Archiv für August, 2015

Gibt es irgendetwas über diesen Film zu sagen, was noch nicht gesagt wurde? Ich habe bislang noch nie über HALLOWEEN geschrieben und betrachte das irgendwie als Manko, da der Slasherfilm, den Carpenter entscheidend beeinflusste und initiierte, ein wichtiger Stützpfeiler meiner Filmsozialisation ist. Aber die letzten Sichtungen von HALLOWEEN waren auch alle irgendwie ernüchternd in der Hinsicht, dass mir kaum ein origineller Gedanke zu diesem Film gekommen ist. Carpenter schuf eine beängstigend perfekte, nahezu komplett geschlossene Maschine bar jeden Zierrats, die nackte Formel gewissermaßen, auf der zahllose Epigonen aufbauen konnten. HALLOWEEN kann man schon fast als mythologische Erzählung bezeichnen, weil Carpenter ein Gerüst lieferte, das in immer neuen Variationen ausgebaut werden konnte, ohne dass das Fundament dabei wesentlich verändert werden musste. Das betrifft sowohl seine makro- wie mikrostrukturelle Ausformung: die Idee eines Killers, der aus der Vergangenheit kommt, um sein Werk in der Gegenwart fortzusetzen und sich dafür junge Frauen als Opfer aussucht, die klimaktische Auseinandersetzung mit dem final girl, das überlebt, weil es sich „tugendhaft“ verhalten hat, die aristotelische Reduktion des Handlungsrahmens auf einen Ort und eine Nacht, aber eben auch die Entindividualisierung des Killers, der eine Verkörperung eines apriorischen Bösen ist. So wie HALLOWEEN die Mutter des Slasherfilms ist, ist Michael Myers der Vater aller Slasher, eine Leerstelle, eine Projektionsfläche, ein bloßes shape eben, das man beliebig mit Bedeutung füllen kann. Wobei: Ganz so beliebig dann doch nicht.

Es gab in der Rezeptionsgeschichte von HALLOWEEN diverse Interpretationsversuche: Vor allem die Abwesenheit der Eltern als schützender Instanz wurde als Ansatz für eine „gesellschaftskritische“ Lesart gesehen, die Carpenter jedoch immer weit von sich gewiesen hat. Nun ist die Meinung des Filmemachers zu seinem eigenen Werk natürlich vollkommen irrelevant oder wenigstens nicht privilegierter als die jedes anderen, der den Film gesehen hat und sich danach an der Exegese versucht, aber in diesem Fall bin ich eindeutig beim Regisseur. Schon die Zeichnung Michael Myers‘ als absolutes, nicht amoralisches, sondern sogar vormoralisches Böses führt von einer Bewertung seiner Figur nach sozialwissenschaftlichen oder psychologischen Mustern weg, ist ja gewissermaßen eine Kapitulation oder Negation der Ratio, die die Dinge empirisch zu erklären versucht. Myers wird nicht zum Killer, weil er schlecht erzogen wurde, sondern weil der Keim des Bösen, was immer das sein mag, von Anfang an in ihm schlummert. Seine Taten folgen keinem herkömmlichen Motiv, sondern sind Ausdruck eines tierischen Impulses. Sein Gesicht verbirgt er hinter eine weißen Maske, die kalte Abbildung eines Gesichts, das in dieser Form aber jede Gefühlsregung vermissen lässt. Es ist ein blank stare, völlige Leere, nicht Hass, Zorn oder Wut, sondern die Abwesenheit jeder menschlichen Regung, mit der er seinen Opfern gegenübertritt. Der schwarze Overall verwandelt ihn in einen Schatten und er bewegt sich mit der ruhigen Zielgerichtetheit eines Tieres auf der Jagd. Die viel kolportierte Beobachtung, dass er Teenager beim Sex tötet, ist nicht richtig – Annie (Nancy Loomis) wartet auf ihren Freund, als Michael sie überfällt, Lynda (P. J. Soles) und Bob (John Michael Graham) haben ihr Schäferstündchen bereits hinter sich gebracht: Es besteht keinerlei Kausalverbindung zwischen dem, was die Teenies treiben, und Michaels Handlungen. Er folgt überhaupt keinem erkennbaren Plan – zumindest keinem, der sich von normal denkenden Menschen nachvollziehen ließe. Carpenter selbst betonte immer, dass sein Film ein „reiner“ Horrorfilm sein sollte, ein Film ohne jede „Aussage“ – und das scheint mir auch das, was HALLOWEEN heute noch bemerkenswert macht. Dass Kritiker krampfhaft versuchten, ihn mit Bedeutung aufzuladen, beweist vor allem, wie beunruhigend dieses voraussetzunglose Böse ist, das Michael verkörpert, und wie gnadenlos effektiv Carpenter es einfängt.

Wenn man über die kompositorischen Besonderheiten des Films liest, wird immer wieder die Spannung zwischen Bildvorder- und -hintergrund erwähnt. Der Film beginnt mit der berühmten Subjektiven von Michaels erstem Mord als Sechsjährigem (mit einem vielsagenden Blick zur Seite auf das zustechende Messer, der suggeriert, dass Geist/Blick und Körper voneinander getrennte Instanzen sind). Auch später im Film, vor allem im ersten Drittel, entpuppen sich manche Kameraeinstellungen als Quasi-Subjektiven des Killers, der sich plötzlich vorn ins Bild schiebt. Charakteristischer erscheint mir aber Carpenters Einsatz der schemenhaften Figur im Bildhintergrund, mit den nichts Böses ahnenden Opfern vorn. Michael entwickelt mithilfe dieser Techniken eine Allgegenwart, die Loomis‘ Bewertung, ihn als Verkörperung des Bösen zu betrachten, noch unterstützt. Auf den Zuschauer hat dies eine extrem beunruhigende Wirkung, weil der ganze Film von Michael „infiziert“ scheint. Bezeichnenderweise endet HALLOWEEN mit einer Montage der Schauplätze des Films, über der das schwere Atmen des Killers liegt und die genau das zum Ausdruck bringt: Michael ist keine „Person“, sondern eine geisterhafte Präsenz, deren Wirken wie ein Schatten über Haddonfield liegt und die sich überall manifestieren kann.

Zum Abschluss will ich noch kurz auf einige Szenen oder Bilder eingehen, die mir diesmal besonders aufgefallen sind: Der Prolog mit Michaels erstem Mord endet auf der Straße vor seinem Haus, wo ihn seine mit dem Auto vorfahrenden Eltern in Empfang nehmen. Die Subjektive wird aufgelöst, die nun wieder „objektive“ Kamera zeigt dass es sich bei dem Mörder, dessen Perspektive wir zuvor eingenommen hatten, um ein unschuldig dreinblickendes Kind handelt. Die Kamera fährt langsam zurück in eine Totale, während der die Eltern sekundenlang einfach nur fassungslos neben ihrem Sohn stehen. Durch die Länge der Einstellung bekommt diese Szene etwas entschieden Träumerisches. Die Eltern erstarren förmlich, unfähig zu irgendeiner Regung. Man sollte erwarten, dass sie beim Anblick des blutigen Messers in Michaels Hand panisch nach drinnen rennen, aber nichts passiert. Das mag ein unwichtiges Detail sein, aber es zeigt bereits, dass hier etwas geschehen ist, das sich dem Verstand entzieht. Ähnlich seltsam ist die Szene, in der Michael die Flucht aus der Anstalt gelingt. Loomis fährt mit einer Krankenschwester in einer stürmischen Nacht dort vor, um ihn in eine andere Anstalt zu überführen, als ihr Blick auf einige in der Dunkelheit umherstreunende Patienten fällt. Es wird nie geklärt, warum die Insassen in ihren weißen Schlafkitteln draußen im Regen herumlaufen, aber das Bild ist immens verstörend. Gerade auch, weil es vollkommen aus dem Nichts kommt und dann einfach beiseitegeschoben wird. Die letzte Szene, auf die ich hinweisen möchte, ist die, in der Michael Lynda als Gespenst verkleidet aufsucht und sie so in den Glauben versetzt, es handle sich um ihren Freund Bob. Für sich genommen funktioniert sie sehr gut: Der Zuschauer weiß im Gegensatz zu dem nackt im Bett liegenden Mädchen, dass Bob tot ist, und sich der Killer unter dem Bettlaken befindet, sein Schweigen wird zunehmend unangenehmer, sein unweigerlicher Angriff schmerzhaft lang herausgezögert. Aber vor dem Hintergrund der Zeichnung Michaels als „leerer“ Mordmaschine fand ich es immer ziemlich seltsam, dass er plötzlich einen solchen Humor an den Tag legt oder es überhaupt für nötig erachtet, sich zu verkleiden, um sich seinem Opfer zu nähern. Hier bricht Carpenter das Bild zugunsten eines „konventionellen“ Spannungsmoments. Ein ähnlicher „Fehler“ unterläuft ihm später, wenn er kurz Michaels menschliches Gesicht zeigt. Ich glaube mittlerweile, dass das sehr unnötig ist, weil wir zwar wissen, dass ein Mensch unter der Maske steckt, aber ja schon längst akzeptiert haben, dass es sich bei diesem Menschen nicht um ein Individuum handelt.

9 1/2 WEEKS ist ein gutes Beispiel dafür, wie vergänglich der Ruhm sein kann: In den Achtzigerjahren war Adrian Lynes Film als marketingträchtiger Skandal in aller Munde, die sadomasochistischen oder auch nur kreativen erotischen Spiele, die John Gray (Mickey Rourke) und Elizabeth (Kim Basiner) miteinander spielen, beflügelten so manches eingeschlafene Sexleben seiner Zuschauer und natürlich die Fantasie Pubertierender, die den Film wie ich anno 1990 bei seiner Free-TV-Premiere mitschnitten, um ihre Onaniesessions damit audiovisuell aufzuwerten. Die Hauptdarsteller erwarben oder festigten ihren Ruf als Sexsymbole, Adrian Lyne lieferte nach FLASHDANCE ein weiteres beredtes Argument dafür ab, warum man ihn heute als einen der prägendsten Regisseure der Achtzigerjahre bezeichnen darf. Dabei war sein Film mitnichten ein Riesenerfolg, in den USA sogar ein desaströser Flop, der erst durch den internationalen Einsatz und die Zweitverwertung „gerettet“ wurde und zum Kultfilm reifte. Schon wenige Jahre später redete aber eigentlich kein Mensch mehr von 9 1/2 WEEKS. Heute wird er am ehesten noch als Zeitmaschine rezipiert, mit der man sich in die Achtzigerjahre beamen kann, oder als putziges Beispiel dafür, was man früher so geil fand, herangezogen. Erotik hat eine nur kurze Halbwertzeit und was heute die Gemüter erregt, sorgt morgen bestenfalls noch für ein müdes Lächeln. Dabei lohnt es sich durchaus, sich 9 1/2 WEEKS noch einmal unvoreingenommen anzuschauen: Nicht nur gelang es Lyne wirklich, eine anregende erotische Atmosphäre zu schaffen – während die meisten der Designer-Softsex-Filmchen, die in seinem Gefolge entstanden, vor allem langweilig und steril sind –, sein Film ist auch in seiner Zeichnung einer dysfunktionalen Beziehung und der sadomasochistischen Beziehungsdynamik bemerkenswert differenziert.

Sein Gelingen beruht dabei nicht zuletzt auf dem überzeugenden Spiel der Darsteller, die Lyne einer menschlich fragwürdigen Spezialbehandlung unterzog, an die sich vor allem Kim Basinger heute mit Grausen zurückerinnert. Lyne verbat Rourke und Basinger, abseits des Drehs miteinander Kontakt aufzunehmen, verweigerte ihr jegliche Anweisung, manipulierte sie hingegen mit Aussagen darüber, wie Rourke diese oder jene Szene zu spielen gedenke, um sie nach Belieben vorzuprägen. Auch vor Misshandlung schreckte er dabei nicht zurück: Als die Basinger ihm einmal zu „hübsch“ aussah, forderte er Rourke auf, ihr wehzutun. Erst als sie nach einer Ohrfeige in Tränen ausbrach, begann er zu drehen. Die Furcht, Erregung und Nervosität Elizabeths, die man im Film sieht, ist mithin echt. Und um ihren kontinuierlichen Zusammenbruch transparent zu machen, drehte er den ganzen Film in chronologischer Reihenfolge, Kim Basinger an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treibend. Die verstörende Qualität des Films schreckte aber das Testpublikum massiv ab: Vor allem das Ende, bei dem John seine Geliebte einem Selbstmordspielchen unterzieht, stieß auf Empörung und musste vor dem Start komplett entfernt werden. Der Entschluss Elizabeths, John zu verlassen, kommt in der Fassung, die schließlich in die Kinos gelangte, etwas überraschend – was das Fass zum überlaufen bringt, ist die eigentlich harmlose Fummelei Johns mit einer Prostituierten vor Elizabeths Augen –, aber eben auch realistischer. Und Johns finale Erkenntnis, seine große Liebe vertrieben zu haben, sein verzweifelter Versuch, sich zum ersten Mal vor ihr zu öffnen, um sie bei sich zu halten, erwecken nun tatsächlich Empathie, weil sein Verhalten eben noch nicht gänzlich ins Pathologische abgedriftet ist.

Es hilft natürlich immens, mit der Achtzigerästhetik etwas anfangen zu können, wenn man 9 1/2 WEEKS schaut. Von den Bildern eines noch nicht gentrifizierten, aber doch schon „hippen“ Manhattans, in dem die Yuppies überall ihre kleinen Enklaven errichtet haben, und natürlich der Mode über typische, dem Noir entlehnte Stilistika, wie etwa die expressiven Licht- und Schattenspiele, bis hin zum unverwechselbaren Score von Jack Nitzsche, der immer wieder von stimmungsvollen Synthie-Pop-Nummern aufgelockert wird, funktioniert Lynes Film fast schon wie eine Enzyklopädie des Eighties-Chic. Doch ist er dabei eben nicht nur kalt, wie oft unterstellt wird, entwickelt viel eher eine fiebrige, schüttelfrostige Atmosphäre zwischen Hitzeschüben und Kälteschaudern. Die Fotografie ist einmalig, die nie im Gleichgewicht befindliche Balance zwischen den Protagonisten, gewährt immense Spannung. Mickey Rourke ist nicht nur irrsinnig gutaussehend – es tut fast weh, ihn so zu sehen und seinem gegenwärtigen Alter ego gegenüberzuhalten –, sondern auch faszinierend unheimlich mit seinem abgründigen Lächeln: Man weiß nie, woran man bei ihm ist und er erreicht, dass die Stimmung binnen Sekundenbruchteilen kippt, ohne seinen Ausdruck wesentlich zu verändern. Unvorstellbar, was aus ihm hätte werden können, hätte er in den Folgejahren ein besseres Händchen mit seiner Rollenwahl bewiesen. Kim Basinger ist seine ideale Partnerin, weil sie nicht nur lecker aussieht, sondern sich auch spürbar überwinden muss, sich ihrem Partner dergestalt zu unterwerfen. Der eigentlich Schlüssel zum Erfolg. Ja, ich muss es so deutlich sagen: 9 1/2 WEEKS ist ein großartiger Film.

A MAN CALLED HORSE stammt aus einer Zeit, als viele Filmemacher offensichtlich bemüht waren, das im Western über viele Jahrzehnte gezeichnete, oft klischierte Bild des Indianers einer Revision zu unterziehen. Innerhalb weniger Jahre entstanden Filme wie SOLDIER BLUE oder ULZANA’S RAID, die die amerikanischen Ureinwohner nicht als zu bezwingende Wilde zeichneten, sondern sie als Menschen Ernst nahmen und auch die Verbrechen, derer sich die weißen Eroberer an ihnen schuldig machten, in der gebotenen Härte darstellten.

Elliott Silversteins Film beruht auf einer Kurzgeschichte der Westernautorin Dorothy M. Johnson, von der auch die Vorlagen zu Fords THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE und Delmer Daves THE HANGING TREE stammen, und wurde mit der Behauptung beworben, ein „authentisches Porträt“ des Lebens der amerikanischen Ureinwohner zu zeichnen. Sein viel diskutiertes pièce de résistance ist die lange Sequenz, in der die Hauptfigur dem Initiationsritus des „Sonnentanzes“ (im Original: „vow of the sun“) unterzogen wird. (A MAN CALLED HORSE war damit der erste Film, der die sogenannte „Flesh Hook Suspension“ zeigte, ein Brauch, der heute noch in der „Modern Primitive“-Kultur gepflegt wird.) Bereits im Vorspann des Filmes wird auf diese Sequenz hingeweisen und mitgeteilt, dass der Brauch in den späten Jahren des 19. Jahrhunderts verboten worden sei: Schon hier tritt die Zwiespältigkeit des Films hervor: Auch wenn Silverstein sich bemüht, die Indianer nicht zu beäugen wie der Zoobesucher die vielfältigen animalischen Attraktionen, sondern stattdessen eine Innenperspektive einzunehmen, und er zahlreiche echte Indianer als Schauspieler und Berater engagierte, benötigt er dennoch den weißen Helden, der den Primitiven letztlich zeigt, wie der Hase läuft – und sein Love Interest wird auch noch von einer Griechin gegeben, Corinna Tsopei, die 1964 Miss Universum geworden war. Indianer-Vertreter und Aktivisten protestierten erwartungsgemäß lautstark und vehement gegen den Film. In ihrem Buch „The Only Good Indian: The Hollywood Gospel“ von 1972 schrieben Ralph E. und Natasha A. Friar etwa:

„How to make an Indian movie. Buy 40 Indians. Totally humiliate and degrade an entire nation. Make sure all Indians are savage and ignorant. Satisfy Indian groups by seeking authenticity. Import a Greek to be an Indian princess. Introduce a white man to become an ,Indian‘ hero. Make the white man compassionate, brave and understanding. Make the white man an ,Indian‘ leader to save the souls of the weak. desecrate the Indian religion. Pocket the profits in Hollywood.“

Aber A MAN CALLED HORSE hatte nicht nur mit solchen ideologiekritischen Vorwürfen zu kämpfen, er musste sich auch ankreiden lassen, es in der Darstellung des indianischen Lebens nicht ganz so genau genommen zu haben, wie es angeblich sein Anspruch gewesen war. Zwar beriefen sich die Produzenten auf die Erfahrungsberichte des Malers, Autors und Indianerkenners George Catlin – seine Mutter und Großmutter waren während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges von Indianern entführt worden und prägten durch die so erworbenen Erfahrungen sein späteres Interesse am Leben der Ureinwohner, mit dem er sich auf zahlreichen Reisen intensiv auseinandersetzte –, doch warfen sie dabei einiges durcheinander: Die den Sioux zugeschriebenen Praktiken waren viel eher eine Verbindung von Bräuchen der Crow und Mandan, die mit den Sioux sogar verfeindet waren. Es half nichts, dass Clyde Dollar, der Historiker, der am Film beteiligt war, die Kritik als Ausdruck von Eifersüchtelei zwischen den verschiedenen Stämmen bewertete, die von den damaligen Gegebenheiten eh keine Ahnung hätten.

Es ist nahezu unmöglich, all diese Vorwürfe zu entkräften: A MAN CALLED HORSE ist tatsächlich ein „imperialistischer“ Film, der die Menschen, die er seinem Publikum nahebringen will, doch wieder nur durch die verzerrte Brille des weißen Mannes betrachtet und sie in ein narratives Korsett zwängt, das eindeutig als „weiß“ zu identifizieren ist. Die Naivität dieses Konzepts mit dem Aufstieg des tapferen Weißen zum Anführer und dem sein Schicksal teilenden Franzosen, der als sein Vertrauter und Helfer fungiert, ist mehr als 40 Jahre nach seinem Kinostart offensichtlich. Auch fällt die Selbstgerechtigkeit des Protagonisten unangenehm auf, der seinen Freund einmal tadelt, die Indianer auch nach über fünf Jahren des Zusammenlebens nur als seine Peiniger zu betrachten, aber selbst immer noch einen Dolmetscher braucht, um sich überhaupt verständigen zu können. Dieser Mangel einer verbalen Übereinkunft ist es auch, der am unangenehmsten nachhallt, und den Eindruck, da kommt ein Herrenmensch an und reißt mal eben, von oben herab Befehle erteilend, die Kontrolle des Ladens an sich, verstärkt. Aber all das ändert nur wenig daran, dass Silversteins Film für seine Zeit durchaus ambitioniert war und auch heute noch schön anzuschauen ist. Dass er über weite Strecken auf verständlichen, sprich: englischen, Dialog verzichtet, den Protagonisten verstummen lässt, ermöglicht tatsächlich, diesen Einblick in die andere Kultur. Die Naturaufnahmen und natürlich die „Sonnentanz“-Sequenz sind auch heute noch beeindruckend und Richard Harris als Wahlindianer eine echte Schau. Nur den Klassikerstatus, den der Film vielleicht einmal innehatte, kann man heute nicht mehr wirklich bestätigen, dafür ist dann doch zu viel ideologischer Sand im Getriebe.

THE ENTITY handelt von der alleinerziehenden Mutter Carla Moran (Barbara Hershey), die in ihrem Haus von einem Geist vergewaltigt wird.

Ich habe THE ENTITY jetzt zum ersten Mal gesehen, nachdem ich schon als pubertierender Jüngling über die im „Horror-Film-Lexikon“ skizzierte Inhaltsangabe gestaunt hatte. Ich konnte bis zuletzt nicht so recht glauben, dass es diesen Film tatsächlich gibt bzw. dass er wirklich von Geistervergewaltigung handelt. Schließlich war THE ENTITY mitnichten die spekulative Schmuddelproduktion eines skrupellosen C-Film-Moguls, der sich, die Dollarzeichen in den Augen, mit Inbrunst auf einen solchen Stoff gestürzt hätte, sondern ein lupenreines, aufwändig produziertes, „seriöses“ Studioprodukt. Offensichtlich schienen die Produzenten es 1982 noch für eine gute, vermarktbare Idee zu halten, zu zeigen, wie eine Frau wiederholt von einer geisterhaften Macht missbraucht wird, wie sich ihre Brüste unter dem Druck unsichtbarer Finger verformen, wie sie von Psychologen argwöhnisch als komplexbeladene Masturbatorin betrachtet wird. Natürlich konnte man sich mit der Berufung auf eine „wahre Begebenheit“ das Feigenblatt der Aufklärung umhängen, die Verantwortung für solchen Nonsens gewissermaßen weiterschieben, aber das wirklich Erstaunliche ist, dass THE ENTITY das eigentlich gar nicht nötig hat. Sidney J. Furie ist tatsächlich das Kunststück gelungen, einen Film über Geistervergewaltigung (ich bedauere etwas, hier nicht von der viel kraftvoller klingenden ghost rape sprechen zu können, ohne als Anglizismenopfer rüberzukommen) zu drehen, der subtil, komplex und, ja, anspruchsvoll ist. Man fragt sich fast, was bei IRON EAGLE und SUPERMAN IV – THE QUEST FOR PEACE eigentlich schiefgegangen ist.

THE ENTITY überzeugt erst einmal durch die Haltung, die er zu seiner Geschichte einnimmt. Furie geht sehr nah ran an seine Hauptdarstellerin und lässt den Terror schon in seiner Auftaktszene vollkommen unvorbereitet über sie und den Zuschauer hereinbrechen. Charles Bernsteins Score verwandelt sich in diesem Moment in ein maschinelles, amelodiöses, kakophonisches Wummern, das fast körperliches Unwohlsein hervorruft. Melodramatische Details spart der Film völlig aus: Furie zieht den Zuschauer durch eine eher nüchterne Darstellung der Ereignisse auf Carlas Seite, nicht durch ein dramatisches Ausmalen der eh schon furchteinflößenden Situation. Und so geht es im weiteren Verlauf dann auch nicht so sehr um die „Identität“ von Carlas immateriellem Peiniger oder gar ihre Befreiung von dem Fluch, sondern um ihre Auseinandersetzung mit dem Psychologen Sneiderman (Ron Silver), der an Übersinnliches nicht glauben mag und Carlas schwierige Kindheit mit Missbrauch durch den streng religiösen Vater als Ursache des Übels sieht. Carla ist erst einmal ein ganz „normales“ Vergewaltigungsopfer, mit allen Begleiterscheinungen: Scham darüber, dieses Maß an unkontrollierbarer Lust auszulösen, die Entfremdung vom Geliebten (Alex Rocco), der nicht ertragen kann, dass da jemand anderes die Hände an seinem „Besitz“ hatte, und natürlich immer wieder die stillschweigende Unterstellung, dass man keineswegs nur wehrloses Opfer war. Die Abwesenheit eines Täters begünstigt gerade die Konzentration auf die Hilflosigkeit der Frau im Umgang mit der Tat, die sonst zugunsten der Strafverfolgung in den Hintergrund träte. Dass Carla von einem Geist vergewaltigt wird, scheint mithin weniger Ausdruck einer übersteuerten Fantasie zu sein, als vielmehr ein Mittel, den Focus zu verlagern. Es ist ein Gleichnis: Der Täter bleibt anonym, die Frau mit ihrer physischen und psychischen Verletzung allein zurück.

Auch die Horrorfilm-typische Gegenüberstellung von sich selbst verabsolutierender und dadurch blinder Ratio, verkörpert durch Sneiderman und seine Kollegen, die in ihrem Weltbild keinen Platz für Geister haben, und den Parapsychologen, die zwar objektiv „Recht“ haben, aber von der Schulmedizin sogleich mit dem Vorwurf der Ausbeutung bedacht werden, scheint zuerst einmal reaktionär. Tatsächlich führt Furie aber einen metafilmischen, selbstreflexiven Diskurs. Einmal erklärt Sneiderman seiner Patientin, dass Kobolde, Poltergeister, Nachtmahre und andere Sagengestalten, an die die Menschen einst glaubten, dazu dienten, verdrängter Schuld ein Gesicht zu geben und sie so gewissermaßen outzusourcen. Wer von unkontrollierbarer Lust übermannt wurde, machte ein Fabelwesen für diese Lust verantwortlich und wusch sich im Gegenzug rein. Für Sneiderman ist ganz klar, dass der geisterhafte Vergewaltiger lediglich ein externalisiertes Trauma Carlas ist: In ihm nimmt ihr gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität Gestalt an. Bilder machen später auch die Parapsychologen, wenn sie mit ihrem technischen Equipment anrücken, und versuchen, die sich im Haus Carlas ereignenden Phänomene aufzuzeichnen. Sie sind in ihrem Bemühen, dem Unsagbaren Gestalt zu verleihen, logischerweise die Gehilfen des Filmemachers, dessen Anliegen genau darin besteht. Sneiderman weiß es nicht, aber seine Ausführungen sind nichts anderes als die Erklärung der Funktion von Horrorfilmen, die innere Zustände in Schreckensbilder übersetzen, mit denen wir uns dann als Zuschauer direkt konfrontieren können. Das führt mich wieder zum vorangegangenen Absatz: THE ENTITY erfindet seinen „Rapeghost“, um sich mit dem Schrecken der Vergewaltigung auseinanderzusetzen.

THE TOWERING INFERNO darf als McQueens letzter wirklich großer Film gelten, doch wahrscheinlich ist es seit seinem Durchbruch in den Sechzigerjahren auch der erste, den man nicht als „Steve-McQueen-Film“ bezeichnen kann. Nicht nur, dass dem Star mit Paul Newman ein mindestens gleichrangiger Partner zur Seite gestellt wurde – Newman war jahrelang der Gradmesser, an dem McQueen seinen eigenen Karrierefortschritt bewertete, und die Antwort auf die Frage, wer von den beiden in THE TOWERING INFERNO das prestigeträchtige „Top-Billing“ erhalten würde, kostete die Produzenten großes diplomatisches Geschick und Kreativität –, Irwin Allens Film ist als Gipfelpunkt seiner Katastrophenfilm-Reihe auch ein Werk, das seine Darsteller in den Schatten der damals beispiellosen Spezialeffekte und des High Concept stellte.

Allens Filme – neben diesem vor allem THE POSEIDON INFERNO, aber auch der massiv gefloppte Bienenfilm THE SWARM und die gleichermaßen erfolglosen BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE und WHEN TIME RAN OUT, sowie die thematisch verwandten Fernsehproduktionen FLOOD! und FIRE! – setzten auf die publikumsträchtige und gut vermarktbare Verbindung aufwändiger Spezialeffekte und stargespickter Besetzungslisten. Es sind hochgradig materialistische Filme, die so entstanden und den Zuschauer heute unweigerlich an überdimensionierte, größenwahnsinnige Jahrmarktsattraktionen erinnern. Die Schablone, nach der sie gefertigt wurden, hatte Allen dem Film AIRPORT entlehnt und binnen kürzester Zeit zur fragwürdigen Perfektion getrieben. Der Regisseur, der hinter der Kamera stand, war kaum mehr als ein besserer Fotograf, dessen Aufgabe in erster Linie darin bestand, die materiellen und menschlichen Schauwerte wirksam ins Bild zu setzen. Eine persönliche Handschrift sucht man vergebens und so sind Allens Katastrophenfilme dann auch von einer beachtlichen Homogenität und Gleichförmigkeit.

Inhaltlich zeichnen sie sich meist durch eine fast religiös anmutende Fortschritts- und Technikskepsis (was angesichts des technischen Aufwands, der da betrieben wurde, höchst ironisch ist) sowie die Beimengung manipulativer melodramatischer Elemente aus. In der Exposition von THE TOWERING INFERNO wird das moderne Hochhaus, das höchste der Welt, eingeführt, dessen Eröffnungsfeier kurz bevorsteht. Architekt Doug Roberts (Paul Newman) will sich aus dem Geschäft des „Höher, Schneller, Weiter“ zurückziehen, Bauherr Jim Duncan (William Holden) ihn natürlich behalten. Schon nach kurzer Zeit entdeckt Doug, dass Pfusch am Bau betrieben wurde: Um Kosten zu sparen, hat Simmons (Richard Chamberlain), der Schwiegersohn Duncans, billige Kabel verbaut. Diese Kabel lösen einen zunächst unentdeckt bleibenden Brand aus, der die oberen Etagen des Wolkenkratzers in eine Todesfalle verwandelt. Während die gefangenen Partygäste zu entkommen versuchen, kämpft die von Chief O’Halloran (Steve McQueen) angeführte Feuerwehr verzweifelt gegen die Flammen an. Die letzten zwei Stunden des rund 165 Minuten langen Films bestehen aus einer unablässigen Folge mehr oder minder spannender oder actionreicher Set Pieces, die jeweils die Überwindung eines neuen Hindernisses zum Thema haben und bei denen die breite Besetzung zunehmend ausgedünnt wird. Damit das den richtigen emotionalen Nachhall findet, werden da Liebespaare getrennt oder beim Schäferstündchen überrascht, alternde Damen auf halsbrecherische Klettertour geschickt, behinderte Kinder in den Flammen ausgesetzt oder treue Freunde versengt. Ein besonders beliebtes Allen’sches Mittel ist die Betonung der schicksalhaften Fügung: Bevor Sekretärin Patty (Susan Blakely) von ihrem Chef und Lover (Robert Wagner) unter dem Vorwand, einen Brief aufzunehmen, zum Schäferstündchen in sein Büro gerufen wird, in dem sie beide den Tod finden werden, bemerkt ihre Kollegin, dass sie doch schon fast in ihren Feierabend gegangen wären.

Wie die meisten in den Siebzigerjahre entstandenen Katastrophenfilme wirkt auch THE TOWERING INFERNO heute hoffnungslos überkommen – und im Grunde war er das ja auch damals schon, egal wie revolutionär seine Effekte auf seine Zuschauer gewirkt haben mögen. Es ist, als hätte es das New Hollywood und seine Idee, realistische Geschichten einfacher Leute zu erzählen, nie gegeben, als sei die Tradition des immer auch etwas angeberischen Monumentalkinos noch genauso lebendig wie 20 Jahre zuvor. Man mag in Allens Filmen einen Vorläufer des wenig später mit STAR WARS losgetretenen, heute das Gros der Hollywood-Produktionen ausmachenden Eventkinos sehen, doch ästhetisch hat er nichts damit zu tun. THE TOWERING INFERNO mutet vor allem hinsichtlich seiner Dramaturgie fast fernsehmäßig an, als hätte Allen einen Supercut aus den besten LOVE BOAT-Episoden erstellt und mit teuren Effektsequenzen aufgemotzt. Die ehrfurchtgebietende Darstellerriege wird zur Verkörperung eindimensionaler Pappkameraden durch die plüschigen Settings gejagt, die atemlose Aneinanderreihung von Attraktionen lässt zwischendurch immer wieder Zeit für das Einschieben eines Werbeblocks oder die Toilettenpause und ein ausgelutschtes, trantütiges Klischee – das Paar mit divergierenden Karriereplänen, der pfennigfuchsende, arrogante Schwiegersohn, die vom Pech verfolgten Liebenden, der die Katastrophe herunterspielende Unternehmer, der durchgreifende Feuerwehrmann, die tapferen Kinderlein, die Massenpanik, die die Katastrophe noch vergrößert, die Hornbrille Duncans – jagt das nächste. THE TOWERING INFERNO ist weniger Film als vielmehr Aufhänger für eine Marketingkampagne zur Selbstdarstellung Allens und erinnert darin an die zum dramatischen Scheitern verurteilten Bemühungen übermotivierter Provinz-Impresarios, irgendwelche ehemaligen Bundesligastars zu Fantasiesummen für ihren Kreisligaverein oder auf den Bühnen der Welt beheimatete Superstars zur Eröffnung des lokalen Möbelhauses zu engagieren. Was in der freien Wirtschaft regelmäßig zu scheppernden Konkursen führt, zog auch bald Allens Niedergang nach sich. Die Kluft zwischen der großes Entertainment versprechenden Oberfläche seiner Filme und dem, was sich darunter verbarg, fiel spätestens bei THE SWARM auch dem wohlmeinendsten Zuschauer noch frappierend ins Auge. Nach drei Megaflops in Folge war Allens Produzentenkarriere dann beendet.

Den nackten Unterhaltungswert von THE TOWERING INFERNO tut das alles keinen Abbruch. In seinem Größenwahn und seiner geschmacklosen Anhäufung von protzigen Schauwerten ist er beispiellos und ähnlich erdrückend wie die mit potthässlichem Luxussschrott zugestellte Villa eines russischen Waffenhändlers mit zu viel Geld und zu wenig Stil. Man hat nicht wirklich die Gelegenheit, sich zu langweilen, auch wenn es schon ziemlich vermessen ist, einem schnöden Brand zweieinhalb Stunden Zeit zu widmen. Doch das alles relativiert sich natürlich, wenn man bedenkt, dass es Filme über Vulkanausbrüche, Erdbeben und Springfluten gibt. Sofern man über Sinn für Humor verfügt, entfaltet das geschäftige Gewusel der Schauspieler, die durch den Film stolpern wie die prominenten Kandidaten einer Gameshow durch einen elaborierten Hindernisparcours, durchaus einen nicht unbeträchtlichen Witz. Und: Was ist das eigentlich für ein maroder Schrotthaufen, der da errichtet wurde? Da funktionieren Sprinkleranlagen nicht, fehlen Feuerschutztüren, brennen alle Sicherungen durch, sobald das Licht angeht, versagen Fahrstühle, sind Türen von verschüttetem Beton versperrt und gehen Scheiben schon beim bloßen Angucken zu Bruch. Wirklich nichts funktioniert und wie da jeder Rettungsversuch nur in einer neuen Katastrophe mündet, ist einfach urkomisch. Ebenso wie das hilflose Finale, bei dem man gefühlte 20 Minuten dabei zusehen darf, wie Wasser die Wände runterläuft und Leute enthemmt durch die Gegend purzeln. Am Ende atmen alle tief durch und Fred Astaire bekommt von O. J. Simpson sogar das kleine Kätzchen zurück. Et hätt noch emmer joot jejange. Aber ob der sich die Komik von THE TOWERING INFERNO auch Steve McQueen erschlossen hat? Der hier zum ersten Mal wirklich alt aussehende Schauspieler versieht seinen Feuerwehrhauptmann mit der Autorität und kalten Routine, die er auch seinem Bullitt verlieh. Während alle anderen panisch durch die Gegend rennen oder versuchen, sich mit smartem Lächeln gegen Allens Effektorgie zu behaupten, scheint McQueen als einziger der Überzeugung, wirklich ein tödliches Feuer bekämpfen zu müssen. Seine Nemesis Paul Newman kriegt von ihm, kaum dass er aus dem Feuerwehrauto steigt, den Marsch geblasen: Es besteht kein Zweifel, dass McQueen diesen Film genauso Ernst nahm wie alle anderen seiner Filme und er nicht dazu bereit war, sich lediglich demütig in Allens Nummernrevue einzufügen. Ihm gehört dann auch das Schlusswort, mit der prophetischen Mahnung, beim Bau von Hochhäusern auf die klugen Feuerwehrmänner zu hören. Ein bisschen gesunder Menschenverstand würde aber auch schon reichen. So sagt der Architekt Doug dann auch zum Ende, dass man die dampfende Ruine als Mahnmal stehen lassen solle, auf dass sie an all den „bullshit“ auf der Welt erinnere. Eine gute Idee. Und THE TOWERING INFERNO kann man direkt daneben stellen.

Einer jener großen Klassiker der Siebzigerjahre, den ich bislang noch nicht gesehen habe. Lediglich die gezeichnete MAD-Parodie begleitete mich durch meine Jugend, ohne dass ich mich jedoch heute noch an Details erinnern könnte. Der auf dem autobiografischen Roman von Henri Charriére basierende Film handelt von den Erlebnissen seines titelgebenden Protagonisten in einem Gefängnis in Französisch-Guayana in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wo dieser unter anderem zwei Jahre in Isolationshaft verbringen musste, und von seinem unauslöschlichen Freiheitsdrang, der ihn auch die größten Strapazen seelisch ungebrochen überstehen ließ – bis ihm dann tatsächlich eines Tages die Flucht unter überaus widrigen Bedingungen gelang.

Franklin J. Schaffner machte aus der vom Geist des Humanismus beseelten Vorlage einen epischen Gefängnis- und Abenteuerfilm, der die grausame Unmenschlichkeit des französischen Strafsystems in schwer zu ertragenden Tableaus nachzeichnet, seinen Helden einer nicht enden wollenden Tortur aussetzt, ihn aber immer wieder über die Umstände triumphieren lässt. PAPILLON erzählt vordergründig die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines außergewöhnlichen Mannes, mehr aber noch vom menschlichen Überlebenstrieb als einer geradezu evolutionären Kraft. Es ist egal, was man „Papillon“ an Steinen in den Weg legt, wie man ihn zu brechen versucht: Er wird sich nicht fügen, wird nicht klein beigeben, weil er weiß, dass er unschuldig und sein Anspruch auf Freiheit gerecht ist. Diese Freiheit, sie ist von Anfang an seine Motivation, auch wenn sie als noch so kleines Lichtlein am Ende eines langen, dunklen, kaum zu bewältigenden Tunnels scheint, sie ist das, was ihn am Leben hält und jede ihm auferlegte Strafe und Folter überstehen lässt. PAPILLON funktioniert so nicht nur als Lobgesang auf den menschlichen Willen, auf das unablässige Streben nach der Verwirklichung der eigenen Ideale im Angesicht unüberwindlicher Schwierigkeiten, er richtet sich an alle Opfer von Unterdrückung und ihre Peiniger: Am Ende wird der Mensch über das Unrechtssystem siegen, weil er sich nicht dauerhaft kleinhalten lässt. So ist auch der finale Kommentar zu verstehen: Die Gefängnisanstalten, in denen Menschen systematisch zerstört wurden, schlossen ihre Pforten, da war „Papillon“ noch am Leben.

Für Steve McQueen, der zu jenem Zeitpunkt wieder an seinen zum Ende der Sechzigerjahre erworbenen Ruhm anknüpfen konnte, tatsächlich aber schon fast am Ende seiner viel zu kurzen Karriere stand, war PAPILLON so etwas wie die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu errichten. Er bestreitet fast jede Szene des 150 Minuten langen Films und deckt dabei ein enorm breites Spektrum vom toughen Einzelgänger, auf den er abonniert war, über das abgemagerte, geistig verwirrte Folteropfer bis hin zum grauhaarigen, zittrigen Greis ab. Auch wenn diese Vielfalt und die epische Breite – die Handlung von PAIPLLON erstreckt sich über mehr als zehn Jahre (Charriére war von 1933 bis 1945 in Französisch-Guayana inhaftiert) – Neuland für McQueen waren, so war er dennoch die Idealbesetzung. Den Stoiker, an dem jede Demütigung, jede Bestrafung und Verletzung abprallen, weil er von seiner Mission beseelt ist, verkörperte McQueen nicht nur in fast jedem seiner Filme, er stand ihm auch als Privatmensch nahe. Es war eine Ironie des Schicksals, dass dieselben Eigenschaften, die seinen „Papillon“ zum Publikumshelden und Rollenvorbild machten, mitverantwortlich dafür waren, dass McQueen für seine Darbietung die höchsten Schauspielweihen versagt blieben. Für seine aufopferungsvolles Spiel hatte McQueen eigentlich den Oscar verdient gehabt, doch er erhielt nicht einmal eine Nominierung (stattdessen gewann Jack Lemmon für den heute völlig vergessenen SAVE THE TIGER). Mit zu vielen einflussreichen Hollywood-Größen hatte er sich in den Jahren seiner großen Erfolge überworfen, zu viele hatte er mit mangelnder Kompromissbereitschaft und Dickköpfigkeit verprellt. Zwar erreichte er sein mit äußerster Konsequenz und Entschlossenheit verfolgtes Ziel, der größte Hollywood-Star zu werden, aber auf dem Gipfel stellte er dann fest, dort sehr einsam zu sein.

PAPILLON könnte man mit bösem Willen als idealtypisches Oscar-Bait bezeichnen: Er ist lang, basiert auf einer wahren Geschichte, zeichnet den Leidensweg eines überdurchschnittlich tapferen Mannes und ermöglicht seinen Hauptdarstellern, alle Register ihres Könnens zu ziehen. Was ihn aber von heutigen Vertreter jener fragwürdigen Gattung Film unterscheidet, ist ein Mangel an melodramatischer Tränendrückerei. Schaffners Film ist im Gegenteil beseelt von der Unverdrossenheit des Protagonisten, der nie im Selbstmitleid versinkt, sich stets einen gewissen Humor bewahrt. Er hält auch keine großen Reden auf die Würde des Menschen oder den Wert der Freiheit, genauso wenig wie er seine Peiniger mit Hass überzieht. Fast scheint er seine missliche Lage als Abenteuer zu betrachten, als eine Aufgabe, die ihm das Leben gestellt hat, und die er um jeden Preis bewältigen möchte. PAPILLON behandelt seinen Titelhelden nicht so sehr als inspirierendes Vorbild, denn als krasse Ausnahmeerscheinung, seine Leidensfähigkeit fast als pathologischen Zustand. Dieser „Papillon“ ist nicht wie andere Menschen. Neben seinem Einzelhaft-Martyrium hinterließ vor allem der Schluss große Wirkung bei mir: Wie sich die beiden Freunde, Papillon und Dega (Dustin Hoffman), da nach jahrelang geteiltem Leid für immer trennen, der eine den letzten waghalsigen Fluchtversuch unternimmt, der andere weiß, dass sein Mut dazu nicht ausreicht, und sich umdreht, um in seine karge Behausung zurückzukehren, in der er sterben wird, schnürte mir noch einmal den Hals zusammen. Beide haben sie Recht, jeder handelt so, wie es sein Wesen ihm diktiert. Es gibt, trotz ihrer Freundschaft, nichts mehr, worüber sie sich noch verständigen müssten. Hier trennen sich ihre Wege für immer. Und so springt Papillon in die 30 Meter unter ihm tosenden Fluten, um auf einem Sack Kokosnüsse in die Freiheit zu treiben. Steve McQueen führte den halsbrecherischen Stunt selbst durch, als Zeichen der absoluten Verschmelzung mit seinem Charakter. Trotzdem wünschte ich, PAPILLON hätte auf den finalen, hochgradig Voice-over verzichtet, der dem Zuschauer versichert, dass Papillon sein Ziel erreichte und in Freiheit starb. Für den Triumph dieser Figur und dieses Films ist das ganz und gar nachrangig. Was zählt, ist das trotzige Lachen, dass Papillon auf den Wellen treibend, zahnlos, grau und alt gen Himmel schickt.

Deadly-Bet-dvdcoverIch meine, einen Trend in den während der frühen Neunzigerjahre enstandenen Filmen von PM Entertainment ausgemacht zu haben: Es handelt sich oft um lupenreine Dramen, die lediglich mit einigen lose eingestreuten Beigaben um die Gunst der die Videotheken nach neuer Ware durchforstenden Actionfans buhlen. NIGHT OF THE WILDING war ein Gerichtsfilm, THE LAST RIDERS ein tragischer, RING OF FIRE ein romantischer Liebesfilm, FINAL IMPACT ein Sportlermelodram und DEADLY BET ist ein lupenreiner Film Noir, dessen Protagonist jedoch nicht nur ein krankhafter Zocker ist, sondern auch noch ein ziemlich guter KIckboxer.

Angelo (Jeff Wincott) verspricht seiner Freundin Isabella (Charlene Tilton) hoch und heilig, mit ihr aus Las Vegas abzuhauen, wo er mehrere Vermögen gewonnen und gleich wieder verballert hat. Dummerweise kommt ihm Rico (Steven Vincent Leigh) in die Quere, der ihm eine letzte Wette anbietet, der Angelo nicht widerstehen kann. Weil ihm 1.000 Dollar Einsatz fehlen, bietet Angelo dem Kontrahenten kurzerhand die Freundin an, und guckt dumm aus der Wäsche, als er im Fight kurz darauf gnadenlos unterliegt. Der anschließende Versuch, frisches Geld einzunehmen, scheitert kläglich und nun steht er auch noch beim Griechen (Michael DeLano) in der Kreide. Angelo fasst den Entschluss, mit der Zockerei endgültig aufzuhören. Damit er seine Schulden begleichen kann, bietet der Grieche ihm die Teilnahme an einem Kickbox-Turnier an, bei dem auch Rico antritt …

Wenn Lorenzo Lamas FINAL IMPACT getragen hat, gehört dieser Film Jeff Wincott: Sein whiskeygegerbter New Yorker Akzent ist ideal für den idealtypischen Spieler, der auf dem Strip zu Hause ist und keine Wette ausschlagen kann, sofern sie genug Gewinn verspricht. Er ist eine tragische Figur, denn es ist keine Charakterschwäche, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt, sondern sein ihm ureigenes Wesen. Das Zocken gehört gewissermaßen zu ihm wie die Kartoffelnase zu Gary Daniels, der hier wieder einmal einen Kurzauftritt absolviert. DEADLY BET folgt Angelos Irrwegen durch die glitzernde Wüstenstadt, beobachtet ihn dabei, wie er NIederlage um Niederlage einsteckt, Prügel um Prügel, und doch immer wieder nur die nächste Wette im Blick hat, mit der sich das Schicksal auf wundersame Weise ändern soll. Erst als er mit dem Killer vom Griechen auf Mordtour geht und sieht, was den Leuten blüht, die ihre Schulden nicht bezahlen können, dämmert ihm, was auch ihm bevorsteht. Es folgt eine der typischen, rührend-naiven Montagen, die die PM-Filme jener Zeit sehr oft aufweisen. Zu einem dylanesken Folksong schwingt sich Angelo morgens um halb sechs aus dem Bett, bereitet sich einen gesunden Drink (rohes Ei) zu, den er direkt aus dem Mixer schlürft, putzt seine Küche und geht dann joggen. Vor einem Casino harrt er kurz aus, weil er einen Chip auf der Straße findet. Er überlegt kurz, doch dann besinnt er sich auf seine guten Vorsätze und schenkt den Chip … dem Sänger des Folksongs, der plötzlich mit seiner Klampfe auf dem Boden sitzt. Diese Sequenz ist so wunderbar, dass man es fast bedauert, dass dann doch noch ein Kickboxturnier in die letzten 20 Minuten Film gequetscht werden muss. Natürlich nur fast, denn das einzige, womit sich ein Film noch besser füllen lässt als mit Fresseklopperei, ist Sex und dafür fehlen hier die attraktiven Darstellerinnen.

DEADLY BET ist wahrscheinlich der objektiv betrachtet beste Film, den PM Entertainment bis zu jenem Zeitpunkt vorgelegt hatten (ich kenne noch nicht alle). Er verfügt über eine schöne Fotografie, die das verführerische Zwielicht von Las Vegas sehr effektiv einfängt (das Youtube-Video präsentiert den Film dann auch im Widescreen-Format statt des üblichen Vollbilds) und eine passende, schwül-schwere Noir-Atmosphäre, die die schicksalhafte Latenz in griffigen Bildern einfängt. Jeff Wincott gegenüber muss Schurke Steven Vincent Leigh natürlich verblassen, aber seine (wahrscheinlich mit der in RING OF FIRE verdienten Prämie) neu gekaufte Zahnreihe präsentiert er so stolz wie der GTI-Fahrer seinen Spoiler. Sein selbstverliebtes Grinsen und der ölige Zuhältercharme machen ihn zu dem Schurken, den man zu hassen liebt, und den es braucht, um den Film abzurunden. Nach Munchkins krampfigem Vorgänger hatte ich die Entspanntheit, die hier zum Ausdruck kommt, gewiss nicht erwartet. Sogar der Schlussgag funktioniert! Ohne weitere Worte daher mein Fazit: Rundum empfehlenswert.