halloween (john carpenter, usa 1978)

Veröffentlicht: August 23, 2015 in Film
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Gibt es irgendetwas über diesen Film zu sagen, was noch nicht gesagt wurde? Ich habe bislang noch nie über HALLOWEEN geschrieben und betrachte das irgendwie als Manko, da der Slasherfilm, den Carpenter entscheidend beeinflusste und initiierte, ein wichtiger Stützpfeiler meiner Filmsozialisation ist. Aber die letzten Sichtungen von HALLOWEEN waren auch alle irgendwie ernüchternd in der Hinsicht, dass mir kaum ein origineller Gedanke zu diesem Film gekommen ist. Carpenter schuf eine beängstigend perfekte, nahezu komplett geschlossene Maschine bar jeden Zierrats, die nackte Formel gewissermaßen, auf der zahllose Epigonen aufbauen konnten. HALLOWEEN kann man schon fast als mythologische Erzählung bezeichnen, weil Carpenter ein Gerüst lieferte, das in immer neuen Variationen ausgebaut werden konnte, ohne dass das Fundament dabei wesentlich verändert werden musste. Das betrifft sowohl seine makro- wie mikrostrukturelle Ausformung: die Idee eines Killers, der aus der Vergangenheit kommt, um sein Werk in der Gegenwart fortzusetzen und sich dafür junge Frauen als Opfer aussucht, die klimaktische Auseinandersetzung mit dem final girl, das überlebt, weil es sich „tugendhaft“ verhalten hat, die aristotelische Reduktion des Handlungsrahmens auf einen Ort und eine Nacht, aber eben auch die Entindividualisierung des Killers, der eine Verkörperung eines apriorischen Bösen ist. So wie HALLOWEEN die Mutter des Slasherfilms ist, ist Michael Myers der Vater aller Slasher, eine Leerstelle, eine Projektionsfläche, ein bloßes shape eben, das man beliebig mit Bedeutung füllen kann. Wobei: Ganz so beliebig dann doch nicht.

Es gab in der Rezeptionsgeschichte von HALLOWEEN diverse Interpretationsversuche: Vor allem die Abwesenheit der Eltern als schützender Instanz wurde als Ansatz für eine „gesellschaftskritische“ Lesart gesehen, die Carpenter jedoch immer weit von sich gewiesen hat. Nun ist die Meinung des Filmemachers zu seinem eigenen Werk natürlich vollkommen irrelevant oder wenigstens nicht privilegierter als die jedes anderen, der den Film gesehen hat und sich danach an der Exegese versucht, aber in diesem Fall bin ich eindeutig beim Regisseur. Schon die Zeichnung Michael Myers‘ als absolutes, nicht amoralisches, sondern sogar vormoralisches Böses führt von einer Bewertung seiner Figur nach sozialwissenschaftlichen oder psychologischen Mustern weg, ist ja gewissermaßen eine Kapitulation oder Negation der Ratio, die die Dinge empirisch zu erklären versucht. Myers wird nicht zum Killer, weil er schlecht erzogen wurde, sondern weil der Keim des Bösen, was immer das sein mag, von Anfang an in ihm schlummert. Seine Taten folgen keinem herkömmlichen Motiv, sondern sind Ausdruck eines tierischen Impulses. Sein Gesicht verbirgt er hinter eine weißen Maske, die kalte Abbildung eines Gesichts, das in dieser Form aber jede Gefühlsregung vermissen lässt. Es ist ein blank stare, völlige Leere, nicht Hass, Zorn oder Wut, sondern die Abwesenheit jeder menschlichen Regung, mit der er seinen Opfern gegenübertritt. Der schwarze Overall verwandelt ihn in einen Schatten und er bewegt sich mit der ruhigen Zielgerichtetheit eines Tieres auf der Jagd. Die viel kolportierte Beobachtung, dass er Teenager beim Sex tötet, ist nicht richtig – Annie (Nancy Loomis) wartet auf ihren Freund, als Michael sie überfällt, Lynda (P. J. Soles) und Bob (John Michael Graham) haben ihr Schäferstündchen bereits hinter sich gebracht: Es besteht keinerlei Kausalverbindung zwischen dem, was die Teenies treiben, und Michaels Handlungen. Er folgt überhaupt keinem erkennbaren Plan – zumindest keinem, der sich von normal denkenden Menschen nachvollziehen ließe. Carpenter selbst betonte immer, dass sein Film ein „reiner“ Horrorfilm sein sollte, ein Film ohne jede „Aussage“ – und das scheint mir auch das, was HALLOWEEN heute noch bemerkenswert macht. Dass Kritiker krampfhaft versuchten, ihn mit Bedeutung aufzuladen, beweist vor allem, wie beunruhigend dieses voraussetzunglose Böse ist, das Michael verkörpert, und wie gnadenlos effektiv Carpenter es einfängt.

Wenn man über die kompositorischen Besonderheiten des Films liest, wird immer wieder die Spannung zwischen Bildvorder- und -hintergrund erwähnt. Der Film beginnt mit der berühmten Subjektiven von Michaels erstem Mord als Sechsjährigem (mit einem vielsagenden Blick zur Seite auf das zustechende Messer, der suggeriert, dass Geist/Blick und Körper voneinander getrennte Instanzen sind). Auch später im Film, vor allem im ersten Drittel, entpuppen sich manche Kameraeinstellungen als Quasi-Subjektiven des Killers, der sich plötzlich vorn ins Bild schiebt. Charakteristischer erscheint mir aber Carpenters Einsatz der schemenhaften Figur im Bildhintergrund, mit den nichts Böses ahnenden Opfern vorn. Michael entwickelt mithilfe dieser Techniken eine Allgegenwart, die Loomis‘ Bewertung, ihn als Verkörperung des Bösen zu betrachten, noch unterstützt. Auf den Zuschauer hat dies eine extrem beunruhigende Wirkung, weil der ganze Film von Michael „infiziert“ scheint. Bezeichnenderweise endet HALLOWEEN mit einer Montage der Schauplätze des Films, über der das schwere Atmen des Killers liegt und die genau das zum Ausdruck bringt: Michael ist keine „Person“, sondern eine geisterhafte Präsenz, deren Wirken wie ein Schatten über Haddonfield liegt und die sich überall manifestieren kann.

Zum Abschluss will ich noch kurz auf einige Szenen oder Bilder eingehen, die mir diesmal besonders aufgefallen sind: Der Prolog mit Michaels erstem Mord endet auf der Straße vor seinem Haus, wo ihn seine mit dem Auto vorfahrenden Eltern in Empfang nehmen. Die Subjektive wird aufgelöst, die nun wieder „objektive“ Kamera zeigt dass es sich bei dem Mörder, dessen Perspektive wir zuvor eingenommen hatten, um ein unschuldig dreinblickendes Kind handelt. Die Kamera fährt langsam zurück in eine Totale, während der die Eltern sekundenlang einfach nur fassungslos neben ihrem Sohn stehen. Durch die Länge der Einstellung bekommt diese Szene etwas entschieden Träumerisches. Die Eltern erstarren förmlich, unfähig zu irgendeiner Regung. Man sollte erwarten, dass sie beim Anblick des blutigen Messers in Michaels Hand panisch nach drinnen rennen, aber nichts passiert. Das mag ein unwichtiges Detail sein, aber es zeigt bereits, dass hier etwas geschehen ist, das sich dem Verstand entzieht. Ähnlich seltsam ist die Szene, in der Michael die Flucht aus der Anstalt gelingt. Loomis fährt mit einer Krankenschwester in einer stürmischen Nacht dort vor, um ihn in eine andere Anstalt zu überführen, als ihr Blick auf einige in der Dunkelheit umherstreunende Patienten fällt. Es wird nie geklärt, warum die Insassen in ihren weißen Schlafkitteln draußen im Regen herumlaufen, aber das Bild ist immens verstörend. Gerade auch, weil es vollkommen aus dem Nichts kommt und dann einfach beiseitegeschoben wird. Die letzte Szene, auf die ich hinweisen möchte, ist die, in der Michael Lynda als Gespenst verkleidet aufsucht und sie so in den Glauben versetzt, es handle sich um ihren Freund Bob. Für sich genommen funktioniert sie sehr gut: Der Zuschauer weiß im Gegensatz zu dem nackt im Bett liegenden Mädchen, dass Bob tot ist, und sich der Killer unter dem Bettlaken befindet, sein Schweigen wird zunehmend unangenehmer, sein unweigerlicher Angriff schmerzhaft lang herausgezögert. Aber vor dem Hintergrund der Zeichnung Michaels als „leerer“ Mordmaschine fand ich es immer ziemlich seltsam, dass er plötzlich einen solchen Humor an den Tag legt oder es überhaupt für nötig erachtet, sich zu verkleiden, um sich seinem Opfer zu nähern. Hier bricht Carpenter das Bild zugunsten eines „konventionellen“ Spannungsmoments. Ein ähnlicher „Fehler“ unterläuft ihm später, wenn er kurz Michaels menschliches Gesicht zeigt. Ich glaube mittlerweile, dass das sehr unnötig ist, weil wir zwar wissen, dass ein Mensch unter der Maske steckt, aber ja schon längst akzeptiert haben, dass es sich bei diesem Menschen nicht um ein Individuum handelt.

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