, Philosophie, Naturwissenschaften: Alles findet Eingang in seine Texte, wird dort nicht getrennt voneinander verhandelt, sondern fließt fortwährend zu einer untrennbaren Melange zusammen, die immer wieder erstaunliche Bezüge zu Tage fördert. Pynchons Romane werden gemeinhin mit dem Etikett „unverfilmbar“ versehen, eben weil sie gängige Vorstellungen von Narration über den Haufen werfen, eher diskursiv als dramaturgisch strukturiert sind. „Gravity’s Rainbow“ am Stück von vorn bis hinten zu lesen, macht wahrscheinlich kaum mehr Sinn, als ihn sich abschnittsweise in beliebiger Reihenfolge zuzuführen. „Inherent Vice“, ein Roman aus dem Jahr 2009, gilt wegen seiner vergleichsweise geradlinigen Storyline als „Pynchon lite“, was ihn für eine Verfilmung prädestinierte, aber es empfiehlt sich trotzdem, Andersons Film einfach an sich vorbeifließen zu lassen, ihn als lebendiges, oszillierendes Stimmungsbild zu betrachten, als Sammlung von nur lose miteinander verbundenen Episoden, die weniger einem rationalen „Sinn“ verpflichtet sind, als einer gewissen Atmosphäre drogeninduzierter Paranoia, wie sie auch Pynchons Kollege Hunter S. Thompson als treffendes Bild für den amerikanischen Seelenzustand an der Schwelle zu den Siebzigerjahren begriffen hatte.

INHERENT VICE folgt strukturell der klassischen Noir-Dramaturgie: Der Detektiv Doc Sportello (Joaquin Phoenix), ein dauerbekiffter Hippie, wird von seiner Ex-Freundin Shasta (Katherine Waterston) aufgesucht. Sie berichtet ihm, dass die Ehefrau ihres derzeitigen Liebhabers, des erfolgreichen Immobilienspekulanten Mickey Wolfmann (Eric Roberts), versucht, diesen in eine Anstalt einzuweisen, um sich sein Vermögen unter den Nagel zu reißen, und bittet um Hilfe. Bei seinen Ermittlungen stößt er nach kurzer Zeit auf die Leiche von Glen Charlock, seines Zeichens Leibwächter Wolfmanns, und wird von seiner Nemesis, dem Cop Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen (Josh Brolin), wegen Mordverdacht festgenommen. Die Bitte einer alleinerziehenden Mutter, Hope Harlinger (Jena Mason), ihren verschwundenen Gatten wiederzufinden, bringt Doc in Kontakt mit Coy (Owen Wilson), einem Saxophonspieler, der sich als Informant für zahlreiche staatliche und illegale Organisationen verdingt, und deshalb untertauchen musste. Er erzählt Doc von einem Syndikat namens „Golden Fang“, das vielleicht auch nur ein Schiff ist, mit dem Schmuggelware in die USA gebracht wird, oder eine aus Steuerzwecken gegründete Zahnarztvereinigung …

Der Versuch einer Inhaltsangabe verdeutlicht, dass Anderson/Pynchon die Stilistika des Noirs nutzen, um einerseits tief in den drogenvernebelten Kopf ihres Protagonisten einzudringen, andererseits in einen Kosmos voller bizarrer Charaktere, die über rätselhafte, unerklärliche Umwege miteinander verbunden zu sein scheinen. Dabei wird ebenso auf typische Sechzigerjahre- und Hippieklischees zurückgegriffen – Esoterik, Beatnik-Kultur, Drogenszene –, wie auf gesellschaftspolitische Phänomene. „Paranoia“ ist das Stichwort: Vieles von dem, was Doc herausfindet, scheint seinem eigenen Wahn zu entspringen, andererseits spiegeln Figuren wie Bjornsen, mit seinem Fünfzigerjahre-Haarschnitt und den No-Nonsense-Methoden, und Aussagen wie die eines Streifenpolizisten, das jede Versammlung von drei oder mehr Personen als „Kult“ betrachtet werden müsse, vor allem, wenn sich unter diesen Personen Langhaarige befinden, auf die tiefe Kluft an, die zu jener Zeit mitten durch die amerikanische Gesellschaft verlief.

Aus dieser Collage von Trivialem und Bedeutungsvollem, von Witz und Tragik, Poesie und Klamauk ergibt sich ein ungemein vielschichtiges Porträt der amerikanischen Gesellschaft, das immer neue Facetten offenbart, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet. Anderson greift oft auf den „Originalton“ Pynchons zurück, lässt seine Worte durch die Voice-over-Erzählerin Sortilége (Joanna Newsom) rezitieren, schafft so einen reizvollen Kontrast zu den komischen Ereignissen. Aber auch, wenn man INHERENT VICE lediglich als Sammlung bizarrer, witziger, überraschender, immer brillant besetzter Kurzgeschichten betrachtet, kommt man hier mehr als nur auf seine Kosten. Die benebelte Stimmung des Films ergriff schnell von mir Besitz, er flog an mir vorbei wie ein Nachmittagsrausch und nie hatte ich das Gefühl, ihn nicht zu verstehen, auch wenn ich den Faden schon nach kürzester Zeit verloren hatte. Den inneren Zustand des Bekifftseins fängt Anderson brillant ein. Und nicht nur das. Für mich, der ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Paul Thomas Anderson habe, seinen THERE WILL BE BLOOD für einen unerträglich selbstgefälligen Klumpen halte, ist dies seine bislang beste Arbeit. Und einer der stärksten amerikanischen Filme der letzten Jahre.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Klasse. Ich habe Anderson immer respektiert, aber IV habe ich geliebt.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Übrigens, der neue Tarantino hat einen ersten Trailer.
    Visuell natürlich Klasse, es ist aber auch fast unmöglich, die Schneebedeckten Gipfel von Telluride
    schlecht aussehen zu lassen. Vor allen Dingen wenn Robert Richardson das ganze in 70mm filmt.
    Und Jennifer Jason Leigh ist dabei. Ach ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

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