the entity (sidney j. furie, usa 1982)

Veröffentlicht: August 19, 2015 in Film
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THE ENTITY handelt von der alleinerziehenden Mutter Carla Moran (Barbara Hershey), die in ihrem Haus von einem Geist vergewaltigt wird.

Ich habe THE ENTITY jetzt zum ersten Mal gesehen, nachdem ich schon als pubertierender Jüngling über die im „Horror-Film-Lexikon“ skizzierte Inhaltsangabe gestaunt hatte. Ich konnte bis zuletzt nicht so recht glauben, dass es diesen Film tatsächlich gibt bzw. dass er wirklich von Geistervergewaltigung handelt. Schließlich war THE ENTITY mitnichten die spekulative Schmuddelproduktion eines skrupellosen C-Film-Moguls, der sich, die Dollarzeichen in den Augen, mit Inbrunst auf einen solchen Stoff gestürzt hätte, sondern ein lupenreines, aufwändig produziertes, „seriöses“ Studioprodukt. Offensichtlich schienen die Produzenten es 1982 noch für eine gute, vermarktbare Idee zu halten, zu zeigen, wie eine Frau wiederholt von einer geisterhaften Macht missbraucht wird, wie sich ihre Brüste unter dem Druck unsichtbarer Finger verformen, wie sie von Psychologen argwöhnisch als komplexbeladene Masturbatorin betrachtet wird. Natürlich konnte man sich mit der Berufung auf eine „wahre Begebenheit“ das Feigenblatt der Aufklärung umhängen, die Verantwortung für solchen Nonsens gewissermaßen weiterschieben, aber das wirklich Erstaunliche ist, dass THE ENTITY das eigentlich gar nicht nötig hat. Sidney J. Furie ist tatsächlich das Kunststück gelungen, einen Film über Geistervergewaltigung (ich bedauere etwas, hier nicht von der viel kraftvoller klingenden ghost rape sprechen zu können, ohne als Anglizismenopfer rüberzukommen) zu drehen, der subtil, komplex und, ja, anspruchsvoll ist. Man fragt sich fast, was bei IRON EAGLE und SUPERMAN IV – THE QUEST FOR PEACE eigentlich schiefgegangen ist.

THE ENTITY überzeugt erst einmal durch die Haltung, die er zu seiner Geschichte einnimmt. Furie geht sehr nah ran an seine Hauptdarstellerin und lässt den Terror schon in seiner Auftaktszene vollkommen unvorbereitet über sie und den Zuschauer hereinbrechen. Charles Bernsteins Score verwandelt sich in diesem Moment in ein maschinelles, amelodiöses, kakophonisches Wummern, das fast körperliches Unwohlsein hervorruft. Melodramatische Details spart der Film völlig aus: Furie zieht den Zuschauer durch eine eher nüchterne Darstellung der Ereignisse auf Carlas Seite, nicht durch ein dramatisches Ausmalen der eh schon furchteinflößenden Situation. Und so geht es im weiteren Verlauf dann auch nicht so sehr um die „Identität“ von Carlas immateriellem Peiniger oder gar ihre Befreiung von dem Fluch, sondern um ihre Auseinandersetzung mit dem Psychologen Sneiderman (Ron Silver), der an Übersinnliches nicht glauben mag und Carlas schwierige Kindheit mit Missbrauch durch den streng religiösen Vater als Ursache des Übels sieht. Carla ist erst einmal ein ganz „normales“ Vergewaltigungsopfer, mit allen Begleiterscheinungen: Scham darüber, dieses Maß an unkontrollierbarer Lust auszulösen, die Entfremdung vom Geliebten (Alex Rocco), der nicht ertragen kann, dass da jemand anderes die Hände an seinem „Besitz“ hatte, und natürlich immer wieder die stillschweigende Unterstellung, dass man keineswegs nur wehrloses Opfer war. Die Abwesenheit eines Täters begünstigt gerade die Konzentration auf die Hilflosigkeit der Frau im Umgang mit der Tat, die sonst zugunsten der Strafverfolgung in den Hintergrund träte. Dass Carla von einem Geist vergewaltigt wird, scheint mithin weniger Ausdruck einer übersteuerten Fantasie zu sein, als vielmehr ein Mittel, den Focus zu verlagern. Es ist ein Gleichnis: Der Täter bleibt anonym, die Frau mit ihrer physischen und psychischen Verletzung allein zurück.

Auch die Horrorfilm-typische Gegenüberstellung von sich selbst verabsolutierender und dadurch blinder Ratio, verkörpert durch Sneiderman und seine Kollegen, die in ihrem Weltbild keinen Platz für Geister haben, und den Parapsychologen, die zwar objektiv „Recht“ haben, aber von der Schulmedizin sogleich mit dem Vorwurf der Ausbeutung bedacht werden, scheint zuerst einmal reaktionär. Tatsächlich führt Furie aber einen metafilmischen, selbstreflexiven Diskurs. Einmal erklärt Sneiderman seiner Patientin, dass Kobolde, Poltergeister, Nachtmahre und andere Sagengestalten, an die die Menschen einst glaubten, dazu dienten, verdrängter Schuld ein Gesicht zu geben und sie so gewissermaßen outzusourcen. Wer von unkontrollierbarer Lust übermannt wurde, machte ein Fabelwesen für diese Lust verantwortlich und wusch sich im Gegenzug rein. Für Sneiderman ist ganz klar, dass der geisterhafte Vergewaltiger lediglich ein externalisiertes Trauma Carlas ist: In ihm nimmt ihr gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität Gestalt an. Bilder machen später auch die Parapsychologen, wenn sie mit ihrem technischen Equipment anrücken, und versuchen, die sich im Haus Carlas ereignenden Phänomene aufzuzeichnen. Sie sind in ihrem Bemühen, dem Unsagbaren Gestalt zu verleihen, logischerweise die Gehilfen des Filmemachers, dessen Anliegen genau darin besteht. Sneiderman weiß es nicht, aber seine Ausführungen sind nichts anderes als die Erklärung der Funktion von Horrorfilmen, die innere Zustände in Schreckensbilder übersetzen, mit denen wir uns dann als Zuschauer direkt konfrontieren können. Das führt mich wieder zum vorangegangenen Absatz: THE ENTITY erfindet seinen „Rapeghost“, um sich mit dem Schrecken der Vergewaltigung auseinanderzusetzen.

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Kommentare
  1. R6dw6C sagt:

    „Man fragt sich fast, was bei IRON EAGLE und SUPERMAN IV – THE QUEST FOR PEACE eigentlich schiefgegangen ist.“

    Zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere war Furie schon im Abseits, nachdem er sich im Studiosystem offenbar die riskante Reputation erarbeitet hatte, schwierig/stur/unberechenbar zu sein. Nach PURPLE HEARTS war weitgehend Schluss mit seriösen Projekten, leider. Ich glaube, dass an Furie ein großer Filmemacher verloren gegangen ist – leider sind viele jener Filme, die das bestätigen (etwa THE LEATHER BOYS, THE NAKED RUNNER, BIG FAUSS AND LITTLE HALSEY, LADY SINGS THE BLUES, HIT) nicht wirklich, nicht flächendeckend oder erst seit Kurzem digital verfügbar, und die somnambule Transzendenz des inzwischen ja sehr respektablen IPCRESS FILE alleine hat wohl nicht ausgereicht, um ein nachhaltiges Interesse an seiner Filmographie zu triggern (mir völlig unverständlich, ich sah den Film 2009 in Cambridge im Kino und wollte seither immer mehr von Furie sehen).

    • Oliver sagt:

      Danke für die Anregungen! Habe mich mit ihm bislang gar nicht beschäftigt (mag die beiden genannten Titel aber tatsächlich trotz allem sehr gern).

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